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Montag, 9. Oktober 2017

Warum werden Menschen zu Bibelkritikern?

Wie kommt es, dass immer mehr Gemeindebünde von der Bibelkritik unterwandert und verseucht werden? Wie kommt es, dass auch immer mehr Evangelikale die Ergebnisse der bibelkritischen Theologie gut finden? Ich zähle im Folgenden einige Gründe auf (es gibt natürlich noch mehr), von denen ich denke, dass sie häufig dazu führen, dass sich Menschen der Bibelkritik öffnen.


1. Der Wunsch, die Bibel besser zu verstehen
Ich glaube, dass der häufigste Grund derjenige ist, dass Menschen die Bibel noch besser verstehen möchten. Sie meinen, dass die Methoden der Naturwissenschaft auch bei der Bibel zu besserem Verständnis führen können. Wenn man den Lauf der Sterne besser erklären kann, indem man jede übernatürliche Beeinflussung ausschließt, dann könnte dasselbe ja auch für die menschliche Geschichte und das Verständnis der Bibel gelten. Der Wunsch führt leider oft so weit, dass man die Bibel besser verstehen will, als Jesus Christus sie verstanden hat. Jesus Christus hat das ganze Alte Testament als von Ihm persönlich durch Seinen Geist inspiriert und unfehlbar betrachtet. Wer mit Jesus gegen die Bibel argumentieren will, argumentiert mit Jesus gegen Jesus.


2. Der Wunsch, ein positives Gottesbild zu bekommen
Es gibt Menschen, die verzweifeln an ihrem Gottesbild, das sie angeblich aus der Bibel haben wollen, bei welchem sie aber manche biographischen Erlebnisse in bestimmte Begriffe der Bibel hineininterpretieren. Und nun meinen sie, dass die historisch-kritische Bibelauslegung ihnen helfen kann, mit ihren Gottesbildern klarzukommen. Zumeist sind diese sehr einseitig – und werden dann durch wiederum andere sehr einseitige, aber nun ins Gegenteil pervertierte Gottesbilder ersetzt. Ob das der Weisheit letzter Schluss ist, sei nun mal dahingestellt.


3. Der Wunsch, die eigenen Zweifel zu rechtfertigen
Häufig studieren Menschen Theologie, die von ihrem Charakter her schon immer alles gut überdacht und hinterfragt haben. Nun wird ihnen im Studium eine Reihe von Methoden geliefert, die ihnen helfen, ihren Zweifel nicht mehr als etwas Negatives, sondern als eine notwendige Voraussetzung für das theologische Arbeiten zu sehen. Damit wird der Zweifel vergötzt und zu einem falschen Zweck instrumentalisiert. Leider wird in vielen Gemeinden und Jugendkreisen auch heute noch vor dem Zweifel gewarnt. Hier sehe ich eine zum Teil berechtigte Komponente der universitären Theologie, dass sie versucht, den Studenten die Angst vor dem Zweifel zu nehmen. Leider fällt sie damit jedoch auf der anderen Seite vom Pferd, indem sie den Zweifel zur Methode macht (darüber wird in einem späteren Blogpost noch die Rede sein).


4. Der Wunsch, Menschen zu Jesus zu führen
Vielfach sind junge Menschen auch vom Wunsch beseelt, viele Menschen zu Jesus führen zu wollen, und das ist ein enorm wertvoller Wunsch. Doch dieser Wunsch kann auch dazu führen, dass Menschen versucht sind, die enge Pforte und den schmalen Weg breiter zu machen als Jesus sie gemacht hat. Das führt zu einer Umdeutung oder Vernachlässigung von echter Buße, Bekehrung und Wiedergeburt. Es wird zu einer billigen Gnade und einem verdrehten Evangelium, das psychologisch statt soteriologisch (die Erlösung betreffend) gedeutet wird. Der Mensch wird in den Mittelpunkt gestellt, während Gott an die Peripherie gedrängt wird. Theologie wird zur Anthropologie und das Evangelium zu einer Wunscherfüllungsmaschinerie menschlicher Sehnsüchte. Wer hingegen am altrauhen Evangelium von Gottes Zorn, Sünde, Buße, Himmel und Hölle, Erlösung und stellvertretendem Sühnopfer festhält, wird als Pharisäer abgestempelt, der dagegen versucht, die Messlatte möglichst hoch anzusetzen, um sich selbst besser und geliebter zu fühlen, indem alle anderen ausgegrenzt werden. Am Ende gilt Gottes Zorn nur noch jenen altmodischen Wörtlichverstehern, die nichts von der Bibel kapiert haben.


5. Der Wunsch nach Anerkennung
Das Streben nach Anerkennung sitzt in jedem Menschen. Deshalb ist es auch so leicht, dem Druck der sogenannten „Wissenschaftlichkeit“ nachzugeben. Wer publizieren will, ist diesem Druck sehr schnell ausgesetzt. Wer lehren will, wird auch auf die Vorgaben der gerade herrschenden Vorstellung von Wissenschaftlichkeit geprüft. Da hier auf der universitären Ebene nun mal die historisch-kritische Methodik gehört, ergibt sich ein Teufelskreis von Lehrenden und Lernenden, der immer tiefer in den Strudel bibelkritischer Methodik hineinführt.


6. Der Wunsch, es sich nicht zu einfach zu machen
Das Leben ist kompliziert. Oder zumindest scheint es vielen Menschen kompliziert zu sein. (Mal Hand aufs Herz: Könnte es nicht sein, dass wir es uns oft selbst zu kompliziert machen?) Deshalb darf es im Leben auch keine einfachen Antworten geben. Alles muss mit einem „Ja, aber...“ versehen werden. Die historisch-kritische Methodik ist ein Arsenal an Möglichkeiten, wie man dabei vorgehen kann, um sich das Leben schwer zu machen. An die Stelle des einfachen, kindlichen Vertrauens in Gott und Sein Wort tritt ein neues, geradezu päpstlich-unfehlbares Lehramt der Bibelkritik, das für jedes Wehen des Zeitgeistes eine individuelle, diesen gleichsam aufnehmende, Antwort zu bieten hat. Das kostet viel Kraft, viel Zeit und viel Geld für Leerstellen – pardon: Lehrstellen – im universitären Bereich. Aber zumindest muss sich dann niemand den Vorwurf gefallen lassen, man würde es sich zu einfach machen.


7. Der Wunsch, selbständig denken zu wollen
Das wird man ja wohl noch denken dürfen!“ „Die Gedanken sind frei!“ „Wir sind zur Freiheit unseres Denkens berufen!“ Die Vergötzung des menschlichen Verstandes, der sich selbst das Gesetz sein will, autonom, unabhängig von jeder äußeren Vorgabe, nimmt viele Züge an. Die historisch-kritischen Methoden bieten viele Werkzeuge, die dem Menschen helfen, in der Bibel zu finden, was sie von ihr zu finden erwarten. Überraschung hält sich in Grenzen, ist doch der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen, wenn er sich zum Maßstab für das macht, was er finden will. Natürlich gibt es hin und wieder kleinere Überraschungen, die dann frenetisch gefeiert werden, als würden sie eine neue Reformation bedeuten. Doch nicht selten stellt sich nach etwas Nachdenken heraus, dass es sich lediglich um eine leicht abgeänderte Form eines Gedankens handelt, der schon vor Jahrhunderten geäußert, damals aber vor der Kirche abgelehnt wurde. Entsprechend ergeben sich dann Forderungen, man müsse diese früheren Personen rehabilitieren.


8. Der Wunsch, alles besser zu machen als frühere Generationen
Es ist gut, wenn Menschen aus früheren Fehlern zu lernen versuchen. Doch ist nicht alles ein Fehler, was heute als Fehler gesehen wird. Häufig ist der Wunsch nach Rebellion gegen alles Frühere Vater des Gedankens. Doch die Bibel macht klar, dass Rebellion eine Zaubereisünde ist (1Sam. 15:23). Die Idee, man sei besser als frühere Generationen führt zu Stolz und dem Denken, man sei besser als das Frühere. Hier wäre deutlich mehr Demut und eine bessere Kenntnis des Früheren vonnöten. Eng damit verbunden ist auch das Denken, man lebe heute in einer nie zuvor dagewesenen Zeit, die nach neuen Ideen und einer neuen Theologie verlange, die für die Menschen unserer Zeit annehmbar sei. Was dabei unter den Teppich gekehrt wird, ist die Tatsache, dass die echte, biblische, einzig und ewig gültige Wahrheit noch nie für die Menschen irgend einer Zeit annehmbar war. Sie war den Griechen eine Torheit und den Juden ein Anstoß. Das wird heute nicht anders sein. Den Modernen eine Torheit und den Postmodernen ein Anstoß. Davor müssen wir keine Angst haben, Jesus Christus ist derselbe, gestern, heute und in Ewigkeit.


Dienstag, 25. April 2017

Gastbeitrag: Sind Traktate noch aktuell?


Mein Freund Michael Freiburghaus, Pfarrer der Reformierten Kirchgemeinde Leutwil-Dürrenäsch (Link) ist zugleich Präsident der Schweizerischen Traktatmission (STM). Ich selbst habe schon viele Traktate unter die Leute gebracht und habe ihn gebeten, einen Gastbeitrag zum Thema Traktate zu schreiben.

