Mittwoch, 25. Juni 2014

Die Bibel „meistern“ - eine Idee für die „Stille Zeit“

Gegen Ende des letzten Jahres habe ich mir folgende Frage gestellt: Die letzten 12 Jahre habe ich die Bibel jedes Jahr einmal ganz durchgelesen in meiner (oft nicht grad allzu stillen) „Stillen Zeit“. Verschiedene Versionen von Bibelleseplänen habe ich dazu genutzt, aber irgendwie habe ich mal nach was ganz Neuem gesucht. Beim Googeln bin ich dann auf einen englischen Artikel von Fred Sanders auf Patheos gestoßen, der das Buch von James Gray „Mastering The English Bible“ vorstellt (inzwischen scheint der Artikel bereits im Nirvana angelangt zu sein – allerdings lässt er sich über die „Wayback Machine“ noch abrufen). Die Idee dahinter fand ich sehr spannend, so habe ich mir das Buch von Gray gleich mal als PDF (Link) heruntergeladen und gelesen.


Wer war James Gray?

James Martin Gray (1851 - 1935) war Pastor, Bibellehrer, Autor, Dozent und Präsident des Moody Bible Institute in Amerika. Nebst den 25 Büchern, die er schrieb, hat er auch einige Kirchenlieder verfasst. Er arbeitete lange Zeit mit dem Evangelisten Dwight L. Moody zusammen. Über die Entdeckung „seiner“ Methode des Bibellesens schreibt er:
Die erste praktische Hilfestellung, die ich je bekommen habe, um die englische Bibel zu meistern, stammt von einem [theologischen] Laien. Wir waren gemeinsam Besucher einer bestimmten christlichen Konferenz oder Zusammenkunft und für ein paar Tage zusammengewürfelt, und ich sah in seinem Leben als Christ etwas, was für mich vergleichsweise fremd war: Ein Frieden, eine Ruhe, eine Freude, ein geistliches Gleichgewicht, womit ich nur wenig Erfahrung hatte. Eines Tages wagte ich ihn zu fragen, wie er denn zu dieser Erfahrung gekommen sei. Er antwortete: „Indem ich den Brief an die Epheser gelesen habe.“ Ich war erstaunt, denn ich hatte ihn gelesen, ohne zu diesem Resultat zu kommen, und deshalb bat ich ihn, mir die Art und Weise, wie er ihn gelesen habe, zu erklären, als er folgendes berichtete: Er war dann und wann aufs Land gegangen, um dort den Samstag mit seiner Familie zu verbringen, als er eine Taschenausgabe des Epheserbriefs dabei hatte, und am Nachmittag, als er in den Wald ging und unter einen Baum lag, begann er zu lesen; er las ihn in einem Zug durch und fand sein Interesse erwacht, und las ihn gleich noch einmal auf dieselbe Art, und unter zunehmendem Interesse wieder und wieder. Ich glaube er fügte hinzu, dass er ihn etwa 12 oder 15 Mal durchlas: „Und als ich aufstand, um ins Haus zu gehen“, sagte er, „war ich im Besitz des Ephesebriefs, oder, besser gesagt, er war im Besitz von mir, und ich war 'hochgehoben um an himmlischen Örtern zu sitzen in Christus Jesus' in einer Weise, die auf Erfahrung gegründet war, wie das zuvor noch nicht so mit mir war, und es wird nie wieder aufhören, so zu sein.“ Ich gebe zu, dass mein Herz voll Dankbarkeit zu Gott war für das erhörte Gebet, als ich diesem einfachen Vortrag zuhörte, ein Gebet seit Monaten, wenn nicht seit Jahren, dass ich erfahren möge, wie man Sein Wort meistern kann. Und doch, gleichzeitig zu dieser Dankbarkeit kam auch die Demütigung hinzu, dass ich ein so einfaches Prinzip zuvor noch nicht entdeckt hatte, welches ein Junge von zehn oder zwölf Jahren hätte kennen können. Und daran zu denken, dass ein „ordinierter“ Pfarrer zu den Füßen eines [theologischen] Laien sitzen muss, um das wichtigste Geheimnis seines Handwerks zu lernen!“ (James M. Gray, How To Master The English Bible, S. 17ff, Übersetzung von mir)


Worum geht es bei seiner Methode?

Das Wichtigste der Methode ist damit erklärt. Normalerweise wird man dazu angeleitet, die Bibel Buch für Buch durchzulesen und dann wieder vorne anzufangen. Gray schlägt jetzt auch vor, vorne anzufangen, aber das erste Buch der Bibel nicht nur einmal, sondern gleich 20 Mal zu lesen, bevor das zweite Buch dran kommt. Gray gibt ein paar Regeln zu diesem Lesen:

1. Fang vorne an, beginne dort zu lesen, wo Gott mit Schreiben begonnen hat.

2. Lies das Buch. Es kommt nicht auf unsere Geschwindigkeit an, sondern einfach darauf, es zu lesen.

3. Lies das Buch fortlaufend. Immer weiter. Manche Bücher können auch in einzelne Abschnitte geteilt werden, die das Lesen erleichtern.

4. Lies das Buch immer und immer wieder. Gray schlägt 20 Wiederholungen vor. Dies scheint mir sinnvoll zu sein.

5. Lies das Buch unabhängig von Kommentaren, Erklärungen und Ähnlichem. Fremde Hilfe ist in dem Fall immer nur wie eine Krücke, die uns von anderen abhängig macht.

6. Lies das Buch unter Gebet. Das ist die wichtigste Regel für Gray. Das ernnsthafte Suchen Gottes im Gebet hilft uns, das jeweilige Buch der Bibel vom Heiligen Geist erleuchtet zu lesen.


Was sind meine bisherigen Erfahrungen damit?

Auch wenn ich eine absolute Leseratte und ein großer Bibelfreak bin, hat mich eine Sache daran etwas erschreckt, und ich denke, dass dies für die meisten Menschen das größte Hindernis ist: Ganz vorne anzufangen, mit einem Buch, das 50 Kapitel lang ist. Bei 20 Wiederholungen macht das alles insgesamt 1000 Kapitel, was bedeutet, dass man bei einem Durchschnitt von 3 Kapiteln pro Tag fast ein ganzes Jahr im 1. Buch Mose verweilt. Bevor ich mich an ein solch großes Unternehmen wagte, wollte ich die Sache erst mal in Ruhe testen. So habe ich das erste Halbjahr von 2014 damit verbracht, kurze Bücher der Bibel nach dieser Methode zu lesen. Aus dem Neuen Testament die Johannes- und Petrusbriefe sowie Titus und die zwei an Timotheus, aus dem Alten Testament Ruth und einige der 12 „kleinen Propheten“, immer abwechselnd eines aus dem Alten und eines aus dem Neuen Testament.

Wer sich also auch fragt, ob sich das lohnen würde, dem empfehle ich, das Projekt so anzugehen. Welche Bücher man sich zu „Testzwecken“ aussucht, ist eine persönliche Geschmackssache. Für den Anfang lohnt es sich, mit kürzeren zu beginnen, da man die Schwierigkeiten auf diese Weise schneller ausfindig machen kann.

Was sind die Schwierigkeiten? Es ist ein großes Projekt, für das man sich einige Jahre (ich rechne bei mir als jemand, der schnell, gerne und viel liest, 15 Jahre für das gesamte Projekt. Das ist ein ehrgeiziges Ziel, da dies im Durchschnitt 4 Kapitel pro Tag zu lesen bedeutet. Wer langsamer liest, sollte wohl eher mit 20 – 25 Jahren rechnen. Ebenso kommt man immer wieder an einen Punkt, an dem das Lesen schwierig wird. Es wird anstrengend. Man fragt sich: „Wie oft denn noch?“ In diesen Momenten ist es wichtig, dran zu bleiben und weiter zu lesen. Wieder und wieder und noch einmal. Hier ist Disziplin und ein gewisses Maß an Selbstbeherrschung nötig.


