Dienstag, 21. März 2017

Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit

Berger, Peter L., Luckmann, Thomas, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, S. Fischer Verlag Frankfurt a. M., 20. Aufl. 2004, Amazon-Link

Wie schreibt man über ein Buch, das viele wertvolle und zum Nachdenken anregende Gedanken enthält, während man der gesamten These des Buches diametral gegenüber steht? Kein einfaches Unterfangen, wie ich immer wieder feststellen muss. Vielleicht ist der beste Einstieg ins Thema mit einem Zitat von Neil Postman gefunden. Postman schreibt zu den Sozialwissenschaften: „Ich nenne die Forschungen dieser Leute Geschichtenerzählen, weil das Wort darauf hinweist, dass der Verfasser einer solchen Geschichte einer Reihe von menschlichen Ereignissen eine unverwechselbare Deutung gegeben hat, dass er diese Deutung durch vielfältige Beispiele erhärtet hat und dass seine Deutung nicht bewiesen oder widerlegt werden kann, sondern ihren Reiz aus der Kraft ihrer Sprache schöpft, aus der Tiefendimension ihrer Erklärungen, aus der Triftigkeit ihrer Beispiele und der Glaubwürdigkeit ihres Stoffes. […] Es gibt keine Prüfverfahren, um sie zu bestätigen oder zu falsifizieren. Es gibt keine Postulate oder Voraussetzungen, in denen sie verankert sind. Sie sind an eine Zeit und eine Konstellation gebunden und vor allem an die kulturellen Vorurteile des Forschers.“ (Neil Postman, Die Verweigerung der Hörigkeit, S. 25) Dieses Zitat bringt ziemlich deutlich auf den Punkt, wo das Buch von Berger und Luckmann einen blinden Fleck hat. Die Autoren sehen ihre Arbeit als eine Art von Wissenschaft wie sie die Biologie, Chemie oder Physik auch ist. Und im negativen Sinne gesehen haben sie damit sogar ein Stück weit recht. Auch die „harte“ Wissenschaft verkommt immer mehr zu einer subjektiven Suche nach Erklärungen für die Realität, um bestimmte Thesen zu bestätigen. Doch das weiter auszuführen würde an dieser Stelle zu weit führen.

Zu Beginn grenzen die Autoren ihre Aufgabe ein, und zwar, indem sie sich von der „absoluten“ Bedeutung von Wissen und Wirklichkeit distanzieren und die Bestimmung der Begriffe an die Philosophie abschieben. Sie wollen sich vor allem dem zuwenden, was der „Mann von der Straße“ unter Wissen und Wirklichkeit versteht. Dabei könne es verschiedene Arten von Wirklichkeit und Wissen geben: „Das 'Wissen' eines Kriminellen ist anders als das eines Kriminologen.“ (S. 3) Daraus wird eine andere Wirklichkeit für die beiden geschlussfolgert. Ein großes Fragezeichen muss man auch hinter diese Aussage setzen: „Theoretische Gedanken, 'Ideen', Weltanschauungen, sind so wichtig nicht in der Gesellschaft.“ (S. 16) Die gesamte These, die hinter dem Buch steht, lässt sich vielleicht an besten mit folgendem Zitat zusammenfassen: „Die anthropologischen Konstanten machen die sozio-kulturellen Schöpfungen des Menschen möglich und beschränken sie zugleich. Die jeweilige Eingenart, in der Menschenhaftigkeit sich ausprägt, wird umgekehrt aber bestimmt durch eben diese sozio-kulturellen Schöpfungen und gehört zu deren zahlreichen Varianten. So kann man zwar sagen: Der Mensch hat eine Natur. Treffender wäre jedoch: Der Mensch macht seine Natur – oder, noch einfacher: Der Mensch produziert sich selbst.“ (S. 51f)

Schade finde ich, dass sie ihren positivistischen Unterbau nicht begründen, sondern diese Aufgabe der Philosophie überlassen. Halten wir hier kurz inne. Für Berger und Luckmann gibt es außerhalb von uns eine objektive Realität, die jeder Mensch mit seinen Grenzen und Möglichkeiten entdecken, kennenlernen, sich zu eigen machen kann. Zugleich schafft aber jeder Mensch in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft auch wiederum Realität. Das Buch zeigt hier ein dialektisches Miteinander, wobei die Gesellschaft, der Einzelne, die Institutionen, und so weiter gemeinsam diese Realität formen und sich gegenseitig auch beeinflussen. Doch die Frage, warum sie von dieser objektiven Realität ausgehen (was ich natürlich begrüße), wird der Philosophie überlassen. Und dann müssen wir natürlich auch sehen, dass Berger und Luckmann die Menschheit auf sich selbst zurückwerfen. Sie gehen davon aus, dass Gott nicht existiert – und versuchen dadurch, eine gottlose Realität zu schaffen. Vielleicht ist das Misslingen dieses Versuchs mit ein Grund, weshalb die Autoren sich um diese grundlegende Arbeit der Fundamentierung drücken. Festzuhalten ist aber, dass die Dialektik von Einzelnem und Gesellschaft zu kurz greift. Vielmehr müsste man von einer Trialektik aus Gott, Einzelnem und Gesellschaft sprechen, welche in einem spannenden und mitunter – ausgelöst durch den Sündenfall – auch spannungsreichen Miteinander resultiert. Gott stellt den Einzelnen in die Gesellschaft, damit dieser in der Gesellschaft Gottes Willen ausführt – und der Einzelne wird durch diese Gesellschaft wieder geprägt und auf Gott zurückgeworfen. Weil Gott uns und unsere Umwelt geschaffen hat, dürfen wir positivistisch von einer objektiven und erfassbaren Realität ausgehen, immer im Wissen darum, dass es auch Versuchung, Verführung und Verirrung gibt. Ich würde dies als einen christlichen kritischen Realismus bezeichnen.

Mit diesen Gedanken im Hinterkopf möchte ich nun auf einige Gedanken des Buches eingehen, die mich positiv herausgefordert haben, und die ich als zumindest teilweise sehr wertvoll empfinde. Nachfolgend ein paar Zitate, wenn nötig mit meinen Anmerkungen dazu.

Wenn das [das Auftauchen eines Problems] eintritt, macht die Alltagswelt zunächst Anstrengungen, den problematischen Teil in das, was unproblematisch ist, hereinzuholen.“ (S. 27) Vermutlich kennen wir das alle. Wenn wir feststellen, dass unser Computer keinen Zugriff aufs Internet hat, dann testen wir zuerst alle möglichen bisher bekannten Quellen eines Fehlers aus, bevor wir beim Service anrufen.

Sprache, ein System aus vokalen Zeichen, ist das wichtigste Zeichensystem der menschlichen Gesellschaft. Ihre Grundlage ist natürlich die dem menschlichen Organismus innewohnende Fähigkeit zu vokalem Ausdruck. Aber Sprache beginnt erst, wo der vokale Ausdruck vom unmittelbaren 'Hier und Jetzt' isolierter subjektiver Befindlichkeit ablösbar geworden ist.“ (S. 39)

Weil Sprache die Kraft hat, das 'Hier und Jetzt' zu transzendieren, überbrückt sie die verschiedenen Zonen der Alltagswelt und integriert sie zu einem sinnhaften Ganzen. Sie bewegt sich dabei in räumlichen, zeitlichen und gesellschaftlichen Dimensionen. Durch Sprache kann ich die Kluft zwischen der Zone meiner Handhabung und der des Anderen überbrücken. Ich kann die Sequenzen meiner Lebenszeit mit denen der Seinen abstimmen. Ich kann schließlich mit ihm über Individuen und Gruppen reden, mit denen wir keine Vis-à-vis-Interaktion haben. Weil Sprache das 'Hier und Jetzt' überspringen kann, ist sie fähig, eine Fülle von Phänomenen zu 'vergegenwärtigen', die räumlich, zeitlich und gesellschaftlich vom 'Hier und Jetzt' abwesend sind.“ (S. 41)

Sobald der einzelne Mensch über das Nacheinander seiner Erlebnisse nachdenkt, versucht er, ihren Sinn in einen biographischen Zusammenhang einzufügen.“ (S. 68)

