Heute gibt es noch den gesamten Text zum Buch von Siegfried Zimmer als PDF. Hier geht es zum Text.
Hier noch einmal die Links auf die vier Teile als Blogposts:
Teil 1 (Einführendes und Zusammenfassung des Buches)
Teil 2 (Hat Zimmer mit seinem "Fundamentalisten-Bashing" recht?)
Teil 3 (Wie geht Zimmer mit der Geschichte um?)
Teil 4 (Was versteht Zimmer und der "Bibelwissenschaft"?)
Posts mit dem Label Zimmer werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Zimmer werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Montag, 5. September 2016
Freitag, 2. September 2016
Selbstgezimmerte Bibelwissenschaft
Dies
ist der vierte und letzte Teil einer Blogserie über Siegfried
Zimmers Buch „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben?“ Hier
geht es zu Teil
1, Teil
2 und Teil
3.
Fehlende
Definitionen
Was
ist für S. Zimmer die „Bibelwissenschaft“? Eine der größten
Schwächen (oder aus seiner Sicht vielleicht eher Stärken) Zimmers
besteht darin, dass seine Begriffe sehr unklar, schwammig und
undefiniert sind. Erst gegen Ende des Buches lässt Zimmer dann
entsprechend die Katze aus dem Sack: „Weil die diesbezüglichen
Missverständnisse fast unüberwindlich sind, sollte man das Wort
'Bibelkritik' im (nichtwissenschaftlichen) Gespräch unter Christen
nach Möglichkeit vermeiden. Man kann es durch das Wort
'Bibelwissenschaft' ersetzen. Beide Worte meinen das Gleiche.“
(Zimmer, S. 153)
Ein
anderes Beispiel ist ganz am Anfang zu finden: „Die Kirche darf
nichts lehren, was dem Evangelium von Jesus Christus widerspricht. In
diesem Sinn ist die Bibel der Maßstab (Kanon) für den Glauben, die
Lehre und das Leben der Christen.“ (S. 14) Das klingt – wie
bereits gesagt – gut. Die Frage ist nur: Was ist für Zimmer das
Evangelium? Die Rede vom Evangelium klingt für Christen immer gut.
Aber davon gibt es so viele und dabei ganz unterschiedliche
Vorstellungen, was man unter diesem Schlagwort verstehen kann.
Zimmer
meint, er könne mit seinem Buch etwas für die Einheit unter
Christen tun, wenn er dabei ganz unklar und schwammig bleibt, damit
sich jeder selbst etwas darunter vorstellen kann. Und das ist ein
grundlegendes Problem unter Christen unserer Zeit. Es ist kaum noch
Bereitschaft vorhanden, über Inhalte zu diskutieren. Lieber
diskutiert man darüber, mit welcher leeren Worthülse möglichst
viele Christen leben können – und nennt das Ganze dann „Einheit“.
Das Problem ist jedoch, dass es echte Einheit nur bei den jeweiligen
Inhalten geben kann und nicht bei den Worthülsen. Sonst gibt es nur
noch eine undefinierte Pseudo-Einheit, die niemandem etwas bringt.
Was
das Evangelium betrifft, lässt Zimmer seine Leser im Dunkeln. Der
Leser bleibt am Schluss mit seinen Fragen zurück: Darf Jesus
Christus an der Stelle der Gläubigen am Kreuz gestorben sein, oder
ist das dann ein „kosmischer Kindesmissbrauch“ (Steve Chalke)?
Darf Jesus Christus echte Dämonen ausgetrieben haben oder sind das
nur Symbole für das Böse im Menschen? Darf Jesus Christus die
Wunder tatsächlich getan haben? Darf Jesus Christus tatsächlich,
echt, historisch und körperlich auferstanden sein? Darf Jesus
Christus sich selbst als Messias bezeichnet haben oder ist das nur
ein Titel, den ihm die nachösterliche Gemeinde verliehen hat? Fragen
über Fragen – und der Leser bleibt in all diesen Fällen ohne
Antwort. Auf schwäbisch gesagt: "Guad gmoant isch ned emmer
guad gmacht" (Gut gemeint ist nicht immer gleichbedeutend mit
gut gemacht).
Überhaupt
stellt sich die Frage, welchen Jesus Christus Zimmer meint, wenn er
schreibt: „Im Konfliktfall argumentieren wir ohne jedes Zögern
mit Jesus Christus gegen die Bibel.“ (Zimmer, S. 96) Also eine
Aussage darf Jesus Christus schon mal getroffen haben (also
wenigstens mal eine Festlegung. Immerhin.): Die Sache mit der
Feindesliebe. So. Punkt. Und dann nehmen wir diese Feindesliebe und
argumentieren damit einfach so mal gegen alles Mögliche im Alten
Testament. Etwa gegen den Todesengel, der in 2. Mose 11 die
Erstgeborenen der Ägypter holt. Knallbumm, und weg ist dieser böse
Gott. Da sind wir schon fast bei Marcion (vgl. dritter Teil dieser
Serie), nur dass es jetzt nicht gegen den Demiurgen geht, sondern mit
Jesus Christus und der Feindesliebe argumentiert wird.
Wie
funktioniert diese Bibelwissenschaft?
Ganz
genau erklärt das Zimmer nicht. Er geht auf die Untersuchung der
Religionen des Orients ein, aber auch da ist er zu schlau und zu
vorsichtig, um zuviel darüber zu sagen. Ich möchte an einem anderen
Beispiel versuchen zu skizzieren, wie das geschehen kann. Ab etwa
1835 gab es in der deutschen Theologie eine ganze Bewegung von
Theologen, die versucht haben, herauszufinden, wer dieser Jesus von
Nazareth tatsächlich war. Man wollte alles eliminieren, was diesem
Jesus von den Evangelisten später angedichtet wurde, also alle
Wunder, alle „Hoheitstitel“, alle Predigtinhalte, die womöglich
von jemand anderem stammen könnten. Und irgendwann merkten sie: Am
Schluss bleibt von diesem Jesus immer genau das übrig, was man am
Anfang von ihm dachte. Der Theologe wird am Schluss auf sich selbst
zurückgeworfen.