Mein persönliches Fazit

Meine bisherigen Erfahrungen damit sind sehr gut. Es ist sehr hilfreich, über längere Zeit in ein und demselben Buch der Bibel zu „wohnen“ und zu bleiben. Ich werde das Projekt ab dem Juli diesen Jahres starten. Ich bin gespannt, wie es laufen wird und was dabei herauskommt. Das 1. Buch Mose werde ich in folgenden Teilen lesen: 1. Mose 1–11 (Urgeschichte), 1. Mose 12–25 (Abraham), 1. Mose 26-35 (Isaak und Jakob) und 1. Mose 36-50 (Joseph). Ich werde mir für das „Zählen“ der Leserunden eine Tabelle zum Abhaken / Ankreuzen machen. Falls Interesse besteht, kann ich diese auch zum Download bereitstellen.

Was hältst Du nach dem Lesen diesen Beitrags von der Idee? Wenn es die (momentan eher knappe) Zeit erlaubt, werde ich ab und zu mal wieder von den Ergebnissen berichten.

Donnerstag, 19. Juni 2014

Ausflug zur Erzgrube / Nagoldtalsperre

Da heute ein freier Tag ist, haben wir uns kurzerhand entschieden, zur Erzgrube zu fahren. Das ist ein schöner Stausee im Nordschwarzwald.
 Dort angelangt wurden die Inline-Skates ausgepackt und die diesjährige Inliner-Saison eingeläutet. Erst einmal um den Stausee herumgefahren.
 Danach gab es beim Seeheiner - übrigens eine sehr leckere und empfehlenswerte Gaststätte - ein gutes Mittagessen. Für mich einen großen italienischen Salatteller mit Thunfisch und Zwiebelringen.
 Natürlich durfte auch ein Nachtisch nicht fehlen. Kaffee und Cappucchino mit Eis.
Wie man sehen kann, ist der Seeheiner gut frequentiert. Besonders Fahrer von großen, schweren Zweirädern kommen hier gern vorbei.
 Auch die Bibelverse, die an vielen Orten am Ufer entlang angebracht sind, gefallen mir gut. Manchmal muss man sie ein wenig suchen, um sie zu finden. Das macht es spannend ;-)
 Nach dem Mittagessen haben wir uns noch auf eine Liegewiese am Ufer des Stausees hingelegt...
 ... und gechillt.
Ein sehr schöner freier Tag.

Freitag, 6. Juni 2014

Lobpreiskultur – Alles Show oder was?

Eins gleich vorweg: Ich bin in der glücklichen Lage, zu einer Gemeinde zu gehören, in welcher ich kaum etwas am Lobpreis auszusetzen habe. Bei uns sind die Lieder vielfältig, das Spektrum reicht von Martin Luther und Paul Gerhardt bis zu Hillsong und der OutBreakBand, die alle gleichwertig nebeneinander stehen und auch in denselben Gottesdiensten gesungen werden.

Dennoch fällt mir auf, wie sich in vielen Gemeinden eine Lobpreiskultur breitmacht, die in eine Richtung geht, die mir zu denken gibt. Ich möchte deshalb in mehreren Blogposts auf verschiedene Aspekte eingehen, die mir auffallen und über die ich mit meinen Lesern nachdenken möchte. Ich bitte bewusst um Mitdenken und um Rückmeldungen, denn ich bin mir wohl bewusst, dass ich nur von meiner subjektiven Sichtweise herkommen kann und meine Beiträge deshalb ergänzungs- und korrekturbedürftig sind.

Aufgefallen ist mir immer wieder, wie oft es Lobpreiszeiten gibt, in denen nur wenige Menschen mitsingen. Ich persönlich liebe es, zu singen, ich bin mit Musik und Gesang aufgewachsen, und für mich ist eine Lobpreiszeit, bei der ich selbst nicht mitsinge, einfach unvorstellbar. Doch in manchen solcher Zeiten, wenn man sich verstohlen umblickt, fällt auf: Da sind bei vielen Liedern gerade mal noch 25 – 30% der Anwesenden am Mitsingen. Zuweilen noch weniger. Ich persönlich frage mich da halt, wozu der Lobpreis denn dann überhaupt noch dienen soll.

Eine wichtige Bibelstelle zum Lobpreis finden wir bei Paulus im Epheserbrief: Und berauscht euch nicht mit Wein, worin Ausschweifung ist, sondern werdet voller Geist, indem ihr zueinander in Psalmen und Lobliedern und geistlichen Liedern redet und dem Herrn mit eurem Herzen singt und spielt! Sagt allezeit für alles dem Gott und Vater Dank im Namen unseres Herrn Jesus Christus! (Epheser 5, 18 - 20)

Hier stellt uns Paulus den Lobpreis – das gegenseitige Zusprechen von Gottes Wort durch Lieder und gesungene Psalmen – als etwas vor, was dazu führen soll, dass wir voll vom Heiligen Geist werden. Hier ist jetzt kein Platz für eine nähere Ausführung einer „Theologie des Lobpreises“, auch wenn ich das gerne írgendwann mal in Angriff nehmen möchte. Aber es wird klar, dass Lobpreis etwas ist, bei dem alle mitmachen sollen (können). Natürlich auf freiwilliger Basis. Aber es soll zumindest niemand davon ausgeschlossen werden.

Natürlich: Wir schließen nie jemanden bewusst davon aus, das ist klar. Jeder darf mitmachen. Und doch werden manche Leute unbewusst ausgeschlossen, und zwar leider ziemlich schnell und häufig. Da mich das Thema schon seit Längerem beschäftigt, war ich natürlich sehr interessiert, als mir auf Facebook gleich von mehreren Freunden der folgende Artikel  von Thom Schultz empfohlen wurde: http://holysoup.com/2014/05/21/why-they-dont-sing-on-sunday-anymore

Thom Schultz beschreibt in diesem Artikel seine Probleme, die er mit der heutigen Lobpreiskultur hat. Ich kann diese vier Gründe vollkommen unterschreiben – auch wenn ich denke, dass sie mehr an der Oberfläche kratzen. Deshalb werde ich noch in weiteren Posts etwas tiefer graben. Aber für den Anfang wäre schon viel erreicht, wenn man sich mit diesen vier Punkten auseinandersetzt und daran etwas ändert. Hier also Thoms vier Punkte in meinen Worten (es ist keine wörtliche Übersetzung des Textes) zum Teil mit meinen persönlichen Anmerkungen dazu:

1. Alles Show oder was?
Thom bemängelt, dass der Lobpreis in vielen Gemeinden schon als Show aufgebaut ist – wie ein Konzert. Das Lobpreis-Team macht eine Show, der Rest besteht aus erwartungsvollen Zuschauern, die sich auf das freuen, was ihnen geboten wird. Die Band wird im Rampenlicht gut inszeniert, der Rest sitzt im Dunkeln.

2. Die Professionalität
In etwas gut zu sein ist nichts Verwerfliches. Im Gegenteil – es ehrt Gott. Aber gerade beim Lobpreis – zumindest wenn man sich wünscht, dass die Leute mitsingen – ist weniger oft mehr. Es geht darum, gut zu spielen, keine Fehler zu machen, aber nicht, sich und sein Können ins Zentrum zu rücken.

3. Der Lärm
Die Lautstärke wird oft so hochgedreht, dass die Leute ohne Mikrophon ihre eigene Stimme nicht mehr hören können. Das ist frustrierend. Weshalb also noch mitsingen? Hier kommt oft eine Frage der Technik ins Spiel. In großen Räumen ist es schwierig (und teuer), die Musik so zu verstärken, dass man sie zugleich überall hören kann, ohne dass es zu laut ist. Das ist auch wieder eine Frage an das Gemeinde-Budget und die Professionalität der Techniker. Dennoch sollte die Lautstärke immer so dosiert sein, dass man sich selbst noch singen hören kann.

