Sonntag, 28. Mai 2017

100 Jahre Wort-Gottes-Theologie – Festschrift von Michael Freiburghaus

Was passiert, wenn sich vier junge Theologen treffen und gemeinsam eine Vortragsreihe organisieren? Es wird daraus eine neue theologische Bewegung geboren. Vermutlich nicht immer, aber zumindest dann, wenn die Theologen Barth, Brunner, Thurneysen und Wieser heißen. Diese Vortragsreihe fand 1917 statt – also vor 100 Jahren, und zwar in der ev.-ref. Kirche Leutwil, wo damals Eduard Thurneysen Gemeindepfarrer war. Inzwischen sind 100 Jahre vergangen, und nun ist mein Freund Michael Freiburghaus Pfarrer in ebendieser Kirche. Um das 100-jährige Jubiläum dieser Vortragsreihe gebührend zu feiern, veranstaltete er ebenfalls eine Vortragsreihe, in welcher das Leben und Werk der früheren Theologen betrachtet wird. Im vorliegenden Band finden sich die Transkripte der beiden Vorträge zu Karl Barth und Emil Brunner, sowie die abschließende Predigt, in welcher der Ortspfarrer selbst das Leben und Werk von Eduard Thurneysen und besonders dessen Lehre von der bibelzentrierten Seelsorge aufzeigt.

Die Vorträge sind interessant; zuweilen fehlt mir die kritische Distanz zu den Theologen, da die Vorträge eher so etwas wie Hagiographien darstellen. Allerdings muss man dazu auch sagen, dass ein einzelner Vortrag nicht ausreicht, um das gesamte Werk eines dieser Theologen umfassend darzustellen. In dieser Kürze wird es immer Einseitigkeiten geben. Besonders wertvoll ist die Predigt zum Festgottesdienst, weil hier Gottes Wort direkt ausgelegt wird und anhand von diesem Thurneysens Lehre von der Seelsorge entwickelt wird.


Ich wünsche dem Autor, dass von seiner Kirchgemeinde Leutwil-Dürrenäsch eine neue theologische Bewegung im Sinne einer neuen Reformation ausgehen möge, die sich in der Schweiz und im weiteren deutschsprachigen Raum ausbreitet. Gottes Wort allein, der Glaube allein, die Gnade allein, durch Christus allein, und alles zur Ehre Gottes. 

Samstag, 27. Mai 2017

Ein bisschen Glauben gibt es nicht

Böcking, Daniel, Ein bisschen Glauben gibt es nicht: Wie Gott mein Leben umkrempelt, Gütersloher Verlagshaus, 2015, Verlags-Link, Amazon-Link

Zunächst einmal vielen Dank an das Gütersloher Verlagshaus für das Zur-Verfügung-Stellen eines Rezensionsexemplars des vorliegenden Buches.

Dass der stellvertretende Chefredakteur der BILD-Zeitung Daniel Böcking zu seinem Glauben steht und davon in einem (gerade für BILD-Verhältnisse erstaunlich langen) Artikel berichtet, hat mich bereits im April 2015 begeistert. Schon damals (und nicht erst dann) machte ich mir meine Gedanken darüber, ob das undifferenzierte BILD-Bashing, das in manchen christlichen Kreisen ebenfalls beliebt ist, tatsächlich so gut ist. Und heute, zwei Jahre später und im Zeitalter von „Fake-News“- und „Lügenpresse“-Geschrei muss ich mich erst recht davon distanzieren. Viele Journalisten machen einen sehr guten Job – und dafür bin ich dankbar.

Daniel Böcking beschreibt seinen Lebensweg im Buch sehr anschaulich, ehrlich und auch immer wieder selbstkritisch. Zunächst erzählt er von seinem erfolgreichen Leben – nicht nur im Beruf, sondern auch im Fettnäpfchentreten. Von einigen Stories, die ihn beschämt machen, wenn er sich daran erinnert. Aber auch, wie er als Jugendlicher sein eigenes Gottesbild nach dem Prinzip Bibelbastelbogen zusammenstellte. Für eine schlechte Tat kasteite er sich sich selbst eine Weile und dann war die Sache gegessen. Gott ist Liebe, und damit hat sich das. Punkt. Und dann kam 2010, das Jahr, welches mit dem großen Erdbeben in Haiti begann. Er flog selbst mit einem Hilfstransport nach Haiti und lernte dort Menschen der christlichen Hilfsorganisation „humedica“ kennen. Das war eine neue Art von Glauben. So machte er sich auf die Suche.

Was mich an dem Buch begeistert, ist die neue, unverbrauchte Art, von Dingen zu schreiben, die man kaum in Worte fassen kann, ohne dabei auf allzu viel theologisches Vokabular zurückzugreifen. Die ehrliche Art, in sich selbst hineinzusehen und festzustellen, dass da was fehlt. Dass was anders sein sollte. Und die genial einfache Art, seine Bekehrung zu beschreiben. Ein kleiner Auszug:"Es war das glücklichste JA, das man sich vorstellen kann. JA, ich kehre JETZT um! Ab hier gibt es kein Zurück mehr. Auch kein Rechts und kein Links oder ein bisschen kurvig. Nur JA! Geradeaus! JA zu Gott. Ich hatte das Gefühl, als würde mich Gott persönlich umarmen. Alles war so klar, hell und freundlich. Es gab keine Zweifel. Nur Gewissheit und Ruhe." (S. 101f) Also diese Beschreibung hat mich enorm berührt. Da fühlte ich mich um etwa 15 Jahre zurückversetzt, zu dem Zeitpunkt, in welchem es mir sehr ähnlich erging.

Es gab manche Momente, die ich dem Autor gerne erspart hätte, so etwa die mantraartige Meditation nach fernöstlichem Vorbild. Christliche Meditation füllt das Gedächtnis mit dem Inhalt von Gottes Wort, während fernöstliche Meditation darauf abzielt, den Geist des Menschen so zu „leeren“, bis man sich mit der ganzen Welt eins fühlt. In dieser Hinsicht kann Daniel Böcking daraus jedenfalls kein Vorwurf gemacht werden, da es kirchliche Einrichtungen gibt, die solche Praktiken anbieten. Insgesamt finde ich den Bericht auf jeden Fall sehr lesenswert und empfehle ihn mit der vollen Punktzahl sehr gerne weiter.

Montag, 1. Mai 2017

Glaube Liebe Tod

Gallert, Peter, Reiter, Jörg, Glaube Liebe Tod, Ullstein Verlag 2017, Kindle-Version, 384S., Amazon-Link

Der Polizeiseelsorger Martin Bauer versucht, einen Polizisten zu retten, der gerade dabei ist, sich von einer Brücke zu stürzen. Der Versuch gelingt – für vier Stunden. Dann wird der Polizist tot aufgefunden. Er hatte sich von einem Parkhaus gestürzt. Doch irgend etwas stimmt da nicht. Bauer schöpft Verdacht, denn Keunert, der Polizist, wollte sich ja gerade deshalb ins Wasser stürzen, damit er nicht so eine Sauerei hinterlässt. Nun gibt es sie doch. Die Polizei geht von einem Selbstmord aus und Bauer macht sich selbst auf die Suche. Er findet heraus, dass Keunert bereits eine interne Ermittlung wegen Bestechlichkeit gegen sich laufen hatte und die Spur führt ins Rotlichtmilieu. Dort überschlagen sich die Ereignisse, es kommt Drogenhandel ins Spiel und am Ende gelingt es der Polizei dank Bauers Mithilfe und Hartnäckigkeit, den Fall aufzuklären.

Der Einstieg in das Buch ist sehr gut gelungen. Die Leseprobe hat mich gleich gefesselt und ein sehr spannendes Buch versprochen. Besonders hat mich auch interessiert, wie die Autoren theologisch mit der Hauptfigur des Polizeiseelsorgers Martin Bauer umgehen. Das Buch ist leicht lesbar, ich habe es gerne gelesen, aber meiner Meinung nach wurde das Versprechen der ersten Seiten nicht eingehalten. Je länger man las, desto leichter ließ sich vorhersagen, welche Wendung als nächstes eintreffen musste. Vielleicht liegt dies auch daran, dass die Autoren als Drehbuchautoren schon zuviel Routine besitzen und deshalb besser für Filme schreiben sollten, wo sich das Vorhersehbare durch visuelle Effekte leichter überraschend darstellen lässt.

Gut gefallen hat mir, dass die Autoren das Leben im Rotlichtmilieu sehr anschaulich und realistisch beschrieben haben: Die Gewalt und Herabwürdigung, die den Frauen dort täglich begegnet; die Tatsache, dass das kaum jemand freiwillig macht. Auch die fortwährenden Schwierigkeiten der jungen Hauptkommissarin Verena Dohr, an deren Stuhl beständig gesägt wurde, da andere auf ihren Posten neidisch waren, wird sehr schön und natürlich nachgezeichnet. Sie ist die weibliche Nebenheldin, da sie sich am Ende trotz aller Gefahren des Falles annimmt und Bauer auf der Suche nach dem Jungen Tilo, der als Keunerts Sohn aufwuchs, unterstützt. Dass Tilo natürlich ein uneheliches Kind sein muss, wird dem Leser ähnlich aufgebauter Krimis schon längst klar sein, wenn dann endlich diese Bombe platzt.