Der
Theologe Albert Schweitzer hat etwa 70 Jahre nach der Entstehung
dieser Bewegung die Geschichte derselben aufgeschrieben und kam zum
Schluss: „Es ist der Leben-Jesu-Forschung merkwürdig ergangen.
Sie zog aus, um den historischen Jesus zu finden, und meinte, sie
könnte ihn dann, wie er ist, als Lehrer und Heiland in unsere Zeit
hineinstellen. Sie löste die Bande, mit denen er seit Jahrhunderten
an den Felsen der Kirchenlehre gefesselt war, und freute sich, als
wieder Leben und Bewegung in die Gestalt kam und sie den historischen
Menschen Jesus auf sich zukommen sah. Aber er blieb nicht stehen,
sondern ging an unserer Zeit vorüber und kehrte in die seinige
zurück.“ (Albert Schweitzer, Geschichte der
Leben-Jesu-Forschung, S. 397)
Das
Problem bei all diesen Zugangsweisen der historisch-kritischen
Methoden ist dabei immer dasselbe, das sich bei der
Leben-Jesu-Forschung gezeigt hat: Am Ende bleibt der Mensch, der sich
über die Bibel stellt, immer an sich selbst hängen. Er muss von
gewissen Prämissen ausgehen, also etwas voraussetzen. Und am Ende
bleibt immer genau das übrig, was er zuerst vorausgesetzt hat.
Der
Bankrott der Bibelkritik
Was
am Ende vom Nutzen dieser Methoden bleibt, ist sehr mager. Man hat
jede Menge Zeit investiert, um einen Bibeltext mit allen möglichen
Methoden zu erarbeiten, und findet am Ende doch immer nur sich selbst
und seine eigenen Gedanken darin. Etwas wirklich Neues, Wertvolles
wird sich dadurch nicht ergeben. Wer Zimmers Buch sensibel und mit
offenen Augen liest, wird bemerken, dass auch Zimmer den Bankrott der
Bibelkritik anmeldet, allerdings mit sehr leiser, zaghafter Stimme.
Am Schluss des Kapitels über die Bibelkritik bemerkt er, dass diese
Wissenschaft eine Kluft zwischen „der universitären
Bibelwissenschaft und dem Leben der Christen bzw. der christlichen
Gemeinde“ (S. 166) schafft. Die weiteren Ausführungen zeigen, dass
diese Methoden in der Praxis am Ende angelangt sind: „Auch die
nichtwissenschaftlichen Zugangsweisen zur Bibel verdienen Beachtung
und Anerkennung. Man kann in die biblische Botschaft sehr intensiv
verstrickt werden, indem man sich den biblischen Texten betend,
meditierend, singend, musizierend, malend, tanzend und spielend
zuwendet.“ (S. 167)
Vielleicht
sollte man sich doch langsam wieder auf die wörtliche
Exegese einlassen, die schon die Reformatoren betrieben haben? Aber
vermutlich ist das dann wieder zu fundamentalistisch. Ein Glanzstück
der historisch-kritischen Bibelwissenschaft habe ich vor Jahren in
einer evangelischen Kirche erlebt: Bei der Speisung der 5000 soll es
nicht darum gegangen sein, dass Jesus das Brot durch ein Wunder
vermehrt habe, sondern jeder Anwesende soll sich (durch ein Wunder)
erinnert haben, dass er auch noch etwas zu Essen in der Tasche
stecken habe, und als dann alle mit allen geteilt haben, sei auch
noch etwas mehr übrig geblieben. Einmal mehr zeigt sich da, dass am
Ende der Mensch immer auf sich selbst zurückgeworfen wird, wenn er
die Autorität Gottes verlässt. Aber leider muss man nicht einmal so
weit suchen gehen, um Meisterleistungen der Eisegese (Hineinlesen
eigener Gedanken in den Bibeltext) zu finden. Leider findet sich
solches auch oft genug in Gemeinden, die formal die Autorität und
Irrtumslosigkeit von Gottes Wort bezeugt wird.
Zimmers
Ruf an die alternativen Herangehensweisen an den Bibeltext ist ein
Hilfeschrei. Hier wird seine Verletzlichkeit plötzlich sichtbar.
Seine Methoden bringen Distanz zum Leben, und das ist ein Problem.
Doch Jesus ist größer als alle Bibelkritik; das Beispiel der
historisch-kritischen Theologin und Schülerin Rudolf Bultmanns Prof.
Eta Linnemann zeigt, dass Jesus größer ist und über der
Bibelkritik steht. Ich werde weiterhin für Prof. Zimmer beten, dass
der Herr Jesus ihm ganz persönlich begegnet und ihn von der
tatsächlichen göttlichen Autorität und Fehlerlosigkeit der Bibel
überzeugt. Das kann niemand von uns, es ist Seine Sache.
Zum
Schluss noch eine Prise Selbstkritik
Es
ist einfach, ein Buch wie das von Zimmer zu zerlegen, zumal die
Argumente nicht besonders überzeugend sind und sich mit etwas
Hintergrundwissen relativ gut widerlegen lassen. Eine andere Frage
bleibt aber bestehen: Viele Menschen finden die Vorträge von Zimmer
gut und befreiend. Kann man dafür jetzt einfach nur den „Zeitgeist“
verantwortlich machen? Eins ist klar: Zimmer möchte den Zuhörern
helfen, sich von furchteinflößenden Gottesbildern zu lösen. Das
macht seine Vorträge befreiend. Er möchte aber auch ein anderes
Gottesbild präsentieren, und zwar eines, mit dem möglichst viele
Menschen etwas anfangen können. Bei ihm geht es nicht mehr um die
Frage: Was muss ich tun, damit Gott mich annehmen kann? Sondern: Wie
muss dein Gott sein, damit du ihn annehmen kannst? So ähnlich hat
bereits Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher auf die kritischen
Fragen seiner Zeitgenossen reagiert. Und seine Antwort war: Religion
(heute würde man sagen „Der Glaube an Gott“) ist das Gefühl der
schlechthinnigen (=absoluten) Abhängigkeit. Es geht letztlich um das
Gefühl. Der Glaube soll uns ein gutes Gefühl geben. Da haben
Schleiermacher und Zimmer durchaus einen Nerv ihrer Zeiten getroffen.