Warum Traktate?
In Zeiten der Digitalisierung und der (a)sozialen Medien stellt sich sicher der ein oder andere Christ die Frage, ob Traktate noch aktuell sind. Meine Antwort lautet: Ja! Traktate sind christliche Schriften, die das EVANGELIUM – die frohe Botschaft und gute Nachricht, dass Gott uns in Jesus Christus liebt – kurz und verständlich erklären und zum Glauben an Jesus einladen.

Welche Traktate?
Das Spannende ist, dass es ganz unterschiedliche Arten von Traktaten gibt:
1. Solche, die ein aktuelles Thema aufgreifen wie z.B. Sterbehilfe, Sportereignisse oder die Finanzkrise.
2. Solche, die das Kirchenjahr betreffen: Weihnachten, Karfreitag, Ostern und Pfingsten.
3. Biographische Traktate, die erzählen, wie jemand zu Jesus gefunden hat und wie Jesus sein/ihr Leben positiv verändert hat.
4. Saisonale Trakte zu den Sommer- und Winterferien, Halloween, den eidgenössischen Dank-, Buß- und Bettag usw.
5. Zeitlose Traktate, die den Heilsweg und die biblischen Grundlagen erklären: Glaube, Bekehrung und Wiedergeburt.
Anlässlich des 500-jährigen Jubiläums der Reformation haben wir ein Traktat zu Martin Luther herausgegeben, das die fünf Grundsätze (soli) der Reformation hervorhebt: „Gott erneuert dich!“
Du wirst sicher ein Traktat finden, das dir gefällt und das du gerne verteilst, weil du es selber gerne erhieltest! (-:

Welche Vorgaben?
Traktate werden im Vorfeld genau geprüft und müssen verschiedene Vorgaben erfüllen: Der Inhalt muss wahr sein und mindestens einen Bibelvers enthalten. Zudem müssen sie für Menschen verständlich sein, die keinen christlichen Hintergrund haben. Bisher habe ich drei Traktate verfasst. Mich fasziniert der Gedanke, das EVANGELIUM in einfachen Worten kurz und knapp darzustellen.

Welche Auswirkungen?
Traktate erreichen Menschen mit der Liebe Gottes, die nie eine Kirche besuchen und auch keine christlichen Freunde haben. Die krasseste Geschichte, die ich bisher erfahren habe, erzählte mir eine Frau, die nach eigenen Angaben gegen alle der Zehn Gebote verstoßen hatte. Deswegen suchte sie Vergebung (Absolution) bei mehreren Priestern, die sie ihr aber nicht gewährten. Sie war im Begriff, Selbstmord zu begehen, obwohl sie drei kleine Kinder hatte. Sie ging in ein öffentliches WC und fand dort ein Traktat: Sie las es und bekehrte sich zu Jesus! Dadurch fand sie Vergebung und Frieden mit Gott! Gott hat durch ein Traktat wortwörtlich ein Leben gerettet und für immer verändert.

Wie verteilen?
Du kannst Traktate jemandem geben, den du nur flüchtig im Zug gesehen hast. Oder du kannst es als Beilage zu einem Brief an Freunde und Bekannte schicken. Eine andere Möglichkeit besteht darin, Traktate von Hand in die Briefkästen zu legen. Falls dir dies zu klein oder zu aufwändig ist, kannst du auch im großen Stil eine sogenannte Postwurfsendung organisieren und dein ganzes Dorf oder deine Stadt mit einem Traktat beschenken. Wenn ein Traktat zum Predigtthema passt, verteile ich nach einem Gottesdienst diese Schriften als kleines Geschenk an die Besucher.
Ich habe schon beobachtet, wie ein Teenager guten Mutes einem 90-jährigen Opa eine Karte mit einem Internetlink zu christlichen Videos in die Hand drückte. Gut gemeint, aber fraglich, ob er noch einen Internetanschluss besaß. Dagegen bietet ein geschriebenes Traktat den Vorteil, dass es selber schon wertvolle Informationen enthält.

Welcher Preis?
Traktate sind relativ preiswert und kosten nur einige Rappen bzw. Cents:
Anzahl
Einzelpreis
1-49
CHF 0.15
50-99
CHF 0.13
100-299
CHF 0.11
300-499
CHF 0.10
500-999
CHF 0.09
1000-4999
CHF 0.08
ab 5000
CHF 0.07
Tabelle:
Du siehst, dass es einen interessanten Mengenrabatt bietet!

Wie weiter?
Weiterführende Informationen erhältst du unter: www.christliche-schriften.ch Wir liefern auch Traktate nach Deutschland und Österreich.
Gott möge dir Kraft und Mut schenken, Traktate zu verteilen!


Pfarrer Michael Freiburghaus, Präsident der Schweizerischen Traktatmission (STM)

Freitag, 2. September 2016

Selbstgezimmerte Bibelwissenschaft


Dies ist der vierte und letzte Teil einer Blogserie über Siegfried Zimmers Buch „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben?“ Hier geht es zu Teil 1, Teil 2 und Teil 3.

Fehlende Definitionen
Was ist für S. Zimmer die „Bibelwissenschaft“? Eine der größten Schwächen (oder aus seiner Sicht vielleicht eher Stärken) Zimmers besteht darin, dass seine Begriffe sehr unklar, schwammig und undefiniert sind. Erst gegen Ende des Buches lässt Zimmer dann entsprechend die Katze aus dem Sack: „Weil die diesbezüglichen Missverständnisse fast unüberwindlich sind, sollte man das Wort 'Bibelkritik' im (nichtwissenschaftlichen) Gespräch unter Christen nach Möglichkeit vermeiden. Man kann es durch das Wort 'Bibelwissenschaft' ersetzen. Beide Worte meinen das Gleiche.“ (Zimmer, S. 153)

Ein anderes Beispiel ist ganz am Anfang zu finden: „Die Kirche darf nichts lehren, was dem Evangelium von Jesus Christus widerspricht. In diesem Sinn ist die Bibel der Maßstab (Kanon) für den Glauben, die Lehre und das Leben der Christen.“ (S. 14) Das klingt – wie bereits gesagt – gut. Die Frage ist nur: Was ist für Zimmer das Evangelium? Die Rede vom Evangelium klingt für Christen immer gut. Aber davon gibt es so viele und dabei ganz unterschiedliche Vorstellungen, was man unter diesem Schlagwort verstehen kann.

Zimmer meint, er könne mit seinem Buch etwas für die Einheit unter Christen tun, wenn er dabei ganz unklar und schwammig bleibt, damit sich jeder selbst etwas darunter vorstellen kann. Und das ist ein grundlegendes Problem unter Christen unserer Zeit. Es ist kaum noch Bereitschaft vorhanden, über Inhalte zu diskutieren. Lieber diskutiert man darüber, mit welcher leeren Worthülse möglichst viele Christen leben können – und nennt das Ganze dann „Einheit“. Das Problem ist jedoch, dass es echte Einheit nur bei den jeweiligen Inhalten geben kann und nicht bei den Worthülsen. Sonst gibt es nur noch eine undefinierte Pseudo-Einheit, die niemandem etwas bringt.

Was das Evangelium betrifft, lässt Zimmer seine Leser im Dunkeln. Der Leser bleibt am Schluss mit seinen Fragen zurück: Darf Jesus Christus an der Stelle der Gläubigen am Kreuz gestorben sein, oder ist das dann ein „kosmischer Kindesmissbrauch“ (Steve Chalke)? Darf Jesus Christus echte Dämonen ausgetrieben haben oder sind das nur Symbole für das Böse im Menschen? Darf Jesus Christus die Wunder tatsächlich getan haben? Darf Jesus Christus tatsächlich, echt, historisch und körperlich auferstanden sein? Darf Jesus Christus sich selbst als Messias bezeichnet haben oder ist das nur ein Titel, den ihm die nachösterliche Gemeinde verliehen hat? Fragen über Fragen – und der Leser bleibt in all diesen Fällen ohne Antwort. Auf schwäbisch gesagt: "Guad gmoant isch ned emmer guad gmacht" (Gut gemeint ist nicht immer gleichbedeutend mit gut gemacht).

Überhaupt stellt sich die Frage, welchen Jesus Christus Zimmer meint, wenn er schreibt: „Im Konfliktfall argumentieren wir ohne jedes Zögern mit Jesus Christus gegen die Bibel.“ (Zimmer, S. 96) Also eine Aussage darf Jesus Christus schon mal getroffen haben (also wenigstens mal eine Festlegung. Immerhin.): Die Sache mit der Feindesliebe. So. Punkt. Und dann nehmen wir diese Feindesliebe und argumentieren damit einfach so mal gegen alles Mögliche im Alten Testament. Etwa gegen den Todesengel, der in 2. Mose 11 die Erstgeborenen der Ägypter holt. Knallbumm, und weg ist dieser böse Gott. Da sind wir schon fast bei Marcion (vgl. dritter Teil dieser Serie), nur dass es jetzt nicht gegen den Demiurgen geht, sondern mit Jesus Christus und der Feindesliebe argumentiert wird.