Strategische Bedeutung für den Lebenslauf des Einzelnen hat die Legitimationsfunktion symbolischer Sinnwelten durch die 'Ortsbestimmung' des Todes. Die Erfahrung des Todes anderer Menschen und die daraus folgende Antizipation des eigenen Todes in der Phantasie ist für den Einzelnen die Grenzsituation par excellence. Dass der Tod auch die ärgste Bedrohung für die Gewissheit der Wirklichkeiten des Alltagslebens darstellt, braucht nicht eigens betont zu werden. Die Integration des Todes in die oberste Wirklichkeit des gesellschaftlichen Daseins ist deshalb für jede institutionale Ordnung von größter Wichtigkeit.“ (S. 108)

Zum Schluss noch interessante Zitate zur christlichen Theologie, die – mit notwendiger Vorsicht genossen – durchaus zum Nachdenken anregen können:

In der Geschichte war eine Irrlehre oft der erste Anstoß zur theoretischen Systematisierung symbolischer Sinnwelten. Die Ausbildung der christlichen Theologie als Folge häretischer Herausforderungen der 'offiziellen' Überlieferung ist ein Exempel dafür. Wie bei jeder Theorie erscheinen im Verlauf des Prozesses neue theoretische Möglichkeiten aus der Überlieferung selbst, die damit über ihre ursprüngliche Formulierung hinaus zu neuen Konzeptionen vordringt.“ (S. 115)

Wenn die Autoren in den nächsten zwei Zitaten von „Verwandlung“ sprechen, so ist damit gemeint, dass jemand aus einer „Realität“ in eine andere wechselt, also seinen Horizont erweitert und plötzlich die bisher angenommene Realität in Frage gestellt wird.

Ein 'Rezept' für erfolgreiche Verwandlungen muss sowohl gesellschaftliche als auch theoretische Bedingungen erfüllen, wobei die gesellschaftlichen selbstverständlich die Matrix für die theoretischen sind. Die wichtigste gesellschaftliche Bedingung ist das Vorhandensein einer überzeugenden Plausibilitätsstruktur, das heißt also einer gesellschaftlichen Grundlage, die das 'Laboratorium' für die Transformation sein kann. Diese Plausibilitätsstruktur muss dem Individuum durch signifikante Andere vermittelt werden, mit denen es zu einer tiefen Identifikation kommen muss. […] Die signifikanten Anderen sind die Führer in die neue Wirklichkeit.“ (S. 168)

Das historische Urbild der Verwandlung ist die religiöse Konversion. Unsere obigen Betrachtungen treffen auf sie zu, wenn es heißt: extra ecclesiam nulla salus [außerhalb der Kirche gibt es kein Heil]. Dabei interpretieren wir 'Heil' – mit angemessenen Verbeugungen vor den Theologen, die mit jenem Satz etwas anderes im Sinn hatten – als das erfolgreiche Zustandekommen der Konversion. […] Eine Konversion als Erlebnis bedeutet nicht allzu viel. Entscheidend ist, dass man dabei bleibt, dass man das Erlebnis ernst nimmt und sich den Sinn für seine Plausibilität erhält. Hier nun kommt die Gemeinde ins Spiel. Sie liefert die unerlässliche Plausibilitätsstruktur für die neue Wirklichkeit. Mit anderen Worten: Saulus mag in der Einsamkeit seiner religiösen Ekstase Paulus geworden sein. Paulus bleiben aber konnte er nur im Kreise der christlichen Gemeinde, die ihn als Paulus anerkannte und sein 'neues Sein', von dem er nun seine Identität herleitete, bestätigte.“ (S. 169)

Wie gesagt, mit viel Vorsicht zu genießen, aber auch mal darüber nachdenken, inwieweit die Aussagen innerhalb der biblischen Weltanschauung korrekt ist und was man für die Gemeinde davon lernen kann. Ich habe das Buch gerne gelesen und war erstaunt, dass es recht gut lesbar ist. Wer sich noch etwas mehr mit der Soziologie aus bibeltreuer Sicht befassen möchte, findet das Buch „Redeeming Sociology“ von Vern Sheridan Poythress hier als PDF kostenlos zum Download. Leider nur auf Englisch erhältlich.


Warum wir mit verschiedenem Maß messen müssen

Jeder von uns tut es. Unzählige Male jeden Tag. Wenn wir etwas nicht wissen, und eine Antwort brauchen, sind wir schon dabei. Und tun gut daran. Wir wissen, dass ein Lexikon in den meisten Fällen eine bessere Antwort liefern wird als ein Roman. Damit haben wir mit zweierlei Maß gemessen. Wir fragen zu einem Computerproblem lieber eine Person, die von Berufs wegen „etwas mit Computern macht“ als die ältere Nachbarin, die nur einen Fernseher hat, aber keinen PC. Und damit haben wir es wieder getan. Sehr zu Recht sogar. Oder wenn wir ein neues Gerät kaufen wollen, fragen wir bevorzugt Kunden, die dasselbe Gerät schon einmal gekauft haben. Oder lesen deren Produktrezensionen, statt irgendwen in der Straßenbahn per Zufallsprinzip auszuwählen und nach dem bestimmten Produkt zu fragen.

Peter L. Berger und Thomas Luckmann schreiben vom Unterschied zwischen der primären und der sekundären Sozialisation. Zur primären Sozialisation gehören die Dinge, die alle Menschen einer Gesellschaft lernen. Zum Beispiel lernen alle, was Essen ist und wozu es gut ist, denn wer das nicht lernt, wird verhungern. In unserer Gesellschaft lernen wohl die allermeisten Menschen, was ein Pferd ist. Dann gibt es aber auch noch eine zweite Art von Lerninhalten, wenn man sich spezialisiert. Einer wird Dachdecker und lernt viel über Gerüste, Ziegel und Dächer. Ein anderer wird Automechaniker. Für ihn ist das Wissen über Ziegel nicht so relevant wie für den Dachdecker. Das Erlernen des speziellen Wissens nennen sie sekundäre Sozialisation. Je mehr spezielles Wissen in einer Gesellschaft vorhanden ist, das nicht für jedermann gleichermaßen relevant ist, desto wichtiger ist es, mit verschiedenem Maß zu messen und unterscheiden zu können, bei wem man am ehesten die richtige Antwort bekommt.

Wir dürfen wissen, dass dies auch in der Bibel vorkommt. Jakobus schreibt: Werdet nicht in großer Zahl Lehrer, meine Brüder, da ihr wisst, dass wir ein strengeres Urteil empfangen werden! (Jak. 3,1) Jesus sagte: Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern. (Luk. 12,48b) Deshalb ist es auch wichtig, dass wir von jenen das volle Evangelium fordern, die darin leben und gelehrt sind. Gott hat uns Sein Wort gegeben, die Bibel. 1. Mose 1 bis Offenbarung 22 ist Gottes Wort und hat Gottes vollkommene Qualität und Autorität. Wo diese untergraben oder verwässert wird, müssen wir aufstehen und Klartext reden. Im selben Moment müssen wir das von einem Menschen, der auf einem anderen Gebiet spezialisiert ist, nicht erwarten. Vielmehr dürfen wir diesen Menschen zeigen, was Gottes Wort für deren Spezialgebiete zu sagen hat. Dies ist ein sehr spannendes Unterfangen, das äußerst gewinnbringend für alle ist. Es ist notwendig, die bibeltreue Theologie wieder auf den Platz zu bringen, der ihr gebührt. Sie ist die Wissenschaft, in Bezug auf welche alle übrigen Zweige der Wissenschaft Hilfswissenschaften sind.


Mittwoch, 15. März 2017

Das komponierte „Ich“

Kubsch, Ron, Das komponierte „Ich“, Geistliche Studien, 2017, 50S., Amazon-Link

Der Untertitel lautet „Identitätsfindung in der Postmoderne und das christliche Menschenbild“. Der Inhalt basiert auf zwei Vorträgen, die Ron Kubsch 2010 und 2011 gehalten hat. In der Einleitung geht es um die Frage nach dem Subjekt. Wer bin ich? Diese Frage ist in unserer Zeit sehr wichtig geworden. Lange Zeit war die Identität keine so große Frage. Sie wurde durch die Einbettung in die Familie, den Ort und die Kirche von außen vorgegeben. Durch die Industrialisierung und später die Globalisierung wurde das Leben in immer mehr Teile aufgespalten, und an jedem dieser Teile, wie Beruf, Gemeinde, Familie, Vereine, und so weiter, wurde (und wird) erwartet, dass jeder eine bestimmte Rolle spielt. So stellt sich halt schon immer mehr diese Frage: Wer bin ich? Die Persönlichkeit wird plötzlich als etwas „Flüssiges“ gesehen, was sich ständig verändern kann, und der Gestalter dieser Persönlichkeit ist das einzelne Subjekt.