Aber
ich will fragen: Kann es sein, dass es im Evangelikalismus unserer
Zeit ein Vakuum gibt, das die Vorträge von Zimmer füllen können?
Ich meine ja, und möchte drei mögliche Antworten kurz skizzieren.
1.
Wir brauchen mehr tiefgehende biblische Lehre. Wer in der
biblischen Lehre gut informiert ist und nicht nur ein seichtes
Wohlfühlevangelium kennt, wird auf Zimmers Versuche nicht
hereinfallen. Wir brauchen mehr Apologetik und tiefes Nachdenken über
Gottes Wort und die ethischen Herausforderungen unserer Zeit.
2.
Wir brauchen den Mut, Lücken und Schwächen zuzugeben. Was viele
Menschen an Zimmer fasziniert, ist sein Mut, nicht auf alles eine
fertige Antwort zu haben. Er kann sehr gut auf die Menschen hören
und sie verstehen und hat nicht einfach immer auf alles eine fertige
Antwort. Authentizität und Mut zur Lücke sind hier gefragt. Im
Wissenschaftsbetrieb ist es übrigens ganz normal und gesund, auf
viele Fragen (noch) keine Antwort zu haben.
3.
Wir brauchen eine erneuerte Vision von Gottes atemberaubender
Schönheit. Unsere Generation lechzt nach Schönheit; und hier
können wir aus der Kirchengeschichte lernen. Augustinus von Hippo,
Jonathan Edwards, Blaise Pascal und C. S. Lewis hatten wie kaum
jemand anderes eine solche Vision von der Schönheit Gottes. Für sie
alle war Schönheit der Grund, warum man nach Gott verlangen soll.
Besonders auf Schriften von Jonathan Edwards können wir
zurückgreifen, um eine solche Vision von Neuem zu erlangen.
Labels:
Bibelkritik,
Bibellehre,
Evangelium,
Jonathan Edwards,
Schönheit,
Siegfried,
Zimmer
Dienstag, 30. August 2016
Selbstgezimmerte Geschichte
Dies
ist der dritte Teil einer Serie. Hier geht es zu Teil
1, Teil
2 und Teil 4. In diesem Teil möchte ich der Frage nachgehen, wie Siegfried
Zimmer in seinem Buch mit der Geschichte und insbesondere der
Kirchengeschichte umgeht.
Was
sind Glaubensbekenntnisse?
Interessant
ist der Umgang von Zimmer mit den altkirchlichen
Glaubensbekenntnissen. Es scheint, als würde er diese durchaus über
die Bibel stellen. Die Bibel darf kritisiert werden, das Apostolische
Bekenntnis darf nicht einmal hinterfragt werden:
„Glaubensbekenntnisse sind aber eine besondere Sorte von Texten.
Es sind Basistexte, die das Entscheidende zusammenfassen wollen. Sie
sind von vornherein in der Absicht geschrieben worden, vielen
Menschen eine verbindliche Orientierung zu geben.“ (S. 50)
Soweit gut und richtig, aber Zimmer verkennt damit grundsätzlich,
dass diese Bekenntnisse aus einem Kontext und einer Zeit stammen. Sie
sind – im Gegensatz zur Bibel – nicht inspiriert und somit auch
nicht unfehlbar. Außerdem ist es nicht ganz korrekt, wenn Zimmer nur
sagt, dass sie das Entscheidende zusammenfassen wollen. Sie wurden
vielmehr in den Diskussionen der frühen Kirche um die richtige Lehre
verfasst, das heißt, sie widerspiegeln immer auch die notwendigen
Abgrenzungen gegen die Irrlehren der jeweiligen Zeit.
Warum
also war die Bibel in den frühen Glaubensbekenntnissen nicht
enthalten? Nach der frühen Kritik der Bibel durch den Marcionitismus
(Marcion sagte, dass das AT und große Teile des NT, eigentlich
alles, was judenfreundlich war, nicht vom Gott der Bibel stammen
könne, weil der jüdische Gott der Widersacher des christlichen
Gottes sei) und nachdem der Umfang der Bibel (Kanonisierung) von der
ganzen frühen Kirche bestätigt war, gab es für viele Jahrhunderte
keinen Zweifel mehr an der Bibel. Sie wurde als von Gott inspiriert,
fehlerlos und oberste Autorität für Lehre und Leben betrachtet. Das
änderte sich erst im Zuge der Aufklärung. Es gab somit keine
Notwendigkeit, die Lehre von der Bibel in einem Glaubensbekenntnis
unterzubringen, weil sie allgemein anerkannt war.
Worüber
es hingegen längere Diskussionen gab, war die Lehre vom dreieinen
Gott und besonders die Natur Jesu Christi: Dass Er gleichzeitig
ganz Mensch und ganz Gott ist und dass diese zwei Naturen weder
vermischt noch getrennt sind, und was das für den Glauben und die
Erlösung genau bedeutet. Deshalb wurde die Person Jesu Christi in
den Bekenntnissen so ausführlich behandelt. Wir sehen also: Das
Glaubensbekenntnis ist nicht einfach nur eine Kurzfassung von allen
wichtigen Punkten, sondern vor allem ein Dokument, aus dem man die
jeweils wichtigen und zur jeweiligen Zeit diskutierten Themen
erkennen kann. Deshalb liegt Zimmer auch mit seinem Argument falsch,
dass die Bibel im Apostolikum absichtlich nicht erwähnt wurde (S.
50) Mit den Jahrhunderten kam es jedoch zu einer anderen Entwicklung:
Innerhalb der katholischen Kirche bekam die Tradition und das
päpstliche Lehramt dasselbe Gewicht wie die Bibel – mit anderen
Worten: Es ging darum, dass theologische Laien die Bibel nicht selbst
lesen durften oder konnten, weil sie sie ja falsch auslegen könnten.
Im Zuge der Reformation kam deshalb wieder die Frage nach der Lehre
von der Bibel auf, und Luther machte klar, dass die ganze Bibel
Gottes Wort ist und sie alleingenügsam ist und jeder sie selbst
lesen und verstehen kann.