Wie funktioniert diese Bibelwissenschaft?
Ganz genau erklärt das Zimmer nicht. Er geht auf die Untersuchung der Religionen des Orients ein, aber auch da ist er zu schlau und zu vorsichtig, um zuviel darüber zu sagen. Ich möchte an einem anderen Beispiel versuchen zu skizzieren, wie das geschehen kann. Ab etwa 1835 gab es in der deutschen Theologie eine ganze Bewegung von Theologen, die versucht haben, herauszufinden, wer dieser Jesus von Nazareth tatsächlich war. Man wollte alles eliminieren, was diesem Jesus von den Evangelisten später angedichtet wurde, also alle Wunder, alle „Hoheitstitel“, alle Predigtinhalte, die womöglich von jemand anderem stammen könnten. Und irgendwann merkten sie: Am Schluss bleibt von diesem Jesus immer genau das übrig, was man am Anfang von ihm dachte. Der Theologe wird am Schluss auf sich selbst zurückgeworfen.

Der Theologe Albert Schweitzer hat etwa 70 Jahre nach der Entstehung dieser Bewegung die Geschichte derselben aufgeschrieben und kam zum Schluss: „Es ist der Leben-Jesu-Forschung merkwürdig ergangen. Sie zog aus, um den historischen Jesus zu finden, und meinte, sie könnte ihn dann, wie er ist, als Lehrer und Heiland in unsere Zeit hineinstellen. Sie löste die Bande, mit denen er seit Jahrhunderten an den Felsen der Kirchenlehre gefesselt war, und freute sich, als wieder Leben und Bewegung in die Gestalt kam und sie den historischen Menschen Jesus auf sich zukommen sah. Aber er blieb nicht stehen, sondern ging an unserer Zeit vorüber und kehrte in die seinige zurück.“ (Albert Schweitzer, Geschichte der Leben-Jesu-Forschung, S. 397)

Das Problem bei all diesen Zugangsweisen der historisch-kritischen Methoden ist dabei immer dasselbe, das sich bei der Leben-Jesu-Forschung gezeigt hat: Am Ende bleibt der Mensch, der sich über die Bibel stellt, immer an sich selbst hängen. Er muss von gewissen Prämissen ausgehen, also etwas voraussetzen. Und am Ende bleibt immer genau das übrig, was er zuerst vorausgesetzt hat.

Der Bankrott der Bibelkritik
Was am Ende vom Nutzen dieser Methoden bleibt, ist sehr mager. Man hat jede Menge Zeit investiert, um einen Bibeltext mit allen möglichen Methoden zu erarbeiten, und findet am Ende doch immer nur sich selbst und seine eigenen Gedanken darin. Etwas wirklich Neues, Wertvolles wird sich dadurch nicht ergeben. Wer Zimmers Buch sensibel und mit offenen Augen liest, wird bemerken, dass auch Zimmer den Bankrott der Bibelkritik anmeldet, allerdings mit sehr leiser, zaghafter Stimme. Am Schluss des Kapitels über die Bibelkritik bemerkt er, dass diese Wissenschaft eine Kluft zwischen „der universitären Bibelwissenschaft und dem Leben der Christen bzw. der christlichen Gemeinde“ (S. 166) schafft. Die weiteren Ausführungen zeigen, dass diese Methoden in der Praxis am Ende angelangt sind: „Auch die nichtwissenschaftlichen Zugangsweisen zur Bibel verdienen Beachtung und Anerkennung. Man kann in die biblische Botschaft sehr intensiv verstrickt werden, indem man sich den biblischen Texten betend, meditierend, singend, musizierend, malend, tanzend und spielend zuwendet.“ (S. 167)

Vielleicht sollte man sich doch langsam wieder auf die wörtliche Exegese einlassen, die schon die Reformatoren betrieben haben? Aber vermutlich ist das dann wieder zu fundamentalistisch. Ein Glanzstück der historisch-kritischen Bibelwissenschaft habe ich vor Jahren in einer evangelischen Kirche erlebt: Bei der Speisung der 5000 soll es nicht darum gegangen sein, dass Jesus das Brot durch ein Wunder vermehrt habe, sondern jeder Anwesende soll sich (durch ein Wunder) erinnert haben, dass er auch noch etwas zu Essen in der Tasche stecken habe, und als dann alle mit allen geteilt haben, sei auch noch etwas mehr übrig geblieben. Einmal mehr zeigt sich da, dass am Ende der Mensch immer auf sich selbst zurückgeworfen wird, wenn er die Autorität Gottes verlässt. Aber leider muss man nicht einmal so weit suchen gehen, um Meisterleistungen der Eisegese (Hineinlesen eigener Gedanken in den Bibeltext) zu finden. Leider findet sich solches auch oft genug in Gemeinden, die formal die Autorität und Irrtumslosigkeit von Gottes Wort bezeugt wird.

Zimmers Ruf an die alternativen Herangehensweisen an den Bibeltext ist ein Hilfeschrei. Hier wird seine Verletzlichkeit plötzlich sichtbar. Seine Methoden bringen Distanz zum Leben, und das ist ein Problem. Doch Jesus ist größer als alle Bibelkritik; das Beispiel der historisch-kritischen Theologin und Schülerin Rudolf Bultmanns Prof. Eta Linnemann zeigt, dass Jesus größer ist und über der Bibelkritik steht. Ich werde weiterhin für Prof. Zimmer beten, dass der Herr Jesus ihm ganz persönlich begegnet und ihn von der tatsächlichen göttlichen Autorität und Fehlerlosigkeit der Bibel überzeugt. Das kann niemand von uns, es ist Seine Sache.

Zum Schluss noch eine Prise Selbstkritik
Es ist einfach, ein Buch wie das von Zimmer zu zerlegen, zumal die Argumente nicht besonders überzeugend sind und sich mit etwas Hintergrundwissen relativ gut widerlegen lassen. Eine andere Frage bleibt aber bestehen: Viele Menschen finden die Vorträge von Zimmer gut und befreiend. Kann man dafür jetzt einfach nur den „Zeitgeist“ verantwortlich machen? Eins ist klar: Zimmer möchte den Zuhörern helfen, sich von furchteinflößenden Gottesbildern zu lösen. Das macht seine Vorträge befreiend. Er möchte aber auch ein anderes Gottesbild präsentieren, und zwar eines, mit dem möglichst viele Menschen etwas anfangen können. Bei ihm geht es nicht mehr um die Frage: Was muss ich tun, damit Gott mich annehmen kann? Sondern: Wie muss dein Gott sein, damit du ihn annehmen kannst? So ähnlich hat bereits Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher auf die kritischen Fragen seiner Zeitgenossen reagiert. Und seine Antwort war: Religion (heute würde man sagen „Der Glaube an Gott“) ist das Gefühl der schlechthinnigen (=absoluten) Abhängigkeit. Es geht letztlich um das Gefühl. Der Glaube soll uns ein gutes Gefühl geben. Da haben Schleiermacher und Zimmer durchaus einen Nerv ihrer Zeiten getroffen.

Aber ich will fragen: Kann es sein, dass es im Evangelikalismus unserer Zeit ein Vakuum gibt, das die Vorträge von Zimmer füllen können? Ich meine ja, und möchte drei mögliche Antworten kurz skizzieren.

1. Wir brauchen mehr tiefgehende biblische Lehre. Wer in der biblischen Lehre gut informiert ist und nicht nur ein seichtes Wohlfühlevangelium kennt, wird auf Zimmers Versuche nicht hereinfallen. Wir brauchen mehr Apologetik und tiefes Nachdenken über Gottes Wort und die ethischen Herausforderungen unserer Zeit.

2. Wir brauchen den Mut, Lücken und Schwächen zuzugeben. Was viele Menschen an Zimmer fasziniert, ist sein Mut, nicht auf alles eine fertige Antwort zu haben. Er kann sehr gut auf die Menschen hören und sie verstehen und hat nicht einfach immer auf alles eine fertige Antwort. Authentizität und Mut zur Lücke sind hier gefragt. Im Wissenschaftsbetrieb ist es übrigens ganz normal und gesund, auf viele Fragen (noch) keine Antwort zu haben.

3. Wir brauchen eine erneuerte Vision von Gottes atemberaubender Schönheit. Unsere Generation lechzt nach Schönheit; und hier können wir aus der Kirchengeschichte lernen. Augustinus von Hippo, Jonathan Edwards, Blaise Pascal und C. S. Lewis hatten wie kaum jemand anderes eine solche Vision von der Schönheit Gottes. Für sie alle war Schönheit der Grund, warum man nach Gott verlangen soll. Besonders auf Schriften von Jonathan Edwards können wir zurückgreifen, um eine solche Vision von Neuem zu erlangen.

Freitag, 12. August 2016

Aller guten Dinge sind – vier!



Der Autor dieser vier Bücher ist Michael Freiburghaus, ein lieber Freund von mir, der im selben Jahrgang wie ich in Riehen studiert hat. Seit einem Jahr ist er in Leutwil-Dürrenäsch in der Schweiz Pfarrer. Ich wünschte mir mehr Prediger mit einer solchen Klarheit und Leidenschaft, dann wäre die nächste, dringend notwendige Reformation nicht mehr fern. Noch ein kleiner Hinweis am Rande: Die eBook-Version wird für acht Wochen zu einem besonders günstigen Preis angeboten. 