4. Die Auswahl der Lieder
Viele Lieder sind schwierig zu singen. Andere Lieder sind unbekannt. Der Großteil der Lieder in einer Lobpreiszeit sollte bekannt sein. Wenn neue eingeführt werden, dann eher selten und nicht zu häufig hintereinander. Und unbedingt auch darauf achten, dass sie in einer singbaren Tonlage sind. Ich merke selbst, dass sich das Spektrum der Töne verringert, seit ich nicht mehr regelmäßig im Chor sondern nur noch in der Gemeinde singe. Lieder müssen von der Gemeinde gelernt werden. Und manchmal gibt es auch Lieder, die einfach inhaltlich derart flach und leer sind, dass man sie besser gar nicht erst ins Repertoire aufnimmt. Zum Thema Liedauswahl werde ich voraussichtlich mal noch einen extra Blogpost machen.

So weit die vier Punkte von Thom Schultz. Alle vier habe ich schon öfter als oft erlebt, und alle vier sollten möglichst eliminiert werden, um den Menschen die Freiheit zu lassen, mitzusingen. Ich habe lange darüber nachgedacht, woher die Sache mit der Lobpreis-Show kommt. Hier meine Theorie: Viele Menschen genießen es, auf christlichen Konferenzen und ähnlichen Events zu sein. Sie kommen von diesen Events zurück in eine „normale“ Gemeinde, in denen solche „Event-Kicks“ fehlen. Einige meiden deshalb die örtlichen Gemeinden, weil diese das nicht bieten können. Also „müssen“ nun die sonntäglichen Gottesdienste auch zu solchen „Events“ werden. Professionelle Musik, emotionaler Kick und mitreißende Botschaft. Außerdem lassen sich Menschen mit Musik im Hintergrund viel besser zu einer Entscheidung bewegen – weil sie psychisch manipuliert sind. Hier meine Anfrage: Brauchen wir das echte (und oft sehr stille) Wirken des Heiligen Geistes tatsächlich durch Manipulation ersetzen?

Auf Deine Nachfragen, Antworten und weiteren Gedanken freue ich mich!

Mittwoch, 4. Juni 2014

Auseinandersetzung mit dem EKD-Familienpapier

In zwei Wochen jährt sich die Veröffentlichung des Familienpapiers der EKD zum ersten Mal. Wie man sehen kann, ist diese "Orientierungshilfe" auf viel Kritik gestoßen. Vielen Kritikpunkten muss ich zustimmen. Dennoch bin ich dankbar, dass dieses Familienpapier diese Diskussion angestoßen hat. Dies und manches mehr daran zu würdigen ist mir wichtig. Ebenso auch, Alternativen aufzuzeigen oder wichtige Punkte davon weiterzudenken.

Ehe und Familie sind die Grundbausteine jeder Gesellschaft. Deshalb ist es wertvoll, darüber nachzudenken, wie dies in unserer Zeit und Kultur gelebt werden kann, aber auch, was die örtlichen Gemeinden tun können, um Ehen und Familien in ihrem Leben und Auftrag zu unterstützen. Deshalb möchte ich hier meine Gedanken dazu weitergeben. Eine Kurzfassung davon ist bereits in der BfP-Monatszeitschrift GEISTbewegt! vom April erschienen. Der Text dieser Kurzfassung findet sich auch hier.

Die etwas längere Version meiner Auseinandersetzung mit der Orientierungshilfe kann hier als PDF heruntergeladen werden. Er darf kostenlos weitergegeben, gemailt, ausgedruckt und verbreitet werden. Anfragen, Korrekturen und Kommentare sind jederzeit willkommen.

Dienstag, 27. Mai 2014

Zum 450. Todestag von Johannes Calvin

Zum 450. Todestag von Johannes Calvin

Vor 450 Jahren (am 27. Mai 1564) ist der Genfer Reformator Johannes Calvin gestorben. Auch dann, wenn man nicht in allen Dingen seine Meinung vertritt, ist sein Werk von sehr großer Bedeutung – auch und gerade für die weitere Entwicklung westlichen Geschichte und Kultur der letzten 500 Jahre. Ich staune immer wieder erneut über seine große Gottes- und Menschenkenntnis, die sich auch besonders in seiner „Institutio“ niederschlägt. Hier die ersten Abschnitte daraus:

1. Ohne Selbsterkenntnis keine Gotteserkenntnis
All unsere Weisheit, sofern sie wirklich den Namen Weisheit verdient und wahr und zuverlässig ist, umfasst im Grunde eigentlich zweierlei: Die Erkenntnis Gottes und unsere Selbsterkenntnis. Diese beiden aber hängen vielfältig zusammen, und darum ist es nun doch nicht einfach, zu sagen, welche denn an erster Stelle steht und die andere aus sich heraus bewirkt.
Es kann nämlich erstens kein Mensch sich selbst betrachten, ohne sogleich seine Sinne darauf zu richten, Gott anzuschauen, in dem er doch „lebt und webt“ (Apg. 17, 28). Denn all die Gaben, die unseren Besitz ausmachen, haben wir ja offenkundig gar nicht von uns selber. Ja, selbst unser Dasein als Menschen besteht doch nur darin, dass wir unser Wesen in dem einigen Gott haben! Und zweitens kommen ja diese Gaben wie Regentropfen vom Himmel zu uns hernieder, und sie leiten uns wie Bächlein zur Quelle hin.
Noch viel deutlicher aber wird gerade in unserer Armut der unermessliche Reichtum aller Güter erkennbar, der in Gott wohnt. Besonders zwingt uns der jämmerliche Zerfall, in den uns der Abfall des ersten Menschen hineingestürzt hat, unsere Augen emporzurichten: hungrig und verschmachtend sollen wir von Gott erflehen, was uns fehlt, aber auch in Furcht und Erschrecken lernen, demütig zu sein. Denn der Mensch birgt ja in jeder Hinsicht eine Welt von Elend in sich, und seitdem wir der göttlichen Zier verlustig gegangen sind, macht eine beschämende Blöße unendlich viel Schande offenbar. Ist es aber so, dann muss ja notwendig jeder Mensch vom Bewusstsein seines heillosen Zustandes wenigstens zu irgendeinem Wissen von Gott getrieben werden. Wir empfinden unsere Unwissenheit, Eitelkeit, Armut, Schwachheit, unsere Bosheit und Verderbnis – und so kommen wir zu der Erkenntnis, dass nur in dem Herrn das wahre Licht der Weisheit, wirkliche Kraft und Tugend, unermesslicher Reichtum an allem Gut und reine Gerechtigkeit zu finden ist. So bringt uns gerade unser Elend dahin, Gottes Güter zu betrachten, und wir kommen erst dann dazu, uns ernstlich nach ihm auszustrecken, wenn wir angefangen haben, uns selbst zu missfallen. Denn von Natur hat jeder Mensch viel mehr Freude daran, sich auf sich selbst zu verlassen, und das gelingt ihm auch durchaus – solange er sich selbst noch nicht kennt, also mit seinen Fähigkeiten zufrieden ist und nichts von seinem Elende weiß oder wissen will. Wer sich also selbst erkennt, der wird dadurch nicht nur angeregt, Gott zu suchen, sondern gewissermaßen mit der Hand geleitet, ihn zu finden.