Bei
Zimmer findet sich übrigens eine ähnliche Entwicklung wie in der
katholischen Kirche des Mittelalters: Um die Bibel richtig zu
verstehen, bedarf es des Lehramts der historisch-kritischen
Theologie. Kein Wunder, dass Zimmer und die übrigen Redner von
Worthaus zu einer Art Papst für progressive Evangelikale werden. Das
neue „Anathema“ heißt nun einfach „fundamentalistisch“ und
„granatendoof“.
Martin
Luther als Bibelkritiker
Die
Lieblingsfigur Zimmers ist Martin Luther. Wie so manch ein anderer
liberaler Theologe vor ihm findet er in den Schriften Luthers
allerlei, was er nach eigenem Gusto gebrauchen kann. Die 120 Bände
der Weimarer Ausgabe der Werke Luthers sind schließlich eine gute
Fundgrube. Da darf man nicht vergessen, wie Luther von allen Seiten
unter Angriffen stand und dass auch er eine Entwicklung durchgemacht
hat (wie übrigens alle anderen Reformatoren auch). Luther musste an
allen Fronten zugleich kämpfen: Spiritualistische Täufer, die
meinten, sie bräuchten wegen dem Heiligen Geist keine Bibel mehr,
skeptische Freunde wie Erasmus, Katholiken, die ihn wieder zurecht
bringen wollten, Bilderstürmer, die am liebsten alles ausgerottet
hätten, was sie irgendwie an die katholische Zeit erinnern konnte,
und so weiter. Mit all diesen Problemen setzte Luther sich aktiv
auseinander – und das findet sich nun in dieser Werksausgabe. Kein
Wunder, dass sich da einiges findet, was sich zu
Rechtfertigungszwecken aller möglichen Agenden eignet.
Martin
Luther kannte zwei Kategorien der Bücher: Solche, die zum biblischen
Kanon dazu gehören, und andere, die es nicht tun. Er schrieb zu den
Apokryphen, dass sie wertvoll zu lesen seien, aber ganz klar von der
Bibel zu unterscheiden sind. Ich gebrauche dazu gern den Vergleich:
Die Apokryphen sind ungefähr so, wie wenn ich einige der Predigten
von C. H. Spurgeon in der Bibel mitdrucken würde. Diese Predigten
sind sehr erbaulich zu lesen, aber sie sind nicht Gottes inspiriertes
Wort.
Innerhalb
der Bibel hatte Martin Luther bestimmte Präferenzen, etwa für den
Brief an die Römer. Diese Präferenz kann ich sehr gut
nachvollziehen. Sie ist bei Luther wie bei mir biographisch bedingt.
Martin Luther wurde das Evangelium klar, als er Römer 1, 16 – 17
studierte und er begriff, dass Gottes Gerechtigkeit ihm durch Jesus
Christus zugesprochen und juristisch übertragen wurde. Bei mir war
es eine Predigt über Römer 6, 12, die mir den geistlichen Bankrott
aufzeigte und ein paar Tage später Römer 10, 9 – 11, die der
Heilige Geist nutzte, um mir neues Leben zu schenken. So darf es
sein, dass man bestimmte Teile der Bibel einfach ganz besonders
wertvoll findet. Trotzdem verbindet Martin Luther und mich auch die
Haltung, dass innerhalb der Bibel Gottes Wort überall zu finden ist,
und zwar ganz direkt, weil es Gott so wollte. Wenn nun Siegfried
Zimmer versucht, Luther als Bibelkritiker zu missbrauchen, ist das
sehr weit hergeholt.
In
der Auseinandersetzung mit der katholischen Theologie der Scholastik,
in welcher auch die Aussagen der Kirchenväter sehr viel Wert
beigemessen bekamen, sagte Luther deshalb: „Oder sag, wenn du
kannst, wer ist der Richter, der eine Frage abschließt, wenn doch
der Väter Aussprüche miteinander kämpfen? Es ist nämlich nötig,
dass hier nach dem Wort als Richter ein Urteil gefällt wird, und das
kann nicht geschehen, wenn wir nicht der Schrift den obersten Platz
geben in allen Dingen, die den Vätern zugeteilt wird, das bedeutet,
dass sie selber durch sich selbst das Allergewisseste,
Allerleichteste, am allerbesten Zugängliche, das, was sich selbst
auslegt, allen alles prüft, beurteilt und erleuchtet.“
(Weimarer Ausgabe Bd. VII, S. 97) Hier haben wir Martin
Luthers hermeneutisches Prinzip: Die Bibel legt sich selbst aus und
nicht irgend eine hysterisch-kritische Methode.
Die
Geburt der Bibelkritik
Natürlich
kann man einwenden, dass es bereits zur Zeit des Neuen Testaments
eine Form der Bibelkritik gab. Die allererste Bibelkritik findet sich
übrigens in 1. Mose 3: „Sollte Gott wirklich gesagt haben?“
Marcion, den wir am Anfang erwähnten, war ein Bibelkritiker. Aber
die eigentliche systematische Bibelkritik ist im 18. Jahrhundert
entstanden – und zwar mitten in der pietistischen
Erweckungsbewegung. Nachdem Martin Luther und die übrigen
Reformatoren gestorben waren, kam die Frage auf: Wie weiter?
Besonders im Luthertum wurde das Bekenntnis zur richtigen Lehre ins
Zentrum gerückt. Das ist sehr wichtig und gut, aber es ist eben
nicht alles. Das persönliche Leben wurde ausgeklammert, indem man
der Lehre diesen Platz zuwies. Im Pietismus wurde das persönliche
Element wieder entdeckt. Leider wurde ihm darin so einen prominenten
Platz zugewiesen, dass plötzlich alles subjektiv wurde. In diesem
Klima las jeder die Bibel für sich und nur mit der Frage: Was will
Gott mir heute sagen? Ein Mann wuchs auch so auf im Pietismus. Er
wurde Professor an der Universität in Halle. Sein Name war Johann
Salomo Semler, und er vertrat die Ansicht, dass die Bibel zwar Gottes
Wort enthält, aber dass Gottes Wort darin erst gesucht und gefunden
werden müsse. Das war 1771.