Logik unter Feuer
Der englische Pastor D. Martyn Lloyd-Jones definierte Predigen als „Logik unter Feuer“. An diese Definition wurde ich immer wieder erinnert, als ich den Sammelband der Aargauer Predigten „Ergreife Jesus – Von Jesus ergriffen“ las. Mit immer wieder erstaunlicher Leidenschaft versucht Michael Freiburghaus, seinen Zuhörern und Lesern Jesus Christus nahe zu bringen. Dabei schreckt er nicht vor aktuellen und kontroversen Themen zurück, sondern findet immer wieder neue Wege, um das Evangelium in allen Bereichen des Lebens anzuwenden. Möge Gott uns noch viele weitere so mutige und leidenschaftliche Prediger schenken!



Das EVANGELIUM
Was mich bei den Predigten von Michael Freiburghaus immer so sehr anspricht, ist, wie groß er das Evangelium schreibt. Nicht nur in Großbuchstaben, sondern so groß, dass alles vom Evangelium getränkt ist. Das Evangelium fürs ganze Leben. Nicht nur für den Anfang des Glaubens, sondern jeder einzelne Bereich und jede Zeit des Lebens soll durch das Evangelium bestimmt werden. Ein weiterer Band mit Predigten, die zeigen, wie kreativ eine solche Botschaft sein kann. Michael Freiburghaus sucht nach zahlreichen neuen Wegen und Beispielen, mit denen man die gute Nachricht von Jesus Christus den Menschen von heute verständlich machen kann. Ein wahrer Segen!



JESUS – ein Skandal!
Wenn man Jesus beim Wort nimmt und Seine unveränderliche Botschaft verkündet, so wird man immer auf Gegenwind stoßen. Es ist eine Botschaft, die Sprengstoff enthält und den Hörer verändern möchte. Das ist häufig unangenehm, aber notwendig. Auch in diesem Predigtband zeigt Michael Freiburghaus, wie die Botschaft von dem Skandal Jesus Christus auf ganz unterschiedliche Art und Weise immer wieder neu formuliert werden kann, ohne an Kraft und Klarheit zu verlieren.



Zwei Testamente – Eine Bibel
Was ist die Bibel? Sie besteht aus zwei Testamenten, einem Alten und einem Neuen Testament. Wie hängen diese beiden zusammen? Wie ergänzen sie einander? Worin bestehen ihre Unterschiede und Gemeinsamkeiten? Gibt es eine gemeinsame Botschaft, die sich durch die ganze Bibel hindurch zieht? All diesen Fragen geht Michael Freiburghaus auf den Grund. Ein sehr empfehlenswertes Buch!



Sonntag, 17. April 2016

Bibel lesen? Aber sicher, das hab ich nötig!

In einem kürzlichen Gespräch ging es um das Lesen der Bibel. Im Nachhinein habe ich noch weiter darüber nachdenken müssen, weil mir ein paar Dinge dazu ganz neu wichtig geworden sind. Ich könnte mir jetzt sagen: Du hast bis jetzt jedes Buch, jedes Kapitel und jeden Vers der Bibel mindestens 12x gelesen, die meisten davon schon deutlich öfter. Irgendwann reicht das doch. Ruh dich doch mal darauf aus. Du hast Theologie studiert und dabei viele Verse auswendig gelernt, eine ganze Zahl Texte aus dem Griechischen oder Hebräischen übersetzt. Reicht das nicht? Zugegebenermaßen hatte ich solche Gedanken auch schon. Aber noch jedes Mal bin ich beim Weiterdenken ganz eindeutig zum Schluss gekommen: Nein, das reicht noch lange nicht! Warum? Weil ich es nötig habe!

1. Ich habe es nötig, jeden Morgen in meinem Denken verändert zu werden. Ich bin jeden Tag ganz vielen Einflüssen ausgesetzt, die versuchen, mein Denken zu vergiften. Werbung versucht, sich in mein Denken einzuschleichen. Filme versuchen, mir ein falsches Weltbild einzutrichtern. Die Zeitungen und Zeitschriften strotzen von Artikeln und Berichten, die meine Aufmerksamkeit wollen. Jeden Morgen soll mein Denken weg von mir und weg von der Welt auf Gott ausgerichtet werden.

2. Ich habe es nötig, jeden Morgen etwas zu lesen, was ich nicht beurteilen muss. Dieser Punkt hängt mit dem ersten zusammen, geht aber noch mehr in die Tiefe. Alles, was sich außerhalb der Bibel befindet, ist fehlbar und muss deshalb beurteilt werden. Die Bibel ist da wohltuend anders. Sie muss nicht beurteilt werden, sondern ich darf mich von ihr beurteilen lassen. Das ist das Vorrecht aller Gläubigen: Das Wort dürfen wir „lassen stahn“, wie Martin Luther so treffend dichtete. Es muss nicht verändert werden, sondern es soll mich verändern. Die Bibel ist der fixe Punkt, mit dem wir das Universum aus den Angeln heben können.

3. Ich habe es nötig, mir jeden Morgen das Evangelium zu predigen. Ich liebe es, in einer Evangelisationsveranstaltung zu sitzen. Da kommen mir regelmäßig die Tränen, weil mir bewusst wird, wieviel der Herr Jesus für mich getan hat. Eigentlich weiß ich das schon, aber – ach! - wie schnell geht das wieder vergessen in der Eile des Alltags. Und wie gern würde ich da jeden Morgen in so einer Veranstaltung sitzen. Da das leider nicht möglich ist, habe ich es nötig, mir das selbst jeden Morgen zuzusprechen. Ich habe es nötig, mir wieder neu der Gnade und Größe Gottes bewusst zu werden.

4. Ich habe es nötig, dass Gott jeden Morgen neu zu mir spricht. So, und jetzt schreibe ich das als Pfingstler, der sich darüber freut, dass alle Gaben des Geistes im Hier und Jetzt für uns vorhanden und in Gebrauch sind. Die Gabe der Prophetie ist mir nichts Fremdes, und ich freue mich sehr darüber, von Gott immer wieder damit gebraucht zu werden. Und dennoch (oder gerade deshalb?) bestehe ich darauf, dass sich die Gabe der Prophetie nur dort gut und gesund entwickelt, wo wir Menschen des Wortes Gottes sind. Wenn wir wollen, dass Gott zu uns redet, dann wenden wir uns der Bibel zu. Dort redet Gott so zu uns, dass Sein Wort keine Überprüfung und keine Korrektur braucht. Paulus macht klar, dass dort, wo Menschen in der Gemeinde prophetisch reden, immer andere da sein müssen, die das Gesagte beurteilen. Die Bibel braucht das nicht, sie ist Gottes reines und unveränderliches Wort.

5. Ich habe es nötig, jeden Morgen für den Tag ausgerüstet zu werden. Jeden Morgen bekomme ich von Gott ganz bestimmte Dinge gezeigt, die mich durch den Tag begleiten und meine Augen für bestimmte Menschen und Situationen öffnen. Häufig werde ich so sensibel für Versuchungen, die mich an diesem Tag versuchen wollen. Dann kommt mir in den Sinn: Mensch, das haste ja heute früh gelesen! Finger weg davon! All das habe ich Tag für Tag von Neuem nötig, und deshalb lese ich auch sehr gerne und mit großer Freude, geradezu „gierig“ darin.

Und warum liest Du die Bibel (oder nicht)?


Freitag, 27. Februar 2015

Je suis moi-même – ich bin ich selbst!

Erst ist man „Charlie“, etwas später ist man „Niger“, dann ist man auch noch „Juif“ und plötzlich ist man jede Woche etwas Neues. Zunächst mal so viel: Es ist wichtig, dass man sich mit den Dingen auseinandersetzt, die Tag für Tag in der Welt geschehen. Gerade als Christ habe ich den Auftrag: „Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden!“ (Römer 12, 15) Das ist ein ganz dringender Auftrag, ein Befehl Gottes, der an mich persönlich gerichtet ist. Mich berührt es deshalb zutiefst, wenn ich vom Pariser Attentat oder dem Terror durch Boko Haram oder die Verfolgungen und Brandstiftungen im Niger lese. Das geht mir nahe.

Und ich bin gerade deshalb, weil es mir nahe geht, auch schnell versucht, Solidarität ausdrücken zu wollen. Das geht ganz schnell, indem ich mein Profilbild auf Facebook wechsle und den Hashtag „#JeSuisCharlie“ benutze. Dann gehöre ich auch dazu. Dann darf ich mich zu der großen Menge der Empörten zählen. Dann hab ich was Gutes getan, ich bin ein Held, ich kämpfe gegen das Unrecht. Ich habe „meine Stimme erhoben“.

Täglich bekomme ich im Schnitt etwa zwei bis drei eMails, die von mir wünschen, dass ich eine Petition unterschreibe. Ich habe im Thunderbird inzwischen einen Spezialordner eingerichtet, in dem alle Online-Petitionen via Schlagwortsuche automatisch abgelegt werden. Etwa einmal im Monat überfliege ich die Themen der Petitionen und lasse rund 99% davon im Mülleimer landen. Man darf sich jetzt über mich aufregen, das ist ok. Wer ein Ventil braucht, um seine Wut verdampfen zu lassen, darf auch die Kommentarfunktion meines Blogs nutzen. Allerdings werden Hasstiraden etwa in ähnlichem Abstand wie der Petitionsordner aussortiert.