2. Ohne Gotteserkenntnis keine Selbsterkenntnis
Aber andererseits kann der Mensch auf keinen Fall dazu kommen, sich selbst wahrhaft zu erkennen, wenn er nicht zuvor Gottes Angesicht geschaut hat und dann von dieser Schau aus dazu übergeht, sich selbst anzusehen. Denn uns ist ja ein mächtiger Hochmut geradezu angeboren, und darum kommen wir uns stets durchaus untadelig, weise und heilig vor, wenn uns nicht handgreifliche Beweise unsere Ungerechtigkeit, Beflecktheit, Torheit und Unreinheit vor Augen halten und uns so überführen. Dazu kommt es aber gar nicht, wenn wir bloß auf uns selber sehen und nicht zugleich auf den Herrn; denn er ist doch die einzige Richtschnur, nach der ein solch Urteil über uns selbst erfolgen kann. Wir sind ja von Natur alle zur Heuchelei geneigt, und so befriedigt uns schon irgendein leerer Schein von Gerechtigkeit ebensosehr, wie es die Gerechtigkeit selber könnte. Und weil unter uns und um uns rein nichts zu erblicken ist, das nicht von schrecklicher Unreinigkeit befleckt wäre, so begeistert uns, solange wir über die Grenzen menschlicher Unreinheit nicht hinausblicken, schon das, was bloß ein bisschen weniger besudelt ist, weil wir es bereits für rein halten. Es geht wie bei einem Auge, das ausschließlich an den Anblick schwarzer Farbe gewöhnt ist – und das dann schon für schneeweiß hält, was vielleicht grau oder geschwärztes Weiß ist. Überhaupt können wir an dem leiblichen Sinnesorgan ein Beispiel nehmen, wie sehr wir in der Beurteilung unserer inneren Tüchtigkeit Trugbildern erliegen. Denn wenn wir am lichten Tage die Erde anschauen oder das, was uns umgibt, so wähnen wir wohl, ein starkes und durchdringendes Sehvermögen zu besitzen. Sobald wir aber die Sonne mit offenem Auge stracks anblicken wollen, so wird jene Sehkraft, die den Dingen dieser Erde gegenüber völlig ausreichte, ganz überwältigt und geblendet, so dass wir bekennen müssen, dass diese Sehkraft, so scharf sie im Irdischen war, gegen die Sonne geradezu Schwachsichtigkeit ist! Genau so ist es bei der Betrachtung unseres geistlichen Besitzes. Lenken wir den Blick nicht über die Erde hinaus, so sind wir mit der eigenen Gerechtigkeit, Weisheit und Tugend reichlich zufrieden und schmeicheln uns mächtig – es fehlte, dass wir uns für Halbgötter hielten! Aber wenn wir einmal anfangen, unsere Gedanken auf Gott emporzurichten, wenn wir bedenken, was er für ein Gott sei, wenn wir die strenge Vollkommenheit seiner Gerechtigkeit, Weisheit und Tugend erwägen, der wir doch gleichförmig sein sollten – so wird uns das, was uns zuvor unter dem trügerischen Gewand der Gerechtigkeit anglänzte, zur fürchterlichsten Ungerechtigkeit; was uns als Weisheit wundersam Eindruck machte, wird grausig als schlimmste Narrheit offenbar, was die Maske der Tugend an sich trug, wird als jämmerlichste Untüchtigkeit erfunden! So wenig kann vor Gottes Reinheit bestehen, was unter uns noch das Vollkommenste zu sein schien.

3. Der Mensch vor Gottes Majestät
Daher kommt es, dass nach vielfach wiederholten Berichten der Schrift die Heiligen von Furcht und Entsetzen durchgerüttelt und zu Boden geworfen wurden, sooft ihnen Gottes Gegenwart widerfuhr. Menschen, die zuvor, ohne seine Gegenwart, sicher und stark dastanden – jetzt, da er seine Majestät offenbart, sehen wir sie derart Schrecken und Entsetzen gejagt, dass sie geradezu in Todesangst niederfallen, ja vor Schrecken vergehen und fast zunichte werden! Daran merken wir, dass den Menschen erst dann die Erkenntnis seiner Niedrigkeit recht ergreift, wenn er sich an Gottes Majestät gemessen hat. Beispiele solcher Erschütterungen haben wir im Richterbuche wie auch bei den Propheten. Es ging soweit, dass im Volke Gottes die Redewendung in Gebrauch kam: „Wir müssen sterben, denn wir haben den Herrn gesehen“ (Ri. 13, 22; Jes. 6, 5; Ez. 1, 28; u. a.). Und wenn das Buch Hiob (z.B. Kap. 38 ff.) den Menschen durch das Bewusstsein seiner Torheit, Ohnmacht und Beflecktheit zu Boden werfen will, so dienen ihm stets die Beschreibungen von Gottes Weisheit, Kraft und Reinheit zum Beweise. Das ist berechtigt: Wir sehen, wie auch Abraham, nachdem er einmal von nahem des Herrn Herrlichkeit erschaut hat, um so besser erkennt, dass er „Erde und Asche“ ist (Gen. 18, 27). Elia vermag sein Nahen nicht mit unverdecktem Antlitz zu ertragen (1. Kön. 19, 13). Solcher Schrecken liegt in seinem Anblick! Was soll auch der Mensch tun, der doch Staub ist und ein Wurm, wenn selbst die Cherubim in heiliger Scheu ihr Angesicht verhüllen müssen! (Jes. 6, 2). Eben dies spricht Jesaja aus: „Der Mond wird sich schämen und die Sonne mit Schande bestehen, wenn der Herr der Heerscharen König sein wird“ (Jes. 24, 23). Das heißt: wenn er seine Herrlichkeit in voller Nähe offenbaren wird, dann versinkt auch das sonst Leuchtendste in Finsternis.“

(Johannes Calvin, Institutio, Unterricht in der christlichen Religion, übersetzt von Otto Weber, Buchhandlung des Erziehungsvereins Neukirchen, Kreis Moers, 1936)


Dienstag, 20. Mai 2014

Tim Lambesis von As I Lay Dying im Interview

Gedanken zum Interview mit Tim Lambesis

Als Fan von Musik etwas härterer Gangart mochte ich natürlich die Band „As I Lay Dying“ (AILD) schon seit Längerem. Als vor gut einem Jahr (am 7. Mai 2013) deren Frontmann Tim Lambesis verhaftet wurde, war ich dann doch etwas überrascht. Die Medien schlachteten dieses Ereignis natürlich bis zum Gehtnichtmehr aus. Am 16. Mai 2014 wurde er zu sechs Jahren Haft verurteilt. Jetzt endlich brach er sein Schweigen und gab Ryan Downey ein Interview (Link). Als ich es am vergangenen Sonntag las, dachte ich lange darüber nach. Es enthält viele Themen, die wirklich sehr wichtig für unsere Generation (und die nachfolgenden Generationen) sind. Ich möchte fünf davon herauspicken und kurz erläutern. Dennoch möchte ich jedem, der Englisch lesen kann, empfehlen, das gesamte Interview zu lesen. Vielleicht findet sich auch ein „freiwilliges Opfer“, das bereit wäre, das Interview zu übersetzen.