1787
hielt Johann Philipp Gabler in Altdorf seine Antrittsvorlesung. Mit
ihr begann eine weitere neue Bewegung, nämlich die sogenannte
„Biblische Theologie“. Gabler forderte, dass man die Bibel für
sich auslegen muss, ohne zuerst die Dogmatik (Systematische
Theologie) benutzen zu müssen. In der Biblischen Theologie werden
viele Grundfragen geklärt: Wie gehören das Alte und Neue Testament
zusammen? Was ist der rote Faden durch die Bibel hindurch? Was
bedeutet ein bestimmtes Wort genau an dieser einen Stelle und warum
steht genau dieses Wort da? Und so weiter. Leider wurden die Anliegen
der Herren Semler und Gabler miteinander vermischt und haben zusammen
die historisch-kritischen Methoden begründet. Wer sich für die
weitere Geschichte interessiert, findet hier
(Link) ein Dokument, das ich dazu zusammengestellt habe. Meine
Kritik an der Kritik möchte ich für den nächsten und
abschließenden Teil dieser Blogserie aufheben.
Labels:
Bibelkritik,
Geschichte,
Kirchengeschichte,
Siegfried,
Zimmer
Freitag, 26. August 2016
Selbstgezimmerter Fundamentalismus
Im
zweiten Teil (hier
geht es zu Teil 1 / Teil 3 / Teil 4) zur Besprechung von Siegfried Zimmers Buch
„Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben?“ möchte ich auf die
Zimmer'sche Polemik gegen das „fundamentalistische
Bibelverständnis“, wie Zimmer das nennt, eingehen. Diese lange und
komplexe Umschreibung ist der Versuch, das „böse“ Wort
„Fundamentalismus“ zu relativieren, ohne darauf verzichten zu
müssen. An dieser Stelle lasse ich den Begriff an sich mal so
stehen, auch wenn ich damit nicht glücklich bin. Es gibt, wie
gesagt, genügend gute Literatur zum Thema.
Wo
geht der Riss tatsächlich durch?
Schon
im Vorwort beschreibt Zimmer einen Riss, der durch die Christenheit
geht. Die große Frage ist deshalb, wo dieser Riss hindurchgeht. Und
da haben wir ein Problem, denn Zimmer definiert diesen Riss an die
falsche Stelle. Zimmer schreibt: „Diese Unterscheidung zwischen
dem Rang Gottes und dem Rang der Bibel lehnt die fundamentalistische
Theologie ab.“ (S. 22) Mit anderen Worten: Für den
Fundamentalisten ist die Bibel gleich Gott. Diesen Vorwurf wiederholt
Zimmer später übrigens mehrmals.
In
einem späteren Kapitel finden wir korrekt die drei Autoritätsebenen
aufgelistet:
„1.
Ebene: Die Autorität des dreieinigen Gottes
2.
Ebene: Die Autorität der Heiligen Schrift
3.
Ebene: Die Autorität der Kirche“ (S. 51)
Kaum
ein ernsthafter Theologe würde diese drei Ebenen abstreiten. Doch
genau den Vorwurf macht Zimmer den „fundamentalistischen“
Theologen: Für sie gebe es nur auf der ersten Ebene Gott und die
Bibel und auf der zweiten Ebene die Kirche. Der eigentliche Riss –
das, was Zimmer entweder nicht zu verstehen scheint oder nicht
verstehen will – geht durch die Konsequenzen, die sich aus diesen
drei Ebenen ergeben, weshalb die ersten Kapitel des Buches
letztendlich nichts als leere Rhetorik sind, mit welchen Zimmer
versucht, seinen fundamentalistischen Strohmann zu zerstören.
Für
den historisch-kritischen Theologen bedeuten diese drei Ebenen, dass
sich die Kirche (oder der Theologe) über die Bibel stellen darf, wo
er von Gott beabsichtigte Widersprüche oder Fehler zu sehen meint,
während der bibeltreue Theologe unter dem Wort Gottes, nämlich der
Bibel, bleibt und davon ausgeht, dass sich solche Fälle durch
gründliches Studium innerhalb der Bibel auflösen. Der
historisch-kritische Theologe ist der Ansicht, er müsse mit seinem
Verstand (oder im Falle Zimmers mit seinem Jesus) gegen die Bibel
argumentieren (vgl. S. 96), während der bibeltreue Theologe bereit
ist, mit der ganzen Bibel auch mal gegen seinen Verstand oder gegen
ein fremdes Jesusbild zu argumentieren.
Eine
Frage der Demut
An
dieser Stelle kommt auch wieder die Frage nach der Demut auf. Was ist
die echte Demut Gott gegenüber? Ist es demütig, wenn ich eine Bibel
habe, die ich je nach meinem Gutdünken an jede beliebige Politik,
Ideologie und sonstige Gedanken anpassen kann? Ist es nicht vielmehr
demütig, die eine Bibel, die Gott uns geschenkt hat, ohne Wenn und
Aber zu nehmen und sie Gott gebrauchen lasse, um mich zu verändern?
Wenn die Bibel so schwach und biegsam ist, wie Zimmer das behauptet,
dann kann sie es mit meinem sturen Kopf nie und nimmer aufnehmen.
Zimmer
geht dann noch auf das Thema Vollkommenheit ein. Wenn wir davon
sprechen würden, dass die Bibel vollkommen sei, dann habe das keine
biblische Grundlage. Das Argument von Psalm 19,8 versucht er
folgendermaßen zu entkräften: „Das Wort [tamim] bezeichnet ein
Tier, das weder krank noch verstümmelt ist. Im Opferkult durften nur
gesunde Tiere verwendet werden (vgl. Lev 22,19ff). Das Gegenteil von
tamim bedeutet 'missgebildet, unvollständig' (vgl. Lev 22, 18-21; Nu
19,2). Es geht bei diesem Wort um Gesundheit im Sinne der
körperlichen Unversehrtheit, um die Vollständigkeit der
körperlichen Gliedmaßen.“ (S. 56) Das Problem ist nur: Wenn
das Wort auch auf die Bibel (Torah) angewandt wird, zeigt sich darin
das Scheinargument Zimmers gegen den Psalm. Wenn doch die Bibel
derart von Fehlern und Widersprüchen entstellt ist – und dies
angefangen mit der Genesis, welche bekanntlich ein wichtiger Teil der
Torah ist – so kann sich Zimmer keinesfalls auf seine Wortstudie
berufen, um den Psalm zu entkräften.
