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Samstag, 5. November 2016

Ein postfaktisches, postdemokratisches, postliberales Zeitalter

Wahrheit ist, was überzeugt. Jeder kann sein, was er will. Freiheit ist nicht so wichtig wie Sicherheit und Gleichheit. Es kann keine objektive Wahrheit geben. Wahrheit wird von der Gesellschaft konstruiert. Gefühle sind wichtiger als Tatsachen. Jeder hat seine eigene Erfahrung und Auffassung. Der Mensch ist das Maß aller Dinge.

Könnten diese obigen Sätze unserer Zeit entstammen? Ja, sie könnten. Und manch einer hält unsere Zeit für einzigartig. Doch könnten obige Zeilen ebenso gut im Athen vor 2500 Jahren gesagt oder geschrieben worden sein. Der letzte Satz ist übrigens genau in jener Zeit entstanden – es ist einer der ganz wenigen Sätzen, die man mit Sicherheit Protagoras zuschreiben kann.

Vor ungefähr 2500 Jahren war Athen eine blühende Stadt. Der technische Fortschritt und immer neue wissenschaftliche Entdeckungen prägten das Leben. Die Kunst hatte einen wichtigen Platz im Leben eingenommen. Athen war eine Demokratie – zwar nur eine der freien Männer, aber trotzdem hatte so jede Familie ein Mitspracherecht. Der Mittelstand war längere Zeit gewachsen und hatte Hoffnungen geweckt. Die Menschen sahen immer mehr, wieviel sie aus eigener Kraft erreichen konnten – mit Hilfe von Werkzeugen, Tieren und Angestellten. Der griechische Götterhimmel war tot – man feierte zwar die wichtigsten Feste zu Ehren der Götter, aber hauptsächlich deshalb, weil es die einzigen freien Tage des Jahres waren und weil man dazu verpflichtet war. Der griechische Götterhimmel war Staatsreligion. Doch längst war das alles nur noch tote Tradition. Wer nicht bei dieser staatlichen Götteranbetung teilnahm, dem drohte Verbannung oder gar Todesstrafe.

Der technische Fortschritt stärkte das Selbstbewusstsein der Athener enorm. Zugleich aber wuchs das neue Wissen derart rasant an, dass man es irgendwie sammeln und auch weitergeben musste. Diese Aufgabe als Universalgelehrte nahmen die Sophisten auf. Sie studierten das Wissen, sammelten es, und zogen umher, um es jedem anzubieten, der ihnen genug Geld dafür zahlte. Die Sophisten merkten bald, dass manche Dinge dieser Wissenschaften im krassen Widerspruch zueinander standen. Statt einer universalen Theorie, die alle Dinge umfasst, gab (und gibt) es nur mehrere einzelne Theorien, die nicht vereinbar sind. So kamen sie zum Schluss, dass alles relativ sei. Wahrheit sei nichts Absolutes, sondern der einzelne Mensch sei immer das Maß aller Dinge.

Was musste nun kommen? Plötzlich wurde die Rhetorik zum wichtigsten Zweig der Wissenschaften. Wie kann man überzeugend reden? In der athenischen Demokratie war dies besonders wichtig, denn jeder konnte mitreden, und wer überzeugte, befahl. So wurde aber zugleich aus dieser Demokratie eine Postdemokratie. Es wurde zu einer „Rhetorikratie“, eine Oligarchie der wenigen, in Rhetorik gut geschulten, reichen Bürger. Immer wieder kam es zu bürgerkriegsähnlichen Aufständen, Absetzungen, Verbannungen, die das Leben der Demokratie schwächten. Statt Fakten zählten die Gefühle, welche durch gelehrte Reden hervorgerufen wurden. Das Problem mit den Gefühlen in der Politik ist, dass sie ungerecht sind. Angst, Zorn, Mitleid, Empörung haben in der Politik nichts verloren. Gefühle ersetzen die Gerechtigkeit und führen zwangsläufig zu einem Zustand, den die Bibel „Ansehen der Person“ nennt. Gerechtigkeit wäre, wenn alle gleich behandelt werden – ohne Ansehen ihres Standes, Geschlechts, Reichtums (oder Armut), etc. Auch heute geht die Gerechtigkeit unter – zugunsten einer falsch verstandenen Pseudo-Gerechtigkeit, die versucht, Unterschiede durch politische Aktionen wie etwa Steuern, Gesetze, oder individuelle Behandlung vor Gericht, einzuebnen.