Als Theologe habe ich zu guter Letzt auch noch ein paar Gedanken zur Theologie des ehemaligen Pfarrers und inzwischen Polizeiseelsorgers Martin Bauer. Wie geht er mit der Bibel um? Zwei Zitate: „Es genügte, die Bibel in der Hand zu halten. Dabei war es egal, um welche Ausgabe in welcher Fassung oder Sprache es sich handelte. Das Buch zu halten gab ihm Kraft. Nur mit der digitalen Bibel auf seinem iPad funktionierte das nicht.“ (Pos. 787) „Bei seinem Bibelroulette war Bauer im Alten Testament gelandet, in den Büchern der Kleinen Propheten. Beim Gerichtstag des Herrn.“ (Pos. 4492) Beide Zitate zeugen von einem magischen Bibelverständnis. Ob er nun Bibelroulette spielt oder aus dem mechanischen Halten der geschlossenen Bibel „Kraft“ beziehen will, immer steckt der Gedanke dahinter: „Die Bibel muss magisch an mir wirken, auch wenn ich mich nicht systematisch mit ihr beschäftige.“

Gottes Plan für unser Leben? Fehlanzeige! „Wieder unterbrach Nicole seine Gedanken. 'Glauben Sie, Gott hat so etwas wie einen Plan für uns?' Bauer schüttelte langsam den Kopf. 'Ich glaube, er gibt uns eine Idee. Wenn wir Glück haben, erkennen wir sie. Den Plan machen wir selbst.'“ (Pos. 4780) Oder auch interessant, ziemlich am Anfang: „Er hatte auf Gott vertraut. Das hatte einem Menschen das Leben gekostet.“ (Pos. 1291)

Und dann muss natürlich auch noch eine Buddhistin erscheinen, um Bauer wieder auf die richtige Spur zu bringen: „'Buddhistische Prinzipien … Ist die Wahrheit so ein Prinzip? Spielt sie eine wichtige Rolle im Buddhismus? Was ist mit ihrer heilenden Kraft?' Sie wurde ernst. 'Im Umgang mit Menschen geht es meiner Ansicht nach weniger um Wahrheit als um Weisheit. […] Buddhismus ist keine Religion. Buddhisten können an Gott glauben.'“ (Pos. 6321) „Zuerst hatte er dem Geräusch ihres gleichmäßigen Atems gelauscht. Dann hatte er gebetet. Irgendwann verwandelte sich die Kraft, die er in sein Gebet legte, in reine Konzentration, der Fokus weitete sich, bis er alles umfasste. Er wusste nicht, was dieses Alles war, aber das machte nichts. Seine Zweifel und Fragen waren darin verschwunden.“ (Pos. 6367) Nun ist der ehemalige Pfarrer gänzlich in die Esoterik abgesunken. Wahrheit ist plötzlich nicht mehr so wichtig, Antworten sind es nicht, nur das Gefühl, mit dem „Allen“ verbunden zu sein. Das erinnert enorm an fernöstliche Meditation, die leider auch in der Kirche immer weitere Kreise zieht.

Fazit: Ein spannender Anfang, viele gute Gedanken und Beschreibungen, die es wert sind, weiter darüber nachzudenken. Die Handlung ist leider häufig zu leicht vorhersehbar, und theologisch bleibt am Ende auch nur noch die Religionsvermischung übrig. Ich gebe dem Buch drei von fünf möglichen Sternen.


Kurzgeschichte: "Kellerkind"

Kellerkind. Von einem, der sich einsperrte, die Welt zu retten. Eine Kurzgeschichte

Vorwort
Liebe Leser, ich bin Kellerkind. Auf meinem Personalausweis steht natürlich ein anderer Name. Da steht „Markus Frei“. Aber so hat mich noch kaum jemand genannt. Seit ich mich erinnern kann, nannten mich alle Kellerkind. Das hat mehrere Gründe. Zum einen ist es so, dass mich der Keller schon immer sehr interessiert hat. Da ist es dunkel, modrig, geheimnisvoll. So ähnlich sah es in mir drin auch lange aus. Doch dazu werde ich später noch mehr erzählen. Der andere Grund ist der, dass mein Leben sehr gut zu diesem Wort passt. Zwar durfte ich mir eine gute Bildung zuteil werden lassen; zumindest hoffe ich, dass der Leser darin nicht enttäuscht wird. Aber ich habe zehn Jahre im Keller verbracht und versucht, die Welt zu retten. Zehn Jahre am Bildschirm, mit einer Couch neben meinem Schreibtisch, bis ich gemerkt habe, dass nicht nur die Welt gerettet werden muss, sondern ich selbst auch. Zehn Jahre auf acht Quadratmetern plus einer kleinen Nasszelle mit Dusche und Klo unter der Erdoberfläche haben mich gezeichnet und zermürbt. Zehn Jahre auf der Suche nach dem heiligen Gral des Weltfriedens, doch am Ende habe ich Frieden mit mir selbst gefunden. Davon möchte ich in den folgenden Zeilen erzählen. Denn ich habe Hoffnung, dass der Leser, welcher diesen Frieden noch nicht kennt, sich mit mir auf die Suche machen wird.
Schon als Kind träumte ich davon, ein Held zu sein. Einer, der die Welt rettet. Einer, der alle Flammen des Hasses und der Kriege auszulöschen vermag. Als kleiner Junge verkroch ich mich oft im Keller meiner Eltern in meine „Höhle“ aus alten Kissen und Wolldecken und spielte mit meinen Plüschtieren „Frieden schaffen“. Irgendwie dachte ich immer, dass man die Menschen (oder eben auch Plüschtiere), wenn sie das Beste für sich nicht wollen, sie eben dazu zwingen müsse. Und wie sehr fühlte ich mich als Held, wenn ich allen meinen Tieren erklärt hatte, wie gut sie es unter meiner Herrschaft als König hätten und sie mir überschwänglich dafür dankten, sie zu ebenjenem Frieden gezwungen zu haben. So kam ich zu der fixen Idee, dass es nötig sein könne, Zwang auszuüben, um die Menschen dazu zu bringen, das für sie Beste zu wollen.
Und dann lernte ich lesen und begann, alle möglichen Heldengeschichten zu verschlingen. Ich lebte in diesen Träumen und war immer der Held im Erdbeerfeld. Irgendwann merkte ich, dass es im realen Leben nicht so leicht ist: Man beginne nur einmal mit der Frage, wo man ein Pferd bekommt, was ein Held doch so häufig braucht. Ich bin ein Kellerkind der Großstadt, und in meinem Umfeld gab es niemanden, der reiten konnte, geschweige denn ein Pferd besaß. Die Betonwüsten meiner Kindheit kannten eher zweirädrige PS-starke Gefährte, für die man erst mal 18 werden musste, um sie reiten zu dürfen. Oder die Frage, woher man weiß, wer gerade gerettet werden muss. Manchmal kam ich meiner Mutter zur Hilfe, indem ich meinen Vater beleidigte, weil ich ihn als meinen Rivalen betrachtete und dachte, sie müsste vor ihm beschützt werden. Doch das machte ich nicht oft. Meist dachte ich nur: Warte nur, wenn ich mal groß bin, werde ich ein Held. Dann mach ich dich so richtig fertig, wie der Held in den Geschichten es mit seinen Gegnern tut. Mein Vater, das muss ich hinzufügen, hat weder mir noch meiner Mutter etwas Schlimmes angetan. Aber für mich war er immer ein Rivale, der mir versuchte, die Aufmerksamkeit der Mutter zu stehlen.

Vom analogen zum digitalen Kellerkind
Und dann bin ich durch den Computer in die digitale Welt gerutscht und das hat irgendwie aus Kellerkind 1.0 plötzlich ein Kellerkind 2.0 gemacht. In meiner Freizeit nutzte ich dieses Medium immer stärker – tagelang. Nächtelang. Wochenendenlang. Schulferienlang. In der Schule war ich eigentlich immer ein unauffälliger, eher einzelgängerischer, begabter aber fauler und somit durchschnittlich benoteter Schüler. Die meisten Fächer fand ich durchaus interessant, aber fesseln konnte mich nur die digitale Welt. Was für ein endloser Horizont tat sich da auf! Wie viele Stunden konnte man surfen und zocken und fand doch kein Ende. Das war meine Zukunft. Da kannte ich mich aus. Das war der Bereich meines Heldenlebens, in dem mir keiner so leicht das Wasser reichen konnte. Dachte ich auf jeden Fall.
Tief in meinem Inneren war ich auf der Suche nach meiner ganz persönlichen Heldenstory. Ich wollte die Welt retten, ich wusste nur nicht, vor wem und wie. Eigentlich bin ich ein sehr tiefer Mensch. Mit „tief“ meine ich, dass ich nicht so schnell zufrieden bin mit einer einfachen Antwort oder einer oberflächlichen Befriedigung. Mit den meisten Menschen kam ich schon deshalb nicht gut klar, weil sie zu schnell zufrieden sind. Weil sie den schnellen Kick suchen und sich dann fragen, warum diese Leere am Ende zurückbleibt. Ich wollte anders werden, und fand doch zunächst lange keine Antwort. Eines Tages wachte ich auf und merkte, dass ich genauso oberflächlich geworden bin wie mein Umfeld. Das machte mir Angst, und ich griff zur nächstbesten Lösung, zu der wohl die meisten oberflächlichen Menschen greifen. Ich suchte Betäubung dieser inneren, unangenehmen Leere.
Manche suchen diese Leere mit Alkohol oder harten Drogen zu füllen. Das war nichts für mich. Ein Held muss schließlich jederzeit abrufbar sein, nicht erst, wenn sich der Kater verflogen hat. Nach kurzer Zeit fand ich eine Alternative. Ich begann, das Internet zu füllen. Manchmal hatten Menschen Fragen, und ich hatte Antworten. Ich konnte helfen und wurde anderen zum persönlichen Helden. Manche ließen sich von mir ihre Hausaufgaben für die Schule erledigen und gaben mir für ein paar Minuten das Gefühl, der große Retter zu sein.
Doch auf Dauer war auch das nicht befriedigend. Ich merkte, wie ich ausgenutzt wurde, wie der letzte Depp. Die Arbeit durfte ich machen, bekam ein paar Worte des Dankes, und damit hatte es sich dann. Das konnte es auch nicht sein. Schließlich wollte ich ja ein Held für die ganze Welt sein. Ich wollte etwas tun, was die Weltgeschichte zum Guten ändern sollte. So etwas wie Graf von Stauffenberg, nur halt dass ich es erfolgreich zu Ende bringen würde. Doch was konnte ich tun, um den Weltfrieden auf die Erde herabzuholen? Ein Wort hat mir gefallen. TOLERANZ. Und das hatte einen größeren Bruder namens AKZEPTANZ. Wenn ich diese zwei Worte jedem aufzwingen konnte, dann käme das dem Weltfrieden gleich.