Die
Chicago-Erklärungen
Einen
nicht geringen Teil im Buch macht auch die Auseinandersetzung mit den
Chicago-Erklärungen aus. Was sind die Chicago-Erklärungen? Zimmer
erklärt: „Die 'Chicagoer Erklärungen' gelten international als
wichtigste Selbstdarstellung des neueren protestantischen
Fundamentalismus.“ (S. 100) Also anders gesagt: Weil es
international kein gemeinsames Bekenntnis der bösen Fundamentalisten
gibt, muss man halt zu dem greifen, was einem solchen vielleicht noch
am nächsten kommt.
Fakt
eins ist: Die Chicago-Erklärungen wurden von Theologen aus
verschiedenen Ländern erarbeitet. Fakt zwei ist: Trotzdem kamen die
allermeisten davon aus den USA und haben die Erklärungen im Kontext
der amerikanischen Theologie erarbeitet. Fakt drei: Hier in Europa
haben diese Erklärungen so gut wie nichts (mehr) zu sagen. Alle
bibeltreuen Ausbildungsstätten haben längst kürzere und an die
westeuropäische Theologie angepasste Glaubensbekenntnisse
erarbeitet.
Schauen
wir uns ein paar Kritikpunkte von Zimmer an. Die Chicago-Erklärungen
sind Bekenntnisse zur Bibel, aber keine vollständigen
Glaubensbekenntnisse, die die gesamte Dogmatik abdecken wollen. In
der amerikanischen Theologie ist das kein Problem, da gibt es eigene
Bekenntnisse zu allen möglichen Teilen der Dogmatik, in diesem
Kontext ist es somit kein Problem, im Bekenntnis zur Bibel nur
allgemein auf die Offenbarung Gottes in Jesus Christus einzugehen.
Das ist für Zimmer ein Problem (und ja, es ist tatsächlich eines in
Anbetracht unseres deutschen Kontextes). Ihm fehlt, dass man Jesus
Christus explizit den Vorrang vor der Bibel zuspricht. Darauf kann er
sich natürlich wie ein hungriger Löwe stürzen und darauf
herumreiten.
Zimmer
schreibt: „In den Chicagoer Erklärungen steht die Offenbarung
in Gestalt der Heiligen Schrift so sehr im Vordergrund, dass das
Spezifische der Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus nicht mehr
angemessen wahrgenommen und gewürdigt werden kann.“ (S. 102)
Einerseits hat er recht, dass man das noch besser hätte
herausarbeiten können oder sollen. Zugleich findet sich hier aber
auch wieder ein typisches Vorgehen von Zimmer: Zuerst definiert er,
wie stark man das Spezifische herausstreichen muss, um dann mit
seinem Maßstab den Wortlaut der Chicago-Erklärungen abkanzeln zu
können, er sei zu wenig stark.
Thomas
Schirrmacher beschreibt in der deutschen
Übersetzung, aus welcher übrigens auch Zimmer beständig
zitiert, das Anliegen der Chicago-Erklärungen mit folgenden Worten:
„Zentrales Anliegen des ICBI war es, eine
Hermeneutik zu formulieren, die sich einerseits von bibelkritischen
Positionen absetzt, andererseits aber auch von fundamentalistischen
Positionen, die wissenschaftliches Arbeiten an der Bibel
grundsätzlich verwerfen. Letzteres wird etwa daran deutlich, dass
der Wert von Textkritik, 'Gattungen', literaturwissenschaftlichen
Kategorien und historischem Wissen über die Welt für das Studium
der Bibel hervorgehoben wird.“ (Thomas
Schirrmacher, Bibeltreue in der Offensive, S. 10; s. im obigen Link)
Zimmer
schreibt dies zwar nirgendwo explizit, aber implizit lässt er den
Eindruck entstehen, dass fundamentalistische Theologen die
Gattungskritik ablehnen, denn er argumentiert für die (von allen mir
bekannten evangelikalen Theologen weitgehend akzeptierte)
Unterscheidung der verschiedenen Textgattungen. Auch hier ist er
einmal mehr dabei, seine fundamentalistischen Strohmänner zu
zimmern, um sie genüsslich zu zerhauen. Das sind alles Dinge, die
sein Buch unnötig aufblähen. Er schreibt: „Wer die Bibel ernst
nehmen will, muss auch die jeweilige Art der Sprache ernst nehmen. Er
muss die Unterschiede zwischen den verschiedenen Textsorten
beachten.“ (S. 135)
In
einem anderen Abschnitt, als Zimmer die fundamentalistische Theologie
mit derjenigen von Sekten (Zeugen Jehovas, Mormonen, Neuapostolische
Kirche) vergleicht und ihnen ein gleiches Bibelverständnis
unterstellt, nennt er die Inspirationslehre „Verbalinspiration“.
Interessanterweise distanziert sich die Chicago-Erklärung von der
Verbalinspiration zugunsten einer Personalinspiration. Das bedeutet:
Gott hat den Autoren der Bibel nicht Wort für Wort diktiert, was sie
schreiben sollen, sondern hat ihre Persönlichkeit inspiriert, sodass
sie das Richtige schreiben. Artikel VIII der Chicago-Erklärung
lautet: „Wir bekennen, dass Gott in seinem Werk der Inspiration
die charakteristischen Persönlichkeiten und literarischen Stile der
Schreiber, die er ausgewählt und zugerüstet hat, benutzte.
Wir
verwerfen die Auffassung, dass Gott die Persönlichkeit dieser
Schreiber ausgeschaltet habe, als er sie dazu veranlasste, genau die
Worte zu gebrauchen, die er ausgewählt hatte.“
(Chicago-Erklärung, Artikel VIII, s. Schirrmacher, Bibeltreue, S.