Im zweiten Teil beschreibt Ron Kubsch „Postmoderne Identitätserfahrungen“. Hier schreibt er von einer „Bastel-Mentalität“, also dass Menschen anfangen, ihre Identität zu basteln und im Laufe der Jahre ständig überarbeiten. Er zitiert den Leiter des Berliner Jugendkultur-Archivs, welcher schreibt, dass junge Menschen immer wieder zwischen den verschiedenen Subkulturen wechseln. Zygmunt Bauman, einer der wichtigsten Soziologen der Postmoderne, spricht von einem „Nomadentum“, also dem ständigen Umherreisen zwischen verschiedenen Subkulturen und Identitäten. Es werde jegliche Festlegung bewusst vermieden, so Bauman.

Der dritte und letzte Teil behandelt Gottes Antwort auf diese Entbettung, die zugleich eine massive Unsicherheit mit sich bringt. Hier wird die Liebe des Autors zu den jungen Menschen ganz besonders deutlich sichtbar, zu welchen er spricht oder schreibt. Er bleibt nicht bei einer Beschreibung des Zustands, sondern zeigt auf, wie auch in der Bibel die Identität nicht nur eine fixe Sache ist, sondern formbar und viele Personen, die in der Bibel beschrieben werden, eine Identitätsentwicklung durchgemacht haben. „Gott gibt den Menschen Zeit. Und: Gott mutet Menschen Schwierigkeiten zu, um Identität zu entwickeln.“ (S. 36) Mit Psalm 139,14 – 16 entwickelt er Grundlinien einer Theologie der Identität: „Gegeben ist uns Identität durch unsere Herkunft. Jeder von uns ist ein wundervoller Gedanke Gottes. Zugleich sind wir auf Beziehung angelegt und entwickeln uns weiter. Das 'Ich' ist also keine ein für alle Mal versiegelte Größe, sondern bleibt beweglich.“ (S. 37) Den Abschluss macht ein Blick in das Leben und besonders das Buch „Bekenntnisse“ von Augustinus, welcher auch eine ganze Zeit lang auf der Suche nach der Identität war und diese Suche mit den Worten im Gebet zu Gott beenden konnte: „Unruhig ist mein Herz, bis es Ruhe findet in dir.“ (Zitiert auf S. 44)


Dienstag, 14. März 2017

Gott hört dich! - neuer Predigtband von Michael Freiburghaus

Freiburghaus, Michael, Gott hört dich!, Esras.net GmbH, 1. Aufl. 2017, 108S., Amazon-Link

Gebet ist das Einfachste und das Schwierigste zugleich, hörte ich vor einiger Zeit in einer Predigt. Und das stimmt. Einerseits ist es einfach, weil wir einfach zu Gott reden dürfen und das ist dann das Gebet. Zugleich stellt sich aber auch die Frage, was wir beten und wie wir beten sollen, also der Inhalt und unsere innere Haltung Gott gegenüber. Es ist kein Zufall, dass Jesu Jünger Ihn baten: Herr, lehre uns beten! Der Herr Jesus war und ist ein Meisterbeter. An Ihn kommt keiner ran. So ist es also enorm wertvoll, sich mit dem Gebet auseinanderzusetzen. Was ist Gebet? Was sollen wir beten? Wie sollen wir beten? Diese Fragen hat Michael Freiburghaus in einer Predigtserie beantwortet, welche mit einer detaillierten Auslegung des Vaterunsers beginnt, sich danach aber auch noch anderen Gebetsarten zuwendet, die wir in der Bibel finden. Besonders die Ausführungen zu den Rachepsalmen und was uns diese heute zu sagen haben, finde ich persönlich sehr bewegend und ermutigend. Unbedingte Leseempfehlung! 

Freitag, 10. März 2017

Mord am Kabarett

Die Unterhaltungsindustrie
hat hinterrücks und über Nacht
durch Komiker und Comedy
dem Kabarett den Tod gebracht.

Nicht nur, dass die Kabarettisten
so nach und nach sind ausgestorben,
nein, auch welche sie vermissten,
sind von der Unkunst nun verdorben.

Im Kabarett war'n Philosophen,
intellektuelle, tiefe Denker,
die uns're Welt vor dem Verdoofen
retten wollten. Doch zum Henker

ging die Kabarettiererei,
als die flachen Komödianten
ihr nicht nur legten gar ein Ei.
Vielmehr mit ihrer hirnverbrannten

Art, sich selbst für klug zu halten
und die Zuschauer für zu blöde,
zeigt, wie sie ihr Programm gestalten:
Selber denken ist doch öde!“

Hat denn einst der Kabarettist
mit Humor auf viele Weise,
die man heute schnell vergisst,
einfach denken gelehrt; und leise.

Doch laut muss nunmehr alles sein:
Schreiend bunt, durchdringend schrill.
Das Kabarett in seiner Pein
starb leis', allein und still:

Das Messer der Medien in der Brust,
die für uns gerne denken wollen
ist uns'rer Kultur ein arger Verlust;
Erinnerung ist bald verschollen.

Jonas Erne

(10.03.2017)

Montag, 6. März 2017

Wir amüsieren uns zu Tode. Zehn Zitate von Neil Postman

Postman, Neil, Wir amüsieren uns zu Tode, S. Fischer Verlag Frankfurt am Main, 7. Aufl. 1987. Amazon-Link

Man sollte nicht vergessen, dass dieses Buch so alt ist wie ich – Jahrgang 1985. Somit muss es sich um einen guten Jahrgang handeln, denn das Buch ist mindestens ebenso aktuell geblieben. Hier zehn besonders deutliche Zitate.

"Orwell fürchtete diejenigen, die Bücher verbieten. Huxley fürchtete, dass es eines Tages keinen Grund mehr geben könnte, Bücher zu verbieten, weil keiner mehr da ist, der Bücher lesen will. Orwell fürchtete jene, die uns Informationen vorenthalten. Huxley fürchtete jene, die uns mit Informationen so sehr überhäufen, dass wir uns vor ihnen nur in Passivität und Selbstbespiegelung retten können. Orwell befürchtete, dass die Wahrheit vor uns verheimlicht werden könnte. Huxley fürchtete, dass die Wahrheit in einem Meer von Belanglosigkeiten untergehen könnte." (S. 7f)

"Halten wir heute nach einem Sinnbild für den Charakter und die Sehnsüchte unserer Nation Ausschau, so blicken wir nach Las Vegas, der Stadt in der Wüste von Nevada - ihr Wahrzeichen ist die zehn Meter hohe Papp-Attrappe eines Spielautomaten und eines Chorus-Girls. Denn Las Vegas hat sich ganz und gar der Idee der Unterhaltung verschrieben und verkörpert damit den Geist einer Kultur, in der der gesamte öffentliche Diskurs immer mehr die Form des Entertainments annimmt. Weitgehend ohne Protest und ohne dass die Öffentlichkeit auch nur Notiz davon genommen hätte, haben sich Politik, Religion, Nachrichten, Sport, Erziehungswesen und Wirtschaft in kongeniale Anhängsel des Showbusiness verwandelt. Wir sind im Zuge dieser Entwicklung zu einem Volk geworden, das im Begriffe ist, sich zu Tode zu amüsieren." (S. 12)

"Gegen das 'dumme Zeug', das im Fernsehen gesendet wird, habe ich nichts, es ist das beste am Fernsehen, und niemand und nichts wird dadurch ernstlich geschädigt. Schließlich messen wir eine Kultur nicht an den unverhüllten Trivialitäten, die sie hervorbringt, sondern an dem, was sie für bedeutsam erklärt. Hier liegt unser Problem, denn am trivialsten und damit am gefährlichsten ist das Fernsehen, wenn es sich anspruchsvoll gibt und sich als Vermittler bedeutsamer kultureller Botschaften präsentiert." (S. 26)