Kellerkind 3.0
Inzwischen hatte ich mein Abi in der Tasche, ein durchschnittliches Abi von einem faulen Schüler, der in seiner Freizeit Besseres zu tun hatte als zu lernen. Nun begann ich, mich ganz in den Kellerraum meiner Eltern einzuschließen. Es gab für mich da unten schon lange ein Klo und eine Dusche, Essen bekam ich auch regelmäßig, was wollte ich noch mehr? Eine Couch und mein Schreibtisch mit dem schnellen PC, mehr braucht ein Held heutzutage nicht mehr. Die Story läuft digital in der grenzenlosen Welt des World Wide Web. Hier taten sich mir neue Levels der virtuellen Realität auf, denn alles war jederzeit zugänglich.
Immer mehr wurde ich zu einem Sklaven der digitalen Welt. Leider merkt man das nicht; erst viel später gingen mir die Augen auf. Ich sah den Computer als Werkzeug, das mit den Zutritt zum Land hinter dem Bildschirm eröffnen sollte und wurde zum Werkzeug der Technik, die mir immer mehr begann, mein Denken, Fühlen und Wollen zu übernehmen. Das einzige, was sie mir noch überließ, war das Tun. Die Bedienung der Tastatur im Namen der Technik blieb mir überlassen. Jedes Werkzeug wird zu einem Teil unseres Selbst und übernimmt einen Teil unserer Identität. Je mehr wir unsere Identität einem Werkzeug ausliefern, desto weniger bleibt am Ende von uns selbst noch übrig. Wir werden zur Maschine.
Die Frage, welche mich in dieser Zeit umtrieb, war diese: Wie kann die Menschheit dazu gezwungen werden, sich mehr Toleranz und Akzeptanz anzueignen? Was konnte ich tun, um den Weltfrieden voranzutreiben, der zweifellos kommen musste, wenn nur diese zwei Worte genug betont und gelebt wurden? Wenn ich das Internet betrachtete, sah ich immer mehr Hass, Streit und Intoleranz. Doch eine Möglichkeit sah ich. Kommentare konnte ich verfassen. Und den Melde-Button bedienen. Schließlich war ich nicht der einzige, der ein Problem mit der ganzen Intoleranz hatte. Immer mehr Seiten begannen, einen solchen Button zu implementieren, mit dem man Beiträge melden konnte, wenn sie mich störten. Und davon gab es viele. Sehr viele. Jeden Tag mehr, und für jeden Beitrag, den ich meldete, fand ich drei weitere, die ich noch nicht gemeldet hatte.
Der Hass des Internets begann, auf mich abzufärben. Meine Kommentare wurden immer sarkastischer, immer schriller, immer hasserfüllter. Noch merkte ich nichts davon. Das geht nicht von einem Tag auf den nächsten, dass man so hasserfüllt wird. Zumindest war es bei mir nicht so. Es geht langsam, und irgendwann schaukelt man sich gegenseitig hoch. Hass führt zu Gegenhass und Lautstärke zu Gegenlautstärke. Irgendwann geht es nicht mehr um Argumente, nur noch die Polemik zählt.
Irgendwann kam noch ein schrecklicher Albtraum hinzu. Ich träumte, dass ich an meinem PC saß; und während meine Finger flink über die Tasten huschten, sah ich direkt vor meinen Augen, wie sich eine kleine, schwarze Spinne an ihrem Faden abseilte und mir ins Gesicht kroch. Ich wollte schreien und sie erschlagen, doch weder mein Mund noch meine Finger gehorchten mir. Mit weit aufgerissenen Augen und vor Schreck zu Berge stehenden Haaren musste ich zusehen, wie diese Spinne sich nicht nur auf mein Gesicht niederließ und begann, in meine Nase hochzukrabbeln. Nie zuvor hatte ich mir so sehr gewünscht, niesen zu können, doch genau in diesem Moment klappte es nicht. Die Spinne kroch mir so weit im Kopf hinauf, dass ich mir vorstellte, wie sie es sich zwischen den Windungen meines Gehirns bequem machte. Anatomie war nicht so meine Stärke. In dieser Nacht war ich froh, dass ich aufwachte und konnte fürs Erste nicht mehr schlafen. Erst Jahre später bekam ich eine Idee von der Bedeutung dieses Traums.
Im Nachhinein ist mir aufgefallen, wie sehr ich in dieser Zeit den Widerstand anderer Personen nötig hatte, die mir widersprachen. Mein ganzes Dasein hing von diesem ab. Der Widerstand gab mir das Gefühl, wichtig zu sein und auf der richtigen Seite zu stehen. Ich war nie allein, es gab immer genügend andere Personen, die mich unterstützten und immer wieder Mut zusprachen, meine Meinung zu sagen oder besser gesagt zu schreiben und online zu veröffentlichen. Aber es war immer der Widerspruch, der meine Identität ausmachte. Nur wenn ich wogegen sein konnte, gab mir das ein Profil und die Gewissheit, ein eigenständiger Mensch, ein Individuum, zu sein. Nichts hasste ich mehr als den Gedanken, eine Kopie von zigtausend anderer zu sein, die derselben Meinung waren wie ich.

Sag mal, bist du das noch?
Ich war nie wirklich mit Alkohol betrunken. Das wollte ich auch nie. Aber einen anderen Rausch kenne ich nur zu gut: Den Rausch der Polemik, die süße Trunkenheit eines harten und hasserfüllten Kommentars, worauf die ungewisse, spannungsgeladene Verkaterung des Wartens folgt: Wann kommt eine Antwort? Was wird als nächstes geschrieben? Viele meiner Kommentare waren schon gelöscht, bevor sie diejenigen lesen konnten, an den sie gerichtet waren.
Als meine Mutter eines Tages die Dreistigkeit besaß, mich wegen des Hochzeitstages der Eltern zum Essen abzuholen, da funkelte ich sie wütend an, und sagte grob zu ihr: „Lass mich doch einfach in Ruhe, ich hab zu tun!“ Was wollte sie denn von mir? Ich hatte den Keller seit fast zehn Jahren nicht mehr verlassen, hatte nichts zum Anziehen, außerdem wartete ich gerade mal wieder auf die Antwort auf einen besonders boshaften Kommentar, in welchem ich der anderen Person unterstellt hatte, zu den Neonazis zu gehören. Mir war damals völlig klar, dass ich mich damit in einem Bereich befand, der nicht ungefährlich war. Dieser Kommentar konnte als Rufmord ausgelegt werden, und was das unter Umständen bedeuten konnte, wussten wir alle. Trotzdem versuchten wir es immer wieder und bemerkten bald, dass dieses Vergehen kaum geahndet wurde, wenn man nur auf der richtigen Seite stand.
Doch für Mutter schien das alles nicht so wichtig zu sein. Besser gesagt: Sie wusste nicht, was ich in meinem Keller tat; und das war auch gut so. Sie war nur sehr enttäuscht auf meine Reaktion; hatte sie mich doch schon zwei Wochen früher zu diesem Essen eingeladen. Da war nur das Problem, dass ich es dann gar nicht richtig wahrgenommen hatte; mein Gemurmel verstand sie wohl als Zustimmung. In ihrer Enttäuschung fragte sie mich – und diese Worte prägten sich tief in mein Gedächtnis ein - „Sag mal, Markus, bist du das eigentlich noch oder ist das diese Maschine, die aus dir redet?“
Im ersten Moment lachte ich auf. Was wollte sie denn eigentlich? Natürlich bin ich das. Ich bin immer noch derselbe. Kellerkind. Nur halt ein paar Jährchen älter. 28, um genau zu sein, aber das war ja nicht so wichtig. Kellerkind würde immer Kellerkind bleiben. Es war ein raues, boshaftes Lachen, das aus meinem Mund kam. Es erschreckte mich. Und dann war da auch die Erinnerung an die kleine schwarze Spinne. Erst in der Nacht davor hatte er wieder von ihr geträumt. Sie machte immer mit ihm, was sie wollte. Er war ihr völlig ausgeliefert. In der Nacht vor diesem Ereignis träumte er davon, dass sie ihm auf die Zunge krabbelte und ihn zwang, den Mund zu öffnen, damit sie da hinauskrabbeln und sich am Faden abseilen konnte. Ob das wohl etwas mit diesem Tag und dem Ereignis mit Muttern zu tun haben konnte?
Doch nein, das konnte nicht sein. Das war purer Aberglaube. Träume sind Schäume, und wenn man sich von einem solchen schweißgebadet nachts auf der Couch wiederfand, so war der Traum zu Ende und fertig. Träume konnten keine Bedeutung haben. Zumindest meine nicht. Sie durften keine Bedeutung haben. Denn ich wollte mir nicht ausdenken, was dieser Traum mit meinem Leben zu tun haben könnte. Allein die Vorstellung davon, dass es irgendeine Verbindung geben könnte, trieb eiseskalte Schauer meinen Rücken hinunter.
Als meine Mutter mit dieser Frage traurig die Türe hinter mir schloss, stieß ich abermals ein Lachen aus. Diesmal klang es schon viel annehmbarer. Oder wollte ich es bloß so hören? Mutter kannte mich doch. Sie wusste, dass ich genug zu tun habe. Sie wusste auch, dass mir nie langweilig war. Das World Wide Web ist wie New York: 24 Stunden am Tag geöffnet, immer etwas zu tun, immer in Bewegung. Rast- und ruhelos. Genau so wie ich auch.
Nun stürzte ich mich wieder in meine virtuelle Welt. Ich tat alles, um vergessen zu können. Doch irgend etwas war anders. Der Wein der Polemik hatte keine betäubende Wirkung mehr auf mich. Ich konnte schreiben, schimpfen soviel ich wollte, das gewohnte Gefühl der Trunkenheit blieb aus. Es war, als würde in meinem Hinterkopf ein Browsertab laufen, das ich nicht schließen konnte. Und das mich immer wieder fragte: Bist du das noch? Bist du das noch? Zum ersten Mal in meinem Leben hätte ich gerne zur Flasche gegriffen, doch selbst wenn ich eine gehabt hätte, wäre ich wohl davor zurückgeschreckt. Denn das hätte bedeutet, zugeben zu müssen, dass ich tatsächlich nicht mehr derselbe war.

