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Donnerstag, 10. August 2017

Neun Fragen an Herrn Böcking

Foto: Christian Langbehn
Vor einer Weile habe ich das Buch „Ein bisschen Glauben gibt es nicht“ von Daniel Böcking gelesen und rezensiert. Nun habe ich Herrn Böcking neun Fragen gestellt, die nach dem Lesen des Buches noch offen geblieben sind, zum Buch, dem Glauben, seinem Beruf und mehr.


  1. Herr Böcking, Sie berichten in Ihrem Buch, dass die Suche nach einer Gemeinde zunächst von einem Church-Hopping geprägt war. Wie sieht das jetzt aus? Haben Sie da eine feste „Heimat“ gefunden?

Ich bin mir oft nicht ganz sicher, was mit der „Gemeinde“ als Heimat gemeint ist. Ich habe eine Gemeinde gefunden, zu der ich sehr gerne sonntags in den Gottesdienst gehe. Das ist das „Berlin Projekt“. Es gibt aber auch viele Sonntage, an denen ich stattdessen etwas Anderes mit meiner Familie unternehme - zum Beispiel, wenn die Kinder unbedingt schwimmen gehen wollen. Dieses „Gemeinde-Ritual“ ist mir also bis heute nicht so vertraut. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass ich eine wundervolle Gemeinde im Sinne von „Gemeinschaft mit anderen Christen“ erleben darf, dass ich eine Heimat bei Jesus und im Glauben und im Austausch mit Christen habe. Diese „Gemeinde“ treffe ich mal im Job, mal in Einzelgesprächen, bei gemeinsamen Frühstücken oder sogar online bei Facebook. Es sind also viele unterschiedliche Christen, mit denen ich großartigen Austausch habe. Aber nicht die eine Gemeinde im klassischen Sinne.

  1. Wie würden Sie die Bedeutung der Gemeinde beschreiben? Was macht die Gemeinde so besonders oder wertvoll?

Ich glaube, dass die Gemeinschaft mit Christen ungeheuer wichtig ist. Schon allein deshalb, weil ich immer wahnsinnig viele Fragen habe. Selbstverständlich auch, weil es nicht immer schnurstracks auf dem Weg läuft, weil man Ermutigung braucht – und weil ich es ganz, ganz toll finde, wenn mich zum Beispiel jemand fragt, ob er für mich beten darf. In meinem persönlichen Fall wäre ich nie umgekehrt, hätte es nicht andere Christen gegeben, die mich begleitet haben. Wenn Sie aber danach fragen, ob es DIE EINE Gemeinde geben muss, in der ich mich zuhause fühle: So ist es mir bislang nicht ergangen.

  1. Wie wird das umgekrempelte Leben von Ihrem Umfeld (Familie, Freunde, Beruf) inzwischen gesehen? Stoßen Sie da noch auf Ablehnung? Wenn ja, wie gehen Sie damit um?

Ich würde gerne von heroischen Gottesbekenntnissen allen Widerständen zum Trotz berichten. Aber so ist es nicht. Meine Erfahrung ist: Wir Christen halten uns manchmal für sonderbarer, als wir gesehen werden. Ich habe kaum Ablehnung erlebt. Klar, nicht jeder teilt meine Jesus-Begeisterung. Aber eben erst habe ich mit einem älteren Herrn aus Berlin telefoniert und wir sprachen zufällig über den Glauben. Ich erzählte ihm, wie gern ich bete. Und er sagte ganz gelassen: „Wissense, dat muss jeder für sich selbst entscheiden.“ Spott oder sogar harte Ablehnung habe ich kaum erfahren. Im Gegenteil: sehr viel Unterstützung. Auch von Nicht-Gläubigen, die aber honorierten, dass jemand zu seinem Glauben und zu seinen Werten steht.
  1. Welche praktischen Auswirkungen hat der Glaube auf Ihre beruflichen Tätigkeiten? Gibt es da etwas, was sich geändert hat? Neue Themen? Andere Schwerpunkte? Verzicht auf bestimmte Themen?

Bevor ich öffentlich über den Glauben geschrieben habe, habe ich mir selbst diese Frage nie gestellt, da ich mich sowohl beruflich als auch persönlich als Christ rundum wohl bei BILD fühle. Ich arbeite gerne hier und weiß, wie professionell wir alle uns mit Themen auseinandersetzen und wie schwer wir uns auch oft mit Entscheidungen tun.
Mir ist bewusst, dass man unsere Arbeit kritisiert und auch kritisieren soll und kann. Schließlich sind auch wir keine Kinder von Traurigkeit. Aber bei manchen Vorwürfen mir gegenüber habe ich das Gefühl, dass jemand BILD einfach persönlich ablehnt – was sein gutes Recht ist - und das mit Glaubensargumenten vermischt. Ich habe viele Diskussionen darüber geführt. Am Ende ist stets die innere Gewissheit geblieben, dass es sehr gut und richtig für mich ist, bei BILD zu sein und dass es wunderbar ist, an einem Ort zu arbeiten, der solche Diskussionen zulässt und mir die Freiheit schenkt, auch öffentlich darüber zu sprechen. Ein Sprichwort, das ich sehr mag, sagt: „Wo Gott dich hingesät hat, da sollst du blühen.“

  1. Sie sind ja täglich mit den Online-Medien beschäftigt. Was würden Sie der jungen Generation, die jetzt damit aufwächst, mitgeben, wie ein gesunder, sinnvoller Umgang damit (auch gerade vom christlichen Standpunkt aus gesehen) aussehen könnte?

Mir gefiel stets der Ratschlag: Zeig/schreib/poste nur das, was auch deine Mutter und dein Chef oder Lehrer sehen kann. Mein Ratschlag wäre eher für die ältere Generation: Seht euch das genau an – auch digital gibt es lebendige Christengemeinschaft. Mir begegnen inzwischen immer häufiger Christen zum Beispiel auf Facebook, die ihren ganz privaten ‚Gottesdienst’ von ihrem Sofa live ins Internet übertragen. Da gucken dann mal 50, mal 100 andere zu und kommentieren. Das wirkt erstmal etwas schräg – aber mich freut es jedes Mal, weil es zeigt, wie groß die Möglichkeiten im Netz sind. Anderes Beispiel: Ich habe diverse Gemeinde-Podcasts abonniert und höre mir deren Predigten beim Joggen an. Ist doch wundervoll, wie leicht es ist, geistlich aufzutanken dank der Digitalisierung.

  1. Was wäre Ihre Empfehlung an junge Menschen, die selbst im Journalismus arbeiten wollen, welche Gewohnheiten machen einen guten Journalisten aus, und wie können diese geübt werden?

Neugier ist da natürlich eine der wichtigsten Tugenden. Ansonsten gibt es kaum noch einen klassischen Weg in den Journalismus. Früher war es: Freie Mitarbeit, Volontariat, evtl vorher noch ein Studium. Heute gibt es so viele unterschiedliche Möglichkeiten, Geschichten zu erzählen, dass jemand, der wunderschöne Grafiken auf Facebook postet, von uns vielleicht mit Kusshand genommen wird – auch wenn er vorher noch nie journalistisch gearbeitet hat. Das können wir ihm ja noch beibringen. Das ist eine der großen Veränderungen: ALLE Disziplinen im digitalen Journalismus kann man kaum noch beherrschen. Deswegen ist es total sinnvoll, viel auszuprobieren – und sich dann zu spezialisieren.

  1. Wo sehen Sie in Ihrem persönlichen Leben gerade Punkte, an denen Sie am Lernen sind oder neue Schritte gehen?

Ich lerne von morgens bis abends dazu. Das ist mir wichtig zu betonen: Ich weiß, dass ich ein Buch schreiben durfte und Interviews geben darf, weil die Mischung aus „Christ“ und meinem Job offenbar ganz interessant ist. Nicht, weil ich besonderes Wissen oder irgendwelche neuen Erkenntnisse hätte. Deshalb ist es mein voller Ernst, wenn ich sage, dass ich in Dauer-Lern-Schleife bin. Ich entdecke jeden Tag etwas Neues. Ich muss lernen, dass die Jesus-Begeisterung auch mal abflaut. Dass ich mich auch mal anstrengen muss, damit die Beziehung zu ihm so wach und lebendig bleibt. Aktuell frage ich mich oft, wie denn sein Masterplan für mich aussieht. Dann komm ich ins Grübeln. Neulich stolperte ich in so einem Moment wieder über einen meiner Lieblingsverse: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit. So wird euch das alles zufallen.“ Das hat mich dann wieder ruhig gestimmt und mir einen Fokus gegeben.
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  1. Sie berichten von der Flüchtlingsarbeit in Berlin. Wie sieht die Lage derzeit aus? Wo gibt es noch Handlungsbedarf, falls ein Leser sich da auch noch beteiligen möchte?

Wenn jemand helfen möchte, dann sollte er sich am besten zum Beispiel an die Caritas wenden und eine ehrenamtliche Vormundschaft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge übernehmen. Da wird händeringend gesucht. Vermutlich gibt es noch viele Möglichkeiten zu helfen. Aber hier weiß ich, dass der Bedarf groß ist und den Geflüchteten wirklich etwas bringt.

  1. Haben Sie sonst noch etwas auf dem Herzen, was möglichst jeder hören und lesen soll?

Ich habe eh schon viel zu lang geantwortet. Ich hoffe einfach, dass noch viele Menschen dieselbe Entdeckung machen, die ich machen durfte: Wie wundervoll, vernünftig, einladend, rettend und begeisternd der Glaube an Jesus Christus ist. Viel zu oft verbinden Menschen mit dem Glauben etwas Hartes, Unsympathisches. Ich habe ihn als genau das Gegenteil kennengelernt. Als Liebe pur.

Vielen Dank für die Antworten!

Samstag, 15. Juli 2017

Buchtipp: Die Honigfabrik

Tautz, Jürgen, Steen, Diedrich, Die Honigfabrik, Gütersloher Verlagshaus, 2017, Amazon-Link, Verlagslink

Vielen Dank an das Gütersloher Verlagshaus für das Rezensionsexemplar des Buches. Jürgen Tautz ist seit vielen Jahren ein bekannter Forscher und Autor über die Honigbiene und die Imkerei. Spätestens seit dem Buch „Phänomen Honigbiene“ wird er von vielen Lesern geschätzt. Da mich die Biene schon seit Langem sehr interessiert, und ich zudem gerne Honig esse, war ich auf das neue Buch von ihm gespannt.