"Jedes Medium, gleichgültig wie beschränkt der Kontext war, in dem es ursprünglich verwendet wurde, hat die Kraft, sich über diese Beschränkung hinweg in neue, unvermutete Kontexte auszudehnen. Weil es uns bei der Organisierung unseres Denkens und der Integration unserer Erfahrungen in einer ganz bestimmten Weise lenkt, prägt es unser Bewusstsein und unsere gesellschaftlichen Institutionen auf mannigfaltige Weise. Zuweilen beeinflusst es unsere Vorstellungen von Frömmigkeit, Güte oder Schönheit. Und immer beeinflusst es die Art und Weise, wie wir unsere Vorstellungen von Wahrheit definieren und mit ihnen umgehen." (S. 28)

"Das Entertainment ist die Superideologie des gesamten Fernsehdiskurses. Gleichgültig, was gezeigt wird und aus welchem Blickwinkel - die Grundannahme ist stets, dass es zu unserer Unterhaltung und unserem Vergnügen gezeigt wird. Deshalb fordern uns die Sprecher sogar in den Nachrichtensendungen, die uns täglich Bruchstücke von Tragik und Barbarei ins Haus liefern, dazu auf, 'morgen wieder dabeizusein'. Wozu eigentlich? Man sollte meinen, dass einige Munuten, angefüllt mit Mord und Unheil, Stoff genug für einen Monat schlafloser Nächte bieten. Aber wir nehmen die Einladung des Nachrichtensprechers an, weil wir wissen, dass wir die 'Nachrichten' nicht ernstzunehmen brauchen, dass sie sozusagen nur zum Vergnügen da sind." (S. 110)

"Mit 'Und jetzt...' wird in den Nachrichtensendungen von Radio und Fernsehen im allgemeinen gezeigt, dass das, was man soeben gehört hat, keinerlei Relevanz für das besitzt, was man als nächstes hören oder sehen wird, und möglicherweise für alles, was man in Zukunft einmal hören oder sehen wird, auch nicht. Der Ausdruck 'Und jetzt...' umfasst das Eingeständnis, dass die von den elektronischen Medien entworfene Welt keine Ordnung und keine Bedeutung hat und nicht ernst genommen zu werden braucht. Kein Mord ist so brutal, kein Erdbeben so verheerend, kein politischer Fehler so kostspielig, kein Torverhältnis so niederschmetternd, kein Wetterbericht so bedrohlich, dass sie vom Nachrichtensprecher mit seinem 'Und jetzt...' nicht aus unserem Bewusstsein gelöscht werden kann." (S. 123f)

"Wir stehen hier vor der Tatsache, dass das Fernsehen die Bedeutung von 'Informiertsein' verändert, indem es eine neue Spielart von Information hervorbringt, die man besser als Desinformation bezeichnen sollte. [...] Desinformation ist nicht dasselbe wie Falschinformation. Desinformation bedeutet irreführende Information - unangebrachte, irrelevante, bruchstückhafte oder oberflächliche Information -, Information, die vortäuscht, man wisse etwas, während sie einen in Wirklichkeit vom Wissen weglockt." (S. 133)

"Wie früher die Druckpresse hat heute das Fernsehen die Macht erlangt, zu bestimmen, in welcher Form Nachrichten übermittelt werden sollen, und es bestimmt auch, wie wir darauf reagieren sollen. Indem das Fernsehen die Nachrichten in Form einer Variétéveranstaltung präsentiert, regt es andere Medien zur Nachahmung an, so dass die gesamte Informationsumwelt das Fernsehen widerzuspiegeln beginnt." (S. 138)

"Die Fernsehwerbung hat dazu beigetragen, dass die Wirtschaft auf die Steigerung des Eigenwertes ihrer Produkte heute weniger bedacht ist als auf die Steigerung des Selbstwertgefühls ihrer potentiellen Kunden, mit anderen Worten, sie hat sich eine Pseudo-Therapie zur Aufgabe gemacht. Der Verbraucher ist zum Patienten geworden, dem man mit Psycho-Dramen Sicherheit vermittelt." (S. 158)

"Wenn ein Volk sich von Trivialitäten ablenken lässt, wenn das kulturelle Leben neu bestimmt wird als eine endlose Reihe von Unterhaltungsveranstaltungen, als gigantischer Amüsierbetrieb, wenn der öffentliche Diskurs zum unterschiedslosen Geplapper wird, kurz, wenn aus Bürgern Zuschauer werden und ihre öffentlichen Angelegenheiten zur Variété-Nummer herunterkommen, dann ist die Nation in Gefahr - das Absterben der Kultur wird zur realen Bedrohung." (S. 190)


Freitag, 3. März 2017

Fastenzeit: 40 Tage Dankbarkeit

Fastenzeit klingt so nach Verzicht, Minimal-Lifestyle und Selbstkasteiung. Ich habe schon einige Jahre Fastenzeit mit allen möglichen Verzichten hinter mir – von Fleisch über Haribo bis zu Computer und Kaffee. Dieses Jahr möchte ich was Neues probieren. Ich will auf Undankbarkeit verzichten lernen. Anders gesagt: Eine neue Dimension der Dankbarkeit erreichen. Es ist eine Sache, jeden Tag fürs schöne Wetter und das leckere Essen zu danken, es gibt noch viel mehr. Und um dieses „viel mehr“ geht es mir.

Als ich vor ein paar Jahren eine Predigt vorbereitete, sprach Gott plötzlich zu mir und fragte: Wenn du morgen aufwachen würdest und dann wären nur noch die Dinge da, für die du Mir gedankt hast, was wäre dann noch da? Hmm, gute Frage. Das hat mich dann ziemlich beschäftigt, diese Frage. Auch das habe ich nun im Hinterkopf, da ich das schreibe. Und nun werde ich eine Liste anfangen, wofür ich gerade dankbar bin. Mal sehen, wie viel da in 40 Tagen zusammen kommt. Unter dem Hashtag #40tagedankbarkeit sammle ich diese auch auf Twitter. Wer möchte, darf gerne mitmachen und unter demselben Hashtag danken. Die Liste (Link) wird natürlich immer mal wieder geupdatet – wie regelmäßig weiß ich aber nicht, da ich mir trotz des Verzichtverzichtes (Verzicht auf den Verzicht) mehr Zeit offline nehmen werde.


Montag, 27. Februar 2017

Notiz am Rande: So entstehen „Fake News“ - mitten unter uns

Ich nehme einen aktuellen Vorgang, um damit etwas aufzuzeigen, was ich schon länger immer wieder beobachte. Mitten unter christlichen Kreisen entstehen „Fake News“ - oft wohl unbeabsichtigt, was es aber nicht besser macht. Viel schlimmer ist allerdings, dass gerade diese Kreise häufig den größeren Medien unterstellen, absichtlich falsche Infos zu verbreiten. Deshalb machen wir heute einen Ausflug zum „Fake News“-Mechanismus.