Ich glaube, Emotionen sind etwas ganz Wichtiges, Wertvolles, Gottgewolltes. Ein Geschenk, das es wert ist, dass wir es hüten und pflegen. Und dazu zähle ich nicht nur die „positiven“ Emotionen. Auch Zorn ist etwas durch und durch Gottgewolltes – genauso wie die Freude auch. Zorn ist eine ganz wichtige – und nur zu häufig vernachlässigte – Eigenschaft Gottes. Gottes Zorn richtet sich gegen die Sünde. Gott hasst die Sünde und deshalb ist Er zornig auf die Sünde. So zornig, weil uns die Sünde von Ihm trennt. Weil sie uns hässlich macht in Gottes Augen. Weil sie uns zerstört.

Und wegen dieser Sünde, die uns hässlich und kaputt macht, ist Jesus Christus auf die Welt gekommen. Er war ebenso zornig auf die Sünde. So zornig, dass Er eine Peitsche aus Seilen machte und damit die Leute aus dem Tempel verjagte, die mit der Sünde der anderen Menschen ein großes Geschäft machten. Der grausame Tod Jesu am Kreuz von Golgatha hat uns in Gottes Augen wieder sauber und schön gemacht. Wenn wir zu Jesus Christus gehören, dann sieht Gott – wenn Er uns anschaut – nicht uns sündige Menschen, sondern Er sieht Jesus Christus. Weil wir in Jesus Christus verborgen sind.

Und deshalb glaube ich, dass Zorn etwas Heiliges ist. Ich meine damit nicht die Wut im Bauch, wenn man neidisch zusieht, wie der Nachbar schon wieder ein neues Auto in der Garage hat. Heiliger Zorn ist eine Antriebsfeder, die uns dazu bringen soll, gegen die Sünde in der Welt zu kämpfen. Als Christen kämpfen wir vor allem mit dem Evangelium gegen die Sünde. Gottes Reich wird dort gebaut, wo Menschen das Evangelium von Jesus Christus hören und zum Glauben kommen. Dort, wo immer mehr Menschen zum Glauben kommen und sich bewusst unter den Gehorsam unter Gottes Wort stellen, nimmt auch in der ganzen Umgebung die Sünde ab. Zeiten der Erweckung werden zum Beispiel dadurch charakterisiert, dass viel weniger Alkohol getrunken wird und es deshalb weniger Schlägereien und Unfälle gibt. Wo immer mehr Menschen zum Glauben kommen, nimmt die Zahl von Ehescheidungen, von Prostitution und Abtreibung automatisch ab. So breitet sich Gottes Reich durch das treue Verkündigen des Evangeliums aus. Das ist die echte Art der biblischen Gesellschaftstransformation.

Immer mehr Gemeinden kommen jedoch davon ab und versuchen, als Gemeinde Politik zu machen. Das ist nicht biblisch, weil es nicht die primäre Aufgabe der Gemeinde ist, Politik zu treiben. Es ist natürlich die Aufgabe der einzelnen Gemeindeglieder, die in der Politik tätig sind (oder werden möchten), nach biblischen Maßstäben fürs Zusammenleben in der Gesellschaft zu suchen. Das ist die indirekte Art der Gesellschaftstransformation, die aber nicht der Gemeinde als solcher gegeben ist.

Ok, zurück zu Charlie Hebdo und Co. Ich glaube, wie gesagt, dass echter Zorn etwas Heiliges ist, was uns antreiben sollte. Und hier möchte ich meinen Zorn nicht durch ein billiges Substitut ersetzen. Ich meine das so: Ich könnte mein Profilbild wechselb und mich in die riesige Masse der Charlie-Hebdos begeben. Dann habe ich etwas getan. Ich habe einen Einsatz gebracht. Ich habe meine Stimme erhoben. Ich fühle mich wieder gut (oder zumindest besser), weil mein Zorn ein Ventil gefunden hat. Aber mein Zorn gegen die Sünde, die unsere Welt beherrscht, möchte ich nicht für einen Teller des Linsengerichts verscherbeln. Er ist mir heilig. Er soll mich anspornen, soll meine Antriebsfeder sein, um in dieser Welt mehr zu bewegen. Ich hege und pflege ihn. Deshalb bin ich nicht Charlie. Ich bin immer noch ich selbst. Und das ist gut so.

Ich glaube, dass es mit der politischen Einflussnahme mancher Gemeinden ähnlich verhält. Das Evangelium treu zu verkünden bringt keine schnellen Erfolge. Manchmal braucht es Jahre und Jahrzehnte, bis man etwas sehen kann. Aber diese langsamen Erfolge sind erwiesenermaßen größer und wertvoller. Sie bleiben für die Ewigkeit. Das ist es, wofür mein Herz brennt und wofür mein heiliger Zorn gepflegt werden soll.


Dienstag, 16. Dezember 2014

Zum 300. Geburtstag von George Whitefield


Heute vor 300 Jahren, am 16. Dezember 1714, ist George Whitefield geboren. George Whitefield? Wer soll denn das sein? Leider ist er schon länger nicht mehr so bekannt wie er sein sollte. Er war einer der größten und gesegnetsten Evangelisten des 18. Jahrhunderts. Millionen von Menschen haben ihn predigen gehört; und das ist etwas Spezielles – gab es doch damals weder Lautsprecher noch Rundfunk, Fernsehen oder gar Internet.

George Whitefield wuchs unter einfachen Verhältnissen auf. Sein Vater starb, als George zwei Jahre alt war. Acht Jahre später heiratete seine Mutter Elizabeth ein zweites Mal, doch diese Ehe war so schwer, dass sie es nicht lange mit diesem zweiten Mann aushielt. Obwohl das „Bell Inn“, der Gasthof, den sie führte, ziemlich erfolgreich und beliebt war, ging es mit dem Geschäft in der zweiten Ehe beständig abwärts, bis es so schlecht lief, dass George, der inzwischen an der Lateinschule war, diese abbrechen musste, um zu Hause im Gasthof mitzuhelfen. George war damals 15 Jahre alt. Kurz darauf verließ Elizabeth ihren zweiten Mann. George folgte ihr und sie lebten deswegen sehr einfach.

Da er sich kein Studium einfach so aus dem Ärmel schütteln konnte, verdiente er es sich als Diener der reicheren Studenten, die ihm für seine Dienste (er weckte sie, putzte die Zimmer, machte ihnen Besorgungen, und so weiter) ihre alten Bücher fürs Studium und etwas Geld gaben. In dieser Zeit in Oxford lernte er die Brüder John und Charles Wesley kennen, die als Gründer der Metodistenkirche bekannt sind. Um diese beiden Brüder herum sammelte sich eine kleine Gruppe von Leuten, die mit dem Glauben besonders ernst machen wollten. Sie wurden deshalb als „Holy Club“ (Heiliger Verein) und als „Methodisten“ verspottet. In diesem Kreis auferlegten sie sich strenge Pflichten wie das regelmäßige Fasten, gemeinsames Lesen von Erbauungsliteratur, sowie das Führen eines Tagebuchs mit regelmäßiger Selbstprüfung. In seinem Eifer schoss der junge George dabei weit über das Ziel hinaus, bis er durch seine asketischen Übungen krank wurde. Dann endlich fand er den echten Frieden mit Gott – nicht durch Selbstkasteiung, sondern durch die Gnade allein.

Noch während seines Magisterstudiums wurde er von einem befreundeten Pfarrer gebeten, ihn für zwei Monate in London zu vertreten. In dieser Zeit kamen immer mehr Leute in diese Kirche, die den jungen Mann über die neue Geburt sprechen hören wollten. Kurze Zeit später dasselbe wieder, als er dann auch nach Dummer gerufen wurde, um auch dort jemanden zu vertreten. In dieser Zeit wuchs sein Entschluss, er wolle als Missionar nach Georgia über den großen Teich reisen. Doch noch während er sich auf die Reise in die Staaten vorbereitete, gab es plötzlich über Nacht eine Erweckung: Überall, wo er durchreiste und sich verabschieden wollte, wurde er gebeten, zu predigen – und überall wurden von seiner Predigt riesige Massen von Menschen angezogen und viele Herzen aufgeschreckt.

Nach mehreren Monaten Verzögerung konnte er endlich einschiffen und fuhr über den großen Teich in die Staaten. Inzwischen war aber noch etwas anderes passiert: John Wesley, der sein Studium schon früher beendet hatte, war auch als Missionar nach Georgia gereist. Und genau in der Zeit, als Whitefield darauf wartete, dass sein Schiff auslaufen konnte, kehrte Wesley zurück. Ihm war in der Zeit in Georgia bewusst geworden, dass er selbst auch noch eine echte Wiedergeburt nötig hatte. Whitefield kam in die Staaten und predigte in Georgia mehrmals täglich auf den Plätzen, besuchte die Leute, gründete zwei Schulen, und sein Herz wurde vor allem für eine Tätigkeit vorbereitet, die ihn den Rest seines Lebens begleiten sollte: Er wollte in Georgia ein Waisenhaus gründen.