Auf der Suche
Die nächsten Wochen waren von zwei gegensätzlichen inneren Stimmungen bestimmt: Flucht vor mir selbst und Suche nach meiner Identität. Ich musste wissen, wer ich war, und doch schreckte ich davor zurück. Es machte mir Angst, an den Moment zu denken, da ich in den Spiegel meines Inneren schauen und mir begegnen musste. Die Flucht trieb mich dazu, immer neue Höhen des Hasses zu finden; aber wenn ich zwischendurch bewusst durchlas, was ich da geschrieben hatte, war ich mehr als einmal kurz davor, mich in eine geschlossene Anstalt einliefern zu lassen. Das konnte doch nicht ich sein, der diesen kranken Shit schrieb? Und doch war dieser kranke Shit jedes Mal mit meinem Nicknamen versehen: Kellerkind stand darüber. Das war ich. Kein Zweifel; kein anderer traute sich, in meinem Namen zu schreiben. In dieser virtuellen Welt gab es auch ungeschriebene Gesetze; und da ich jemand war und einen gewissen Kreis an Bewunderern besaß, durfte ich mich darauf verlassen. Mir begann, vor mir zu grauen. Schon mehrere Nächte hatte ich gar nicht mehr schlafen können. Die kleine schwarze Spinne durfte nicht mehr erscheinen. Das wäre zu viel für mich gewesen.
Eines Morgens wachte ich im Krankenhaus auf. Ich wusste gar nichts mehr, nur noch, dass ich um jeden Preis wach bleiben muss wegen der Spinne. Moment mal – bin ich da tatsächlich aufgewacht? Dann muss ich ja geschlafen haben. Wo war mein Computer? Ich musste doch ganz schnell wissen, was mein momentaner Erzfeind wieder geantwortet hat. Doch weit und breit kein Computer. Das helle Sonnenlicht stach mir in die Augen. Der Kopf brummte, ob das wohl die Spin... nein das konnte nicht sein. Die Spinne existierte nur im Traum. Ich schloss die Augen und fiel in einen leichten, aber wohltuenden, traumlosen Schlaf.
Später, als ich wieder wach war, erklärte mir der junge Arzt, weshalb ich hier war. Durch den Schlafmangel und den inneren Stress hatte ich einen Zusammenbruch erlitten. Meine Eltern haben den Krankenwagen gerufen, nachdem ich zunächst in meinem kleinen Kellerraum alles kurz und klein geschlagen habe und sie mich dann bewusstlos auf dem Boden aufgefunden hatten. Langsam gewöhnte ich mich an das Tageslicht. Damit begann ich auch, meine Umwelt wahrzunehmen. Auf dem anderen Bett lag ein Mittdreißiger, der mit vielen Verbänden versehen war. Irgendwann am nächsten Tag kamen wir miteinander ins Gespräch. Auf meine Frage hin erzählte er seine Geschichte.
Ich bin in meiner Freizeit häufig im Internet unterwegs“, erzählte er, „und da gab es vor ein paar Wochen so eine Online-Diskussion, in welcher mir ein bekannter Kommentator vorwarf, ein Neonazi zu sein. Darüber dachte ich einige Tage nach und kam zum Schluss, dass er recht hatte. Mein Problem war aber, dass ich nur sah, wie sehr ich mich in den letzten Jahren verändert habe, aber ich wusste keinen Ausweg, wie ich wieder ich selbst werden konnte. Ich wollte die Welt vor mir verschonen, kaufte eine letzte Flasche Jack Daniels und wollte mein Auto in den nächsten Baum manövrieren. Durch den Alkohol war meine Sicht beschränkt, sodass ich den Baum nur mit der Ecke der Beifahrerseite erwischte. Trotzdem war der Aufprall stark genug, um mir einen doppelten Beinbruch und einige weitere Blessuren zu bescheren. Seither bin ich hier ans Bett gebunden. Dem Beinbruch ist es übrigens zu verdanken, dass ich mich hier nicht auch schon aus dem Fenster gestürzt habe.“
Mir wurde kalt und heiß bei dieser Erzählung. Konnte es sein, dass... Ich musste es wissen. So fragte ich ihn nach seinem Namen und wie er online heiße. „Johann Goldmann ist mein Name, Jogo81 mein Nickname. Online war es der anonyme aber bekannte User mit dem Nicknamen Kellerkind, mit dem ich so oft aneinander geraten bin.“ Da hatte ich nun den Käse. Ich stand auf, trat an sein Bett und streckte ihm die Hand hin: „Markus Frei, Kellerkind. Ähnliches Problem. Nervenzusammenbruch durch Stress und Schlafmangel.“ So entstand meine erste richtige Freundschaft – und ausgerechnet mit meinem langjährigen Erzfeind.
Hans, wie ich ihn seither nenne, hat in seinem Krankenhausaufenthalt etwas Spannendes entdeckt. Auf seinem Nachttisch lag ein Buch, das in jedem Zimmer des Krankenhauses zu finden ist. Er sagte mir: Markus, ich wollte die Welt mit Liebe füllen, und habe nur Hass gesät.“ Wie bekannt mir das vorkam. „Genauso ist es mir auch ergangen.“ - Weißt du denn jetzt, was Liebe ist?“ Ich schüttelte den Kopf. Er erzählte mir: „So ganz verstanden hab ich das noch nicht, aber schau mal, hier drin gibt es ganz viele Autoren, die von der Liebe schreiben. Am schönsten finde ich das hier: 'Niemand liebt mehr als einer, der sein Leben für seine Freunde opfert.' Das steht bei einem Johannes. Der ist doch mein Namensvetter. Im 15. Kapitel steht das, und zwar Vers 13. Verstehst du es?“ Mir traten Tränen in die Augen.
Schau mal, Hans, ich glaube wir zwei waren gar nie so weit voneinander entfernt. Auch wenn wir uns als Erzfeinde betrachteten, waren wir nur Menschen, die rechts und links vom selben Pferd gefallen sind. Der eigentliche Gegensatz zu uns beiden ist in diesem Spruch enthalten. Wir beide dachten, dass es Liebe sei, andere zu zwingen, unser Leben und Denken zu übernehmen. Doch wahre Liebe ist es, wenn man auch dann dafür sorgt, dass es anderen gut geht, wenn sie eine andere Meinung haben, ohne jeglichen Zwang. Aber ich muss da auch noch weiter nachdenken.“ So begannen wir, zu zweit in diesem weit verbreiteten und doch so selten gelesenen Buch zu lesen und miteinander darüber zu reden.

Fragen über Fragen
Es gibt vieles in diesem Buch, was uns beschäftigte. Da gab es etwa eine Szene, die uns doch recht brutal erschien. Der Held des Buches machte sich eine starke Peitsche aus mehreren Lederriemen und prügelte Menschen aus dem Tempel raus. War das wohl doch nur wieder dieselbe Liebe, die andere zwang, auch gegen ihren Willen das Gute anzunehmen? Wir riefen den Krankenhauspfarrer und er erklärte uns dies. Diese Leute, die da rausgeworfen wurden, hatten in Wirklichkeit andere Menschen davon abgehalten, in den Tempel zu kommen. Sie trieben Wucher, sodass nur die Reichen sich leisten konnten, dorthin zu gehen und ihren Gottesdienst zu machen. Das war das Problem. Das Gespräch mit dem Pfarrer war sehr interessant, und so hatten wir den Wunsch, noch viel mehr zu erfahren.
Doch mit Kirchen hatten wir ein Problem. Waren das nicht so große Versammlungen von Erzheuchlern? Kaum waren wir beide wieder aus dem Krankenhaus, wollten wir einen Versuch wagen und gingen in verschiedene Kirchen unserer Stadt. Da gab es sehr viele verschiedene; wer hätte gedacht, dass es im Zeitalter von Online-Gottesdiensten noch so viele Kirchen gab? Diese Vielfalt fanden wir schön, aber irgendwie kam es immer wieder dazu, dass wir enttäuscht wurden. Zwang, Heuchelei, nicht eingehaltene Versprechen, und so weiter. Wir mussten lernen, dass auch die Kirchenmenschen immer noch „nur Menschen“ waren.
Irgendwann meinte Hans: „Markus, wir haben jetzt in einem Jahr schon über 15 davon angeschaut. Ich glaube, wir sollten uns langsam damit abfinden, dass wir alle Menschen sind und uns mal festlegen, wo wir dazugehören wollen.“ Er hatte recht. Und wir beide waren inzwischen schon so gute Freunde geworden, dass wir uns entschlossen, diesen Schritt gemeinsam zu tun. Was immer kommen möge, wir wollen Freunde bleiben. Auch wenn wir wussten, dass wir einander und auch andere Menschen immer wieder enttäuschen werden.
Unser Wissensdurst zu diesem Buch, das uns so viel von der Liebe erzählt, brachte uns auf die Idee: Wir wollen zusammen eine Bibelschule besuchen, damit wir noch mehr dazu erfahren könnten. Inzwischen hatte ich eine Arbeit; ich durfte bei einem großen Discounter Regale einräumen. Da ich immer noch bei den Eltern wohnte, konnte ich mir davon etwas ansparen. So gingen wir nach einem weiteren Jahr in unserer inzwischen regelmäßig besuchten Kirche auf die Bibelschule. Hier beschlossen wir, dass wir unsere Geschichte aufschreiben wollten, damit noch mehr Menschen von unseren Erlebnissen lernen und profitieren dürfen.
Wir sind noch ganz am Anfang einer neuen Geschichte; und wir sind sicher, dass Gott noch mehr Geschichte schreiben wird. Vielleicht auch Weltgeschichte, so wie ich mir das schon als Kind erträumt hatte. Wer weiß? Doch eins ist sicher: Er hat den besten Plan für unser Leben, und wenn wir lernen, im Kleinen treu zu sein und unseren Mitmenschen zu dienen, dann wird auch etwas Größeres kommen. Damit ist unsere kurze Erzählung zu

ENDE.

Dienstag, 25. April 2017

Gastbeitrag: Sind Traktate noch aktuell?


Mein Freund Michael Freiburghaus, Pfarrer der Reformierten Kirchgemeinde Leutwil-Dürrenäsch (Link) ist zugleich Präsident der Schweizerischen Traktatmission (STM). Ich selbst habe schon viele Traktate unter die Leute gebracht und habe ihn gebeten, einen Gastbeitrag zum Thema Traktate zu schreiben.

Warum Traktate?
In Zeiten der Digitalisierung und der (a)sozialen Medien stellt sich sicher der ein oder andere Christ die Frage, ob Traktate noch aktuell sind. Meine Antwort lautet: Ja! Traktate sind christliche Schriften, die das EVANGELIUM – die frohe Botschaft und gute Nachricht, dass Gott uns in Jesus Christus liebt – kurz und verständlich erklären und zum Glauben an Jesus einladen.

Welche Traktate?
Das Spannende ist, dass es ganz unterschiedliche Arten von Traktaten gibt:
1. Solche, die ein aktuelles Thema aufgreifen wie z.B. Sterbehilfe, Sportereignisse oder die Finanzkrise.
2. Solche, die das Kirchenjahr betreffen: Weihnachten, Karfreitag, Ostern und Pfingsten.
3. Biographische Traktate, die erzählen, wie jemand zu Jesus gefunden hat und wie Jesus sein/ihr Leben positiv verändert hat.
4. Saisonale Trakte zu den Sommer- und Winterferien, Halloween, den eidgenössischen Dank-, Buß- und Bettag usw.
5. Zeitlose Traktate, die den Heilsweg und die biblischen Grundlagen erklären: Glaube, Bekehrung und Wiedergeburt.
Anlässlich des 500-jährigen Jubiläums der Reformation haben wir ein Traktat zu Martin Luther herausgegeben, das die fünf Grundsätze (soli) der Reformation hervorhebt: „Gott erneuert dich!“
Du wirst sicher ein Traktat finden, das dir gefällt und das du gerne verteilst, weil du es selber gerne erhieltest! (-:

Welche Vorgaben?
Traktate werden im Vorfeld genau geprüft und müssen verschiedene Vorgaben erfüllen: Der Inhalt muss wahr sein und mindestens einen Bibelvers enthalten. Zudem müssen sie für Menschen verständlich sein, die keinen christlichen Hintergrund haben. Bisher habe ich drei Traktate verfasst. Mich fasziniert der Gedanke, das EVANGELIUM in einfachen Worten kurz und knapp darzustellen.