19)
Niemand
muss sich der Chicago-Erklärung anschließen oder sie in allen
Punkten gut finden. Vielmehr versteht sie sich als Einladung zur
Diskussion, und damit möchte ich diesen zweiten Teil auch beenden:
„Wir laden jeden ein, auf diese Erklärung zu reagieren, der im
Lichte der Schrift Gründe dafür sieht, die Bekenntnisse dieser
Erklärung über die Schrift zu berichtigen, unter deren unfehlbarer
Autorität wir stehen, während wir unser Bekenntnis niederlegen. Wir
nehmen für das Zeugnis, das wir weitergeben, keine persönliche
Unfehlbarkeit in Anspruch und sind für jeden Beistand dankbar, der
uns dazu verhilft, dieses Zeugnis über die Schrift zu stärken.“
(ebd. S. 16)
Labels:
Bibelkritik,
Fundamentalismus,
Siegfried,
Zimmer
Mittwoch, 24. August 2016
Die Verzimmerung der Evangelikalen
Teil 2 / Teil 3 / Teil 4
In diesem und ein paar weiteren Blogposts möchte ich auf ein Buch von Prof. Dr. Siegfried Zimmer eingehen. Er war Professor für Ev. Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Das Buch „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben? - Klärung eines Konflikts“ ist sein Versuch, einer Leserschaft mit einem „fundamentalistischen Bibelverständnis“ die historisch-kritischen Methoden schmackhaft zu machen. Aufmerksam wurde ich besonders, als ich erfuhr, dass er als Sprecher für das FreakStock (OpenAir-Festival der „Jesus Freaks“-Gemeinden) mehrere Jahre eingeladen wurde. Das hat mich nachdenklich und traurig gestimmt, da ich in früheren Jahren gerne und mit gutem Gewissen ein Besucher jenes Festivals war.
In diesem und ein paar weiteren Blogposts möchte ich auf ein Buch von Prof. Dr. Siegfried Zimmer eingehen. Er war Professor für Ev. Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Das Buch „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben? - Klärung eines Konflikts“ ist sein Versuch, einer Leserschaft mit einem „fundamentalistischen Bibelverständnis“ die historisch-kritischen Methoden schmackhaft zu machen. Aufmerksam wurde ich besonders, als ich erfuhr, dass er als Sprecher für das FreakStock (OpenAir-Festival der „Jesus Freaks“-Gemeinden) mehrere Jahre eingeladen wurde. Das hat mich nachdenklich und traurig gestimmt, da ich in früheren Jahren gerne und mit gutem Gewissen ein Besucher jenes Festivals war.
Bevor
ich auf den Inhalt des Buches im Einzelnen eingehe (dies wird, wie
gesagt, mehrere Blogposts in Anspruch nehmen), möchte ich den Aufbau
und damit zugleich die Gliederung der Argumentation untersuchen.
Das
erste Kapitel handelt davon, worin sich alle Christen in Bezug auf
die Bibel einig sind (oder laut Zimmer einig sein sollten). Zunächst
kommt Zimmer auf sein eigenes Bibelverständnis zu sprechen: „Ich
bin davon überzeugt, dass Gott auch heute durch die Bibel zu uns
Menschen – zu unserem Herz und Gewissen – spricht. […] [Diese
Überzeugung] entspricht dem Verständnis, das sowohl Jesus, als auch
die Schreiber der neutestamentlichen Schriften hatten. Sie entspricht
der zweitausendjährigen Erfahrung der Christenheit. Und sie
entspricht meiner eigenen Erfahrung.“ (S. 13) Und weiter: „Die
Kirche darf nichts lehren, was dem Evangelium von Jesus Christus
widerspricht. In diesem Sinn ist die Bibel der Maßstab (Kanon) für
den Glauben, die Lehre und das Leben der Christen.“ (S. 14)
Das
hört doch schon mal gut an, mag sich manch ein Leser denken. Doch
schon wenige Seiten später klingt das Ganze dann so: „Gott
selbst macht einen Unterschied zwischen dem Wichtigen und dem weniger
Wichtigen in der Heiligen Schrift.“ (S. 17) Im Kontext geht es
darum, dass Jesus nicht alle Gebote gleich wichtig gewesen sein
sollen. Manche Gebote wie das Doppelgebot der Liebe sei wichtiger als
die anderen Gebote. Das ist nun eindeutig falsch, denn Jesus sagt ja,
dass alle Gebote in diesen zweien enthalten sind. Das ganze Gesetz
und die Propheten hängen an diesen zwei Geboten – aber nicht, wie
Zimmer behauptet, „wie die Tür in den Angeln“ (ebd.),
sondern indem sich alle Gebote in diese zwei Kategorien einteilen
lassen: Zahlreiche Gebote als Liebe zu Gott und die anderen Gebote
als Nächstenliebe.
Auf
den nächsten Seiten – immer noch unter der Überschrift dessen,
was alle Christen einen sollte – erweist sich Zimmer als Barthianer
(Nachfolger Karl Barths), der gern von der Wirkung der Bibel spricht:
„Von Gottes Wort kann man nicht reden, ohne von seiner Wirkung
zu reden. Ein kraftloses Wort, das nichts Neues schafft, und den
Menschen nicht verändert, ist nicht Gottes Wort.“ (S. 19)
Spätestens hier sollte der Leser zu denken beginnen. Wer sagt denn
nun, welches Wort der Bibel wirkt und verändert? Ich habe noch kein
Wort in der Bibel gefunden, das mich nicht beständig herausfordert
und verändern möchte, und wäre es noch so ein kleines „und“
oder „aber“.
Im
zweiten Kapitel geht es um die Spaltung der Christenheit, um den Ort,
wo der „Riss“ zwischen den Christen mit „fundamentalistischem
Bibelverständnis“ und denen ohne ein solches durchgehen soll. Ich
werde darauf im nächsten Post dazu noch eingehen. Daran schließt
sich ein Exkurs an, weshalb Zimmer den Begriff „Fundamentalismus“
trotz aller Gefahren gebraucht. Ich bin mit diesem Begriff nicht
glücklich, einige evangelikale Theologen haben dazu schon Stellung
genommen, darunter ist besonders auch Prof.
Thomas Schirrmacher hervorzuheben.
Das
dritte und vierte Kapitel hat die Überschrift: „Die Unterscheidung
von Gott und Bibel“, sowie „Die Unterscheidung von Jesus Christus
und Bibel“. Hier geht es jeweils um eine billige Argumentation,
dass Bibelfundamentalisten die Bibel auf dieselbe Ebene wie Gott
(bzw. Jesus Christus) heben würden. Hier fällt auch der
hermeneutische Schlüssel, also der philosophische Hintergrund, wie
Zimmer die Bibel auslegen will: „Kein
Satz der Bibel darf an Jesus Christus vorbei Autorität erhalten.