An der Stelle möchte ich kurz innehalten und über etwas nachdenken, was wir von vielen Menschen lernen können, die in der Welt etwas bewegt haben. Der Management-Experte Fredmund Malik hat dafür viele Biographien studiert und sagt etwas ganz Wichtiges dazu: „Das Wesentliche ist, sich auf Weniges zu beschränken, auf eine kleine Zahl von sorgfältig ausgesuchten Schwerpunkten, wenn man an Wirkung und Erfolg interessiert ist.“ (Malik, Fredmund, Führen, Leisten, Leben, Campus-Verlag, 2. Aufl. 2006, S. 110) Bei George Whitefield wird das gut sichtbar, es gab für ihn nämlich ganz exakt zwei Schwerpunkte, auf die er sich spezialisiert hatte: Das Evangelium predigen und Geld sammeln für sein Waisenhaus in Georgia. Und diese beiden Dinge konnte er gleichzeitig machen. 13 Mal hat er unter großen Strapazen den Ozean überquert, der Europa von Amerika trennt, und was ihn dazu getrieben hat, war seine Sorge um sein Waisenhaus. Vermutlich wäre die große Erweckung in den amerikanischen Staaten nicht so schnell und so stark ausgebrochen, wenn Whitefield nicht dort gewesen wäre. Und vermutlich wäre er nicht dort gewesen, wenn er sein Waisenhaus in Georgia nicht gehabt hätte. Ich glaube, dass wir hier einiges zu lernen haben: Uns auf bestimmte einzelne Dinge – unsere Stärken – zu beschränken, diese dafür umso mehr zu trainieren, und nicht mehr alles selbst in der Hand haben zu wollen.

Als Whitefield nach England zurückkam nach seiner ersten Reise, war die Lage verändert. Er konnte zunächst noch in verschiedenen Kirchen predigen, aber immer mehr Pfarrer wurden ihm feindlich gesinnt, weil er so offen und kompromisslos von der Notwendigkeit der Wiedergeburt sprach. Immer öfter wurden ihm die Kanzeln verboten. So wagte er eines Tages den Schritt ins Freie. Durch diesen Schritt wurde eine Grenze gesprengt: Waren seine Predigten bisher durch die Größe der Kirchen begrenzt, konnten jetzt viel mehr Leute kommen, um ihm zuzuhören. Nach kurzer Zeit waren es schon mehrere tausend Zuhörer, die kamen, um ihn zu hören. So ähnlich hört sich der Rest seines Lebens an. Er predigte – wohlgemerkt: ohne Mikrophon, ohne Verstärker und Lautsprecher – vor riesigen Mengen. Einmal müssen es um die 80'000 Personen gewesen sein, die gekommen waren, um ihn zu hören. Und seine Stimme war laut und durchdringend: Sie konnten ihn alle hören.

Als Whitefield 26 Jahre alt war, heiratete er Elizabeth James, eine Witwe, die er bei seinen Reisen in Wales kennengelernt hatte. Sie war zehn Jahre älter als er. Auf mehrere Reisen begleitete sie ihn zunächst, so etwa auch auf die dritte Amerikareise. Später hörte sie jedoch damit auf, ihn dabei zu begleiten. Benedikt Peters schreibt dazu: „Mrs. Whitefield begleitete ihren Mann auf seinen zwei nächsten größeren Reisen: Auf seiner dritten Fahrt nach Amerika und einmal nach Schottland. Danach zog sie es aber vor, zu Hause zu bleiben. Das muss für sie weniger schwer gewesen sein. Jede Frau eines reisenden Reichsgottesarbeiters kennt dieses Dilemma. Sie ist gerne mit ihrem Mann zusammen; wenn sie aber mit ihm auf Dienstreise ist, so ist sie zwar bei ihm, und doch nicht bei ihm, weil der Dienst ihn meist so beansprucht, dass er keine Zeit für seine geliebte Frau hat. So findet sie es weniger schmerzlich, in der gewohnten Umgebung des Heimes zu sein und dort wenigstens die Ruhe zu haben, die sie auf den Reisen nicht findet.“ (Peters, Benedikt, George Whitefield, CLV, 2. Aufl. 2003, S. 263)

Nach vielen Jahren treuen und rastlosen Evangelistendienstes (es wird geschätzt, dass er insgesamt ungefähr 30'000 Predigten gehalten habe) zeigte sich, dass der Mensch auch Raubbau mit seinem Körper treiben kann. Täglich viele Kilometer zu reisen und mehrmals pro Tag zu großen Mengen von Menschen zu sprechen, belastet den Körper auf Dauer sehr. Die meisten Prediger und Pastoren kennen auch das Dilemma der selbständig einzuteilenden Zeit: Zeit für die Gemeinde, Zeit für die Familie, Zeit für gesellschaftliche Verpflichtungen, Zeit für sich selbst. Das ist immer wieder neu zu bedenken. Whitefield war mit 55 Jahren verbraucht. Brennend für Gott, die Rettung von Sündern und Gottes Reich – aber auch ausgebrannt. So starb er auf der siebten Reise in Amerika am 30. September 1770 um 6 Uhr früh. Noch am Abend davor hatte er unter großer Anstrengung gepredigt – in der Nacht hatte er mit Asthmaanfällen zu kämpfen und ging heim in die Ewigkeit.

Wer nach diesem kurzen Überblick Lust auf mehr bekommen hat, findet bei CLV das oben zitierte Buch von Benedikt Peters – entweder zum Kauf als Hardcover oder als kostenloser PDF-Download.


Montag, 9. September 2013

Mark Dever - Persönliche Evangelisation

Mark Dever – Persönliche Evangelisation

„Warum evangelisieren wir nicht?“ Mit dieser Frage und einer ganzen Reihe von Antworten steigt Mark Dever in das Buch ein. Besonders gut und wichtig fand ich folgende Antwort: „Dass wir beim Evangelisieren versagen, liegt zum Teil daran, dass wir ein mangelhaftes Verständnis davon haben. Gott verwendet nicht so sehr die evangelistische Gabe (obwohl es eine biblische Gabe des Evangelisten gibt), sondern die Treue Tausender und Millionen von Christen, die niemals behaupten würden, evangelisieren sei ihre Gabe. Deine Schlussfolgerung, dass du nicht für eine bestimmte Aufgabe begabt seist, befreit dich nicht von der Verantwortung zu gehorchen. Daraus ziehst du vielleicht den Schluss, dass evangelisieren nicht deine Gabe ist, aber es ist immer noch deine Pflicht.“ (S. 21)

Zusammengefasst besteht seine positive Antwort, was wir tun können, aus 12 Schritten: „Wir wollen über 12 mögliche Schritte nachdenken: Bete, plane, akzeptiere es, verstehe, sei treu, riskiere etwas, bereite dich vor, schaue voraus, liebe, fürchte, höre auf und gedenke.“ (S. 20)

Im zweiten Kapitel geht Mark auf das Evangelium ein. Die Schwierigkeit ist, dass heutzutage viel zu viele Menschen ein falsches Verständnis davon haben, was das Evangelium nun ist (und was es nicht ist). Zunächst entlarvt er vier falsche aber leider weit verbreitete Vorstellungen vom Evangelium: Die Gute Nachricht lautet nicht einfach „Ich bin ok“ (S. 28ff), Die Gute Nachricht lautet nicht einfach „Gott ist Liebe“ (S. 31ff), Die Gute Nachricht lautet nicht einfach „Jesus möchte unser Freund sein“ (S. 33ff) und Die Gute Nachricht lautet nicht: „Wir sollen rechtschaffen leben“ (S. 35ff). An dieser Stelle hätte ich gerne noch einen fünften Teil gehabt namens: Die Gute Nachricht lautet nicht: „Wir sollen die Gesellschaft transformieren [oder: verändern]“.

Am Ende dieser vier Teile, die erklären, was das Evangelium nicht ist, kommt er auf den Punkt und macht dem Leser klar: „Wer in unserer Gemeinde in Washington Mitglied werden möchte, den bitte ich, mir das Evangelium in nur einer Minute zu sagen. Wie würdest du das Evangelium in aller Kürze formulieren? Ich habe folgende Kurzfassung überlegt:
Die gute Nachricht des Evangeliums ist: Der wahre und heilige Gott, der alles geschaffen hat, schuf auch uns Menschen, und zwar nach seinem Bild, um ihn zu erkennen. Doch der Mensch fiel in Sünde und Verdammnis. Aber in seiner großen Liebe wurde Gott in Jesus Mensch, lebte ein vollkommenes Leben und erfüllte das Gesetz. Er starb als Sühnopfer am Kreuz und nahm die Strafe all derer auf sich, die zu ihm umkehren und ihm vertrauen. Er ist von den Toten auferstanden, was beweist, dass Gott das Opfer Christi angenommen hat und dass sein Zorn gegen uns gestillt ist. Er ruft uns nun dazu auf, über unsere Sünden Buße zu tun und allein auf ihn zu vertrauen, um Vergebung zu erlangen. Wenn wir unsere Sünden bereuen und auf Christus vertrauen, sind wir wiedergeboren zu einem neuen Leben, einem ewigen Leben mit Gott.“ (S. 38f)

Im dritten Kapitel geht es darum, wem der Auftrag, zu evangelisieren, gegeben ist. Mark Dever macht jetzt klar, dass dieser Auftrag jedem wiedergeborenen Christen gilt. Jeder, der dem Herrn Jesus gehört und Sein Nachfolger ist, hat diesen Auftrag bekommen. Das vierte und fünfte Kapitel dient dazu, eine ausgewogene Praxis des Evangelisierens zu finden. Dies soll mit Ehrlichkeit und auch mit einer gewissen Dringlichkeit geschehen, aber auch mit Freude. Menschen sollen in die Gemeinde eingeladen werden, aber auch dazu, selbst nachzudenken. Ebenso wertvoll sind auch die Hinweise, was kein Evangelisieren ist: Es ist kein Aufdrängen, es ist auch kein persönliches Zeugnis geben, auch kein soziales oder gesellschaftliches Engagement, aber auch keine Apologetik. Diese Dinge können ein Teil des Evangelisierens sein, aber nicht das Ganze.