Die Gestaltung des Buches lässt das Herz eines echten Bücherfreundes höher schlagen: Ein originell gestalteter Schutzumschlag, dazu ein farblich abgestimmtes Lesebändchen, das ein Buchzeichen überflüssig macht, stabiles Papier, eine gut lesbare Schrift in einer angenehmen Größe, immer wieder Schwarz-Weiß-Grafiken im Text, und das Ganze mit einer kleinen aber feinen Sammlung von wichtigen Farbbildern am Schluss abgerundet.

Die Wunderwelt der Bienen – eine Betriebsbesichtigung“, so lautet der Untertitel des Buches. Es ist ein Rundgang in mehrfacher Hinsicht: Ein Rundgang durch die Honigfabrik, ein Rundgang durch das Bienenjahr, und nicht zuletzt auch ein Rundgang durch die bisherige Forschung, die dieses spannende Lebewesen „die Biene“, aber auch den „Superorganismus Bien“, also das Bienenvolk als Ganzes, betrifft. So liest man – immer wieder sehr humorvoll und leicht lesbar – etwa vom „Rudelkuscheln in der Kiste“, „Callboys für die Königin“ oder „Zickenterror mit Todesfolge“.

Bienen lassen sich relativ leicht auf bestimmte Muster „trainieren“, d.h. sie werden hinter einem Muster mit Zuckerwasser belohnt, während sie hinter dem anderen Muster leer ausgehen. Höchst spannend ist ein Versuch, bei welchem Bienen zwischen einem Bild von Monet und einem von Picasso unterscheiden lernen mussten. Beim Austausch von Bildern durch andere derselben Maler und derselben Kunstrichtungen hat eine Mehrzahl von Bienen die Struktur hinter den Bildern schnell erkannt (vgl. S. 122f).

Bienen sind gleichzeitig zwei Arten von Organismen: Jede Biene funktioniert für sich selbst und kann selbständig eine Menge Aufgaben erledigen, und doch kann jede nur in der Gesamtheit ihres Volkes überleben. Bienen müssen einander wärmen, sobald es kälter wird. Tautz schreibt: „Bienen sind besonders kälteempfindliche Insekten. Eine einzelne Biene wird bei einer Temperatur von etwa plus 10 Grad Celsius bewegungsunfähig und stirbt bei etwa plus 4 Grad Celsius. Hängt man allerdings eine ganze Bienenkolonie in eine Kühlkammer, geht es dem Volk bis zu Temperaturen von minus 40 Grad Celsius und darunter sehr gut.“ (S. 42)

Für mich als Theologen ergeben sich daraus natürlich zwangsläufig Analogien zur Gemeinde, in welcher es zwar nicht ums „Rudelkuscheln“ wie im Bienenvolk geht, aber doch jeder Einzelne für den „Superorganismus Gemeinde“ und für die Gesundheit der Lehre jedes einzelnen anderen mitverantwortlich ist. Wo diese Verantwortlichkeit nicht gelebt wird, kommt es immer wieder zur faulbrutartigen Verbreitung von Irrlehren und anderen schweren Irrtümern, an welchen auch häufig ganze Gemeinden zugrunde gehen. Wo die Nähe zu einer gesunden, „wärmespendenden“ Gemeinde fehlt, erkaltet auch sehr schnell das gesamte Fundament des Glaubens.

Für wen eignet sich das Buch? Bei dieser Frage, so empfinde ich es zumindest, kommt eine kleine Schwäche des Buches zum Vorschein. Es ist ein Buch (frei nach F. Nietzsche) „für alle und niemand“, allerdings im umgekehrten Sinne als es Nietzsche dazumal verstanden haben wollte. Die Honigfabrik ist für jeden verständlich, doch fällt mir keine Lesergruppe ein, von der ich sagen kann: Die muss es gelesen haben, für diese ist es ein „Must-Read“. Es eignet sich für alle, die gerne mehr über die Bienen erfahren. Ein Imker wird relativ wenig wirklich Neues erfahren (für mich als interessierter Laie und Nichtimker war die Sache mit Monet und Picasso so ziemlich das Einzige, was ich tatsächlich noch nicht wusste). Es eignet sich aber für jeden Imker, der sein Wissen um den Bien gerne von einer neuen, humorvollen und auf den Punkt gebrachten Sichtweise und in verständliche Sprache gekleidete Art und Weise betrachten möchte. Es lohnt sich auch für den Imker, dieses Buch seinen Kunden weiterzuempfehlen, welche sich für den Honig und die Bienen interessieren. Und nicht zuletzt möchte ich es jedem ans Herz legen, der gerne über die wunderbare Schöpfung Gottes staunt. Wir können von den Bienen sehr viel lernen und die Autoren haben ein Werk vorgelegt, in welchem für alle Leser verständlich ein äußerst spannender Bereich dieser Schöpfung vermittelt wird. Zwei Dinge hat das Buch besonders in mir ausgelöst: Nun habe ich Tautzens Buch „Phänomen Honigbiene“ endgültig auf meine „To-Read“-Liste gesetzt, und zudem eine Vorfreude für die nächste Gelegenheit bei befreundeten Imkern mal wieder mitzuhelfen bekommen.

Ich gebe dem Buch 5 von 5 möglichen Sternen.


Sonntag, 23. April 2017

Buchtipp: C. S. Lewis für eine neue Generation

Strebel, Hanniel, C. S. Lewis für eine neue Generation, Folgen Verlag 2017, Amazon-Link

Dies ist der erste Band von Hanniel Strebels Buchserie über verschiedene Vorbilder des Glaubens des 20. Jahrhunderts. Clive Staples Lewis ist vor allem durch sein siebenbändiges Werk „Die Chroniken von Narnia“ bekannt. Lewis war eigentlich ein Literaturwissenschaftler, der Christ wurde, und versuchte, seinen starken Intellekt mit seiner Phantasie zu verknüpfen und daraus vor dem Hintergrund des biblischen Weltbildes neue Literatur zu erschaffen. Deshalb ist sein Lebenswerk auch so vielfältig, denn er fand sehr viele unterschiedliche Formen, um dies zu tun.

Hanniel Strebel stellt das Leben und Werk von C. S. Lewis sehr komprimiert vor, aber doch ausführlich genug, um alles Wichtige zu erwähnen. Zwischen den zwei biographischen Abschnitten im Buch führt Hanniel das Hauptelement von Lewis' Leben ein: Die Sehnsucht nach der Freude. Bereits im Kindesalter hatte Lewis ein Erlebnis, das ihn prägte: Eine unbeschreibliche Freude. Doch er merkte: Er konnte diese nicht selbst herstellen, sondern sie nur suchen; ab und zu wurde er von ihr überrascht. Später im Leben merkt Lewis, dass es eigentlich Jesus Christus war, den er suchte.

Da ich das Leben von Lewis und viele seiner Bücher bereits kannte, war für mich vor allem der letzte Abschnitt des Buches interessant: Lernfelder. Was können wir von C. S. Lewis' Leben für uns lernen? Was kann er uns für den Alltag mitgeben? Der wichtigste Punkt ist für Hanniel – und ich stimme ihm darin zu – dass Vernunft und Phantasie (Imagination) keine Gegensätze sind, sondern zusammen ein enorm kräftiges Werkzeug sind, das zu Gottes Ehre gebraucht werden kann, darf und soll. Ich möchte das Buch besonders für junge Menschen empfehlen, die Lewis besser kennenlernen möchten. Hanniel schafft es sehr gut, gerade diejenigen Details herauszuarbeiten, die noch nicht so weitherum bekannt sind.


Sonntag, 16. April 2017

Mit dem Campingbus bis Australien

Blum, Bruno, Der weiteste Weg. Mit dem Campingbus bis Australien, Delius Klasing Verlag, 2017, Amazon-Link

Bruno Blum ist mit seiner Freundin unterwegs im Campingbus. 2,5 Jahre haben sie Zeit. Ihr Ziel: Australien. Über viele spannende Erlebnisse berichtet Blum in diesem Buch, auch angereichert mit weiteren, gut recherchierten Infos. Etwa über die Entstehung der Seide und ähnliches. Immer wieder werden sie angehalten, besonders in den ehemaligen Sowjet-Staaten versuchen Polizisten ihren mageren Lohn aufzubessern, indem sie die Touristen finanziell melken. Aber auch viel Gastfreundschaft dürfen sie erleben und werden auf ihrer Reise immer wieder eingeladen, bei Einheimischen ihre Zeit zu verbringen und die verschiedenen Kulturen kennenzulernen. Schon die Motivation für das Reisen finde ich interessant: „Für mich besteht die Faszination zuallererst darin, keinen alltäglichen Verpflichtungen und gesellschaftlichen Zwängen ausgesetzt zu sein. Ungebunden und weit weg von zu Hause fühlt man sich so ungemein lebendig. Man lebt ohne Vergangenheit oder Zukunft; was zählt, ist einzig der Moment. Das Ziel liegt nicht im Ankommen, sondern im Unterwegssein, in der vorüberziehenden Landschaft mit all ihren Farben und Formen und dem Ungewissen, das hinter der nächsten Kurve wartet.“ (S. 8) Für Blum ist das Reisen zu einer „Sucht“ (ebd.) geworden. Ich würde hinzufügen: Es ist auch eine Flucht vor sich selbst; eine Flucht vor der Vergangenheit und der Zukunft, eine Flucht vor Verantwortung.

Das Buch selbst ist mit zahlreichen Bildern versehen und wirklich sehr schön geworden. Fast auf jeder Seite findet sich zumindest ein kleineres Bild, auch gibt es immer wieder doppelseitige Landschaftsaufnahmen von atemberaubender Schönheit. Geschrieben ist es sehr persönlich und spannend, aber auch recht kurz gefasst; fast könnte man sagen: Die 2,5 Jahre sind in enorm komprimierter Form zusammengestellt, aber doch insgesamt in einer stimmigen Form. Es wird nicht jedermanns Sache sein, aber wer Reiseberichte und schöne Bilder in einer hochwertigen Zusammenstellung mag, wird bei diesem Buch auf seine Kosten kommen.