Der Anlass für diesen Beitrag ist der Fall „Börner“, ein Chefarzt in Dannenberg, der in seiner Klinik alle künftigen Abtreibungen unterbinden wollte. Am Rande bemerkt: Ich fand das eine sehr gute Einstellung, und hätte ihm damit allen denkbaren Erfolg gewünscht. Der Klinikchef stellte sich auch hinter die Entscheidung des Chefarztes. Doch es kam, wie es wohl kommen musste, und die Leitung der schwedischen Klinikgruppe hob das Verbot Börners auf, nicht zuletzt weil es aus Medien und Politik viel Gegenwind kam. Daraufhin bot Börner seine Kündigung an, welche angenommen wurde. So weit, so gut, das ist alles im üblichen Rahmen, wie das nun mal so abläuft. Doch nun tauchen in Diskussionen, die insbesondere in den „sozialen“ Medien geführt werden, immer wieder Behauptungen auf, dass Börner gekündigt worden wäre. Wenn das so gewesen wäre, hätte Börner natürlich jedes Recht auf juristische Unterstützung gehabt. Er hätte damit leben müssen, dass in seiner Klinik auch weiterhin Abtreibungen durchgeführt werden. Doch das wollte er nicht, weshalb er ja von sich aus die Kündigung anbot. Wer daraus schließen will, dass ihm nun gekündigt worden sei, hat von dem Fall gar nichts verstanden. Leider werden immer mehr solche Informationen aus dem Zusammenhang gerissen und zu neuen Informationen, „Fake News“ zusammengebastelt. Das führt leider dazu, dass immer mehr Menschen uns Evangelikale als Fake-News-Maschinen betrachten – und leider häufig nicht zu unrecht. Das ist übrigens auch ein Grund, weshalb verantwortungsbewusste Journalisten eben gerade nicht jede News übernehmen, die irgendwo online auftaucht. Und es ist auch der Grund, weshalb in einem solchen Fall nur sehr vorsichtig geschrieben wird. Das hat in den meisten Fällen wenig mit der politischen Einstellung der jeweiligen Autoren zu tun – auch wenn diese natürlich auch eine Rolle spielt – sondern vielmehr damit, dass man nicht über seine Kompetenzen hinaus berichten will.

Abtreibung ist in Deutschland nach wie vor illegal, lediglich unter bestimmten Umständen straffrei. Das wäre eine Information, die sich verbreiten sollte. Die evangelische Nachrichtenagentur „idea“ hat deshalb eine Petition zum Lebensrecht Ungeborener gestartet. Diese hat bisher bereits über 6800 Unterschriften und kann auch weiterhin online unterzeichnet werden.


Samstag, 25. Februar 2017

Predigt hören mit Gewinn

Als Prediger sehe ich häufig die eine Seite, nämlich wie die Predigt vorbereitet wird und wie sie rübergebracht wird. Manchmal ist es dann nicht ganz einfach, ein guter Predigthörer zu sein. Ich kenne den täglichen oder wöchentlichen Kampf mit dem Text, der als nächstes gepredigt werden soll, nur zu gut; und die Gefahr besteht dann, dass man bei anderen Predigern vor allem da sitzt und ihre Predigt „bewertet“ („was hätte ich anders gemacht?“, etc.) Ich weiß aber, dass es für jeden Predigthörer eine Herausforderung ist, die sonntägliche Predigt so zu hören, dass sie tatsächlich im Kopf, im Herzen und in den Händen landet. Deshalb ein paar Überlegungen, wie wir das möglichst gut machen können.

1. Zu Hause lassen, was zu Hause bleiben soll
Eine häufige Ablenkung besteht in den Gedanken, die uns an alles Mögliche erinnern, was noch zu tun ist. Der Aufbruch in die Gemeinde wird zu einem hektischen Erlebnis, wenn Kinder dabei sind, die zur bestimmten Zeit bereit sein müssen. Trotzdem tun wir gut daran, eine Strategie zu entwickeln, wie wir möglichst das zu Hause lassen können, was zu Hause bleiben soll. Hier muss jeder den Weg finden, der am besten passt. Das ist ein Punkt, an dem ich auch immer am Üben bin.

2. Für ein offenes Herz und offene Ohren beten
Die Predigt ist Gottes Wort an die Gemeinde. Der Prediger ist Gottes Prophet, der Gottes Wort auslegt und an Gottes Volk weitergibt. Wir können keine zu hohe Sicht von der Bibel und keine zu hohe Sicht von der Predigt haben. Einen Teil des Gewinns, den wir von der Predigt haben, hängt damit zusammen, wie wir die Predigt empfangen. Deshalb tut es uns gut, wenn wir Gott bitten, unser Herz zu verändern durch diese Predigt. Auch wenn wir den Text der Predigt schon häufig gehört und gelesen haben, dürfen wir jedes Mal von Neuem etwas von Gott empfangen.

3. Die Predigt als Dialog sehen
Als ich meine ersten Predigten vorbereitet hatte, durfte ich schon sehr früh in Gemeinden als Gastprediger predigen. Ich war sehr aufgeregt; schließlich wollte ich alles richtig machen. Mein Problem war, dass ich mich dabei so an mein Predigtmanuskript klammerte, dass die Predigt über die Gemeinde „hinwegflog“. Dort habe ich den Tipp bekommen, etwas freier zu predigen. Nach und nach habe ich gelernt, dass die Predigt ein Dialog mit den Hörern ist. Ich sehe, wenn etwas unklar ist und noch besser ausgeführt werden muss, an den Gesichtern der Hörer. Oder wenn etwas Auflockerung gut tut. Heute habe ich viel mehr Freiheit, denn ich weiß, was ich sagen will. Auch als Hörer tun wir gut, die Predigt als Dialog zu sehen. Nicht in dem Sinne, dass wir die Predigt unterbrechen müssen oder etwas dazwischen rufen. Ok, das darf auch mal sein, aber worum es mir geht, ist, dass wir die Predigt aktiv aufnehmen, an den Lippen des Predigers hängen und das Gesagte gleich in uns aufzunehmen versuchen.

4. Notizen - ja oder nein?
Das ist eine gute Frage, die jeder für sich selbst beantworten muss. Es gibt gute Gründe dafür und dagegen. Dagegen spricht, dass der unter 3. genannte Dialog durch das Notieren unterbrochen wird. Dafür spricht, dass man mehr Wissen ansammeln kann, was etwas Gutes ist. Wer genug Zeit hat, dem empfehle ich, Notizen erst beim Nachhören der Predigt von CD oder MP3 online zu machen. Dann ist die Predigt an sich nämlich ein prägendes Erlebnis der ganzen Gemeinde, das einzelne Detailwissen kommt durch das Nachhören trotzdem zustande. Wer dafür keine Zeit hat, kann sich Notizen während der Predigt machen, muss es aber nicht. Wichtig ist, dass jeder durch seine Methode sagen kann: Das ist mein Weg, der mich am besten näher zu Gott bringt. Ich persönlich habe in der Predigt keinen Notizblock, sondern schlage die Bibel mit auf, und wenn mir etwas wirklich ganz wichtig wird, dann schreibe ich in die Bibel an den Rand ein oder zwei kurze Stichworte.

5. Den „roten Faden“ oder „Skopus“ finden
In der Predigtlehre spricht man vom „Skopus“ einer Predigt. Der Skopus ist im Prinzip eine Minimalfassung der ganzen Botschaft der Predigt in einem kurzen Satz. Manche Prediger wiederholen diesen Skopus mehrmals in der Predigt, andere haben leider gar keinen solchen bewusst ausgearbeitet. Aber die Frage sollte immer sein: Was ist der „rote Faden“ der ganzen Predigt? Wie kann man diesen in wenigen Worten zusammenfassen? Leider muss man auch da sagen, dass manche Predigten gar keinen solchen haben. Dann muss man diesen Punkt überspringen und beim nächsten Punkt weitermachen.

6. Nach der praktischen Umsetzung der Predigt suchen
Nun stellen wir die Frage, wohin Gott mit dieser Predigt abzielt. Was soll an uns anders werden? Worin sollen wir wachsen? Was können wir davon ganz praktisch und möglichst sofort umsetzen? Auch hier gibt es ganz unterschiedliche Predigten; vermutlich ist das ein Punkt, an dem die meisten Prediger zu kämpfen haben, vom Wissen zum Tun zu kommen. Mir geht es jedenfalls häufig so. Auch die ganz „trockenen“ Predigten – so schade es ist, dass es sie gibt – beinhalten zumindest in den Bibeltexten Hinweise zur praktischen Umsetzung. Wenn der Prediger daran nicht genügend gearbeitet und mit dem Text gerungen hat, muss es der Predigthörer leider selbst tun.

7. Weiter über die Predigt nachdenken und beten
Die Predigt ist mit dem „Amen“ nicht zu Ende. Im Gegenteil: Das Wichtigste hat gerade eben erst begonnen. Sie will uns in die neue Woche hinein begleiten. Unser Auftrag ist es, auch gerade jetzt nach Gelegenheiten Ausschau zu halten, um die Predigt umsetzen zu können. Betend reflektieren wir das Gehörte, vielleicht auch gemeinsam in der Familie, im Hauskreis, und so weiter, und lassen Gottes Wort auf diese Weise reichlich unter uns wohnen, uns verändern und unser tägliches Tun und Reden beeinflussen.