Welche Auswirkungen?
Traktate erreichen Menschen mit der Liebe Gottes, die nie eine Kirche besuchen und auch keine christlichen Freunde haben. Die krasseste Geschichte, die ich bisher erfahren habe, erzählte mir eine Frau, die nach eigenen Angaben gegen alle der Zehn Gebote verstoßen hatte. Deswegen suchte sie Vergebung (Absolution) bei mehreren Priestern, die sie ihr aber nicht gewährten. Sie war im Begriff, Selbstmord zu begehen, obwohl sie drei kleine Kinder hatte. Sie ging in ein öffentliches WC und fand dort ein Traktat: Sie las es und bekehrte sich zu Jesus! Dadurch fand sie Vergebung und Frieden mit Gott! Gott hat durch ein Traktat wortwörtlich ein Leben gerettet und für immer verändert.

Wie verteilen?
Du kannst Traktate jemandem geben, den du nur flüchtig im Zug gesehen hast. Oder du kannst es als Beilage zu einem Brief an Freunde und Bekannte schicken. Eine andere Möglichkeit besteht darin, Traktate von Hand in die Briefkästen zu legen. Falls dir dies zu klein oder zu aufwändig ist, kannst du auch im großen Stil eine sogenannte Postwurfsendung organisieren und dein ganzes Dorf oder deine Stadt mit einem Traktat beschenken. Wenn ein Traktat zum Predigtthema passt, verteile ich nach einem Gottesdienst diese Schriften als kleines Geschenk an die Besucher.
Ich habe schon beobachtet, wie ein Teenager guten Mutes einem 90-jährigen Opa eine Karte mit einem Internetlink zu christlichen Videos in die Hand drückte. Gut gemeint, aber fraglich, ob er noch einen Internetanschluss besaß. Dagegen bietet ein geschriebenes Traktat den Vorteil, dass es selber schon wertvolle Informationen enthält.

Welcher Preis?
Traktate sind relativ preiswert und kosten nur einige Rappen bzw. Cents:
Anzahl
Einzelpreis
1-49
CHF 0.15
50-99
CHF 0.13
100-299
CHF 0.11
300-499
CHF 0.10
500-999
CHF 0.09
1000-4999
CHF 0.08
ab 5000
CHF 0.07
Tabelle:
Du siehst, dass es einen interessanten Mengenrabatt bietet!

Wie weiter?
Weiterführende Informationen erhältst du unter: www.christliche-schriften.ch Wir liefern auch Traktate nach Deutschland und Österreich.
Gott möge dir Kraft und Mut schenken, Traktate zu verteilen!


Pfarrer Michael Freiburghaus, Präsident der Schweizerischen Traktatmission (STM)

Montag, 24. April 2017

Auf welche Quellen bauen wir biblische Lehre?

Bevor wir uns im nächsten Teil dann – endlich – den ersten richtigen Argumenten widmen werden, muss ich heute noch zwei Dinge ansprechen, die wichtig sind. Im ersten Teil wird es um die Quellen der Erkenntnis gehen, woher wir das Wissen um das Aufhören oder das Fortbestehen der Geistesgaben bekommen können, und wie wir mit diesen Erkenntnissen richtig umgehen. Im zweiten Teil werde ich das bisher Gesagte zusammenfassen und im selben Atemzug jeden Leser auffordern, seine eigene Position zu überdenken und sich klar zu werden, welche Argumente an ihn gehen und welche nicht. Aus zahlreichen dieser Diskussionen zum Thema ist mir immer wieder bewusst geworden, dass viele Menschen sich nicht so gerne festlegen. Dann werden Argumente immer sehr schwammig gebraucht. Es gibt so eine Art Argument-Hopping. Zu unserem Thema gibt es zahlreiche Argumente, welche sich aber gegenseitig in manchen Punkten widersprechen oder „beißen“. Deshalb sollte sich jeder, der in dieser Diskussion teilnehmen möchte, auf eine ganz bestimmte Position festnageln lassen. Erst dann wird es möglich, tatsächlich sinnvoll zu diskutieren. Alles übrige ist Schattenboxen. Nur mal ein Beispiel am Rande dazu: Es gibt die eine Sicht, welche besagt, dass die Prophetie ganz aufgehört hat. Dann gibt es die andere Sichtweise, dass die Prophetie nicht aufgehört hat, sondern transformiert wurde, und zwar entweder in die Predigt oder in eine Art Vorsehung, die aber keine Gabe ist. Hier muss sich jeder für eine Sichtweise entscheiden; entweder es hat etwas ganz aufgehört und ist nicht mehr existent, oder es wurde in etwas anderes verändert und existiert somit weiter. Allerdings ist es in einer sinnvollen Diskussion nicht legitim, zwischen diesen Sichtweisen hin- und herzuhüpfen, denn diese drei Sichtweisen widersprechen sich gegenseitig.

Nun genug der Vorrede; wir kommen zu den Quellen. Es gibt drei verschiedene Quellen, die auf verschiedenen Stufen stehen. Höchste Autorität hat für den Gläubigen die Bibel, weil sie ganz und gar Gottes Wort ist. Sie ist viel mehr als nur Gottes Wort zu den Leuten damals, die es aufgeschrieben haben; die Bibel ist Wort für Wort Gottes Wort an jeden Einzelnen von uns, der sich unter Gottes Autorität stellt, sprich: Für jeden einzelnen, der wahrhaftiger gläubiger Christ ist. Nun gibt es zwei andere Quellen, die nicht so autoritativ sind wie die Bibel, und das ist die Theologiegeschichte und unsere heutige Erfahrung. Beide stehen deutlich unter der Autorität der Bibel, wobei uns besonders auch die Theologiegeschichte als Korrektiv für unsere heutigen Erfahrungen dient. Leider gibt es immer wieder das Argument aus der Erfahrungstheologie, welches besagt, dass etwas, was heutzutage nicht mehr erlebt wird, deshalb nicht mehr existent oder nicht mehr von Gott gewollt ist. Das ist natürlich völliger Unsinn, denn damit wird unsere Erfahrung oder besser gesagt: Unser Mangel an Erfahrung über die Schrift gestellt. Wie gehen wir nun aber mit der Theologiegeschichte um?

Zunächst ist wichtig, dass wir uns bewusst sind, dass die Theologiegeschichte nicht unfehlbar ist. Dennoch ist sie sehr wichtig, denn viele der Fragen, die sich uns heute stellen, wurden auch früher schon gestellt. Menschen haben um Antworten gerungen und haben Dokumente verfasst, in welchen sie sich für bestimmte Positionen und gegen andere Positionen ausgesprochen haben. Das ist wertvoll. Dabei muss man jederzeit im Hinterkopf behalten, dass manchmal dieselbe Sache in verschiedenen Zeiten durchaus ganz unterschiedlich genannt werden konnte. Sehr oft werden jedoch Argumente aus der heutigen Erfahrung mit Bibelversen garniert, sodass ein Eindruck entsteht, es sei ein Argument aus der Bibel. Beispiel: „Man sieht heute keine Heilungen derselben Qualität wie zur Zeit Jesu, deshalb muss die Gabe der Heilung verschwunden sein.“ Diese Behauptung muss auf ziemlich vielen Ebenen geprüft werden: Wer ist „man“? Von welcher Qualität (und wer legt das fest?) waren die Heilungen Jesu und von welcher sind die heutigen? Wie lässt sich die Qualität einer Heilung empirisch quantifizieren? Wie wird diese Gabe definiert? Und so weiter. Es ergeben sich sehr viele offene Fragen, die dazu geklärt werden müssen. Die grundlegendste Frage wurde damit aber noch gar nicht angesprochen: Ist es überhaupt legitim, heutige Erfahrungen als Grundlage zu nehmen, um damit die Bibel zu kritisieren? Darauf werde ich in einem späteren Teil noch etwas ausführlicher eingehen. Worum es mir bisher geht, ist lediglich, zu zeigen, dass es immer sehr viele Fragen zu berücksichtigen gibt, und die Frage nach dem Umgang mit Quellen zu den grundlegenden Fragen gehört.

Ebenso muss man auch fragen, ob es einen Kanon im Kanon geben darf. Dazu führe ich als Beispiel den Umgang mit der Unterscheidung zwischen der Apostelgeschichte und den „Lehrbriefen“ des Neuen Testaments an. Häufig hört man so etwas wie: „Aus der Apostelgeschichte darf man keine Lehre ableiten, diese ist nur für die geschichtliche Information da. Lehren, die für uns gelten, müssen aus den Briefen des NT gezogen werden.“ Vertreter dieses Arguments versuchen aber zumeist, das Beispiel von Timotheus und seiner Berufung unter Handauflegung und Prophetie irgendwie so auszuhebeln, dass es auch wieder nichts für unsere Lehre zu sagen haben darf, obwohl das Wissen darum einzig aus den beiden Briefen an Timotheus (Pastoralbriefe, „Lehrbriefe“) stammen. So entsteht ein Kanon im Kanon, der vorgibt, was für die Lehre herangezogen werden darf und was nicht. So wird im Voraus eine Auswahl getroffen, was die Bibel uns heute zu sagen haben darf und was nicht. Das führt zur Eisegese (Hineinlesen von Informationen in die Bibel, die nicht da stehen) statt Exegese (Auslegung der Bibel).

Diese Vorüberlegungen möchte ich mit dem Appell zur Selbstprüfung abschließen: Jeder Leser möge sich selbst fragen, wo er („sie“ ist darin natürlich mit eingeschlossen) steht:
1) Glaube ich, dass bestimmte Geistesgaben bereits aufgehört haben sollen?
2) Wenn ja, welche sind das? Alle? Oder nur einzelne, bestimmte?
3) Wie definiere ich „Gnadengabe“? Lässt sich ihre Echtheit messen?
4) Gehe ich von einem vollständigen Aufhören oder von einem zeitlichen Ruhen oder einer Transformation dieser Gaben aus (zum Beispiel Prophetie wurde zur Predigt)?
5) Mache ich einen Unterschied zwischen „natürlichen“ und „übernatürlichen“ Gaben?
6) Glaube ich an heutiges übernatürliches Eingreifen Gottes, übernatürliche Gebetserhörungen oder ähnliches? Wenn ja, nenne ich das dann „Vorsehung“? Wie definiere ich „übernatürlich“? Sind Engel zum Beispiel natürliche oder übernatürliche Wesen?
7) Tendiere ich dazu, in der Bibel einen „Kanon im Kanon“ zu machen, indem ich nur bestimmte Aussagen für uns heute gültig sein lasse?
8) Woher stammt die Quelle meines Wissens? Wird sie a priori (rein aus der Bibel abgeleitet) oder a posteriori (durch die Erfahrung anderer oder die eigene Erfahrung) erhalten?