Wertvoll ist auch das sechste Kapitel, in welchem Mark auf die möglichen Reaktionen eingeht, die auf das Evangelium folgen. Manche lehnen ab, andere sind unentschlossen, aber hin und wieder gibt es auch zustimmende Reaktionen und Menschen, die tatsächlich für den Herrn Jesus gewonnen werden. Im siebten Kapitel geht es um die Motivation, weshalb wir evangelisieren sollen. Was sind unsere Motive dabei? Warum tun wir das überhaupt?

Den Schluss bildet der Epilog, in welchem sich Dever mit neumodischen Techniken auseinander setzt, die die Evangelisation als einen Verkaufsabschluss betrachtet und mit psychologischen Tricks versucht, den „potentiellen Kunden“ dazu zu bringen, etwas zu tun. Leider habe ich solche Techniken schon öfter sehen müssen als mir lieb war. Das Resultat eines evangelistischen Gesprächs hängt nicht von unseren Techniken und Methoden ab, sondern es ist allein von Gottes Wirken abhängig.

Dieses kurze Buch (123 Seiten) ist leicht verständlich, aber wohltuende Kost für jeden, der den Auftrag wahrnehmen möchte, das Evangelium von Jesus Christus weiter zu geben. Ich empfehle es sehr. Wer es bestellen möchte, kann dies hier tun. Übrigens findet im Oktober diesen Jahres in der Arche Gemeinde Hamburg die Eckstein Konferenz zum Thema „Persönliche Evangelisation“ statt, die ich Interessierten auch empfehlen möchte.C. J. Mahaney und Jeff Purswell sind als Gastsprecher eingeladen.

Mittwoch, 4. September 2013

Greg Gilbert - Was ist das Evangelium?

Ich möchte heute ein super Buch vorstellen, in welchem ich immer wieder mit viel Gewinn lese. Es ist ein kleines Büchlein, das eigentlich schnell durchgelesen ist, aber der Inhalt ist derart gut, dass man über vieles gleich mal länger nachdenken muss (oder darf).

Ich spreche von Greg Gilberts Buch "Was ist das Evangelium?" Ich möchte nachfolgend ein paar besondere Leckerbissen zitieren und empfehle wirklich jedem, dieses Buch zu lesen. Es ist theologisch hochwertig, aber auch für den theologisch völlig ungeschulten Laien leicht verständlich, da alles gut erklärt wird. Auch - und vielleicht besonders - für Menschen, die sich für den christlichen Glauben interessieren ist dieses Buch eine super Gelegenheit.

"Egal, wie man es dreht und wendet - zu sagen, dass Jesus Christus gestorben ist, um uns von negativen Gedanken über uns selbst zu retten, ist verwerflich unbiblisch. Tatsächlich lehrt uns die Bibel, dass ein großer Teil unseres Problems darin besteht, dass wir zu groß von uns denken, nicht zu klein. Denken Sie einmal einen Moment lang darüber nach. Womit hat die Schlange Adam und Eva versucht? Sie sagte ihnen, dass sie zu negativ über sich selbst denken. Sie sagte ihnen, sie müssten positiver denken, sich nach ihrem vollen Potenzial ausstrecken, wie Gott sein!" (S. 63f)

"Leider ist die Lehre vom stellvertretenden Opfer vermutlich ein Teil des christlichen Evangeliums, den die Welt am meisten hasst. Die Menschen empört der Gedanke, dass Jesus für die Sünde eines anderen bestraft wurde. Mehr als ein Autor hat dies "göttliche Kindesmisshandlung" genannt. Und doch: Wenn wir das stellvertretende Opfer ablehnen, schneiden wir dem Evangelium das Herz heraus." (S. 83f)

"Der Gedanke, die Gesellschaft müsse durch die Arbeit von Christen sichtbar verändert werden, scheint in letzter Zeit von vielen Evangelikalen Besitz ergriffen zu haben. Ich halte das für ein lobenswertes Ziel und ich glaube auch, dass die Bemühung, sich dem - persönlichen oder system-immanenten - Bösen in der Gesellschaft entgegenzustellen, biblisch ist. [...] Viele "Transformationalisten" gehen aber noch weiter und behaupten, der Auftrag, "die Gesellschaft zu erlösen", sei tief in den Aussagen der Bibel eingewoben. Wenn Gott tatsächlich die Welt neu schaffen will, argumentieren sie, dann liegt es in unserer Verantwortung, uns an dieser Arbeit zu beteiligen. [...] Es geht mir darum, dass unter einigen "Transormationalisten" die gesellschaftliche Erlösung fast unmerklich zur großen Verheißung und zum Mittelpunkt des Evangeliums wird - was natürlich bedeutet, dass das Kreuz bewusst oder unbewusst von diesem Platz verdrängt wird." (S. 136 - 138)

Wer mehr lesen will, möge sich das Buch bestellen. Das kann man hier tun.

Freitag, 23. November 2012

Beten - mit Paulus

Beten – mit Paulus

Ist dir schon mal aufgefallen, wie viel Paulus in seinen Briefen an die Gemeinden betet und von seinem Gebetsleben erzählt? Es geht ihm dabei aber nicht darum, mit seinem Gebetsleben irgendwie anzugeben. Nein, es ist vielmehr eine Ermutigung für seine Leser, zu wissen, der Paulus betet für uns. Und seine Berichte über sein Gebetsleben sagt auch viel über die Prioritäten des Gottesmannes aus.

Analysieren wir doch mal, was Paulus so wichtig ist in seinen Gebeten. Und dann analysieren wir doch auch unser eigenes Gebetsleben und fragen uns: Was ist mir wirklich wichtig? Und was sollte mir denn wirklich wichtig sein? Dazu müssen wir erst mal ehrlich werden vor Gott und vor uns selbst. Ich möchte dich ermutigen, immer mal wieder die Gebete des Paulus, vielleicht auch eines nach dem anderen systematisch, zu untersuchen. Ich bin überzeugt, dass das dein eigenes Gebetsleben auch nachhaltig beeinflussen wird. Und dann stelle dich der Herausforderung der Frage: Was bete ich? Was sind im Moment meine eigenen Prioritäten? Sind es die richtigen Prioritäten?

Zunächst mal eins von Paulus, aus dem ersten Kapitel des Epheserbriefs:

Darum lasse auch ich, nachdem ich von eurem Glauben an den Herrn Jesus und von eurer Liebe zu allen Heiligen gehört habe, nicht ab, für euch zu danken und in meinen Gebeten an euch zu gedenken, daß der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit, euch [den] Geist der Weisheit und Offenbarung gebe in der Erkenntnis seiner selbst, erleuchtete Augen eures Verständnisses, damit ihr wißt, was die Hoffnung seiner Berufung und was der Reichtum der Herrlichkeit seines Erbes in den Heiligen ist, was auch die überwältigende Größe seiner Kraftwirkung an uns ist, die wir glauben, gemäß der Wirksamkeit der Macht seiner Stärke. (Epheser 1, 15 - 19)

In den Versen davor hat er beschrieben, was Gott alles tut, damit ein Mensch gerettet wird. Das ist eine Zusammenarbeit der göttlichen Dreieinigkeit: Des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Alle drei sind beschäftigt damit, uns zu erlösen. Ohne diese Zusammenarbeit könnte kein einziger Mensch gerettet werden. Und weil Paulus weiß, dass Gott bei den Ephesern dies am wirken ist, deshalb hört er nicht auf, für sie zu danken. Er dankt für ihren Glauben an den Herrn Jesus und für ihre Liebe zu allen Gläubigen. Wow, das muss ein Glauben und eine Liebe sein. Paulus sitzt in Rom im Gefängnis und hört dort von ihrem Glauben und ihrer Liebe.

Und dann – bääämmmm – kommt der Umschwung in seinem Gebet: Er bittet auch für sie. Er hat von ihrem riesigen Glauben und ihrer Mega-Liebe gehört und findet es trotzdem nötig, für sie zu bitten. Er tut Fürbitte für sie. Er wünscht sich nämlich, dass sie – trotz des Glaubens und der Liebe – noch weiter wachsen können. Er wünscht sich, dass die Epheser den Geist der Weisheit und der Offenbarung bekommen. Das sind zwei wichtige Geistesgaben.