Donnerstag, 23. Februar 2017

Gastbeitrag: Ich habe abgetrieben und bereue es!


Wer meinen Blog regelmäßig liest, weiß, dass ich hin und wieder etwas für das Leben und gegen die Abtreibung schreibe. Oft bekomme ich als Antwort, dass ich als Mann dazu nichts zu sagen hätte. Jutta hat sich nun bereit erklärt, einen Gastbeitrag zu schreiben, in welchem sie zu ihrer Abtreibung und deren Folgen, aber auch zum Weg der Heilung von dieser Entscheidung berichtet. Ich habe sie gebeten, zunächst etwas über sich selbst zu schreiben, damit wir ihren Hintergrund besser verstehen können. Vielen Dank für den mutigen und offenen Bericht, Jutta!

Ich bin seit ca 5 Jahren im Glauben, mit anfangs noch einigen Ausrutschern in die feministische Theologie.. und bin auch momentan ohne Gemeinde. Das aber ist ein anderes Thema. Ich tendiere aber eher zu den Brüdergemeinden und einer sehr nüchternen, "strengen" Auslegung ... die aber, wie ich mittlerweile glaube, tatsächlich daher rührt, dass ich so lange in der Welt gelebt habe, nämlich knapp 47 Jahre .. und ziemlich genau weiß, was die Welt mit einem macht ... das konnte ich ja nun an mir beobachten und auch an anderen. (Vor allem was das leidige Thema „Musik“ betrifft .. und die Gefahren, die moderne Musik mit sich bringt.)

Ich war in meinem "früheren" Leben, in dem die Abtreibung stattfand, Schauspielerin. Richtige, ausgebildete Schauspielerin und habe auch einige Engagements gehabt, konnte tatsächlich eine Zeit lang von dem Beruf leben, was nicht selbstverständlich ist. Zur ganz großen Karriere, obwohl man mir die mehrmals prophezeit hat, kam es nie. Ich war schön, süß, auch begabt - sicher nicht brillant, hatte aber doch das gewisse Etwas, das Geheimnisvolle. Das haben mir vor allem auch die weiblichen Kollegen bestätigt – ganz wichtig! Denn Männer sind sehr unzuverlässig in der Beurteilung von Frauen, da in dieser Branche, ebenso wie in der Musik, alles selber schuld ist, was nicht bei drei auf den Bäumen ist ... und der Sinnenrausch erfasst einen ... unterstützt durch Drogen und Alkohol, vorwiegend.

Ich war süchtig nach Leben - aber sehr gehemmt - süchtig nach großen Erlebnissen - aber viel zu langweilig und normal und vernünftig um in die völlig "abgefahrenen" Kreise aufgenommen zu werden. Ich hatte zu nichts eine wirkliche Beziehung. Ich war eine schöne, leblose Maske. Das ist die eine Hälfte. Gleichzeitig war da natürlich, wie bei jedem Menschen, egal ob Mann, Frau oder Kind ... die Sehnsucht nach Liebe. Nach Angenommen werden. Nach Zuhause. Ich war auch sensibel, fürsorglich, feinfühlig, kontaktfreudig, neugierig, interessiert an Menschen, an Philosophie ...

Ja, ich bin ohne Gott aufgewachsen. Aber meine Eltern sind für meine Entscheidung nicht mitverantwortlich zu machen. Ihre Erziehung ist nicht verantwortlich für meine Entscheidung damals. Ja, wir hatten kein gutes Verhältnis. Aber meine Eltern sind seit über 57 Jahren verheiratet und das die größte Zeit glücklich. Sie nehmen einander bedingungslos an und sind gemeinsam durch alles durchgegangen. Es war ganz allein meine eigene Entscheidung damals ... und wer weiß, hätte ich über meinen Schatten springen können damals .. vielleicht hätte ich das Kind bekommen. Allerdings war ich in keiner festen Beziehung, ich hatte, was man so landläufig eine Affäre nennt, und eine zweite, parallel dazu, bahnte sich an. Denn ich wusste ja, dass die Affäre, die ich hatte und der letztendlich der Vater des Kindes war, wie ich nach längerem Überlegen doch herausgefunden habe, sich von seiner damaligen Freundin nicht trennen würde. Das hat er mir ganz deutlich zu verstehen gegeben, als wir diese Liebelei begannen. Naja, Frauen denken ja dann oft: ich schaff das schon, dass er sich ganz zu mir bekennt ... und hoffen und hoffen ...

Ich betrieb das, was die Bibel Hurerei und Unzucht nennt. Nicht wahllos ... es gab auch lange Zeitabschnitte, in denen ich allein war und das auch gut aushalten konnte ... aber ich hatte nie eine gesunde Sexualität. (Also, es gab keine Verdrehtheiten, letztendlich, was ich damit sagen will, mit gesunder Sexualität ist: dass ich meiner Begierde sofort nachgegeben habe und der des Mannes, in der Regel. Wobei es die Frau ist, die aussucht .. wenn es normal läuft und wenn sie das Signal gibt .. auf welch geheimnisvolle Weise das auch immer ablaufen mag, kommt der Stein ins Rollen.) Auch das hat nur mit mir zu tun, mit meinen Anlagen, mit meiner eigenen Schändlichkeit und nichts mit der Erziehung. Denn meine Eltern haben mir ja eine treue Ehe vorgelebt.

Als ich schwanger war, habe ich das die ersten zweieinhalb Monate aber gar nicht registriert. ich hatte damals kein gutes Verhältnis zu meinem Körper, und dass die Regel ausblieb, das habe ich gar nicht so bewusst wahrgenommen, bis es mir dann doch merkwürdig wurde... Damals lebte ich in einer Einzimmerwohnung, hatte die Ausbildung abgeschlossen, war bei einer renommierten Schauspielagentur, die mich vermitteln sollte ... und lebte von Arbeitslosenhilfe. Alle Bewerbungen und Versuche, an Arbeit zu kommen, waren fruchtlos gewesen. Meinen Liebhaber habe bei den ersten Dreharbeiten, die ich in meinem Leben erlebt hatte, kennengelernt. Als Hauptrolle. Er hat nie erfahren, dass ich schwanger war.

Es gab dann noch - heute würde ich behaupten wollen, dass GOTT mir damit einen Ausweg zeigen wollte, ich war aber zu verstört, um dieser Frau, die mir auch wenig seltsam erschien ... zu vertrauen. Sie hatte mir angeboten - sie traute mir auch etwas zu ... sie fand meine Begabung, auch sprechtechnisch für entwicklungsfähig und sie hatte ein sehr feines Ohr - mir zu helfen. Ich solle das Kind bekommen und dann würden wir weitersehen.

Ich sehe uns noch in ihrer kleinen Küche sitzen, in ihrer Wohnung, die ziemlich überfüllt war - eine kultivierte, leise und doch etwas seltsame Frau ... wie ich ihr das alles erzähle … Ich wünschte heute, ich hätte diese Hilfe angenommen. Es hätte einem Menschen das Leben gerettet und es hätte für mich bestimmt auch andere Arbeit gegeben, als die der Schauspielerin, denn wirklich geeignet war ich ohnehin nicht - mir fehlte dieser "Killerinstinkt", dieser unbedingte Ehrgeiz es zu schaffen. Ohnehin liebte ich das Theater und wollte mithelfen, die Welt zu verändern. Der Welt einen Spiegel vorhalten. Das Katharsiserlebnis.

Heute weiß ich, dass das niemals funktioniert und dass auch Brecht sich getäuscht hatte, als er sein episches Theater "erfand" .. um die Welt und die Gesellschaft zu erziehen, verändern, aufzurütteln. Brechts Lieblingslektüre - so habe ich es mal gelesen - war die Bibel. Er hat auch Stücke geschrieben ... die den Menschen besser machen sollten .. aber er ist gescheitert. Die Synthese aus Bibel und Theater funktioniert nicht.