Freitag, 7. April 2017

Buchtipp: Francis Schaeffer für eine neue Generation

Strebel, Hanniel, Francis Schaeffer für eine neue Generation, Folgen Verlag, 2017, eBook, Link

Francis Schaeffer, der Mann, der vor bald 33 Jahren gestorben ist, der davor in den Schweizer Alpen ein Glaubenswerk aufgebaut hat, das weltweit viel Frucht gebracht hat, von dem tausende von jungen Menschen auf der Suche profitiert haben. Dieser Mann, der mir in vielen Dingen ein Vorbild ist, wird im neuen Buch von Hanniel Strebel „Francis Schaeffer für eine neue Generation“ vorgestellt. Schaeffer war ein sehr feinfühliger Mann, der mit scharfem Intellekt, einem Gespür für das Wesentliche und einer riesigen Portion Nächstenliebe den Studenten und Besuchern half, den christlichen Glauben lebensnah zu entdecken. Er wusste, was Glaubenskrisen und Zweifel sind, da er sie am eigenen Leib erfahren hatte. In seinem kurzen Buch stellt Hanniel das Leben und Wirken, aber auch die Bücher vor, die Schaeffer geschrieben hatte. Für die meisten von uns sind die Bücher der einzige Zugang zu Schaeffer; es sei denn, wir kommen mit den von ihm geprägten ehemaligen Studenten in Kontakt.

Ich finde die Idee, die hinter der Buchserie steckt, sehr wertvoll. Der Autor stellt verschiedene wichtige christliche Denker vor. Im ersten Band C. S. Lewis, in einem späteren Band soll etwa auch J. I. Packer vorgestellt werden. Es geht darum, dass dies in jeweils einem kurzen Band geschehen soll, der in einer Sitzung gelesen werden kann.

Ich bete, dass Gott uns neue Denker wie Lewis und Schaeffer schenkt, die auch der neuen Generation ins Leben sprechen können, sie verstehen und auf die Widersprüche in ihrem Denken aufmerksam machen können. In aller Geduld und Liebe, aber auch in aller nötigen Deutlichkeit. Möge unserer Generation das Buch von Hanniel zu einem solchen Segen werden und uns zu dem zurückrufen, was uns Schaeffer schon vor vielen Jahren zu sagen hatte.


Montag, 3. April 2017

Buchtipp: Und dann kam Pia

Dernelle-Fischer, Rebecca, Und dann kam Pia. Du hast uns gerade noch gefehlt! Neufeld Verlag Schwarzenfeld, 2017, Amazon-Link

Auf jesus.de (im ganz neuen Design) ist meine kurze Rezension zu einem Buch erschienen, das ich wirklich von Herzen empfehlen möchte. Es handelt sich um die Geschichte der Familie Fischer, die Pia, ein Mädchen mit einem zusätzlichen Chromosom, auch Trisomie 21 oder Down Syndrom genannt, adoptiert. Ich habe schon seit vielen Jahren ganz großen Respekt vor dieser Entscheidung der Familie Fischer, und muss nach dem Lesen des Buchs beschämt zugeben: Während andere (wie ich) noch dabei sind, sich lauthals mit Worten gegen Abtreibung einzusetzen, haben sie bereits die ersten praktischen Schritte getan, um zu helfen. In der Rezension drüben schreibe ich:

Am Ende ist Pia dann richtig adoptiert. Ganz spannend: Bei der Adoption erklären sich Adoptiveltern dazu bereit, für immer und ewig die Eltern des adoptierten Kindes zu bleiben. Diese Schilderung der Gefühle, die diesen Schritt begleiteten, haben mir auch ein paar Tränen in die Augen getrieben. Ich konnte das Buch nicht zur Seite legen – bis weit nach Mitternacht hat es mich gefesselt. Ja, Menschen mit Down-Syndrom sind unendlich wertvoll, unendlich gewollt und unendlich geliebt. Wir brauchen sie. Sie bereichern unsere Gesellschaft und sind ein Segen.“ (Mehr hier)

Es ist ein Buch, das ich wirklich jedem empfehlen kann. Jedem, der ein Herz für Menschen hat. Jedem, der sich überlegt, wie man in dieser Welt einen Unterschied machen kann. Das heißt nicht, dass jeder denselben Weg gehen soll. Aber es ist ein sehr ermutigendes Beispiel, wie dies ganz praktisch geschehen kann, das uns alle zu Kreativität anspornen kann (und – so würde ich subjektiv geschätzt hinzufügen – möchte).

Auf YouTube gibt es inzwischen eine dreiminütige Kurz-Reportage über Pia und ihre Familie (englische Untertitel zuschaltbar): YouTube-Link


Samstag, 11. Februar 2017

Fragen zu den Feuerschreibern und der Reformationszeit

Nachdem ich vor ein paar Tagen die Rezension zum Buch „Die Feuerschreiber“ hier im Blog veröffentlicht habe, nahm ich Kontakt mit der Autorin Claudia Schmid auf. Ihr durfte ich ein paar Fragen zu ihrem Buch, ihrer Arbeit und der Reformationszeit stellen. Nachfolgend meine Fragen mit den Antworten von Frau Schmid.


1. Hallo Frau Schmid, bitte stellen Sie sich doch einmal kurz vor: Ihren Werdegang und besonders auch wie es zu Ihrem Interesse an der Reformation gekommen ist.

Claudia Schmid: Ich habe nach einigen Jahren der Berufstätigkeit Germanistik und Betriebswirtschaftslehre studiert, mein Ehemann und ich haben eine gemeinsame erwachsene Tochter. Wir wohnen ziemlich mittig zwischen Heidelberg und Mannheim in der Nähe des Neckars. Vor beinahe zehn Jahren veröffentlichte ich meine erste Kurzgeschichte. Mittlerweile sind es über vierzig, dazu haben sich sechs Bücher gesellt.

Mein Mann und ich haben in der Nikolaikirche in Isny im Allgäu geheiratet, weil mein Mann von dort stammt. In deren Turm befindet sich ein kostbares Kleinod, nämlich die Prädikantenbibliothek. Sie ist in ihrem Original-Zustand erhalten, sogar der Teppich, der zum Schutz auf dem Tisch lag, weil die Bücher ja regelrecht „aufgeschlagen“ wurden, ist noch ein Original. Gegen Ende des dreißigjährigen Krieges gab es einen verheerenden Stadtbrand in Isny, wie durch ein Wunder blieb der Kirchturm mit dieser Bibliothek erhalten. Während meines allerersten Besuchs in der Prädikantenbibliothek, als ich in diesem ganz besonderen Raum mit diesen kostbaren Bücherschätzen stand, fing ich Feuer für das Zeitalter der Reformation.

Denn in Isny gründete einer der Männer, der bei Luthers Heidelberger Disputation im April 1518 anwesend war, die erste hebräische Druckerei im deutschen Sprachraum, auch Bücher aus dieser Druckerei befinden sich in der Prädikantenbibliothek. Er arbeitete gemeinsam mit dem jüdischen Gelehrten Elias Levitha, der dazu, wie damals üblich, zu Fuß anreiste. Von Venedig über die Alpen, und das, obwohl er bereits siebzig Jahre alt war. Der Reformator war Paul Fagius, geboren in Rheinzabern. Das liegt in der Nähe unseres Wohnortes, und so kam es, dass ich anfing, mich mit der Reformation zu beschäftigen. Zuerst habe ich mich dem Thema mit historischen Kurzgeschichten angenähert, dann habe ich vor einigen Jahren den Roman „Die brennenden Lettern“, quasi eine Romanbiographie des Paul Fagius, geschrieben. Daraufhin entstand bei mir der Wunsch, nochmals einen Reformationsroman zu schreiben, bei dem ich so richtig tief in die Materie eintauchen konnte. Ich gestehe, dass ich es liebe, ausdauernd und umfassend zu recherchieren und mich mit Empathie in meine Figuren einzufühlen. Mit der Arbeit an dem Roman „Die Feuerschreiber“ ist dieser Herzenswunsch in Erfüllung gegangen. Dafür bin ich dem Verlag Fontis sehr dankbar.

2. Was ist Ihnen bei Ihrer Beschäftigung mit der Reformationszeit wichtig geworden? Gibt es Dinge, die Sie ganz neu erkannt haben?

Claudia Schmid: Philipp Melanchthon setzte sich unermüdlich für die Bildung aller ein, etliche Schulgründungen entsprangen seiner Initiative. Für ihn war Bildung unerlässlich. Alle Reformatoren, auf die ich während meiner Recherche aufmerksam wurde, waren fürsorgliche Familienväter, die viel Kraft aus der Liebe zu ihren Familien schöpften. Und, was ein wesentlicher Punkt ist, sie hatten keine Angst vor falschen Autoritäten.

Geschichte ist immer auch eine Geschichte der Macht, von Beherrschung, Bedrohung und von der Gier nach Reichtum. Ich gewann den Eindruck, dass es den Reformatoren nicht um Macht und um eigene Vorteile ging. Sie wollten eine Erneuerung der Kirche zum Wohle aller Menschen, die Gemeinschaft sollte davon profitieren. Es waren mutige Menschen, von denen etliche sogar ihr Leben riskierten und auch ließen, weil sie etwas Höheres als sich selbst gesehen haben, sich dabei aber nicht über die anderen stellten.

3. Was können heutige Kirchen und Freikirchen ganz konkret von der Reformationszeit lernen?

Claudia Schmid: Mein historischer Roman bietet einen Einstieg in die Thematik der Reformation. Weiterreichendes können Interessierte im Selbststudium und im Rahmen ihrer Gewissensbildung für sich selbst erarbeiten und selbst Rückschlüsse daraus auf unser Leben heute übertragen.

4. Sie hatten für Ihre Recherche die Gelegenheit, eine ganze Menge Literatur zu Luther, Melanchthon und auch zur Reformation insgesamt zu wälzen – wohl mehr als ich im ganzen Leben werde lesen können. Mal angenommen, es gibt Blogleser, die durch Ihr Buch ein großes Interesse an der Reformation und den Protagonisten gewonnen haben. Welche (für Laien einfach verständliche) Literatur würden Sie empfehlen, um fortzufahren?

Claudia Schmid: Ich habe wirklich sehr viel gelesen! Über die Fernleihe der hiesigen Universitätsbibliothek habe ich unzählige Bücher bestellt und ich war in Archiven, um dort vor Ort in der vorhandenen Literatur zu lesen. Es ging für mich als Romanautorin zusätzlich zu theologischen Aspekten auch darum, herauszufinden, wie die Menschen damals lebten, wie haben sie sich ernährt, wovor hatten sie Angst, was hat sie beschäftigt, wie war die politische und soziale Lage. Was hat sie angetrieben, was wollten sie verändern und erreichen?