Zuerst die wichtigsten Inhalte in Kurzfassung: Tim Lambesis ist in einem christlichen Umfeld aufgewachsen. Nach seinem Schulabschluss begann er, mit Bands zu touren. Unter anderem hat er dann im Jahr 2000 die Band „As I Lay Dying“ gegründet, die schon nach kurzer Zeit Touren durch die ganze Welt hatte. 2004 heiratete er Meggan Murphy. Da er in der Zeit als Teenager mit seiner Gemeinde Bibelfreizeiten in sehr armen Ländern durchführte, wo ihn das Schicksal vieler Waisenkinder persönlich stark berührte, entschieden sie sich, Kinder aus Äthiopien zu adoptieren. Durch lange Touren als Band kam eine zunehmende Entfremdung zwischen Tim und seiner Frau auf. Er fühlte sich in den Zeiten, die er zu Hause verbrachte, immer stärker abgelehnt von Meggan, woraufhin er immer mehr Zeit im Fitness-Studio verbrachte, anstatt bei seiner Familie zu sein. Sie ihrerseits fühlte sich dadurch ebenfalls abgelehnt, weshalb sie sich an ihre adoptierten Kinder zu klammern begann und ihm immer weniger Zeit mit ihnen ließ. Um weiterhin als Muskeltyp zu gelten, nahm er nun auch noch Steroide, da seine Muskeln eine Grenze (ein „Plateau“, wo das natürliche Wachstum nicht mehr nur mit Bodybuilding weitergeht) erreichten. 2012 wurde ihm alles zuviel, weshalb er sich entschied, sich von seiner Frau zu trennen. Schon ein halbes Jahr zuvor hatte er ihr mitgeteilt, dass er nicht mehr wirklich an Gott glaube. Im Scheidungsprozess hatte sie alles getan, um ihm möglichst wenig Freiheiten mit den Kindern zu lassen, was ihn weiter wütend machte. Um eine traurige Sache kurz zu machen: Er kam dann auf die absolut schreckliche Idee, es wäre besser für ihn und die Kinder, wenn seine Ex-Frau nicht mehr leben würde. Über seinen Steroid-Dealer ließ er sich einen Auftragsmörder vermitteln, der ihm dann jedoch zum Glück einen Undercover-Agenten schickte, der Lambesis verhaften ließ, sobald er ihm den Auftrag gegeben hatte. So weit die Sicht von Lambesis, wie er sich im Interview äußert. Dass dieses Interview – wie alles – mit Vorsicht zu genießen ist, sollte klar sein; spätestens seit einer ersten Antwort des AILD-Gitarristen Nick Hipa (Link). Im Folgenden fünf Stichworte mit meinen Gedanken dazu, was wir von Tim Lambesis lernen können und was wir besser machen sollten.

1. Entfremdung
Das menschliche Gehirn ist hochkomplex – und mehr noch: Es ist sehr sehr dynamisch, anders gesagt: Es verändert sich ständig. Jeder Gedanke, jedes Bild, jedes aufgenommene Wort in unserem Leben hinterlässt bleibende Spuren. Jeder Mensch verändert sich also ständig. Rund um die Uhr. Das ist eine der großen Stärken des Menschen: Er kann sich so sehr gut und schnell an jede neue (veränderte) Situation anpassen. Entfremdung kommt zustande, wenn sich Menschen in sehr unterschiedliche Richtungen verändern. So braucht es in der Ehe und Familie immer wieder gemeinsame Zeiten, gemeinsame Erlebnisse, gemeinsame Erinnerungen. Kommunikation ist sehr wichtig und beeinflusst die Richtung, in die wir uns verändern. Tim Lambesis war oft über Monate auf Tour und von seiner Frau und den Kindern getrennt. So haben sie sich in sehr unterschiedliche Richtungen entwickelt. Dies kommt auch in Familien vor, die keine Profimusiker sind. Das gemeinsame Fernsehen kann diese Entwicklung nicht aufhalten. Auch der Computer und das Handy oder Smartphone drängt sich häufig in den Vordergrund und verhindert die gemeinsame Veränderung in dieselbe Richtung.

2. Identität
Die Fragen „Wer bin ich? Was macht mich aus? Was macht mich besonders?“ stellt sich jeder Mensch im Laufe seines Heranwachsens. Tim war sein Leben lang in einem christlichen Umfeld, doch nicht selten wird auch hier nicht wirklich eine Antwort auf diese Fragen gegeben. Junge Menschen brauchen Vorbilder, die ihnen sicht- und spürbar vorleben, was es bedeutet, ein Mann oder eine Frau, ein Vater oder eine Mutter zu sein. Viel zu lange haben unsere Gemeinden diese Aufgabe der Schule, den Hollywood-Filmen und dem BRAVO-Magazin überlassen. Wo sind die Frauen und Mütter, wo die Männer und Väter, die der nächsten Generation zeigen, was es bedeutet, eine gelingende Ehe und Familie zu haben? Tim Lambesis hat seine vermeintliche Identität im Erfolg als Musiker und Bodybuilder gefunden. Er bereut zutiefst, wohin das geführt hat. Lasst uns Gemeinden bauen, die der nächsten Generation eine echte Identität zu vermitteln vermögen.

3. Apologetik
Lambesis erzählt in seinem Interview, dass er sich mit den Fragen beschäftigt hat, die der sogenannte „Neue Atheismus“ an den christlichen Glauben stellt. Und irgendwann hat er sich auf deren Seite gestellt und den Glauben an Gott abgelehnt. Erst nach seiner Verhaftung, als er viel Zeit alleine verbrachte und Zeit zum Nachdenken hatte, stellte er sich wieder diesen Fragen. Der Apologet William Lane Craig, von dem er insgesamt um die 1000 Buchseiten las, half ihm dabei. Auch hier wieder eine Anfrage an unsere Gemeinden. Sind wir bereit, die nächste Generation auf das Leben vorzubereiten? Spätestens an der Schule wird jede und jeder heutzutage mit den Argumenten des „New Atheism“ konfrontiert. Haben wir den jungen Menschen Antworten, echte Antworten, auf all diese Fragen? Können wir ihnen helfen, Tools zu entwickeln, mit deren Hilfe sie sich im ganzen Dschungel der Irrlehren, Religionen und Ideologien zurechtfinden können? Sind wir bereit, uns ganz auf die jungen Menschen einzulassen und ihnen ins Leben hinein zu helfen?

4. Christliche Kultur
Eine ganz wichtige Aussage machte Tim, als er über christliche Bands sprach. Er sagte: „We toured with more “Christian bands” who actually aren’t Christians than bands that are. In 12 years of touring with As I Lay Dying, I would say maybe one in 10 Christian bands we toured with were actually Christian bands.“ („Wir waren mit mehr „christlichen Band“ unterwegs, die in Wahrheit keine Christen waren, als mit solchen, die welche waren. In den zwölf Jahren, in denen ich mit As I Lay Dying unterwegs war, würde ich sagen, waren etwa eine von zehn Bands, mit denen wir unterwegs waren, tatsächlich christliche Bands.“) Es gibt eine Art „christliche Kultur“, die man deshalb „christlich“ nennt, weil ihre Erzeugnisse in den christlichen Buchläden zu finden sind. Ich bin kein Experte was die christliche Metalszene betrifft, aber ausgehend von dem, was ich bisher kenne, würde ich seine Zahl bestätigen. Nicht alles, was man in den christlichen Buchläden findet, ist christlich. Dasselbe trifft auch auf Bücher zu. Es gibt eine Unmenge an Büchern, die ich keinesfalls zur christlichen Literatur zählen würde, und die man da trotzdem antrifft. So ist auch hier Vorsicht und gutes Prüfen angesagt.