Entscheidend ist nicht, dass ein Satz in der Bibel steht.
Entscheidend ist, in welcher Nähe oder Ferne er zu Jesus Christus
steht. Nicht alles, was in der Bibel steht, hat die Qualität von
Jesus Christus. Deshalb dürfen wir nicht nur, sondern müssen wir
die Bibel kritisch lesen.“ (S. 95) Was das im Detail
bedeutet, möchte ich ebenfalls andernorts noch etwas ausführlicher
besprechen. Das vierte Kapitel endet mit einer Polemik gegen die
sogenannte „Chicago-Erklärung“ (ein Dokument, welches ein
internationales Gremium namhafter Theologen ausgearbeitet hat, in
welchem es um die Bedeutung der Bibel geht).
Das
Argument vom „verborgenen Gott“ darf natürlich an der Stelle
nicht fehlen. Gott sei so demütig und würde sich so gut verstecken
wollen, dass man in der Bibel nach dem echten Wort Gottes suchen
müsse. Gott habe sich in der Schwachheit und Demut offenbart –
warum sollte das dann nicht auch für die Bibel gelten? „Viele
Christen wollen keine Bibel, in der es auch Schwachheiten und
Unscheinbares gibt. Das entspricht nicht ihren Vorstellungen und
Bedürfnissen. Sie wollen eine Imponierbibel, die ihre
Sicherheitsbedürfnisse rasch und komplett befriedigt. Passt aber
eine solche Bibel zum 'Wort vom Kreuz' (1Kor 1,18)?“ (S. 53)
Man
merkt bereits hier, dass das Buch ein rhetorisches Meisterwerk ist.
Der Leser wird zuerst mit einigen nichtssagenden Sätzen eingelullt
(nichtssagend deshalb, weil sie jeder wieder nach Belieben anders
verstehen kann), und wer den ersten Aussagen noch zustimmen kann,
wird plötzlich in einen Konflikt kommen, weil der Autor ja so
sympathisch schreibt und da kann er doch nur recht haben. Wer in den
ersten vier Kapiteln noch nicht wachgerüttelt ist, wird am Ende in
einem noch größeren Konflikt aufwachen: Ab dem fünften Kapitel
geht es nämlich erst recht zur Sache.
Zunächst
bespricht nämlich Zimmer, was man alles unter dem Satz „Die Bibel
ist Gottes Wort“ verstehen kann. Hier tut sich nun der ganze
Abgrund des bibelkritischen Vokabulars auf. Am Ende des Kapitels geht
er wieder einen Schritt auf den Leser zu, indem er seine Nähe
beteuert, weil er ja auch die Sichtweise vertrete, dass der Satz „Die
Bibel ist Gottes Wort“ theologisch angemessen sei – und das,
obwohl ja so viele andere Theologen da anderer Meinung seien.
Im
sechsten Kapitel wird der Begriff der Inspiration behandelt. Auch
hier kann sich Zimmer nicht eines grundlegenden
„Fundamentalisten“-Bashings enthalten. Das fällt ihm überhaupt
sehr schwer, weshalb sich das Buch vielerorts etwas zäh liest –
und das trotz der Kürze und obwohl in den meisten Fragen das
Wichtigste fehlt: „Bei den fundamentalistischen
Inspirationstheorien geht es nicht mehr um Kopernikus, Galilei,
Kepler und Newton. Man fühlt sich durch andere Gefahren bedroht:
durch die moderne Bibelwissenschaft, die Evolutionstheorie und den
modernen Liberalismus.“ (S. 127) An dieses Kapitel ist wiederum
ein Exkurs gehängt, welcher die Inspirationsverständnisse im
orthodoxen Judentum, im Islam und im fundamentalistischen
Bibelverständnis vergleicht und in vielen Punkten einander
gleichsetzt.
Das
siebte Kapitel ist die Einleitung in den Höhepunkt des Buches,
nämlich die Verteidigung der historisch-kritischen Methoden und
beginnt – wie so oft bei Zimmer – ganz harmlos mit einem durchaus
berechtigten Thema: Die Bibel enthält unterschiedliche Arten von
Texten, die unterschiedlich verstanden und ausgelegt werden wollen.
Ein Brief ist etwas anderes als ein Bericht von einem Ereignis.
Schnell folgt aber der inzwischen vorhersehbare Umschwung: Wer das
anerkennt, muss auch jede Menge anderer Arten und Methoden der
historischen Kritik an der Bibel zulassen und gutheißen. Im achten
Kapitel beschreibt Zimmer die Entstehung und weitere Entwicklung der
„modernen Bibelwissenschaft“ (ein Begriff, den er übrigens
nirgendwo definiert noch abgrenzt, aber das fürs Erste nur mal am
Rande dazu).
Zum
Schluss führt Zimmer noch „Ausgewählte Brennpunkte“ ein. Als
Erstes ein Beispiel, wie die historisch-kritische Wissenschaft
arbeiten kann, will oder soll. Als Beispiel wird natürlich wieder
das Beliebteste gewählt, nämlich die Historizität des Buches Hiob,
und zwar deshalb, weil zu diesem Buch bisher die meiste Zustimmung
auch aus dem evangelikalen Lager gekommen ist, es für unhistorisch
zu halten. Und als zweiten „Brennpunkt“ geht Zimmer auf den
Beginn eines Theologiestudiums ein und versucht, irenisch wie am
Anfang, den Schluss positiv abzurunden. Es sei ja echt schwer für
einen Bibelfundamentalisten, mit dieser ganzen Bibelwissenschaft
klarzukommen, es sei eine große Herausforderung, die sich auch in
der Biographie niederschlagen würde, und endet mit Tipps wie dem
Folgenden (man achte auf die Überheblichkeit des weiter
Fortgeschrittenen): „Suchen Sie das offene und vertrauensvolle
Gespräch mit den Dozenten und mit älteren Studierenden, die auf dem
Weg der Öffnung schon ein Stück weiter vorangekommen sind.“
(S. 205)
Abonnieren
Posts (Atom)