Mein absoluter Favorit ist über all die Jahre, in denen ich mich mit dem Thema Reformation beschäftige, das 1000seitige Buch von Diarmaid MacCulloch, „Die Reformation 1490 – 1700“ geblieben. Es hat einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal. Ich liste es mit einigen weiteren Titeln in der Literaturliste meines Romans „Die Feuerschreiber“ auf.


5. Gibt es für Sie persönlich Fragen, die noch offen geblieben sind? Über welche Themen und Fragen würden Sie gern mit den Reformatoren sprechen, wenn das möglich wäre?

Claudia Schmid: Das ist eine sehr interessante Frage! Ehrlich gesagt, habe ich sie mir noch nie gestellt. Für mich als Schriftstellerin wirft sie eine Reihe von weiteren Fragen auf, etwa: In welcher Form wäre ich den Reformatoren begegnet? Welcher sozialen Schicht hätte ich angehört? Würde es mir gelingen, von meinem Hier und Jetzt zu abstrahieren und mich im Kontext der damaligen Zeit zu bewegen und zu denken? Das ist sehr spannend. Ich denke, ich wäre gerne bei einer Arbeitssitzung dabei gewesen, als die Gelehrten im Schwarzen Kloster gemeinsam an der Übersetzung des Alten Testaments arbeiteten. Aber als stille Beobachterin. Und sobald die Zeitmaschine mich wieder ins Heute befördert hätte, hätte ich sofort ALLES aufgeschrieben.

6. Gibt es schon weitere Projekte, an denen Sie arbeiten, und von denen Sie ein wenig erzählen können?

Claudia Schmid: Die gibt es. Aber ich gehöre zu den Kreativen, die ihren eigenen „workflow“ ausbremsen, sobald sie darüber reden. Soviel: Das Zeitalter der Reformation bleibt meine bevorzugte Epoche für historische Texte.

7. Welche Tipps würden Sie jemandem geben, der mit dem Gedanken spielt, selbst einen historischen Roman zu schreiben?

Claudia Schmid: Für ein Thema bedingungslos brennen! Lesen, lesen, lesen! Alles, aber auch wirklich alles, was damit zu tun hat und was man bekommen kann. Die ganz alten Bücher darf man ja nicht ausleihen oder sie sind in einer Form verfasst, die für uns heute schwer lesbar ist, beispielsweise in einer Schriftart, die nicht mehr gebräuchlich ist. Da ist es dann zu empfehlen, zu recherchieren, ob dieses Buch in einer neuen Herausgabe erhältlich ist. Unbedingt an die Orte reisen und verweilen, an denen der Roman handelt! Versuchen, einzutauchen in die damalige Zeit und vom Heute abstrahieren, sich selbst zurücknehmen. Und dann, wenn man sich an so einem Ort befindet und ihn mit all seinen Sinnen aufnimmt, wenn die Romanfiguren zum Leben erwachen, wenn man sie sieht und riecht und sie zu einem sprechen, dann ist es soweit, mit dem Schreiben zu beginnen.

Vielen Dank für Ihre wertvollen Antworten!

Claudia Schmid: Ich bedanke mich für die Fragen und für das Interesse an meinem Roman.


Donnerstag, 26. November 2015

Buchbesprechung: Welt unter Sechs von Beile Ratut

Ratut, Beile, Welt unter Sechs, Ruhland Verlag Bad Soden, 2015. Link im Verlag / Amazon

Vielen Dank an den Ruhland-Verlag und die Agentur Literaturtest für die Zusendung des Rezensionsexemplars. Mit großem Interesse habe ich das Buch „Welt unter Sechs“ von Beile Ratut gelesen.

Die Autorin Beile Ratut ist Finnin, hat lange Zeit in Frankfurt am Main gelebt und schreibt auf deutsch. Es ist ihr drittes Buch, die zwei anderen habe ich allerdings nicht gelesen. Ich fand es spannend, dass sich eine Frau auf die Suche nach der Antwort auf das Problem der fehlenden Männlichkeit macht. Sie verarbeitet das Thema in drei kurzen Romanen, die jeweils ungefähr 60 Buchseiten umfassen.

Bücher lesen ist etwas, was jeder Mensch aufgrund seiner Prägung unterschiedlich macht. Ich werde deshalb kurz meinen Hintergrund und meine Vorgehensweise erläutern. Wer das langweilig findet, darf diesen Abschnitt gern überspringen. Ich bin ein freikirchlich geprägter und theologisch geschulter Mensch, der sehr gerne liest. Leider komme ich zu selten zum Lesen von Romanen, habe für diese jedoch eine mir eigene Vorgehensweise entwickelt. Ich lese das Buch jeweils dreimal hintereinander, jedes Mal mit einer anderen Frage im Hinterkopf. Dazu mache ich mir Notizen und Unterstreichungen am Buchrand. Beim ersten Durchgang ist meine Frage: „Wie wirkt das Buch auf mich? Welche Geschichte erzählt es? Was will das Buch in mir erreichen?“ Beim zweiten Durchgang frage ich mich: „Wie ist die Weltanschauung des Autors oder der Autorin?“ Dabei geht es um die Fragen nach Herkunft der Welt (Schöpfung), Herkunft des Bösen (Sündenfall) und wie das Gute wiederhergestellt werden kann (Erlösung). Beim dritten Durchgang frage ich mich, welche Fragen oder Probleme die Geschichte anspricht und wie diese beantwortet oder gelöst werden. 

Die drei Geschichten
Die Hauptperson der ersten Geschichte ist ein Pfarrer, 55 Jahre alt, verheiratet, allerdings kinderlos geblieben. Er war ein guter Kommunikator, einer, der die richtigen Worte zu treffen wusste um die Menschen zu trösten; und er liebte seinen Beruf, weil er sich auf diese Weise gebraucht fühlte. Seine Frau hatte sich in den Jahren der Ehe immer weiter von ihm zurückgezogen, sie war oft im Garten. Plötzlich entdeckte der Pfarrer, dass seine Gesichtshaut mit einem riesigen Schandmal „verziert“ war. Er konnte sich nicht mehr sehen lassen, versteckte sich, und hatte dadurch Zeit, sich Gedanken zu machen. Er erkannte nun, dass er nicht wirklich glaubte, was er predigte, und dass auch seine Frau sich nicht einfach so von ihm zurückgezogen hatte, sondern deshalb, weil er sie nie nahe genug an sie herangelassen hatte. Am Ende fanden sie einander, fanden Worte für einander und dann wurde seine Frau auch endlich schwanger.

In der zweiten Geschichte geht es um Heinrich, einen Wissenschaftler, der sich durch seine Forschung einen Namen gemacht hatte. Auch er war verheiratet; doch er hatte einen Sohn. Am Anfang der Geschichte erfährt man, dass der Sohn weggelaufen war. Der Sohn war sehr anhänglich, zart, mitfühlend, lebte ganz in der Welt der Mutter. Heinrich sah das mit Sorge, er wusste nicht, wie Sebastian von der Welt der Mutter in die Welt des Vaters hinüberwechseln sollte. Heinrich hatte das auch ohne Vater lernen müssen; bei ihm war es ein Ritual, das eine Art Vergewaltigung war, die durch andere Schüler des Internats ausgeübt worden war. Mantraartig wiederholt er in der Geschichte, er habe seinem Sohn nichts getan, ihm nur die Hand auf den Kopf gelegt und ihm das „Wissen der Mannbarkeit“ (u. a. S. 65) geschenkt. Schreckerstarrt erfährt der Leser zum Schluss, worin das bestand. Diese Geschichte endet mit dem Versprechen Heinrichs, seinen Sohn zu suchen und nicht aufzuhören, bis er ihn gefunden habe.

In der dritten Geschichte erzählt ein alter Mann, ein Bettler, seine Geschichte. Bei ihm starb der ältere Bruder als er noch ein Kind war. Er selbst führte daraufhin ein sehr unstetes, von vielen Liebschaften und einer Abtreibung geprägtes Leben. Er heiratete sehr spät und hatte sich nach einigen Jahren von seiner Frau entfremdet. Einer seiner Kollegen vergewaltigte die Frau dieses Mannes und er glaubte ihr nicht einmal. Als sie den Kollegen dazu bringen wollte, ihrem Mann seine Tat zu gestehen, rastete der Kollege aus und vergewaltigte sie noch einmal, bevor er sie im Wald bewusstlos schlug, mit Benzin übergoß und verbrannte. Der alte Mann bekam dann in einem Kloster von einem jungen Priester eine Antwort auf die Frage, was es bedeute, an Gott zu glauben. So fand er schlussendlich als alter Mann echten Frieden.

Meine persönlichen Gedanken dazu
Beile Ratut spricht tatsächlich viele wichtige Themen an, die das Mannsein oder Mannwerden ausmachen. Verantwortung tragen, Zeit haben, Ehrlichkeit, sich ganz öffnen, sich verwundbar machen, Sexualität und die Suche danach, der Weg vom Kind zum Mann, und so weiter.