Dies sind die wichtigsten Fragen, die sich jeder im Voraus stellen sollte. Erst mit der ehrlichen Beantwortung dieser Fragen und auch mit der Möglichkeit, auf diese Antworten „festgenagelt“ werden zu können, ergibt sich eine fruchtbare Auseinandersetzung zum Thema. Die Fragen haben viel mit Definitionen zu tun, was gerade deshalb so wichtig ist, weil viele Missverständnisse auf schwammigen oder oftmals auch nichtvorhandenen Definitionen beruhen. Da sich der Leser nicht bei mir melden muss (aber natürlich darf), ist es notwendig, dass ich noch einmal betone, dass die weitere Selbstprüfung viel Disziplin notwendig macht. Jeder ist gefordert, sich selbst immer wieder zu prüfen, ob man mit den Argumenten ehrlich umgeht, oder nicht etwa doch versucht, zwischen den Definitionen zu hüpfen.


Sonntag, 23. April 2017

Buchtipp: C. S. Lewis für eine neue Generation

Strebel, Hanniel, C. S. Lewis für eine neue Generation, Folgen Verlag 2017, Amazon-Link

Dies ist der erste Band von Hanniel Strebels Buchserie über verschiedene Vorbilder des Glaubens des 20. Jahrhunderts. Clive Staples Lewis ist vor allem durch sein siebenbändiges Werk „Die Chroniken von Narnia“ bekannt. Lewis war eigentlich ein Literaturwissenschaftler, der Christ wurde, und versuchte, seinen starken Intellekt mit seiner Phantasie zu verknüpfen und daraus vor dem Hintergrund des biblischen Weltbildes neue Literatur zu erschaffen. Deshalb ist sein Lebenswerk auch so vielfältig, denn er fand sehr viele unterschiedliche Formen, um dies zu tun.

Hanniel Strebel stellt das Leben und Werk von C. S. Lewis sehr komprimiert vor, aber doch ausführlich genug, um alles Wichtige zu erwähnen. Zwischen den zwei biographischen Abschnitten im Buch führt Hanniel das Hauptelement von Lewis' Leben ein: Die Sehnsucht nach der Freude. Bereits im Kindesalter hatte Lewis ein Erlebnis, das ihn prägte: Eine unbeschreibliche Freude. Doch er merkte: Er konnte diese nicht selbst herstellen, sondern sie nur suchen; ab und zu wurde er von ihr überrascht. Später im Leben merkt Lewis, dass es eigentlich Jesus Christus war, den er suchte.

Da ich das Leben von Lewis und viele seiner Bücher bereits kannte, war für mich vor allem der letzte Abschnitt des Buches interessant: Lernfelder. Was können wir von C. S. Lewis' Leben für uns lernen? Was kann er uns für den Alltag mitgeben? Der wichtigste Punkt ist für Hanniel – und ich stimme ihm darin zu – dass Vernunft und Phantasie (Imagination) keine Gegensätze sind, sondern zusammen ein enorm kräftiges Werkzeug sind, das zu Gottes Ehre gebraucht werden kann, darf und soll. Ich möchte das Buch besonders für junge Menschen empfehlen, die Lewis besser kennenlernen möchten. Hanniel schafft es sehr gut, gerade diejenigen Details herauszuarbeiten, die noch nicht so weitherum bekannt sind.


Mittwoch, 19. April 2017

Warum mir als Continuationist Cessationisten wichtig sind

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich bin Continuationist. Ich glaube und erlebe immer wieder, dass die Gaben des Heiligen Geistes nach wie vor unverändert vorhanden sind. In späteren Blogposts werde ich zunächst auf die Quellen eingehen, woher man das Wissen darum nehmen kann und danach die verschiedenen Argumente beider Seiten unter die Lupe nehmen. Heute möchte ich jedoch eine etwas persönlichere Einführung machen und ein wenig über mich und meine Wertschätzung für viele Cessationisten erzählen. Kurz nachdem ich zum Glauben kam, beschäftigte ich mich mit der Apostelgeschichte. Mir fiel auf, dass man so wenig von damals sehen konnte. Auf Nachfrage bei Geschwistern, die ich schätze, wurde mir dazu das Buch „Charismatic Chaos“ von John F. MacArthur ans Herz gelegt. MacArthur kannte ich da schon; er war neben C. H. Spurgeon mein erster Bibellehrer. Ich schätzte (und tue dies auch bis heute) den einfachen, klaren Stil von MacArthur. Umso enttäuschter war ich damals, dass dieser große Mann Gottes in dieser Frage einfach keine überzeugenden Antworten geben konnte. Er sprach zwar manches an, was nicht positiv verlief in der pfingstlich-charismatischen Bewegung, aber gerade auf die Fragen, die ich damals hatte, konnte er keine überzeugende Antwort geben. Jedenfalls blieben viele meiner Fragen offen; außerdem hat mich das Interesse gepackt, über den gemeindlichen Tellerrand hinauszublicken und neue Menschen und Gemeinden kennenzulernen.

So kam ich in den Genuss, verschiedene Veranstaltungen zu besuchen, in welchen einige neue Eindrücke auf mich niederprasselten. Nicht alle waren so völlig positiv; zum Beispiel der Umstand, dass meine (damals noch mittelgradige) Schwerhörigkeit mehrmals als Folge meines Unglaubens bezeichnet wurde, da sie auf Gebete hin nicht einfach verschwand. Oder da waren die Prediger, die an mir verzweifelten, weil ich auch unter starkem Druck von oben auf den Kopf oder an die Stirn nicht einfach nach hinten umfallen wollte. Aber diese Erlebnisse waren nicht einfach nur negativ; vielmehr stärkten sie mein Bewusstsein, dass es überall menschelt, wo Menschen zu finden sind. Viele Menschen, die ich an diesen zahlreichen Orten getroffen habe, wurden zu einem Geschenk für mich, weil sie mich im Glauben weiter brachten.

Und doch bin ich jetzt nicht einfach ein „Conti“, der auf alle „Cessis“ herunterblickt und dankt, nicht so wie die da zu sein. Vielmehr bin ich enorm dankbar, dass es in Gottes Reich, der Gemeinde, eine solche Vielfalt von Menschen gibt, die einander gegenseitig stärken und herausfordern. Was ich an vielen Cessationisten ganz besonders schätze, ist ihre Liebe zur Bibel, Gottes Wort. Einer der häufigsten Vorwürfe, die ein „Conti“ vom „Cessi“ bekommt, lautet: Für euch ist die Bibel zu wenig wertvoll, ihr wollt sie mit neueren Inhalten ergänzen! Dass das nicht stimmt, werde ich später noch aufzeigen, aber eines stimmt mich nachdenklich: Ich würde mir unter uns Pfingstlern und Charismatikern diese Liebe und Hingabe an Gottes Wort wünschen, darin uns viele Cessationisten ein großes Vorbild sein können.

Ein zweiter Punkt, den ich aufzählen möchte, ist der Platz, den die Predigt einnimmt. Für Cessationisten fällt anderes weg, was in unseren Gottesdiensten der Predigt unter Umständen zur Konkurrenz werden kann. Die Wichtigkeit der Predigt ist also etwas, wo wir uns auch eine große Scheibe abschneiden können. Gott sagt uns, dass der Glaube aus der Predigt kommt, und die Predigt aus Gottes Wort, der Bibel. Wenn wir also dem Glauben einen so hohen Stellenwert zusprechen, dann sollten wir das auch der Quelle des Glaubens tun, nämlich der bibeltreuen Predigt. Gott ist nicht gezwungen, auf unsere Predigt zu warten, um jemandem Glauben zu schenken, aber es ist gerade in unseren Breiten, wo die theologische Ausbildung und eine gute Übersetzung der Bibel recht verbreitet vorhanden sind, der Normalfall, dass Gott von uns erwartet, dass wir die von Ihm dazu bestimmten Mittel anwenden.

Nicht zuletzt bin ich aber auch dankbar, dass Cessationisten uns herausfordern, über unser Leben und unsere Veranstaltungen nachzudenken. Manches kann uns als hilfreiches Korrektiv dienen, auch wenn wir nicht alles eins zu eins so annehmen müssen oder können. Insgesamt ist es wichtig, dass man miteinander im Gespräch bleibt und sich auch von hin und wieder polemisch anmutenden Äußerungen nicht ins Bockshorn jagen lässt und damit den Kontakt abbricht. Viele Missverständnisse lassen sich auch in der gemeinsamen Beschäftigung ausräumen, und einiges, was nicht auf Missverständnissen beruht, lässt sich auch einfach ertragen (tolerieren). Vielleicht brauchen wir einfach alle mehr Mut, uns in Frage stellen zu lassen, ohne gleich widersprechen zu müssen. Auch das ist ein wertvolles Lernfeld. Es gibt nämlich tatsächlich einige Praktiken und Lehren in unserer Conti-Bewegung, die klar und deutlich angesprochen werden müssen, weil sie über das hinausgehen, was uns die Bibel sagt. Etwas ausführlicher möchte ich auf solche Dinge eingehen, wenn es um die verschiedenen Argumente geht. 

Insgesamt gesehen gibt es viele Gebiete des täglichen Lebens, in welchen „Cessis“ und „Contis“ gemeinsame Sache machen können. Beide brennen dafür, dass mehr Menschen den Herrn Jesus kennenlernen; und das ist eine gute Sache. Deshalb habe ich auch kein Problem, für die Gemeinden cessationistischer Prägung zu beten, dass sie mit viel Wachstum gesegnet werden. So viel muss an der Stelle gesagt werden. Und nun, liebe Cessationisten, wenn ich euch in den nächsten Teilen zur Rot- oder gar Weißglut treiben sollte, indem ich manche eurer Argumente systematisch zerlege, dann nehmt euch einen Moment Zeit und kehrt zu diesem Post zurück. Ich bin dankbar, dass es euch gibt.


Dienstag, 18. April 2017

Cessationismus und Continuationismus – was ist das?

Bevor ich mich mit einzelnen Argumenten auf beiden Seiten auseinandersetze, möchte ich zunächst die Begrifflichkeiten klären. Es ist nämlich gar nicht so einfach, zu definieren, wer sich wie sieht oder benennen würde. Vielleicht nähern wir uns deshalb am besten der Frage, indem wir sie wie eine Zwiebel angehen und ihr schichtweise die Haut abziehen.

Cessationismus stammt vom lateinischen Verb „cessare“ und bedeutet „zögern, aufhören, nachlassen, ruhen, untätig sein“. Continuationismus stammt vom ebenfalls lateinischen Verb „continuare“ mit der Bedeutung „fortlaufen, fortfahren, aneinander reihen, erweitern, zusammenhängen, fortdauern, andauern“.