5. Meines Bruders Hüter
Den letzten Gedanken möchte ich zuerst einmal mir selbst zusprechen. Ja, ich bin ein Hüter meiner Mitmenschen. Ja, ich bin auch verantwortlich für sie. Lambesis bedauert, dass er sich verändert hat, ohne dass eines der anderen Bandmitglieder ihn auf die Richtung hingewiesen hat. Eines ist klar: Letztendlich trug er selbst die Verantwortung für seine Entscheidungen. Aber gerade seine Bandmitglieder, die ja auch viel Zeit mit ihm verbrachten, hätten ihn auch einmal darauf aufmerksam machen können oder sollen. Dies sei nie geschehen, sagt Lambesis nun. Ob das tatsächlich so war, oder ob dies lediglich die Sichtweise des Interviewten ist, lässt sich zur Zeit nicht mit letzter Sicherheit feststellen. Was aber auffällt, ist, dass sich immer weniger Menschen für andere mitverantwortlich fühlen. Lieber nichts sagen als jemandem „auf den Fuß zu treten“ ist die neue Devise geworden. Auch in vielen Gemeinden. Alles wird geduldet, überall zwei und mehr Augen zugedrückt, bloß damit die „Liebeskeule“ („das ist aber lieblos“, „du darfst niemanden verurteilen“, etc.) nicht hervorgeholt wird. Ich möchte meiner Geschwister Hüter sein und habe auch Glaubensgeschwister, die mich gut genug kennen, um meine Veränderungen sehen zu können, die in mein Leben hinein sprechen dürfen und sollen. Ganz nach Hebräer 10, 23 – 25: Lasst uns festhalten am Bekenntnis der Hoffnung, ohne zu wanken — denn er ist treu, der die Verheißung gegeben hat —, und lasst uns aufeinander achtgeben, damit wir uns gegenseitig anspornen zur Liebe und zu guten Werken, indem wir unsere eigene Versammlung nicht verlassen, wie es einige zu tun pflegen, sondern einander ermahnen, und das um so mehr, als ihr den Tag herannahen seht!

Donnerstag, 15. Mai 2014

Zum 30. Todestag von Francis August Schaeffer

Heute vor 30 Jahren, am 15. Mai 1984, ist der Pastor, Theologe und insbesondere Apologet Francis August Schaeffer gestorben. Da er im deutschen Sprachraum inzwischen leider nicht mehr so bekannt ist wie er sein sollte, möchte ich ihn, sein Werk und seinen bleibenden Einfluss ein wenig näher vorstellen.

Deshalb habe ich eine PDF-Datei zum Download bereitgestellt. 

Eine noch ausführlichere Übersicht über die Schriften des Ehepaars Edith und Francis Schaeffer von Ron Kubsch steht übrigens im TheoBlog.de zum Download bereit.

Möge sein Leben und Werk wieder bekannter werden und vor allem: Möge uns sein Leben und Werk zum Vorbild dienen und uns danach streben lassen, wie Schaeffer nach einem authentischen Leben zu trachten. Die Menschen brauchen auch heute noch, was Schaeffer ihnen zu geben versuchte. Sein Motto war: "Ehrliche Fragen brauchen ehrliche Antworten."

Wer noch mehr lesen möchte, dem empfehle ich als Einführung zu Schaeffer: Ron Kubsch, Wahrheit und Liebe - Was wir von Francis Schaeffer für die Gegenwart lernen können.

Hier die Einführung zu Schaeffer in meinem PDF:

"Vor 30 Jahren (am 15. Mai 1984) ist Francis August Schaeffer gestorben. Heute hört man relativ selten von ihm. Und doch war er ein Mann, der wie kaum ein Anderer die Menschen seiner Zeit kannte und liebte. Wer war denn dieser Francis Schaeffer? Was hat ihn zu dem Menschen gemacht, der er war? Und: Was kann er unserer Zeit lehren, was uns verloren gegangen ist? Diesen und vielen weiteren Fragen wollen wir nachgehen.
Heute, 30 Jahre nach seinem Tod, können wir vieles sehen, was Schaeffer uns geradezu prophetisch vorausgesagt hat. Mit seinem Tod ist eine schmerzliche Lücke entstanden, die so einfach niemand füllen kann. Zugleich hat er uns aber auch einen reichen Schatz an Schriften hinterlassen, die es absolut wert sind, immer wieder gelesen zu werden. Nicht nur gelesen, vor allem auch gelebt.
Francis Schaeffer war ein Mann, dem das Zusammenspiel von Glauben und Tun ganz besonders wichtig war. Er nahm die Menschen ernst, er lebte ihnen vor, was er predigte. So war sein „Missionswerk“ L'Abri (französisch für „die Zuflucht“) ein reines Glaubenswerk. Er schrieb keine Bettelbriefe, sondern erbat sich das fürs Leben Notwendige direkt bei Gott – und er bekam es.
Wir wollen in den folgenden Seiten das Leben von Schaeffer und seine Botschaft an unsere Zeit betrachten. Möge dieser Mann uns ermutigen, ein echtes, authentisches Leben zu führen, durch welches die Menschen die Kraft und Wahrheit Gottes erkennen können."

Montag, 12. Mai 2014

Geschichtsepochen und ihre Auswirkungen Teil 1: Industrialisierung

Ich bin für viele Dinge dankbar, die uns unsere Kultur durch die Technik schenkt. Zugleich finde ich es aber auch wichtig, dass wir uns bewusst sind, dass die Technik nicht nur von uns benutzt wird, sondern uns zugleich verändert. Das ist an sich auch nicht unbedingt etwas Schlechtes. Erfinden und entdecken gehört zu unserem Schöpfungsauftrag dazu: Wir dürfen die Schöpfung gebrauchen, sind aber auch für sie verantwortlich, um sie zu pflegen und für ihr Bestes zu sorgen. Doch es ist wichtig, dass wir uns bewusst werden, was dadurch mit uns geschieht. Deshalb möchte ich verschiedene Epochen der Menschheitsgeschichte und ihre Auswirkungen auf die Menschheit und die Schöpfung in loser Folge betrachten. 


Die Industrialisierung
Ein besonders schwerwiegender Umbruch fand durch die Industrialisierung statt. Darunter versteht man die Zeit ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Sie fand zunächst in England statt, wo 1712 von Thomas Newcomen die erste Dampfmaschine erfunden und in Betrieb genommen wurde. Die Dampfkraft war erstmals eine Form der Energie, die in einer Weise gelenkt werden konnte, dass sie alles übertraf, was der Mensch mit Muskelkraft leisten konnte. Die Industrialisierung ist geprägt von zahlreichen Folgen für die Menschheit:
1. Die Arbeit in der Fabrik. Viele Menschen mussten plötzlich ihre Arbeit in der Fabrik erledigen. Dort wurde sie schneller und oft auch exakter gemacht. Der Familienbetrieb musste häufig dichtmachen, weil die Preise von den Produkten aus der Fabrik günstiger waren.
2. Dadurch wurde die Familie getrennt. Der Vater arbeitete in der Fabrik, der Rest der Familie blieb zu Hause. Das Umfeld, in welchem die Kinder bisher für ihr Leben lernen konnten, ging damit verloren. Auch heute ist der Vater in vielen Fällen nur noch derjenige, der „den Müll rausträgt“, weil er viel zu wenig Zeit zu Hause mit der Familie verbringen kann.
3. Es kam zu einer Entfremdung zwischen Arbeit und Familie. Der Arbeitsplatz war von nun an die öffentliche Sphäre, während die Familie immer weiter zum Rückzug in die Privatsphäre gezwungen wurde. Durch diese Veränderung wurde die Familie auch immer weniger als wertvoll betrachtet, weshalb sich zunehmend Frauen benachteiligt fühlten. Die Auswirkungen führten zur ersten Welle der Frauenrechtsbewegung, die damals durchaus berechtigt war und für die ich dankbar bin.
4. Durch die Aufteilung der Arbeit in der Fabrik kam es zu einer Entfremdung zwischen dem Arbeiter und seinem Produkt. War bisher der Arbeiter verantwortlich, dass das Endprodukt qualitativ hochwertig war, so übernahm dies nun ein Anderer. Der Einzelne war nur noch ein kleines Rädchen im ganzen Getriebe der Fabrik.
5. Durch diese Entfremdung wird der Mensch von einer Person mit der Fähigkeit zur Verantwortung und Beurteilung zu einer Sache degradiert. Er wird zu einem Teil der Maschine, die er bedienen und überwachen muss – in Wirklichkeit wird er von ihr überwacht, kontrolliert und beherrscht. Der Mensch wird zum Sklaven der Maschine, er braucht sie zu seinem Überleben, er ist von ihr abhängig.
6. Durch den Verlust des Lernumfelds im familiären Umfeld einerseits und der stets zunehmenden Notwendigkeit der Spezialisierung wurden die Bildungsstätten immer mehr ausgelagert. Die Schulen übernahmen diese Aufgabe immer stärker und so wurden Kinder der Familie entrissen. Natürlich gab es schon immer externe Schulen, wie zum Beispiel im mittelalterlichen Kloster und an den dortigen Universitäten, aber die eigentliche Wende wurde erst mit der Industrialisierung eingeleitet.
7. All diese Veränderungen wurden in einer weiteren Entwicklungsphase noch deutlich verstärkt, als erstmals elektrischer Strom als Energieform gewonnen werden konnte, die sich beliebig in andere Energieformen umwandeln lässt. Waren es vorerst nur die Telegrafie und etwas später die Glühbirne, so kann man sich heute das Leben ohne diese Technik kaum noch vorstellen.
8. Durch diese rasante Entwicklung der Technologisierung wächst auch beständig die Kluft zwischen den Generationen. Die Entdeckung des fließenden Stroms als Energieform und die Erfindung der Computerchips sind zwei revolutionäre Meilensteine auf dem Weg der Technologisierung. Hier liegt eine große Herausforderung für die Familie in der heutigen Zeit. Es lässt sich also feststellen, dass mit dem Zeitalter der Industrialisierung ein Umbruch in der Gesellschaft stattgefunden hat, der sie in ihren Grundfesten erschüttert hat. Die Familie wurde zertrennt und seither hat der Zerfall all dessen stattgefunden, was zu den vorigen Zeiten die Gesellschaft zusammengehalten hatte.