Heinrich, der Vater in der zweiten Geschichte, machte sich Gedanken dazu: „Was sollte aus dem Kind werden? Wer würde ihm helfen, aus der Welt seiner Mutter in die Welt des Mannes zu treten? Wie sollte aus ihm ein Mann werden, der in dieser Wirklichkeit nicht unterging? War es nicht Verrat an seinem eigenen Blut, ihn damit allein zu lassen?“ (S. 77f)

Auch die Unterhaltung – eine der seltenen Passagen in der direkten Rede – in der ersten Geschichte ist wertvoll:
Dann sagte sie vorsichtig: „Ich bin nicht dein Feind – ich bin deine Frau.“
Und ich bin dein Mann“, sagte er, wie um sie daran zu erinnern, welche Ehre ihm gebührte. Doch ihm gebührte keine Ehre.
Ich will dich sehen wie du wirklich bist“, fuhr sie fort. „Aber ich sehe nur einen Mann, der mir ausweicht. Warum machst du das? Kannst du mir denn nicht in die Augen schauen und mein Ehemann sein?““ (S. 49)

So habe ich zahlreiche Absätze im Buch als echt wertvolle Hinweise auf solch wichtige Themen angestrichen. Zugleich stelle ich aber auch kritische (An-)Fragen an das Buch:

1) Der Umgang mit der Sprache. Die Sprache wird häufig gebraucht, um Emotionen aufzubauen. Ratut versucht, Sprache zu verstärken, indem sie Sätze inhaltlich und zuweilen auch äußerlich sinnlos und falsch aufbaut. Das erinnerte mich an die – natürlich falsche – Sichtweise von Friedrich Nietzsche, welcher schrieb:
Überall ist hier die Sprache erkrankt, und auf der ganzen menschlichen Entwickelung lastet der Druck dieser ungeheuerlichen Krankheit. Indem die Sprache fortwährend auf die letzten Sprossen des ihr Erreichbaren steigen musste, um, möglichst ferne von der starken Gefühlsregung, der sie ursprünglich in aller Schlichtheit zu entsprechen vermochte, das dem Gefühl Entgegengesetzte, das Reich des Gedankens zu erfassen, ist ihre Kraft durch dieses übermäßige Sich-Ausrecken in dem kurzen Zeitraume der neueren Civilisation erschöpft worden: so dass sie nun gerade Das nicht mehr zu leisten vermag, wessentwegen sie allein da ist: um über die einfachsten Lebensnöthe die Leidenden zu verständigen.“ (Friedrich Nietzsche, Unzeitgemäße Betrachtungen IV, Kp. 5)
Wie Nietzsche scheint also auch Ratut der Meinung zu sein, dass Sprache weniger Sinn, Inhalt und Information, sondern vielmehr Emotion weitergeben soll. Das macht das Buch jedoch auch deutlich schwieriger lesbar. Deshalb frage ich mich, wen sie zum Zielpublikum machen möchte. Das Buch wird deshalb kaum junge Männer ansprechen, die sich diese Gedanken noch nicht gemacht haben. Lesebegeisterte und nachdenkliche junge Männer, die sich diese Frage auch schon gestellt haben, werden vermutlich auch nicht so viel Neues darin finden.

2) Gibt das Buch Antworten? Ja und nein. Ich vermute, dass Ratut sich das Buch als eine Gesamtkomposition gedacht hat. Drei Geschichten, die aufeinander aufbauen. Durch den Aufbau ergibt sich eine Art Antwort – wobei die Antwort dann im Glauben an Gott zu finden ist. Die einzelnen Geschichten geben für sich allein jedoch keine Antworten und auch kaum Hilfestellung zu einer besseren Lösung.

3) Wo oder wie ist Erlösung zu finden? Hier kommt meine wichtigste Frage an das Buch. Wenn Ratut den Leser dazu führen möchte, durch den Gesamtaufbau des Buches zu erkennen, dass der Glaube zum echten Mannsein gehört (und ich würde ihr darin völlig zustimmen), dann müsste das die letzte Geschichte noch besser herausarbeiten. Wenn sich der (in Glaubensdingen unkundige) Leser fragt, wie er dorthin kommt, ist er am Ende verlassen. Außerdem ergeben die Geschichten – wenn man sie einzeln liest – ein ganz anderes Bild. In der ersten Geschichte könnte man meinen, Malessa (die Frau des Pfarrers) sei am Ende die Erlöserin. Die zweite Geschichte spricht vom Schöpfer der Welt, den Heinrich um Vergebung bitten wolle. Auch hier fehlt eine Menge. Und in der dritten Geschichte findet der Erzähler die Antwort beim Priester im Kloster. Dort lautet sie, an Gott zu glauben, bedeutet: „Verkriech dich in den Fels und halte dich im Staub versteckt vor dem Schrecken des Herrn und vor der Pracht seiner Majestät.“ (S. 180) Keine der drei Antworten, die die drei Geschichten geben, wird den Leser zum Frieden mit Gott bringen. Eine konkretere Antwort zu finden bleibt Sache des Lesers. Auch wenn manchmal Teile der Bibel, etwa das Buch der Psalmen, genannt werden, fehlt der konkrete Hinweis darauf, dass dort die Antwort zu finden ist. Ebenso auch der Hinweis, wie diese Antwort aussieht.

Mein Fazit
Beile Ratut hat ein Kunstwerk geschaffen, das viele gute Dinge anspricht und den Finger wohltuend in manch eine Wunde hält. Dennoch ist es ein Kunstwerk, das manche Fragen offen lässt und auch nicht für jedes Publikum geeignet ist. Man muss zunächst mit ihrem Schreibstil klarkommen. Wie bereits angesprochen besteht das Buch aus fast keinen Dialogen und hat wenig Handlung – das meiste spielt sich in den Köpfen der Personen ab. Man muss damit klarkommen. Ebenso muss man die drei Geschichten am Stück und in der vorgegebenen Reihenfolge lesen, damit man hinter die Geschichten sieht – obwohl jede von völlig anderen Personen und Umständen berichtet.


Dienstag, 31. März 2015

Gregory Koukl - Taktik

Ich möchte in diesem Post von heute das Buch „Tactics“ von Gregory Koukl vorstellen. Es soll keine Rezension sein, sondern ich werde einfach meine Notizen, die ich mir beim Lesen gemacht habe, teilweise mit Anmerkungen von mir, posten. Insgesamt gesehen ist es ein exzellentes Buch, das ich nur weiterempfehlen kann.

Was ist das Ziel des Buches? Koukl möchte seine Leser dazu ausrüsten, auf freundliche Art und Weise Menschen zum Nachdenken über den Glauben zu bringen. Man muss dazu kein Evangelist sein oder sonstwas, sondern es sind ein paar einfache Schritte, die jeder Mensch lernen kann, der seinen Mitmenschen einen Anstoß zum Nachdenken geben möchte.

Koukl nennt das wichtigste Werkzeug für diese Art und Weise die Frage. Dabei gibt es einige verschiedene Arten von Fragen, die er auf bestimmte Weise benennt. Es ist m. E. Nicht so wichtig, dass man diese Arten von Fragen genau auswendig lernen kann, wichtig ist, zu wissen, wie man sie anwendet.

Am Anfang steht ganz grundlegend die Frage zur Definition. Die meisten Menschen, die dem Glauben kritisch oder skeptisch gegenüber stehen, haben sich noch viel zu wenig Gedanken darüber gemacht. Ich kann das bestätigen; das gilt nicht nur für die USA, wo Koukl lehrt, sondern genauso für unsere Gegenden. Solche Fragen sind etwa:
- Wie meinst du das? Kannst du das näher erklären?
- Noch genauer: Was soll daran irrational (oder unglaubwürdig, etc.) sein?
- An was für einen Gott glaubst du nicht?
Das Ziel dieser Fragen ist, dass der Andere sich überhaupt erst damit auseinandersetzen muss, was seine Überzeugungen sind (und was nicht). Viele Menschen kommen bereits damit an ihre Grenzen, weil es für sie bisher einfach selbstverständlich war: Wer nicht glaubt, ist auf der neutralen Seite und wer glaubt, muss das erklären können. Tatsache ist: Auch derjenige, der etwas nicht glaubt, muss dies ebenso begründen können wie der, welcher etwas glaubt.

Nach den Fragen zur Definition gibt es Fragen, um Schwächen zu finden. Wenn der Andere also imstande ist, seine Überzeugungen näher zu definieren, so können wir ihn mit weiteren Fragen konfrontieren, die dazu dienen, seine Überzeugungen zu überprüfen:
- Wie gut hast du dich mit anderen Glaubensrichtungen befasst?
- Was denkst du, was Jesus gelehrt hat?
Manchmal meinen Menschen, dass Christen intolerant sind, weil sie möchten, dass auch alle anderen ihre Weltanschauung teilen. Hier hilft etwa die Frage:
- Gehst du wählen? → Wer wählen geht, möchte auch, dass allen anderen Menschen des Landes das Leben unter seiner Weltanschuung teilen müssen.
- Was ist deine Weltanschauung? → Warum sollte irgend jemand anderes diese ernst nehmen?
- Wie bist du zu diesem Schluss gekommen?
Wie überprüft man Weltanschauungen?
1.) Ist sie möglich?
2.) Ist sie plausibel / vernünftig?
3.) Ist sie wahrscheinlich? Ist es die beste Erklärung?

Man tut gut daran, mit diesen Fragen das Gespräch in eine bestimmte Richtung zu leiten. Dazu eignen sich richtungsweisende Fragen. Am besten man sucht sich dabei etwas aus, was der Andere kennt. Beispiel Strafe bei Verbrechen:
- Denkst du, dass Menschen, die ein Verbrechen begehen, dafür bestraft werden sollen?
Beispiel Abtreibung:
- Das Kind ist vor der Geburt bereits auf der Welt – nur eben im Mutterleib versteckt! Warum sollte man ein verstecktes Kind ermodern dürfen, aber nach der Geburt nicht mehr?
Es ist wichtig, dass man zuerst eine Basis schafft, der beide Personen zustimmen können. Von dieser Basis aus kann die Weltanschauung des Anderen gezielt befragt und getestet werden.

Der Umgang mit „Suizid-Sätzen“. Manchmal gebrauchen Menschen Sätze, die sich – offen oder versteckt – selbst widersprechen:
- Es gibt keine Wahrheit! (Dann ist diese Aussage auch nicht wahr)
- Es gibt keine absoluten Aussagen! (Aber dann wäre diese Aussage auch nicht absolut)
- Niemand kann irgend eine Wahrheit über den Glauben wissen! (Woher weißt du das?)
- Du kannst nichts sicher wissen! (Bist du dir sicher?)
- Über Gott zu reden ist bedeutungslos! (Was bedeutet dieser Satz über Gott?)
- Wahrheit lässt sich nur durch Erfahrung ermitteln! (Woher weißt du diese Wahrheit? Durch Erfahrung?)
Bei jedem Satz können wir prüfen, ob der Satz seinem Inhalt tatsächlich standhält!