Sie sollen durch diese Geistesgabe in drei Dingen wachsen:

Erstens in der Erkenntnis Gottes. Sie sollen immer mehr erkennen, wie Gott ist und was Gott möchte. Sie sollen immer mehr so werden wie Gott, das ist das Ziel dieser Erkenntnis. Echte Erkenntnis ist immer sehr praktisch, das heißt sie hat immer Auswirkungen für unser persönliches Leben.

Zweitens in der Erkenntnis ihrer Berufung. Diese Erkenntnis beginnt immer damit, dass man sich selbst zuerst mal kennenlernt. Selbsterkenntnis ist die Erkenntnis, wie unfähig man ist, irgend etwas Gutes aus sich selbst zu tun. Dann aber auch die Erkenntnis dessen, wozu Gott uns als Gläubige berufen hat. Nämlich dazu, so zu werden wie Jesus. Uns nach diesem Maßstab auszurichten und den Auftrag, den Er uns gab, nämlich alle Völker zu Jüngern zu machen, auszuführen.

Drittens in der Erkenntnis der Kraft Gottes. Im Römerbrief schreibt Paulus, dass das Evangelium die göttliche Kraft, das Dynamit Gottes, ist zur Errettung der Menschen. Diese Kraft übersteigt all unsere Vorstellungen. Es ist viel einfacher, einen Toten zum Leben zu erwecken, als einen geistlich Toten, der nichts anderes kann, als sich mit Händen und Füßen gegen das Evangelium zu wehren. Lasst uns also die Kraft Gottes erkennen und in ihr vorwärtsgehen.

Sei gesegnet!

Montag, 1. Oktober 2012

Blogvorstellung Jesus24.de



Liebe Leser,

ich möchte heute mal etwas Neues wagen und möchte Euch ein Blog vorstellen, in welchem ich auch regelmäßig lese und welches ich außerordentlich wertvoll finde. Dies ist das Blog „Jesus24.de“, bzw. „J24“ (Link). Es enthält sehr viele gute Beiträge, die uns im Leben als Christen herausfordern. So zum Beispiel eine achtteilige Serie über die Bedeutung und den Wert der verbindlichen Gemeindemitgliedschaft (Link) oder eine bisher(?) zweiteilige Serie über die Glaubwürdigkeit der Bibel (Link und Link). Da sich viele von Euch für das Evangelium interessieren, wie meine Statistik zeigt, empfehle ich auch herzlich den Blogpost bei J24 zur verändernden Kraft des Evangeliums (Link).

Der Autor, Waldemar Justus, stellt sich in seinem Blog vor: „Meine Leidenschaft und Sehnsucht ist es, meinen Gott und Retter — Jesus Christus — zu verherrlichen. Sein Blut macht mich frei und lässt mich in Seiner Gegenwart aufatmen. Durch seine souveräne Gnade reinigt er mich von jeglicher Schuld und gibt mir überwältigende Freude in seinem Geist. Komm, und sieh selbst!
Soli Deo Gloria — Waldemar Justus“

Ich möchte Euch empfehlen, schaut rein, seht Euch um – und lasst Euch von der wunderbaren Begeisterung für den souveränen Gott anstecken, um den es geht. Der Herr Jesus Christus ist das Zentrum des Lebens und damit auch des Blogs – und das empfinde ich als sehr ermutigend, gerade auch in einer Zeit, in welcher sich mehr und mehr auch im evangelikalen Bereich die Theologie zur Anthropologie wandelt: Statt Gott steht der Mensch im Zentrum, statt der Souveränität Gottes die – angebliche – Souveränität des Menschen, der sich selbst entscheiden, sich selbst entfalten, sich selbst suchen und finden soll.


Sehr herzlich ist auch jeder eingeladen, dem Blog Jesus24 über Facebook (Link), Twitter (Link) und Google+ (Link) zu folgen. 


Mittwoch, 30. Mai 2012

Der unausforschliche Reichtum Christi


Der unausforschliche Reichtum Christi

Mir, dem allergeringsten unter allen Heiligen, ist diese Gnade gegeben worden, unter den Heiden den unausforschlichen Reichtum des Christus zu verkündigen, und alle darüber zu erleuchten, welches die Gemeinschaft ist, die als Geheimnis von den Ewigkeiten her in Gott verborgen war, der alles erschaffen hat durch Jesus Christus, damit jetzt den Fürstentümern und Gewalten in den himmlischen [Regionen] durch die Gemeinde die mannigfaltige Weisheit Gottes bekanntgemacht werde. (Eph. 3, 8 - 10)

Paulus kennt sich selbst ziemlich gut und weiß deshalb auch, wie viel Mist er in seinem Leben gebaut hat. Wie er vor seiner Bekehrung in der ganzen damaligen Welt umherreiste und versuchte, möglichst alle Christen zu verfolgen, zu jagen und ins Gefängnis zu bringen. Auch nach seiner Bekehrung hat er noch nicht das vollendete Ziel erreicht, denn noch immer stöhnte er unter der Last immer wiederkehrender Sünde: Denn ich weiß, daß in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt; das Wollen ist zwar bei mir vorhanden, aber das Vollbringen des Guten gelingt mir nicht. Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will, das verübe ich. Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, so vollbringe nicht mehr ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt. Ich finde also das Gesetz vor, wonach mir, der ich das Gute tun will, das Böse anhängt.“ (Römer 7, 18 – 21) Dieses Problem kennen wir alle. Und wir tun gut daran, uns dessen bewusst zu sein und zu bleiben. Paulus war sich dessen bewusst, deshalb konnte er schreiben: „Mir, dem allergeringsten unter allen Heiligen“. Er war und ist einer der Heiligen, wie dies jeder an den Herrn Jesus Gläubige ist. Dennoch kannte er niemanden, der so viel Gnade empfangen hatte wie er. Vermutlich kann dies jeder echte Christ nachvollziehen und fühlt sich oft auch so wie Paulus: Der allergeringste unter den Heiligen. Derjenige, welcher den größten Anteil an der Gnade hat erhalten müssen, um gerettet zu werden. Es tut nur gut, in diesem Bewusstsein zu leben. Wer die Erkenntnis der Gnade bekommen hat, kennt keinen schlimmeren Sünder als sich selbst. Und Jesus sagte doch bekanntlich: Wem viel vergeben worden ist, der liebt viel. Dieses Bewusstsein, dass der Herr Jesus so groß ist, dass Er sogar solch einen Sünder retten konnte, gibt uns auch Antrieb, im Gebet für andere Menschen dran zu bleiben.

Paulus hatte die Gnadengabe der Evangeliumsverkündigung unter den Heidenvölkern bekommen. Das Evangelium ist der unausforschliche Reichtum des Christus. Es ist insofern unausforschlich, dass es eine unvorstellbare Kraft zur echten Veränderung hat. Es gibt keine Kraft in dieser ganzen Welt, die so stark ist, wie diejenige des Evangeliums. Im Römerbrief nennt Paulus das Evangelium das „göttliche Dynamit zur Errettung für jeden, der glaubt“ (Römer 1, 16). Es ist wirklich eine riesige, unvorstellbar starke Kraft, und zwar die einzige Kraft zur echten Veränderung unseres Lebens. Von unserer Seite aus braucht es einzig die Bereitschaft, uns tatsächlich und vollständig verändern zu lassen. Diese Veränderung ist nicht immer angenehm und schon gar nicht immer einfach. Aber sie ist notwendig, wenn wir von Gott gebraucht werden wollen. Sie hat ihren Preis, aber auch ihren Lohn. Denn es gibt nichts Schöneres auf dieser Welt, als zu wissen, dass man von Gott gewollt, verändert und gebraucht wird, um wiederum anderen Menschen zu genau jenem verhelfen zu dürfen.

Noch immer spricht Paulus hier von dem Mysterium, dem Geheimnis, dass Gottes Plan in einer Einheit aus gläubigen Juden und Nichtjuden, nämlich der Gemeinde, besteht. Dieser Gemeinde ist nun wiederum das Evangelium, also das göttliche Dynamit zur Errettung und Veränderung, anvertraut. Sie soll es verwalten und weitergeben. Dadurch, dass das Evangelium ausgebreitet wird und immer mehr Menschen zum Reich Gottes, der Gemeinde, hinzugefügt werden, wird auch den dämonischen Mächten, Gewalten und Fürstentümern gezeigt, dass Jesus der endgültige Sieger ist, denn Seine Gemeinde wird nicht aufzuhalten sein. Sie wird angegriffen, eingelullt, zerstritten, aber nicht besiegt, denn sie steht auf der Seite des Siegers. Jesus sagte, dass dort, wo Dämonen ausgetrieben werden, das Reich Gottes entsteht und sich ausbreitet. Dasselbe gilt auch für die Ausbreitung des Evangeliums. Denn das Evangelium ist die Proklamation des endgültigen Sieges über all diese Mächte und Gewalten. Ihnen dürfen wir durch die Verkündigung des Evangeliums die Niederlage bekanntmachen. Denn am Kreuz von Golgatha und in der Auferstehung sind sie ein für alle Male besiegt worden. Nicht umgebracht und auch nicht wehrlos, deshalb nicht zu unterschätzen, aber doch besiegt. Und im Namen Jesu ist uns die Macht über sie alle gegeben.