Montag, 5. Mai 2014

Wie können wir denn beurteilen?

Wie können wir denn beurteilen?

Paulus schreibt im ersten Brief an die Gemeinde in Korinth:

Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, so dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist; und davon reden wir auch, nicht in Worten, die von menschlicher Weisheit gelehrt sind, sondern in solchen, die vom Heiligen Geist gelehrt sind, indem wir Geistliches geistlich erklären. Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes ist; denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt werden muss. Der geistliche [Mensch] dagegen beurteilt zwar alles, er selbst jedoch wird von niemand beurteilt; denn »wer hat den Sinn des Herrn erkannt, dass er ihn belehre?« Wir aber haben den Sinn des Christus.“ (1. Korinther 2, 12 - 16)

Da ich in der Gemeinde häufig mit jungen Menschen unterwegs bin (Royal Rangers, Jugendkreis, etc.), ist es eine meiner wichtigsten Aufgaben, diese Menschen in eine geistliche Reife hinein zu führen, in welcher sie fähig sind, ihr Umfeld, ihre Kultur, die Dinge, die ihrer Generation wichtig sind, selbst mit Hilfe der Bibel geistlich zu beurteilen.

Hinter jedem Produkt einer Kultur steckt eine bestimmte Weltanschauung. Die Weltanschauung ist die Vorstellung, die ein Mensch von der Gesamtheit der Realität hat. Hier finde ich die „Tool Box“ sehr hilfreich, die Nancy Pearcey in ihrem Buch „Total Truth“ vorgestellt hat: Die drei Punkte „Schöpfung“, „Sündenfall“ und „Wiederherstellung“.

Im Weiteren ein paar Gedanken, die ich versuche zu vermitteln, um bei der Beurteilung zu helfen. Zum Teil stammen die Anregungen aus Pearceys Buch S. 134 – 150, die ich hier in eigenen Worten wiedergebe und ergänze. Wer mehr dazu wissen möchte, dem empfehle ich, jenes Kapitel im Buch zu lesen.

Schöpfung:
- Woher kommt alles? Ist der Mensch ein Produkt des Zufalls? Ist er bloß ein ziemlich gut entwickeltes Tier?
- Wird die Individualität des Menschen ernst genommen? Wie steht es um die Menschenwürde? Die Menschenrechte konnten nur in einer Kultur entstehen, die auf das jüdisch-christliche Menschenbild aufgebaut war! Wie ist der Umgang mit der übrigen Schöpfung (Naturschutz, etc.)?
- Geht es in der Kunst um echte Schönheit, um echte Ästhetik oder nur um ein seelisches Hochpushen von Gefühlen und um die innerliche Selbst-Betäubung?
- Wer ist der Schöpfer? Wird bloß eine unpersönliche Kraft, Energie, Materie oder ein persönlicher, allmächtiger, allwissender, liebender, gerechter, heiliger Schöpfer an den Anfang gestellt?

Sündenfall:
- Woher kommt das Leid? Ist daran der Beginn des privaten Eigentums schuld? Ist das Böse im Menschen einfach nur ein Teil seiner selbst?
- War der Sündenfall dann, als das Geld erfunden wurde? Oder bestand er darin, dass die Leitung des Haushalts zwischen Mann und Frau aufgeteilt wurde?
- Bestand der Sündenfall darin, dass der Mensch begann, eine Zivilisation zu gründen und Kultur zu schaffen? Oder dann, als man begann, die Sexualität durch die Ehe zu beschränken?
- Oder war die menschliche Entwicklung schuld, die ihn dazu brachte, sich selbst als individuell zu sehen und nicht mehr als Teil des All-Ganzen?

Wiederherstellung:
- Kann die Welt wieder in Ordnung gebracht werden, indem plötzlich alles allen gehören soll? Oder dadurch, dass das Geld, die Kultur, die Ehe oder sonst was abgeschafft wird?
- Die Bibel sagt uns, dass der Mensch nichts tun kann. Er muss von außerhalb seiner selbst erlöst werden. Er muss als Erstes von Gott wiedergeboren werden, indem er ein neues Herz bekommt. Alles andere wird nicht funktionieren.

Freitag, 2. Mai 2014

Biblisch Familie leben

Für die April-Ausgabe der BFP-Zeitschrift GEISTbewegt! durfte ich wieder einen Artikel verfassen. Wer die Möglichkeit hat, sollte ihn möglichst in der Papier-Ausgabe lesen, da das gesamte Layout sehr gut geworden ist.


Biblisch Familie leben – heute?

Nachdem die Evangelische Kirche Deutschland letztes Jahr eine Orientierungshilfe zum Thema herausgegeben hat, bewegt diese Frage viele Gemüter: Wie sieht das biblische Familienleben aus? Können – oder sollen – wir nach diesem Ideal streben? Ist es überhaupt ein Ideal? Wie könnte biblisches Familienleben im 21. Jahrhundert aussehen? Und wie kann die örtliche Gemeinde die Familien darin unterstützen?

Familie in der Bibel
Zunächst müssen wir sehen, dass das, was wir heute unter dem christlichen Familienbild verstehen, in der Bibel kaum oder nur als Ausnahme zu finden ist. In der Bibel gibt es Familie nicht als Definition von „Vater, Mutter und Kinder“. Vielmehr ist die Familie als eine Lebensgemeinschaft vorausgesetzt, die aber zugleich auch eine Lern- und Arbeitsgemeinschaft ist. Die Familie wird in der Bibel das „Haus“ genannt. Dieses Haus umfasste oft mehr als zwei Generationen, daneben aber auch nähere Verwandtschaft und die Angestellten, also die Diener oder Sklaven des Hauses. Da immer wieder Menschen recht früh gestorben sind und dadurch wieder neue Ehen geschlossen wurden, war das, was wir heute eine „Patchwork-Familie“ nennen, schon immer weit verbreitet.