Häufig wenden Menschen ihre eigenen Überzeugungen auf andere an, obwohl sie sich selbst als tolerant betrachten. Koukl nennt dies „Praktischer Suizid“, also dass die Praxis nicht mit der Theorie übereinstimmt.
- Ein echter Relativist müsste sagen: „Für mich ist XY falsch, aber das hat nichts mit dir zu tun. Bitte ignoriere mich einfach.“
- Ein echter Determinist müsste sagen: „Ich gebrauche überhaupt keine Argumente, um meine Sicht darzulegen, denn es ist ja eh schon alles determiniert.“

Irgendwann im Gespräch können wir versuchen, dem Anderen „das Dach abzunehmen“ (to take off the roof). Diese Strategie bedeutet, wir nehmen die Weltanschauung des Anderen wie eine Landkarte und machen darauf eine Testfahrt in der Realität.
Zu Beginn tun wir dann gut daran, die wichtigsten Punkte der Überzeugung des Anderen noch einmal zusammenzufassen. Damit sehen wir selbst, ob wir den Anderen verstanden haben (er bekommt die Gelegenheit, sich selbst in unseren Worten zu hören und kann dem zustimmen oder es noch ergänzen) und zugleich bemerkt der Andere, dass wir ihn ernst nehmen, weil wir gut zugehört haben.
Wenn der Andere zustimmt, dann schauen wir uns die Realität an, in der wir täglich leben. Zum Beispiel das Problem der Schuld: → Wir alle fühlen uns immer wieder schuldig. Warum? → Weil wir es sind!
Beispiel Realität und intelligentes Design: Alles in der Welt läuft passend wie eine Uhr, bei welcher ein Zahnrad ins andere passt. Warum? → Weil alles einen intelligenten Designer hat!
Beispiel Realität und der persönliche Wert des Menschen: Wenn alles Zufall wäre, so hätte der Mensch keinen persönlichen Wert. Dennoch behandeln wir (zumindest bestimmte) andere Menschen so, als ob sie einen Wert hätten. Warum? → Weil wir merken, dass sie den tatsächlich haben und uns entsprechend verhalten. Somit ist nicht alles zufällig entstanden.

Zum Schluss gibt uns Koukl noch acht Tipps für solche Gespräche:

1.) Sei bereit dazu.
2.) Halte es möglichst einfach.
3.) Keine religiöse Sprache.
4.) Fokussiere dich auf Jesus Christus
5.) Gib gute Gründe.
6.) Bleibe ruhig.
7.) Erzwinge nichts.
8.) Lass den Anderen nicht gehen, ohne ihm etwas zum Nachdenken zu geben.

Wichtig ist dabei immer, dass wir wissen: Unsere Aufgabe ist es nicht, den Anderen zu überzeugen. Häufig ist das ein schwieriger Schritt, den der Andere gehen muss, um sich überhaupt erst einmal von seinen Überzeugungen zu trennen. Wir müssen da keinen Druck machen, denn Druck ist häufig kontraproduktiv.

Ein letzter Tipp noch, den Koukl auch irgendwo erwähnt: Wir müssen nicht auf jede Frage eine Antwort wissen. Wir dürfen auch einmal sagen: Das ist eine gute Frage, dem werde ich nachgehen. Und dann können wir zu Hause unsere Aufgaben machen und eine Antwort suchen. Koukl empfiehlt, sich für solche Fragen ein Heft anzulegen, in welches man die Fragen mit ihren Antworten einträgt. Dann kann man auf diese immer wachsende Anzahl von Antworten ganz leicht zurückgreifen.

Wer sich für weitere Infos zu diesen Gesprächen interessiert oder auch viele solche Fallbeispiele lesen möchte, sollte sich das ganze Buch nicht entgehen lassen. Leider ist es bisher nur in Englisch erhältlich.

Mittwoch, 26. März 2014

Truth Decay – Die Auflösung der Wahrheit


Über die vergangenen etwa acht Monate hinweg habe ich in unregelmäßigen Abständen und mit zahlreichen Anläufen das Buch „Truth Decay – Defending Christianity against the Challenges of Postmodernism“ von Douglas Groothuis gelesen. Es ist ein wahnsinnig herausforderndes Buch, und manchmal habe ich schon über einen kurzen Abschnitt für Tage oder Wochen zu kauen gehabt. Es ist auf englisch geschrieben, und ich muss vorausschicken, dass es auch sprachlich nicht ganz einfach zu lesen ist. Wer sich aber die Mühe macht und entweder besser englisch kann als ich oder auch ein Wörterbuch zur Seite hat, wird mit den zahlreichen guten Gedanken in dem Buch wahrlich reich belohnt. Groothuis ist von Francis A. Schaeffer beeinflusst, was natürlich aus meiner Sicht für ihn spricht. Man merkt es im Buch nicht nur an den Zitaten von Schaeffer, sondern auch an den glasklaren Gedankengängen, sowie auch an der Deutlichkeit der Sprache und der Liebe zur Kunst. Douglas Groothuis, Truth Decay, InterVarsity Press, 2000, Amazon

In der Einführung (S. 9 - 15) gibt Groothuis einen kurze Einblick in das Thema, sowie einen guten Überblick über den Aufbau des Buches. Er betont mit Angabe von Römer 1, 18 – 20, dass jeder Mensch Gott erkennt, aber zugleich eine natürliche Abneigung gegen diese Erkenntnis hat.

Das erste Kapitel, „Wahrheit in Gefahr“ (S. 17 – 31), handelt von der Wahrheit an sich. Es geht darum, dass in der Geschichte der Menschheit immer davon ausgegangen wurde, dass es Wahrheit an sich gibt. Als die ersten Staaten der USA 1776 ihre Unabhängigkeit ausriefen, konnten sie sich darauf berufen, dass gewisse Wahrheiten selbstverständlich sind, nämlich dass alle Menschen gleich geschaffen wurden, dass sie von ihrem Schöpfer mit bestimmten unveräußerlichen Rechten ausgestattet wurden, wie zum Beispiel Recht auf Leben, auf Freiheit und Streben nach Glück. Mit Richard Rorty und dem Postmodernismus jedoch kommt ein neuer Ton auf: Man müsse die Vorstellung hinter sich lassen, dass es Wahrheit gebe, die für alle Menschen gleichermaßen gültig sei. Diese Vorstellung sei auch in den Evangelikalismus eingedrungen, wo man vor diesen neuen Sichtweisen der Postmoderne kapituliert habe.

Das zweite Kapitel, „Von der Moderne zur Postmoderne“ (S. 32 – 59), beschäftigt sich noch näher mit der geschichtlichen Entwicklung. Die Geschichte wird zuerst von der Vormoderne zur Moderne, danach von der Moderne zur Postmoderne aufgezeigt. Dieser Schritt ist gar nicht so leicht zu beschreiben. Ist jetzt die Postmoderne eine Abkehr von der Moderne oder ist sie einfach der nächste logische Schritt, also gewissermaßen das grenzenlose Ausleben dessen, was als Same bereits in der Moderne angelegt war? Vermutlich beides zugleich. Für Vertreter der Postmoderne ist alles, was gesagt wird, lediglich eine leere Worthülse, die keine objektive Bedeutung hat, sondern von jedem Menschen selbst mit Inhalt gefüllt werden muss. Ein Text kann nicht mehr verstanden werden, weil man nie weiß, womit der Autor seine Worte in seiner eigenen Vorstellung verknüpft hatte. Da diese Sichtweise sich in der Gesellschaft etabliert, verliert die Geschichte ihre Bedeutung. Es gibt keine Geschichte mehr, sondern nur ganz viele Geschichten, so viele, wie es Kulturen oder gar Menschen gibt. Der Verlust der Geschichte geht einher mit dem Verlust der Identität, alles wird gleich gültig und damit auch gleichgültig.

Im dritten Kapitel, „Die biblische Sicht der Wahrheit“ (S. 60 - 82), kommt die Bibel zum Zug. Hier wird eine biblische Sichtweise von der Wahrheit entwickelt, die ich als sehr wohltuend im Chaos dessen empfand, was in den vorangegangenen Kapitel beschrieben wurde. Verschiedene hebräische und griechische Wörter für „Wahrheit“ werden untersucht, ebenso die Stellen, an denen sie auftreten, und Groothuis kommt zu acht wichtigen Schlussfolgerungen: Erstens, Wahrheit ist von Gott offenbart, sie wird nicht konstruiert oder erfunden von Individuen oder Gesellschaften. Zweitens, objektive Wahrheit existiert und ist erkennbar. Gott ist die Quelle der objektiven Wahrheit über sich selbst und seine Schöpfung. Drittens, christliche Wahrheit ist absolut in ihrem Wesen. Sie ist es ohne Ausnahme. Viertens, Wahrheit ist universell, das heißt, sie ist überall anwendbar, sie beschäftigt sich mit allem und schließt nichts aus. Fünftens, die Wahrheit von Gott schließt sich nicht an Trends an. Sechstens, Wahrheit ist ausschließend, spezifisch und gegensätzlich. Für jedes theologische „Ja“ gibt es eine Million „Neins“. Siebtens, Wahrheit ist systematisch und einheitlich. Wahrheit ist eins, so wie Gott eins ist. Achtens, Wahrheit ist ein Ziel, und kein Zweck zu einem Ziel. Sie soll um ihrer selbst willen gewollt und gesucht werden. Ein wahrlich wohltuendes Kapitel!

Im vierten Kapitel, „Die Wahrheit über die Wahrheit“ (S. 83 – 110), beschreibt Groothuis die heutige Schwierigkeit, überhaupt von Wahrheit zu sprechen. Der Postmodernismus kennt auch Konzepte von der Wahrheit, die allerdings nichts mit der biblischen Sicht zu tun haben. Der Autor stellt fest, dass er bei einer Veranstaltung zum Thema „Spiritualität“ herausfand, dass er mit einer Muslima mehr gemein hatte als mit den meisten übrigen Besuchern. Obwohl sie sich darin unterschieden, WAS denn nun die Wahrheit sei, waren sie sich doch einig, DASS es tatsächlich objektive Wahrheit gibt. Wichtig ist in diesem Kapitel der Abschnitt über die postmoderne Sicht von Sprache und Wahrheit. Der Postmoderne betrachtet die Sprache als Konstrukt einer Gesellschaft und zugleich als Konstrukt des Individuums. Auf diese Weise gibt es keinen gemeinsamen Boden mehr, auf dem man sich objektiv verständigen kann. Zugleich betrachtet der Postmoderne auch das Wort „Wahrheit“ mit kritischem Blick, weil er denkt, dass dieses Wort zu lange missbraucht worden sei, um Menschen zu unterdrücken.