Man merkt schon an der Bedeutungsbreite dieser Verben, dass da ein gewisser Spielraum bleibt, was eine Definition betrifft. Nur mal so ein mögliches Beispiel: Man kann darüber streiten, ob der Cessationismus für das vollständige Aufhören oder für das vorübergehende Ruhen einer Sache steht. Diese Unschärfe lässt zu, dass Cessationisten zwischen den beiden möglichen Definitionen hin- und herspringen und sich dabei immer missverstanden fühlen. Ebenso ist es schwierig, zu definieren, ob Continuationisten vom lediglichen Fortdauern ebenjener Sache ausgehen, oder ob sie eine zusätzliche Erweiterung vertreten.

Deshalb ist der nächste Schritt die Eingrenzung der „Sache“. Es geht um die Gaben des Heiligen Geistes, die in den Gabenlisten des Neuen Testaments angesprochen werden – oder zumindest um einen Teil davon. Gabenlisten finden sich in Römer 12, 1. Korinther 12, Epheser 4 und 1. Petrus 4, wobei wiederum je nach Definition zum Teil nur die ersten zwei oder drei der genannten Kapitel tatsächlich als Gabenlisten anerkannt werden. Ebenso vertreten viele beider Lager die Ansicht, dass all diese Listen zusammen nur ein kleines Spektrum aller möglichen Gaben abbilden, das heißt, dass es unerwähnterweise noch weitere gibt.

Es gibt dabei zwei weitere unabhängige Unterscheidungen, welche die ganze Diskussion noch etwas komplizierter machen: Die Unterscheidung zwischen „natürlich“ vs „übernatürlich“ und die Unterscheidung zwischen „Gabe“ vs „Vorsehung“. Das bedarf einer näheren Erklärung. Die Unterscheidung zwischen natürlichen und übernatürlichen Gaben geht dabei eigentlich darauf zurück, dass jeder Mensch bestimmte Stärken hat, die ihm leichter fallen. Mir persönlich fällt es zum Beispiel leicht, Sprachen zu lernen und anzuwenden. Ob man das nun als Gabe des Heiligen Geistes bezeichnen soll oder nicht, lasse ich für den Moment dahingestellt. Es gibt Dinge, die der Mensch lernen kann. Auch diese zählen in dem Fall zu den „natürlichen Gaben“. Aber Dinge, die unser menschliches Können und Wissen übersteigen, werden bei dieser Unterscheidung zu den „übernatürlichen Gaben“ gezählt. Also Dinge über eine Person zu wissen, die sonst keiner auf natürliche Weise wissen kann.

Dabei stellt sich aber schon eine weitere Frage: Könnte es nicht sein, dass alles, was innerhalb der natürlichen Schöpfung passiert, einfach nur natürlich sein? Sind Engel etwa übernatürliche Wesen, nur weil sie üblicherweise nicht gesehen werden? Fragen über Fragen, auf die ich in einem späteren Teil noch eingehen möchte.

Die zweite Unterscheidung betrifft „Gaben vs Vorsehung“. Hinter diesem Konzept steckt die Idee, dass eine Gabe etwas so Starkes ist, dass der Begabte mit seiner Gabe so gut wie alles machen kann, was er will. Wer die Gabe der Heilung habe, so dieses Konzept, könne ganze Krankenhäuser arbeitslos machen. Wer hingegen hin und wieder einzelne Heilungen erlebt, da sei das „nur Vorsehung“, das heißt Gottes gnädiges Eingreifen auf ein Gebet hin, aber keine „richtige Gabe“. Mit dieser Vorsehung dürfe jeder rechnen und deshalb auch dafür beten.

Sonntag, 16. April 2017

Sollte Gott wirklich gesagt haben...?

Aber die Schlange war listiger als alle Tiere des Feldes, die Gott der HERR gemacht hatte; und sie sprach zum Theologiestudenten: Sollte Gott wirklich gesagt haben, dass ihr die Bibel auf keine Art und Weise interpretieren dürft? Da sprach der Theologiestudent zu der Schlange: Auf alle möglichen Arten dürfen wir die Bibel interpretieren, nur bei der einen Art, bei welcher die Bibel nicht wortwörtlich als Gottes Wort betrachtet wird, hat Gott gesagt: Übt euch nicht darin, sonst werdet ihr ins Zweifeln kommen und Mein Wort verfälschen! Da sprach die Schlange zum Theologiestudenten: Keineswegs werdet ihr sie damit verfälschen! Sondern Gott weiß: An dem Tag, da ihr euch ihr hingebt, werden euch die Augen geöffnet und ihr werdet sein wie Gott und werdet erkennen, was in der Bibel Gottes Wort und was nur Menschenwort ist! Ihr werdet erkennen, dass die Bibel mit der Literarkritik und der Redaktionskritik, mit der vergleichenden Religionsgeschichte und Überlieferungsgeschichte im Hinterkopf gelesen viel spannender sein wird – und das Ergebnis wird euch besser gefallen! Und der Theologiestudent sah, dass diese Methoden ganz nach seinem Geschmack waren, dass sie eine Freude für seinen unabhängigen Intellekt wären, weil sie weise machen, und er nahm sie auf, lieferte sich ihnen aus und gab seiner Gemeinde, damit diese dasselbe täte, und sie tat es. 

Mit dem Campingbus bis Australien

Blum, Bruno, Der weiteste Weg. Mit dem Campingbus bis Australien, Delius Klasing Verlag, 2017, Amazon-Link

Bruno Blum ist mit seiner Freundin unterwegs im Campingbus. 2,5 Jahre haben sie Zeit. Ihr Ziel: Australien. Über viele spannende Erlebnisse berichtet Blum in diesem Buch, auch angereichert mit weiteren, gut recherchierten Infos. Etwa über die Entstehung der Seide und ähnliches. Immer wieder werden sie angehalten, besonders in den ehemaligen Sowjet-Staaten versuchen Polizisten ihren mageren Lohn aufzubessern, indem sie die Touristen finanziell melken. Aber auch viel Gastfreundschaft dürfen sie erleben und werden auf ihrer Reise immer wieder eingeladen, bei Einheimischen ihre Zeit zu verbringen und die verschiedenen Kulturen kennenzulernen. Schon die Motivation für das Reisen finde ich interessant: „Für mich besteht die Faszination zuallererst darin, keinen alltäglichen Verpflichtungen und gesellschaftlichen Zwängen ausgesetzt zu sein. Ungebunden und weit weg von zu Hause fühlt man sich so ungemein lebendig. Man lebt ohne Vergangenheit oder Zukunft; was zählt, ist einzig der Moment. Das Ziel liegt nicht im Ankommen, sondern im Unterwegssein, in der vorüberziehenden Landschaft mit all ihren Farben und Formen und dem Ungewissen, das hinter der nächsten Kurve wartet.“ (S. 8) Für Blum ist das Reisen zu einer „Sucht“ (ebd.) geworden. Ich würde hinzufügen: Es ist auch eine Flucht vor sich selbst; eine Flucht vor der Vergangenheit und der Zukunft, eine Flucht vor Verantwortung.

Das Buch selbst ist mit zahlreichen Bildern versehen und wirklich sehr schön geworden. Fast auf jeder Seite findet sich zumindest ein kleineres Bild, auch gibt es immer wieder doppelseitige Landschaftsaufnahmen von atemberaubender Schönheit. Geschrieben ist es sehr persönlich und spannend, aber auch recht kurz gefasst; fast könnte man sagen: Die 2,5 Jahre sind in enorm komprimierter Form zusammengestellt, aber doch insgesamt in einer stimmigen Form. Es wird nicht jedermanns Sache sein, aber wer Reiseberichte und schöne Bilder in einer hochwertigen Zusammenstellung mag, wird bei diesem Buch auf seine Kosten kommen.

Dienstag, 11. April 2017

Beobachtung: Der Schulferienblues

Wie wir es vormittags hin und wieder machen, bin ich mit unserem Sohn in die Bäckerei gesessen, und wir haben dort unseren Kaffee (ich) und eine Brezel (hauptsächlich er) genossen. Zur Zeit sind Schulferien, und dann ist die Bäckerei immer gut gefüllt. Während der Sohnemann genüsslich seine Brezel isst, werfe ich einen Blick um mich. Unverkennbar sind da mehrere Elternteile mit ihren Kindern da, deren Nachwuchs ansonsten bestimmt die Schule besuchen würde, wären da nicht gerade eben diese Ferien. Die Stimmung ist gedrückt; in einer Ecke sitzen vier junge Mütter mit ihren Kleinkindern, die Mütter fröhlich ins Gespräch vertieft. Doch an einigen Tischen ist eisiges Schweigen geradezu spürbar. Blicke versuchen sich gegenseitig auszuweichen. Keiner traut sich, ein Smartphone oder ähnliches aus der Tasche zu ziehen, sondern es scheint die ungeschriebene Regel zu gelten: Möglichst immer Aufmerksamkeit schenken und dabei dem andern den Gesprächsbeginn zu überlassen. Irgendwie wollte aber in einigen Fällen kein Gespräch in Gang kommen. Die genauen Gründe der Einzelfälle kenne ich dabei nun wirklich nicht, aber etwas wird sichtbar: Es handelt sich um eine Entfremdung der Generationen. Man hat einander nichts zu sagen, nichts zu erzählen, kein wirkliches Interesse aneinander. Jeder tut so gut es geht seine allernötigste Pflicht füreinander, aber was darüber hinausgeht, wird an die Öffentlichkeit abgeschoben: Bildung, Interesse, Verständnis, körperliche Betätigung, und so weiter. Dafür ist die Schule da, die sich dann möglichst ganztags um den Nachwuchs kümmern soll. Dafür gibt es den Freundeskreis und die Vereine für die Freizeit. Schulferien werden als lästiges Zeitvertreiben betrachtet, in dem man halt „was machen muss“, wenn man schon nicht in allen Ferien ins Ausland fahren kann.

Mich beschleicht ein beklemmendes Gefühl. Ich denke an Maleachi, der von Gott ein Versprechen bekommen hat: Siehe, ich sende euch den Propheten Elia, ehe der große und furchtbare Tag des HERRN kommt; und er wird das Herz der Väter den Kindern und das Herz der Kinder wieder ihren Vätern zuwenden, damit ich bei meinem Kommen das Land nicht mit dem Bann schlagen muss! (Mal. 3, 23 – 24) Das sind die letzten Worte, die in unserem AT stehen, bevor dann mit Matthäus das allerletzte Wort Gottes beginnt. Der Prophet Elia, von dem Maleachi spricht, ist Jesus Christus, und ER ist es, den wir alle so nötig brauchen, damit unsere Herzen denen unserer Kinder zugewandt werden. Das treibt mich ins Gebet, und ich hoffe, dass Gott noch ganz viele von diesen Eltern und Kindern zu Sich zieht, und von Seiner Herrlichkeit überzeugt. Und ich bete auch, dass ich es eines Tages besser machen werde, wenn unser Sohn in diesem Alter ist und gerade Schulferien sind.