Ich wollte zwar mithelfen, die Welt zu verändern, bin aber selbst tragisch daran gescheitert, mein eigenes Leben auf die Reihe zu bekommen, und habe mich - nachdem ich aufgrund meines Unwohlseins und meiner Irritation endlich den Ganz zum Frauenarzt gewagt habe - fast ohne Gefühl, bzw. mit dem Gefühl der Hilflosigkeit, des Überfordertseins, des Ärgers - zur Abtreibung entschieden .. ich musste mich schnell entscheiden - auch damit war ich überfordert, denn ich war schon in der 10. Woche. Und Abtreibungen sind ja nur bis zur 12. Woche erlaubt. Und wir hatten verhütet ... zu der Zeit habe ich keine Pille genommen ... aber es gibt ja noch andere Möglichkeiten … Hätte ich noch etwas gewartet ....

Ich bin dann zum vorgeschriebenen Termin bei Pro Familia ... konnte glaubhaft machen, dass ich mit dem Vater keine Beziehung habe, auch nicht will ... das Kind ohne Vater ... usw .. wenn ich das jetzt schreibe, kommt mir das ungeheuer kaltblütig vor .. was es ja auch war. Anstatt die Konsequenzen anzunehmen .. war ich bereit lieber zu töten, als zu riskieren, das Kind ohne Vater zu bekommen, und zu haben ... und es wäre ja auch möglich gewesen, noch jemanden kennenzulernen … Und dann ging alles ganz schnell ... ich habe dann sofort einen Termin in der Klinik bekommen .. meine damalige Agentur und Schauspiellehrerin haben mich "beglückwünscht" dass ich eine "vernünftige Entscheidung getroffen habe ... eine damalige gute Bekannte, die, wie ich später erfahren habe, drei Abtreibungen hinter sich hat, und ich war wie gefühllos ... ich habe wirklich gar nichts gefühlt. Weder Erleichterung noch Trauer. Schmerzen hatte ich - wie es mir schien - nur körperliche.

Danach verlief das Leben wie immer. Ich habe nicht eine lange, funktionierende Partnerschaft erlebt, geschweige denn eine Ehe. Ich habe keine Kinder. Ich bin aber auch nie wieder schwanger geworden - ich habe mir dann später die Spirale einsetzen lassen. Weil ich diese Hormone der Pille nicht mehr wollte. Heute weiß man, dass mit Pille und Spirale auch so etwas wie Abtreibungen stattfinden ... das ist dann der Empfängnisschutz. Wobei ich sicher bin, dass es natürliche Empfängnisverhütungsmittel gibt ... und die Temperaturmessmethode kann auch funktionieren. Allerdings ist man dann halt weder allzeit bereit noch allzeit verfügbar.

Ich bin absolut sicher, dass meine Depressionen - wobei ich schon immer - trotz aller Lebensgier - ein doch auch sehr nachdenklicher Mensch gewesen bin, kompliziert, hochsensibel - meine Selbstmordgedanken, meine Lebensangst ... vielleicht nicht ursächlich vom Schwangerschaftsabbruch, also der Tötung meines Kindes herzuleiten sind, aber die Anlage dazu massiv verstärkt wurde. Was mich davon überzeugt hat, dass wir, vor allem die Frauen, im tiefsten Inneren wissen, dass es Mord ist und etwas zutiefst Verbotenes und Abscheuliches, ist, dass wenn man jemandem von der Vergangenheit erzählt, diese Sache meistens verschweigt. Ich habe eine gute Bekannte verloren, weil ich es ihr erzählt habe. Auch noch einer Frau, die unbedingt ein Kind wollte, aber keines bekommen konnte ... ich wollte aber nichts verschweigen ...

Selbst (oder vor allem?) Mitchristen konnte ich davon kaum erzählen, aus Angst verurteilt zu werden und eine nicht vergebbare Sünde begangen zu haben. Interessanterweise hatte ich weniger Angst vor GOTT als vor den Menschen. GOTT hat mich durch die Trauer geführt und ER weiß, dass ich wirklich, zutiefst und lange getrauert habe. In meiner Vorstellung wäre es ein Mädchen gewesen, mit lockigen braunen Haaren, darin hätte es seinem Vater geähnelt.

Als ich dann eine Weile im Glauben war, begann mich die Frage zu bewegen: wo ist mein Kind jetzt ? Ist es im Himmel, ist es verdammt aufgrund dessen, was ich, die Mutter, zu verantworten habe. Was wird der Herr Jesus mir sagen, wenn ich dereinst mal vor IHM stehe .. werde ich das Kind kennenlernen, welches Alter wird es haben, in welchem Zustand werde ich es antreffen ... ? Ich habe dann von Norbert Lieth einen Vortrag gesehen, und ich denke, es ist im Himmel, beim Herrn. Es ist gut aufgehoben ... aber ich habe mir durch eigene Schuld ein Glück und eine Wachstumsmöglichkeit genommen... und eine Aufgabe zu erfüllen, die mir wohl durchaus zugedacht war. Mutter zu sein.

Ich habe ganz lange nichts mit Kindern zu tun haben können .. und in der Gemeinde, in der ich doch eine längere Zeit war, die viele Kinder hat ... fiel mir das sehr schwer. Erst habe ich gedacht, weil ich Lärm nicht gut vertrage und Durcheinander ... und wirklich sehr schnell überfordert bin ... das hätte nur damit zu tun. Aber es ist ja so, dass, wenn man spät zum Glauben kommt, viel aufzuarbeiten hat im Licht der Bibel. Und ich hatte keinen Seelsorger, der mich aufgefangen hätte ... so hat vieles wahrscheinlich auch länger gedauert und ich habe auch bestimmt vieles erst sehr langsam verstanden ... überhaupt bin ich sehr langsam und auch eine sehr langsame Bibelleserin ... ich habe immer die neuen Christen beneidet, die zum Glauben kamen, flugs die Bibel gelesen und verstanden und entweder - als Mann - sofort gepredigt habe - oder als Frau tausende "Werke" in Angriff genommen …

Da hinke ich absolut hinterher. Ich habe genug damit zu tun meinen Alltag auf christliche Art und Weise zu bewältigen (Gal 5, 22) .. diese "Werke" zu tun .. zu erkennen, wo und wie ich Zeugnis geben kann … Und im Zuge dessen, habe ich gemerkt, als ich die Abtreibung aufgearbeitet habe, dass ich diese Scheu vor Kindern, diese Angst, mit diesem Erleben zu tun hatte. So langsam lässt das nach. Ich liebe Kinder. Ich kann nach wie vor (wir haben hier, wo ich wohne , viele Kinder) den Lärm schlecht ertragen ... bin nach wie vor schnell überfordert ... aber trotzdem ist es anders geworden, seit der Herr Jesus mein Heiland ist.

Wie viele Frauen wurden grade von Christen im Stich gelassen, weil sie schwanger wurden .. unverheiratet ... aus Unvorsichtigkeit, Leichtsinn ... und es gab ja damals vor allem die christlichen Grundsätze, nachdem ja auch - wenn ich das richtig überblicke - unser Grundgesetz gestaltet ist. Frauenhäuser wurden gebaut, damit diese Frauen ihre Kinder bekommen konnten ... denn Abtreibung, die es zwar gibt, seit es Menschen gibt ... war ja damals verboten und wurde vom Staat bestraft. Ja, sie muss auch "bestraft" werden ... die Frage ist eben nur wie.

Eines weiß ich auf alle Fälle: keine Frau macht es sich einfach mit dieser Entscheidung ... auch wenn es so wirken mag ... selbst wenn die Ausrede auch ist: kein Geld, Karriere.. usw … Dass dies alles so fabrikmäßig abläuft in unserer modernen, westlichen, sogenannten zivilisierten Welt, ist, denke ich, mit ein Erbe, dass es hier gelingt, den Menschen immer mehr zu entmenschlichen.

Ihn zu reduzieren auf: Steuerzahler. Erfolgreich. Studium. Eigenes Haus. Schicke Frau. Schicker Mann. Erstmal das Leben genießen. Kinder ? OH, zu anstrengend, Dann kann ich nicht in Urlaub fahren, nicht mehr machen was ich will.

Wo und wie werden die Mütter, die auf so vieles verzichten, geehrt ? Was bleibt am Ende eines tätigen Mutterlebens übrig, wie soll eine Mutter von der Rente, die ihr zusteht, eben weil sie Kinder aufgezogen hat, anständig leben ?