Das fünfte Kapitel, „Die postmoderne Herausforderung an die Theologie“ (S. 111 – 138), handelt von den Schwierigkeiten, die das postmoderne Denken in Bezug auf die biblische Wahrheit macht. Sehr gut finde ich die Feststellung von Groothuis, dass auch die Poesie theologische Aussagen macht. Sie ist nicht nur dazu da, um unsere Gefühle zu bewegen, sondern (und gerade) auch, um theologisch korrekte, wahre Feststellungen zu machen. Christus gehört jeder Quadratmeter des Universums, deshalb sind die Aussagen der Bibel auch nicht nur für die Menschen innerhalb der christlichen Gemeinschaft, sondern sie gelten allen Menschen universell. Die Bibel ist Offenbarung der Wahrheit, weshalb sie das Medium ist, durch welches jede Gesellschaft, jede Theorie und jede Aussage geprüft werden muss. Auf der einen Seite muss da die Abwehr gegen die Moderne sein, die versucht hat, die göttliche Offenbarung dem Verstand zu unterwerfen, zugleich aber auch die Abwehr gegen die Postmoderne, welche das Vorhandensein der universellen Wahrheit leugnet.

Im sechsten Kapitel, „Postmoderne und Apologetik“ (S. 139 – 160), kommt Groothuis auf sein wichtiges Anliegen der Apologetik zu sprechen. Es geht um die Frage: Wie können Christen in der postmodernen Welt die biblische Weltanschauung verteidigen? Zunächst müssen wir sehen, dass Jesus Christus von seinen Nachfolgern verlangt, bestimmte Wahrheiten zu glauben, ihnen zuzustimmen und sich selbst Christus als Gott hingeben und anvertrauen. Dafür braucht man bestimmte Dinge zu wissen. Manche davon können aus der Natur und dem eigenen Gewissen (s. Römer 1 und 2) abgeleitet werden. Andere kommen aus der göttlichen Offenbarung in der Bibel. Auf jeden Fall können diese gesehen, gehört, festgestellt, verstanden und akzeptiert werden. Wir brauchen nicht davor zurückzuschrecken, dass die Bibel voll von übernatürlichen Wundern ist, weil unser Anfangspunkt nicht der Mensch in seiner begrenzten Erfahrung ist, sondern der übernatürliche, allmächtige und allwissende Gott.

Dies wird im siebten Kapitel, „Apologetik für Postmoderne“ (S. 161 – 186), breiter ausgeführt. Zu Beginn weist Groothuis auf die Gefahr hin, „relevant“ sein zu wollen. Er betont, dass wir eher darauf achten sollten, uns mit der Kultur und dem Denken den Menschen (kritisch) auseinanderzusetzen, als zu versuchen, möglichst relevant zu erscheinen. Wenn die Welt voll von Künstlichkeit, kultureller Trivialität und billigen, nichtssagenden Worten ist, müssen wir, um Salz und Licht in dieser Welt zu sein, Worte sagen und schreiben, die Gewicht und Bedeutung haben, „Worte, die auf die unerschütterlichen, aber anwendbaren, Wahrheiten von Gottes Reich hinweisen.“ (S. 164) Wir müssen auch sagen, was alles die biblische Wahrheit NICHT lehrt, und wo sie im Gegensatz zu anderen Sichtweisen steht. Wichtig ist auch, dass wir sehen, dass die Gesetze der Logik für alle Menschen gleichermaßen gültig sind. Jede Weltanschauung muss mit den Gesetzen der Logik geprüft werden. Es kann nicht dasselbe gleichzeitig gültig und ungültig sein. Auf die Theorie des Postmodernismus angewandt, bedeutet dies zum Beispiel, dass die Aussage „jede Wahrheit ist nur ein Konstrukt“ auch auf diese Aussage angewandt werden muss, womit die gesamte Theorie in sich zusammenfällt. Warum schreiben Postmodernisten Bücher und lassen diese auch drucken und verlegen, wenn sie meinen, dass Bücher vom Leser nicht verstanden werden können? Der Postmodernismus versagt darin, ihre Aussagen auf sich selbst anwenden zu können und zeigt damit, dass er unfähig ist, irgend etwas in dieser Welt zu erklären.

Das achte Kapitel, „Ethik ohne Realität, postmoderner Stil“ (S. 187 – 210) befasst sich mit der Frage, was der Postmodernismus zur Ethik zu sagen hat. Wenn es keine objektive Wahrheit gibt, kann es dann überhaupt irgend etwas geben, was moralisch richtig oder falsch ist? Der Postmoderne muss – wenn er von moralisch richtigen und falschen Entscheidungen sprechen will – stets auf das abendländisch-christliche Fundament der Wahrheit zurückgreifen. Richard Rorty ist hier zum Beispiel sehr inkonsequent und meint, dass man innerhalb seiner moralischen Tradition bleiben und diese verteidigen solle. Er denkt, dass jede Gesellschaft ihre eigene Moral definieren solle, aber keine ihre eigenen Standards von anderen erwarten könne. Ganz anders Michel Foucault: Er war als konsequenterer Postmoderner für den absoluten Anarchismus. Für Foucault war jede Wahrheit und jede Moral die Quelle der Unterdrückung Anderer. So gesehen ist die Forderung nach Abschaffung aller Gesetze, Regierungen und so weiter, nur der nächste logische Schritt für den Postmodernen. Woher aber Foucault wissen kann, dass es tatsächlich ein guter Schritt sein soll, bleibt im Dunkel. Auch der Postmoderne braucht Maßstäbe, um „gut“ und „falsch“ zu unterscheiden – und widerspricht damit seiner Weltanschauung.

Im neunten Kapitel, „Rasse, Geschlecht und Postmoderne“ (S. 211 – 238), führt Groothuis das Konzept der Minderheiten in der Theorie des Postmodernismus aus. Der Postmoderne betrachtet – wie bereits gesagt – das Konzept der Wahrheit als Mittel, um Minderheiten zu unterdrücken. Dass dies zum Teil so geschehen ist, kann niemand leugnen. Es ist die traurige Wahrheit, dass im Namen der Wahrheit ganze Völker ausgebeutet und eliminiert wurden. Dennoch darf man nicht übersehen, dass die Aufhebung der Sklaverei in den USA auf das Wirken von Christen initiiert wurde. Und so ist es auch wichtig, dass wir das biblische Konzept der Gottesebenbildlichkeit aller Menschen nutzen, und klarstellen, dass allen Menschen dieser Wert zugesprochen werden muss, weil er von Gott gewollt und geschaffen ist. Auch wenn ich den Ausführungen von Groothuis zu seiner gleichmacherischen („egalitarian“) Sichtweise in Bezug auf Mann und Frau nicht zustimmen kann, ist dieses Kapitel dennoch eine große Ermutigung zur Überwindung von Rassismus und Unterdrückung in jeder Form.

Das zehnte Kapitel, „Wahre Schönheit – die Herausforderung an die Postmoderne“ (S. 239 - 262), ist für mich persönlich der Höhepunkt des Buches. Besonders da ich seit Langem denke, dass in unserem Evangelikalismus der Kunst ein viel zu geringer, oft auch belächelter oder gar abgelehnter Platz zugewiesen wird, bin ich den Ausführungen von Groothuis mit großer Freude gefolgt. Dies ist mit ein Kapitel, in dem deutlich wird, wie stark der Autor von Francis Schaeffer beeinflusst ist, nicht nur, indem er Schaeffers Buch „Art and the Bible“ mehrfach zitiert, sondern besonders auch, indem er Schaeffers Gedanken aufgreift und sie selbständig weiterdenkt. Er gibt uns eine biblische Sicht auf die Kunst, die uns hilft, alle Kunst zu beurteilen. Da jedes Medium eine Botschaft an sich enthält, muss auch diese Botschaft geprüft werden. Und dass Kunst ein Medium ist, welches Inhalte übermitteln möchte, wird wohl kaum jemand bestreiten können. Groothuis gibt uns sieben wertvolle Gedanken zur Kunst:
1. Gott schuf die Welt nach Seinem Willen und Design und erachtete sie als „gut“ - bereits bevor der Mensch geschaffen war. Ästhetik ist in dem Sinne nichts individuelles, sondern von Gott erfunden und zu Seiner und unserer Freude.
2. Gott schuf den Menschen nach Seinem Bild – als Haushalter und „Miterschaffer“ unter Gottes Befehl.
3. Es gibt gute Gründe dafür, dass Gott auch am ästhetisch (objektiv) Schönen Freude hat.
4. Die Tragödie kam in die Welt, als die Menschen von der Schlange verführt wurden. Dennoch bleibt der Mensch nach wie vor im Ebenbild Gottes geschaffen und kann so auch Dinge erfinden und erschaffen. Doch auch die guten, von Gott gegebenen, Gaben können missbraucht und gegen den Schöpfer und die Schöpfung eingesetzt werden durch die Sünde.
5. In der Ästhetik scheint die Transzendenz Gottes dennoch manchmal durch.
6. In der Schönheit, mit der die Stiftshütte damals und später der Tempel gebaut werden musste, zeigt sich Gottes Anliegen für die ästhetische Schönheit. Objektiv künstlerischer Wert wurzelt in Gottes Inspiration für dieses Werk. Sogar die Bauleute wurden noch besonders gesalbt für die Schönheit ihrer Arbeit.
7. Ein biblisches Verständnis der Kultur gründet sich darauf, dass die künstlerischen Gegenstände in der zukünftigen Welt gereinigt und transformiert sein werden. Dies sieht Groothuis zum Beispiel in Jesaja 60,5 begründet, wo mitten im Kapitel über die himmlische Stadt davon die Rede ist, dass der „Reichtum der Nationen“ dort sein wird.

Das elfte und letzte Kapitel, „Der Fixpunkt in einer postmodernen Welt“ (S. 263 – 280), handelt davon, dass in einer Welt, in der sich alles bewegt, der einzige Fixpunkt die Wahrheit der Bibel sein kann. Groothuis zitiert Blaise Pascals „Pensées“, wo dieser davon schreibt, dass wenn jeder sich in Richtung des Verderbens bewegt, sich niemand zu bewegen scheint, doch sobald jemand aufhören würde, so erscheine er allen anderen plötzlich als der Fixpunkt. Hier sieht Groothuis die Aufgabe des Christen. Er muss sich auf die Suche nach der Wahrheit machen und dann in Liebe die Konfrontation suchen. Es sei wichtig, dass wir die Lehre von der Berufung wieder entdecken würden. Die Leute würden von ihren „geistlichen Lebensstilen“ und „religiösen Vorlieben“ sprechen, statt von ihren von Gott festgelegten Pflichten, Verantwortlichkeiten und Privilegien. Der Mensch steht im Zentrum statt Gott. Die Lehre von der Berufung besagt, dass es keine Aufteilung zwischen dem Heiligen und dem Weltlichen gibt. Für den Christen ist sein ganzes Leben heilig. Christen sollen ihre Gaben entdecken und diese zu Gottes Ehre verstärken oder verbessern. Dadurch sollen wir eine große Freude entwickeln und es als Abenteuer sehen, nach Gottes Willen zu leben.