Montag, 10. April 2017

Vorwort zu „Francis Schaeffer für eine neue Generation“

Für das Buch von Hanniel Strebel über Francis Schaeffer durfte ich das Vorwort verfassen. Strebel, Hanniel, Francis Schaeffer für eine neue Generation, Folgen Verlag, 2017, eBook, Link

Eine der zahlreichen Personen, welche ich gerne kennengelernt hätte, ist Francis August Schaeffer. Leider war er, als ich im Sommer 1985 zur Welt kam, bereits seit 14 Monaten tot. Aber in seinen Schriften hat er einen reichen Schatz an Weisheit hinterlassen, für den ich sehr dankbar bin. Meine und die nachfolgenden Generationen dürfen von diesem Schatz zehren. Doch leider ist sein Werk schon heute nicht mehr so bekannt wie es sein sollte. Deshalb bin ich Hanniel Strebel sehr dankbar, dass er versucht, diesem Mangel entgegenzuwirken.
Eine Facette von Francis Schaeffers Leben und Werk möchte ich aufgreifen, weil sie mir sehr wichtig geworden ist. Auf dem christlichen Büchermarkt gibt es immer mehr Bücher von Menschen, welche ihre Zweifel am Glauben vermarkten wollen. Es ist klar, dass man sich damit Gehör verschaffen und provozieren kann. Interviews sind interessanter, wenn dabei kontrovers diskutiert wird. Solche Bücher und Personen heben sich in der schieren Menge der neuen Titel ab, da sie eben in Zweifel ziehen, was das Christentum seit vielen Jahrhunderten lehrt. Und nun ist es so, dass die Leser dieser Bücher auch eine ganze Menge lernen: Sie lernen eine Person kennen, die keine besseren Antworten auf ihre Fragen gefunden hat, als eben jene Zweifel. Sie lernen, dass das Zweifeln eine Tugend sei, weil es angeblich zu mehr Authentizität oder Echtheit führen würde.
Francis Schaeffer war ein Mann, dem Zweifel vertraut waren. Auch er hatte eine längere Krise des Glaubens. Doch im Gegensatz zu den heutigen Zweiflern wusste er noch, wie man mit Zweifeln ehrlich umgeht. Er war bereit, seinen ganzen Glauben in die Waagschale zu werfen. Er war früher Agnostiker und war bereit, dorthin zurückzukehren, wenn er seine Zweifel nicht ausräumen konnte. Er ging in dieser Zeit die gesamte Grundlage des christlichen Glaubens durch und kam zum Schluss, dass die Bibel vollkommene Wahrheit ist. Dieser Mut fehlt den heutigen Zweiflern zu oft und so verschanzen sie sich in einem „progressiven“, also angeblich „fortgeschritteneren“ Glauben. Viele dieser gesellschaftlichen Veränderungen hatte Francis Schaeffer mit geradezu prophetischem Scharfblick vorhergesehen und mit großer Liebe und Klarheit angesprochen. Deshalb möchte ich dieses Buch von Hanniel Strebel als kurze Einführung, aber auch das gesamte Werk von Schaeffer meinen geistlichen Geschwistern aller Denominationen und Konfessionen ans Herz legen. Möge Schaeffers schriftlicher Schatz einen wichtigen Platz in unseren Gemeinden und Kirchen einnehmen und uns alle stärken und zu mündigen Geschwistern machen.

Jonas Erne, lic. theol., Gemeindereferent, Blogger

Sonntag, 9. April 2017

Wo bleibt das Band der Liebe?

Nicht nur mir, auch einigen älteren, weiseren Freunden ist es immer wieder aufgefallen, wie sehr unsere Zeit unter Gespaltenheit und Lieblosigkeit leidet. Es scheint das Symptom des Zeitgeistes zu sein. Wohin man hört und sieht, überall ist Gleichgültigkeit bis hin zu offenem Hass zu finden. Es ist eine Zeit der Lautstärke, in welcher jeder versucht, alle zu übertönen, die ihm nicht zustimmen. Besonders deutlich wird das in den asozialen Medien, die sowieso schon von der „sichtbaren Lautstärke“ leben. Möglichst groß, krass, sichtbar, abwertend, etc. Ich möchte im Folgenden ein paar Überlegungen anstellen, wie es zu diesem Phänomen gekommen ist und welche weiteren Wege denkbar sind.

Es ist eigentlich ein sehr widersprüchliches Phänomen: Auf der einen Seite führt der Glaube an die grenzenlose Perfektibilität des Menschen, der vom „American Dream“ stammt, zum Denken, dass jeder sich selbst verbessern kann. Dies wiederum zeigt sich darin, dass der Mensch sich häufig als Maschine sieht – und entsprechend auch von der Wirtschaft so eingesetzt wird. Der Einzelne ist nur noch das schwächste Glied der Maschine; der Arbeiter will nur noch durchhalten, um nachher Freizeit zu haben, und dann wird die Freizeitgestaltung auch wieder nur von einer Freizeitmaschinerie und Konsumindustrie bestimmt.

Auf der anderen Seite regiert das Gefühl. Wo aber das Gefühl die Macht in den Händen hält, wird jeder Widerspruch gleich persönlich verstanden. Wenn mein Gefühl der King des Lebens ist und Du mir widersprichst, dann hast Du etwas gegen mich persönlich gesagt. So wird das empfunden. Und wenn das jemand so empfindet, dann fühlt man sich auch sofort berechtigt, die andere Person persönlich anzugreifen und fertigzumachen. Dass es da einen enormen Unterschied zwischen Person und Meinung gibt, nehmen viele Menschen nicht mehr wahr.

Der Einzelne, welcher sich persönlich angegriffen fühlt, sucht meist nicht den Kontakt, um sich darüber auszutauschen, warum die andere Person diese gegensätzliche Meinung vertreten hat, sondern zieht sich in sein Ghetto zurück, zu denen, die derselben Meinung sind wie sie selbst auch. Wie das online geschieht, habe ich hier (Link) geschrieben. Oft besteht das darin, dass man Menschen anderer Meinung aus der Freundesliste löscht oder „entfolgt“ (Twitter). Ich habe noch nie jemanden wegen seiner Sichtweise gelöscht, und habe auch nicht vor, das je zu tun. Warum? Weil ich mir der Gefahr des Ghettos und meiner menschlichen Schwäche bewusst bin und weiß, dass ich (und jeder andere auch) Widerstand, verschiedene Sichtweisen, Vielfalt brauche, um gesund wachsen zu können.

Angst ist ein schlechter Berater, und meist ist es Angst davor, angegriffen oder in Frage gestellt zu werden, was Menschen in ihre „Ghettos“ treibt. Wenn Menschen sich ihres Werts unsicher sind, suchen sie häufig nur Bestätigung unter ihresgleichen. Sie tun alles, um Kritik und anderen Meinungen auszuweichen, denn so richtig wohlig fühlt man sich in dem Fall nur unter Menschen, die die eigene Sicht teilen und loben. Wer sie nicht teilt, muss entweder unwissend oder voll Hass sein, so ist die Vorstellung in diesem Fall. Dass man auch mit demselben Hintergrundwissen zu ganz anderen Schlüssen oder zu anderen Präferenzen kommen kann, wird meist ausgeblendet.

Die exzessive Verwendung der neueren Medien spielt auch noch mit hinein. Sie sind nun keinesfalls für diese Entwicklung verantwortlich im Sinne von schuldig, aber sie erleichtern die Bildung von wohlig-kuschligen Ghettos Gleichgesinnter und zugleich das technische Blockieren aller anderen Sichtweisen. Wer im Supermarkt einkaufen geht, wird unter den übrigen Kunden bestimmt eine Vielzahl von Sichtweisen treffen können, doch wer nur mit sich selbst beschäftigt ist und mit dem eigenen „Ghetto“, wird unfähig, sich auf diese anderen Meinungen einzulassen, sie mal zu überdenken und von ihnen profitieren zu versuchen. Darüber habe ich übrigens hier (Link) geschrieben. In den asozialen Medien hat jeder selbst die Verantwortung, sich seine Kontakte zu wählen, und viele Menschen suchen sich bewusst gleichdenkende Kontakte aus. Das führt wieder zu dieser digitalen Art von „Gated Communities“.

Im Folgenden eine Reihe von Fragen, die mir helfen (zumindest hoffe ich das), nicht nur mit den neuen Medien, sondern grundsätzlich auch mit mir entgegengesetzten Meinungen umzugehen und das alles überwinden könnende Band der Liebe aufrecht zu erhalten:

  • Wie fühle ich mich, wenn mir jemand widerspricht? Kann ich meine Sicht von meiner Persönlichkeit von meiner Meinung trennen oder fühle ich mich dann angegriffen?
  • Was mache ich, wenn mir jemand widerspricht, reflexartig als Erstes? Bete ich für diese Person, die mir widerspricht? Bete ich dafür, die Wahrheit zu erfahren?
  • Wie gut kann ich damit umgehen, eine Woche lang online nicht erreichbar zu sein? Fühle ich mich dadurch abgewertet oder habe ich Angst, etwas Wichtiges zu verpassen?
  • Wie geht es mir, wenn ich fünf Minuten lang nur still bin, ohne über etwas nachzudenken und ohne Ablenkung?
  • Wann habe ich zuletzt ein Buch gelesen, dem ich in den allermeisten Punkten widersprechen musste? Was habe ich dennoch davon mitnehmen können?
  • Wie sehe ich Menschen, die anderer Meinung sind? Kann ich sie als vollwertige Geschöpfe Gottes erkennen und eine ganze Menge über unseren Schöpfer von ihnen lernen?
  • Wie geht es mir, wenn ein Hype oder Shitstorm viral wird? Lasse ich mich davon mitreißen? Mache ich mit, wenn es nur darum geht, jemanden fertigzumachen?
  • Wann habe ich Gott zuletzt dafür DANKE gesagt, dass Menschen so verschieden sind und mir dadurch auch helfen, die Wahrheit noch besser zu verstehen?
  • Bete ich regelmäßig für die Menschen, die anderer Meinung sind und segne sie, statt (nur) Gott zu bitten, ihre Meinung zu ändern?
  • Was finde ich in der Bibel für Hinweise, die mir helfen, meine Gottes- und Nächstenliebe am Brennen zu erhalten?