Überall grinst einem die "Sexyness" von den Plakaten an .. Lüsternheit allüberall ... und wenn es ein Problem gibt ... hat man für alles eine Lösung? Kein Wunder, dass diese unsere Gesellschaft nicht respektiert wird ... und die Christen viel zu wenig und zu handzahm sind. ( Davon nehme ich mich nicht aus. )

Was kann man tun?
Die Geschichte von Jesus erzählen, dass ER uns alle liebt .. und dass auch die Frau geliebt ist, die versagt hat, dass das werdende Leben gewollt ist und geliebt wird ... dass jemand da ist der beisteht, dass finanziell und wohnungsmäßig gesorgt wird .. aber auch eine konsequente Aufarbeitung, wie eine solche Entscheidung entstehen konnte .. . und auch den WERT des Lebens aufzeigen. Das biblische Bild von Sexualität und Ehe klar aufzeigen und bewusst machen, dass Sexualität etwas sehr Kostbares ist ... und von GOTT keinesfalls verboten .. dass aber in der Ehe die Sexualität am Besten aufgehoben ist. Frauen bewusst machen, wie billig sie sich machen, wenn sie sofort mit einem Mann ins Bett gehen und sich überreden lassen so nach dem Motto: wenn du mich liebst .. Männer, die so reden, taugen nicht viel. Das müssen Frauen endlich kapieren und nicht so größenwahnsinnig sein und meinen: sie würden den Mann heilen, retten, eines Besseren belehren usw …

Klarmachen, wie eine Abtreibung das Kind tötet ... dass es wirklich gefoltert wird, im Mutterleib, und dass es lang dauert, es klammert sich ans Leben .. es ist kein Zellhaufen, es hat schon Bewusstsein! Im Buch von Lothar Gassmann gibt es Bilder dazu ... grauenhaft. Aber das darf nicht verschwiegen werden, denn irgendwann findet man das sowieso heraus …

Man kann aber keine Frau überreden, ihr Kind zu bekommen und Liebe kann ebenso wenig verordnet werden ... Und mittlerweile gibt es glücklicherweise viele säkulare Psychologen, die ebenso die Gefahren und Spätfolgen einer Abtreibung aufzeigen können.

Wie ich trotz dieser Entscheidung heil geworden bin?
Nun, das war der Schritt zu lernen, dass GOTT mich ganz und gar angenommen hat, so wie ich bin ... dass ich aber nicht so bleiben kann, wie ich bin. Dass ER mich verändern muss und dass ich dazu ja sagen muss … Es geht ja auch darum, beten zu lernen ... zu benennen, was ist .. nicht nur zu sagen: ach, der HErr weiß ja, dass es mir leid tut, es reicht wenn ich das denke ... ER weiß ja alles ... und da fing ich dann an, mich mit meiner Vergangenheit auseinanderzusetzen ... im Licht der Bibel .. so gut wie ich das eben konnte allein .. ich hatte zwar schon eine Menge guter Gespräche ... mit einer Gläubigen aus einer russlanddeutschen Gemeinde ... aber ich habe mich zurückgehalten. Ich konnte meine Trauer ihr gegenüber oder auch anderen nicht zulassen, oder formulieren und mir sozusagen Trost holen .. vielleicht geht das, was dieses Thema betrifft, auch nicht ... es ist zu persönlich ... es ist interessanterweise leichter, darüber zu schreiben als zu sprechen …

Aber ich weiß, dass ich egal wo ich war, egal was ich gemacht habe, damit fertig werden musste, dass ich in Gottes Augen Gott selbst gespielt habe, dass ich gemordet habe, und dass ich Menschen - das wurde mir sogar erst kürzlich richtig klar, als ich in der Zeitschrift „idea“ gelesen habe über diesen Klinikchef, der zurückgetreten ist, weil er in seiner Klinik keine Abtreibungen mehr haben will .. - mit in dieses Verbrechen gezogen habe .... das ist so schlimm, dass man das erstmal gar nicht wahrhaben will ... man sucht Ausflüchte .. Begründungen ... und weiß doch in der Tiefe des Herzens um die Sünde und Schande ... ich habe immer und immer wieder mir gewünscht, die Zeit zurückdrehen zu können ... um das alles ungeschehen zu machen ... und geheult und geheult …

Dabei wusste ich aber, dass GOTT mir wirklich vergeben hat ... aber da kommt jetzt das berühmte: " ich kann mir aber selbst nicht vergeben " ... und das ist ja sehr zwiespältig ... : man braucht eine Weile um zu begreifen, dass man sich bzw. ich mich damit über Gott setzt - gesetzt habe.. weil ich erst wirklich lernen musste , dass GOTT die Macht hat, jede Sünde zu vergeben .. dass das Sühnopfer Jesu, Sein Blut wirklich reinwaschen kann .. wenn man aufrichtig bereut ... und Buße tut .. umkehrt ... und dass GOTT auch vergeben will ... aber zu Seinen Bedingungen.

Die Heilung geschieht prozesshaft und es gibt keinen Zeitpunkt, von dem an man sagen kann: jetzt bin ich geheilt. Zudem ist das ein Schmerz, der hier auf Erden niemals ganz verschwinden wird … und die Folgen und Konsequenzen sind hart. Ich bin davon überzeugt, dass man davor zurückschreckt, Menschen, die man neu kennenlernt, oder vielleicht sogar einen potentiellen Ehemann (also, in meinem Fall ist das nun nicht mehr relevant ;-) ) alles zu erzählen, wirklich offen zu sein ... denn die meisten sogar weltlichen Menschen haben ein Problem mit Frauen, die abgetrieben haben, da kann man noch so modern tun. Eher noch gibt man einen schweren Betrug zu.

Also steht da immer etwas im Raum, vielleicht nicht sehr fassbar, nicht groß ... aber es ist da ... vor allem die bange Frage: inwieweit hat mir der Eingriff auch körperlich geschadet? Kann man noch Kinder bekommen? Aber so nach zwei Jahren – und in diesem Prozess auch das Lernen, dass es gar nicht wichtig ist, dass ich mir nicht selbst vergeben kann, weil es nicht auf mich ankommt ... ebbte diese große Trauer ab …

Ich denke auch, man kann jemandem nur Mut machen, sich ganz fest an Gott zu klammern und an Seine Liebe und Vergebung glauben ... und einfach da sein. Sagen kann man nichts und man muss dem entgegenwirken, wenn gesagt wird: ich kann mir selbst nicht vergeben. Darauf kommt es nicht an, denn das Opfer Jesu ist ausreichend ... mehr als das ... und in diesem Prozess klein zu werden und schwach und hilflos ... und das zuzulassen ... und genug Raum für Trauer ... es gibt wenig Menschen, die Trauer aushalten können. Auch im christlichen Bereich hat man ganz schnell Angst vor Selbstmitleid. "Reiß Dich zusammen", etc. All diese Beschwichtigungen. Und gerade jetzt, da ich das schreibe, wird mir ganz neu die Bedeutung des „Seid still“ klar (Psalm 46, 11).

Heilung kommt auch durch die tägliche Stille Zeit. Der Eine oder Andere wird auch einen Tag Pause brauchen, um das zu verarbeiten, da sollte man kein Drama draus machen, Zeit Bibel zu lesen und zu beten ... und man muss sich nicht immer konkret mit diesem Thema auseinandersetzen .. wer kennt das nicht, dass man ohnehin gewisse Bereiche im Leben mit zunehmendem Verständnis der Bibel immer wieder neu sehen lernt .. immer besser erkennt, wo die eigenen Schwächen liegen und falschen Standpunkte und ebenso lernt, zu loben und zu danken .. dass GOTT vergeben hat ... dass wir IHM vertrauen dürfen, dass egal was Menschen sagen, ER zu Seiner Zeit schenken wird, was wir brauchen .. dass wir aber immer Seiner Liebe gewiss sein dürfen.

Für Menschen mit tiefen Wunden und Depressionen, Selbstmordabsichten ist es wichtig, sich dieser Liebe bewusst zu sein ... und gewiss .. und alles "Ich" abzugeben ... zu erkennen, dass wir nichts in der Hand haben ... und dass wir das auch gar nicht müssen.