Im Appendix, „Fernsehen – Vertreter der Wahrheitsauflösung“ (S. 281 – 295), folgt eine Medienkritik im Stil von Marshall McLuhan, welcher dort auch mehrmals zitiert wird. Warum hilft das Fernsehen, die Wahrheit aufzulösen? Zunächst deshalb, weil im Fernsehen das Bild mehr Kraft hat als das Wort. Das Bild beherrscht das Fernsehen. Es bringt viele Eindrücke an den Sehenden heran, zu viele, um sie alle verarbeiten zu können, und zu schnell, um dies zu tun. Fernsehen manipuliert den Sehenden immer. Es gibt ihm das Gefühl, ein Geschehen miterlebt zu haben, obwohl er nur eine manipulierte – gekürzte und somit veränderte – Version davon gesehen hat. Fernsehen führt zu einer Auflösung der menschlichen Identität. Der Mensch ist nicht mehr selbst derjenige, welcher die Situation beurteilen kann, sondern ein anderer hat sie zuvor schon beurteilt und schickt dem Zuschauer die bereits beurteilte und so veränderte Version ins Haus. Nicht zuletzt bringt das Fernsehen dem Menschen auch eine gefälschte Welt ins Haus, in der alles fragmentiert (aufgesplittert) ist. Zudem fordert es vom Zuschauer, immer „up to date“ zu sein, und nimmt ihm dadurch Zeit, um sich tatsächlich mit der Wahrheit auseinanderzusetzen. Groothuis empfiehlt jedem, eine Zeitlang Fernseh-Fasten zu machen (mindestens eine Woche lang) und sich dabei zu überlegen, was sich in der Zeit für ihn ändert. Da ich sowieso kein Fernsehen habe, überlege ich mir, dies mit dem Internet zu machen.

Das Buch ist sehr lesenswert. Es braucht – wie eingangs geschrieben – eine gewisse Zeit zum Verdauen, aber das ist es mehr als Wert. Da das Buch 2000 geschrieben wurde, nimmt das Internet nur sehr geringen Platz ein. Ich würde mir wünschen, dass dies in einer erweiterten Ausgabe auch noch aufgenommen würde. Insbesondere der Wandel von Web 1.0 zu Web 2.0 hat auch in unserer Gesellschaft große und spürbare Veränderungen hinterlassen. Außerdem vermisse ich ein Literaturverzeichnis. Die Bücher sind in den Fußnoten beim ersten Auftreten vollständig angegeben, aber das Fehlen des gesamten Verzeichnis macht das Suchen etwas umständlich. Oder bin ich da schon zu faul und postmodern?

Wer sich mit dem Thema der Postmoderne oder dem Bezeugen der biblischen Wahrheit in unserer Zeit beschäftigt, dem möchte ich das Buch ans Herz legen.

Dienstag, 18. Februar 2014

Mortimer Adler – Wie man ein Buch liest

Nachdem ich mich bereits Ende letzten Jahres mit dem Lesen von Büchern befasst habe (siehe hier: http://jonaserne.blogspot.de/2013/12/gedanken-zum-lesen.html), war ich sehr interessiert daran, auch mal einen echten Profi dazu zu lesen. Über den amerikanischen Pastor und Theologen John Piper bin ich auf das Buch „How to read a book“ von Mortimer Adler gestoßen. Mehr als einmal empfiehlt Piper das Buch von Adler, so zum Beispiel, wo er in seinem relativ neuen Buch „Think!“ (kostenloser Download als PDF) schreibt:My most moving introduction to the exciting world of serious reading came from Mortimer Adler’s classic, How to Read a Book, which is still in print (and doing nicely at Amazon) seventy years after first being published in 1939.“ (S. 43).

Zunächst unterscheidet Adler zwischen zwei – besser gesagt drei – Arten von Lesen. Es gibt das Lesen rein zum Vergnügen, auf das er im Buch nicht weiter eingeht. Und dann gibt es zwei Arten von Lesen, die er klar unterscheidet: Das Lesen zum Gewinn neuer Information und das Lesen zum Gewinn neuer Erkenntnis. Der Unterschied – so könnte man ihn nennen – besteht zwischen dem passiven und dem aktiven Lesen. Wer passiv liest, meint schon von vornherein, dass er das Gelesene verstehen würde, in Wirklichkeit gewinnt er aber nur neue Information. Er kann nicht wirklich verstehen, was der Autor nun eigentlich sagen wollte und warum er das sagt.

Adler betont sehr zu Recht die Wichtigkeit der Bücher früherer Generationen. Er bedauert, dass dies nicht mehr als so wichtig betrachtet wird und nur noch den Historikern überlassen wird. Wer wissen will, wer wir sind und wie wir zu diesem jetzigen Dasein gekommen sind, wird nicht um die alten Bücher herumkommen. So kritisiert er auch das Schulsystem. Das Bildungssystem, so sagt Adler, und die Kultur erhalten sich gegenseitig aufrecht.

Nach den einführenden Kapiteln kommt Adler auf drei Wege des aktiven Lesens zu sprechen. Wer das aktive Lesen lernen wolle, müsse die drei Wege des Lesens zuerst separat lernen und üben, mit der Zeit würden sie aber leichter zusammenfallen. Dies sind die drei „Wege“:
1. der analytische Weg (der Weg vom Gesamten zu den einzelnen Teilen)
2. der synthetische Weg (der Weg von den Teilen zum Ganzen)
3. der evaluative oder kritische Weg (dabei wird der Autor und sein Bemühen im Buch kritisch unter die Lupe genommen)

Nun gibt es viele Regeln für diese drei Lesewege. Ich versuche sie möglichst kurz und einfach zusammenzufassen.

Für den ersten Weg des Lesens (analytisch) sind vier Fragen wichtig:
1. Worum handelt das Buch? Was ist das Hauptthema oder die Hauptthemen?
2. Was möchte das Buch als Ganzes über dieses Thema aussagen? (in einer kurzen Aussage)
3. Aus welchen Teilen besteht das Buch? Wie gehören diese Teile zusammen?
4. Welches Problem (oder welche Probleme) versucht es zu lösen?

Dazu kommt noch die Schwierigkeit, dass viele Bücher nur dann verständlich sind, wenn sie im Zusammenhang mit anderen Büchern gelesen werden. So zum Beispiel bei Immanuel Kant sein Hauptwerk über die Vernunft, welches aus viel Bänden besteht, die nur im Zusammenhang mit einander verständlich werden. Oder es gibt Bücher, die als Antwort und Entgegnung auf andere Bücher geschrieben wurden. Und dazu kommt, dass Autoren oft dasselbe mit unterschiedlichen Worten beschreiben und verschiedene Dinge mit ähnlichen Worten. Das muss man dabei alles bedenken.

Für den zweiten Weg des Lesens (synthetisch) sind auch wieder vier Fragen wichtig:
1. Welches sind die wichtigen Worte und was bedeuten sie in diesem Buch?
2. Welches sind die wichtigen Sätze und was sagen diese aus? (jeweils in eigene Worte fassen)
3. Welche Argumente gebraucht der Autor, indem er diese wichtigen Sätze zusammensetzt?
4. Von all den Problemen, die der Autor lösen wollte, welche hat er denn nun tatsächlich erfolgreich gelöst?

Dann kommt der dritte Weg (kritisches Lesen):
Bei diesem Lesen geht es darum, dass man bei jedem Buch, das man liest, ein persönliches Urteil abgeben muss. Stimme ich dem Autor zu in seinen Schlussfolgerungen? Falls nicht, sind folgende Fragen hilfreich:
1. Habe ich verstanden, was der Autor nun tatsächlich sagen wollte? Falls nein, habe ich tatsächlich mit all meinen Möglichkeiten versucht, das Beste aus dem Buch zu holen?
2. Bin ich mir sicher, dass ich ehrlich sagen kann, dass ich den Bereich, den das Buch abdeckt, so gut kenne, dass ich mir erlauben kann, den Autor zu kritisieren?
3. Bin ich mir bewusst, dass eigentlich alle Unstimmigkeiten gelöst werden können? Wenn man sich darüber nicht im Klaren ist, kann man die Diskussion auch gleich bleiben lassen.

Wenn man mit dem Autor nicht übereinstimmt, so gibt es nach Adler nur vier mögliche Kritikpunkte:
1. Der Autor ist uninformiert, das heißt, ihm fehlen bestimmte Bestandteile, die zur Lösung seiner Probleme nötig wären.
2. Der Autor ist falsch informiert, das heißt, er geht von falschen Voraussetzungen aus und behauptet, Wissen zu besitzen, das er nicht besitzt.
3. Der Autor ist unlogisch, das heißt, er zieht aus den richtigen Informationen die falschen Schlüsse.
4. Die Analyse des Autors ist unvollständig, das heißt nicht, dass man das Thema noch beliebig erweitern könnte, sondern es bezieht sich darauf, dass für die Lösung seiner Probleme noch mehr Analysen gemacht werden müssten.

Das Buch schließt mit einem Überblick über das Lesen von guten Büchern und der Einführung in die Sammlung der „Great Books of theWestern World“, die unter anderem auch von Adler und Robert M. Hutchins zusammengestellt wurde. Diese Sammlung umfasst 54 Bände – in einer späteren Auflage wurde sie auf 60 Bände erweitert – und sollte meines Erachtens wirklich zu jeder guten gymnasialen Bildung dazu gehören.

Auch wenn mir manche der Regeln nicht ganz neu waren, habe ich dennoch enorm viel Neues dazulernen können. Insbesondere der Aufbau mit den drei Lesewegen finde ich hilfreich – und wünschte, man hätte mir dies schon an der Schule beigebracht. Ich möchte jedem, der gerne liest, dieses hilfreiche Buch ans Herz legen. Ich habe es auf englisch gelesen – kurz bevor ich damit zu Ende war, habe ich gesehen, dass man es auch auf deutsch kaufen kann. 

Übrigens hat vor Kurzem Hanniel Strebel im Blog von Josia - Truth for Youth - auch sehr hilfreiche Tipps zum gewinnbringenden Lesen gegeben.