Wo es hingegen keine Zweifel geben kann, ist die Ehe, die von Anfang an im Bilde Gottes als ein lebenslanger Bund von einem Mann mit einer Frau geschaffen war. Mann und Frau haben gemeinsam die Aufgabe, für die kommende Generation zu sorgen und die zeitlos gültigen Werte der Bibel weiterzugeben. So ist das Buch der Sprüche eine Sammlung der Lebensweisheit König Salomos und anderer weiser Männer, dazu gemacht, um diese Weisheit der nächsten Generation zu geben. Es beginnt immer wieder mit den Worten: „Höre, mein Sohn“ und möchte somit auch Eltern Anleitung geben, was die Werte der Bibel und damit auch des allwissenden Gottes sind, die der nächsten Generation weitergegeben werden sollen. Auch im Neuen Testament wird diese Aufgabe der Familie als Lebens-, Lern- und Arbeitsgemeinschaft wieder aufgenommen. Kinder haben die Pflicht, ihren Eltern zu gehorchen. Eltern haben die Pflicht, ihre Kinder zu einem gottesfürchtigen Leben zu erziehen, ohne sie dabei verbittert zu machen (Epheser 6, 1 – 4).

Familie im Wandel der Zeit
Seither hat sich in der Gesellschaft manches verändert. Ob zum Guten oder nicht, sei dahingestellt. Doch ist klar, dass wir in unserer Zeit oft anderen Fragen ausgesetzt sind. Dennoch ist uns auch hier die Bibel der Maßstab für all unser Handeln. Für die Familie hat sich vor allem im Zeitalter der Industrialisierung eine Menge geändert. Waren bis dahin die meisten Familien noch mit Grundbesitz und eigenem Gewerbe ausgestattet, wurde nun der Beruf immer mehr in die Fabrik verlegt. Es fand eine Trennung von Familie und Beruf statt. Der Beruf wurde zunehmend von der Familie abgekoppelt. Durch die Säkularisierung wurde der Beruf vergötzt – Ehe und Familie war bald nur ein Anhängsel des im Beruf stehenden Mannes.

Zunehmend wurde auch die Bildung ausgelagert, öffentliche Schulen wurden zum neuen Vermittler des Wissens. Auch sie wurden säkularisiert gestaltet. Stammte der Begriff der Bildung im späten Mittelalter und der Reformation noch ursprünglich vom „in das Bild Gottes gewandelt werden“ ab (Römer 8, 29), so geht die Erziehung zur Gottesfurcht immer mehr verloren. Am Ende bleibt eine Ehefrau und Mutter übrig, deren Arbeitsleistung für Ehe und Familie als wertlos betrachtet wird. Dass die Tagesstätte, der Kindergarten und die Schule kein Ersatz, sondern immer nur eine Ergänzung zu einer intakten Familie sei, wird häufig vergessen. Da in vielen Fällen das Einkommen der ganzen Familie eher gering war, mussten schon im Zeitalter der Industrialisierung immer öfter auch Frauen in der Fabrik arbeiten gehen. Daraus entstand ein neues Selbstverständnis, das in der Frauenrechtsbewegung ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Ausdruck kam. Inzwischen hat sich in unseren Breiten der Staat derart „aufgebläht“ und damit auch die Last der Abgaben, dass eine Familiengründung immer teurer wurde. Auch wird durch die lange Ausbildungszeit der Zeitpunkt für eine solche Familiengründung immer weiter hinausgezögert.

Nicht zuletzt entstand durch die technische Revolution seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine immer tiefer werdende Kluft zwischen den Generationen. Wachsen heute Kinder bereits in jungen Jahren mit Internet, Handy und Smartphone auf, haben deren Eltern in vielen Fällen wenig bis keine Ahnung von den Möglichkeiten und Gefahren der neuen Medien. Mit all diesen Veränderungen ist eine Familie in der heutigen Zeit konfrontiert. Hier gilt es, für alle Bereiche des Lebens Antworten zu finden, die den biblischen Werten entsprechen und gläubige Familien darin zu unterstützen, ein Leben in unserer Zeit nach dem Wort Gottes zu leben.

Die Gemeinde und die Familie
Hier ist die Gemeinde gefragt. Am Ende Seiner Tätigkeit auf der Erde sagte der Herr Jesus: „So geht nun hin und macht zu Jüngern alle Völker, und tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie alles halten, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Weltzeit! Amen.“ (Matthäus 28, 19 – 20) Einen Jünger des Herrn Jesus macht also aus, dass er gelehrt wird, alles zu tun, was Gott ihm befohlen hat. Den Willen Gottes finden wir in den ganzen 66 Büchern des Alten und Neuen Testaments. Somit hat die Gemeinde den Auftrag, ihren Familien, die ja die Kernzellen der Gemeinde sind, zu helfen, ihren Alltag, ihre Fragen und Sorgen mit Hilfe von Gottes Wort zu bewältigen.

Als Gemeinden ist es wichtig, dass wir die Ehe wertschätzen und zur Familiengründung ermutigen. Auch heute ist das Psalmwort gültig, dass Kinder ein Segen sind (Psalm 127, 3). Die Ehe wird in der Bibel oftmals als Bild gebraucht, um die Liebe und Treue Gottes zu Seiner Gemeinde zu beschreiben. So haben die christliche Ehe und Familie in unserer Gesellschaft den Auftrag, Gottes Charakter bekannt zu machen, der auch angesichts unseres menschlichen Versagens treu, vergebend und voller Heiligkeit, Gerechtigkeit und Liebe bleibt. Auch in den Bereichen Erziehung und Bildung kann die Gemeinde Eltern unterstützen, zum Beispiel mit Seminaren zu diesen Themen. Wichtig wäre, hierbei auch an die neuen Medien zu denken und Familien in ihrem Wissen und Umgang damit zu unterstützen. Die Gemeinde hilft den Eltern also, ihren Erziehungsauftrag gemäß den biblischen Werten wahrzunehmen.

Viele Gemeinden haben bereits eine gut funktionierende Kinder- und Jugendarbeit. Diese ist eine wertvolle Investition in die Familien. Verschiedene Arbeitsbereiche der Gemeinde möchten den Glauben vermitteln und Hilfe für den Alltag geben. So lebt die Gemeinde davon, dass in jeder Generation wieder neue Menschen zum Glauben kommen und sich in der Gemeinde wiederum in die nächste Generation investieren. In einer christlichen Jugendarbeit können Kinder und Jugendliche unter Gleichaltrigen eine Menge fürs Leben lernen.

Ein großer Teil der Pflegeleistung wird privat in der erweiterten Familie erbracht. Große Gemeinden können mithelfen, indem die Familien in der Pflege unterstützt werden. Solche Projekte können natürlich auch über die Grenzen der eigenen Gemeinde hinaus geplant und durchgeführt werden. Familie hört nicht dort auf, wo der Rahmen „Vater-Mutter-Kinder“ überschritten wird. Da wir laut Bibel als weltweite Gemeinde aller Gläubigen eine große Familie sind, hat jede und jeder Gläubige Familie. Leider wird dies oft vergessen; Singles, Alleinerziehende oder auch einsame ältere Menschen werden als „unvollständig“ betrachtet und so behandelt. Da braucht es ein Umdenken in unseren Gemeinden: So wäre eine Zusammenarbeit mit bereits vor Ort bestehenden Jugend- und Familienzentren oder Alters- und Pflegeheimen möglich. Auch gemeinsame Feiern und Projekte in der Gemeinde sind Möglichkeiten, um mehr Menschen in das Gemeindeleben mit einzubeziehen und ihnen zu helfen, sich auch als Alleinstehender als vollständiger Mensch zu sehen und gebraucht zu wissen. Hier sind wir gefordert, für einander gegenseitig Verantwortung zu übernehmen und so in Einheit zu einander zu stehen: Ich bitte aber nicht für diese allein, sondern auch für die, welche durch ihr Wort an mich glauben werden, auf dass sie alle eins seien, gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir; auf dass auch sie in uns eins seien, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. (Johannes 17, 20 – 21)