Die antiken Sophisten waren postliberal. Eigentlich sollte die attische Demokratie ja die Freiheit des Einzelnen schützen und stärken. Die Sophisten unterstützten die Reichen, die politische Ambitionen hatten und ihnen Geld für ihr Wissen und den Unterricht in der Rhetorik bezahlen konnten. Auch die heutigen Sophisten rufen wieder nach einem starken Staat mit Überwachung und Schutz vor dem Terrorismus. Sie sind einerseits bereit, mehr überwacht zu werden, aber zugleich hat man dann Probleme mit den USA, ist lieber für die Russen, wo es mit der Demokratie auch nicht weit her ist, und schimpft über die NSA. Was wäre die bessere Alternative? Wenn wir weiterhin Demokratie wollen, dann wird nur eines übrig bleiben. Wir müssen uns darum bemühen. Demokratie ist – anders als die meisten von der Demokratie beschenkten Menschen denken – kein automatischer, immer bleibender Zustand. Sie lebt davon, dass sich der Einzelne einbringt und mitarbeitet. Ohne die vielen Einzelnen mit ihren unterschiedlichen Sichtweisen, Ideen und Alternativen wird die Politik zur alternativlosen Oligarchie – zu einer Herrschaft der Wenigen, in der nur noch abgenickt wird, was sowieso schon längst feststeht.

In die Zeit der antiken Sophisten wurde Sokrates geboren, etwas später sein wichtigster Schüler Platon, sowie danach dessen Schüler Aristoteles. Diese drei Philosophen versuchten, eine Antwort auf die Sophisten zu geben. Sie gingen den Fragen nach, wie man richtig leben kann, auch in Zeiten, in denen der Götterhimmel nichts mehr zu bieten hatte. Zunächst war ihnen wichtig, dass Wissen ein demokratisches Gut ist. Sie gingen nicht nur zu den Reichen, sondern redeten mit allen, die sich dafür interessierten. Jeder darf das Wissen haben, jeder darf und kann über die großen Fragen dieser Welt nachdenken. Sie alle waren sich darin einig, dass die Realität, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, tatsächlich real ist, und ebenso auch, dass das richtige Wissen zum rechten Handeln führen wird.

Darüber hinaus konnten sie recht wenig Gemeinsamkeiten finden. Jeder übernahm manch einen Gedanken seines Lehrers, aber drehte die meisten davon auf den Kopf. Für Platon war das eigentlich Realere das Urbild hinter den einzelnen Erscheinungen in der Welt. Die Pferdheit ist realer als das einzelne, unterschiedliche Pferd. Für Aristoteles existiert die Pferdheit gar nicht, sondern nur das einzelne Pferd, und er hält die Pferdheit für eine rein menschliche Erfindung. Aus biblischer Sicht können wir beiden bedingt zustimmen. Gott hat die Pferdheit ausgedacht, nämlich die Spezies namens Pferd, und dazu durch sexuelle Fortpflanzung jedes einzelne Pferd geschaffen. Beides ist gleichermaßen real: Gottes Idee der „Pferdheit“ und die einzelnen „Erscheinungen“ dieser Idee Gottes, nämlich alle real existierenden und jemals real existiert habenden Pferde. Einheit und Vielfalt entstammen Gottes Wesen, da Gott der Dreieine ist, und wenn wir unsere Welt kennenlernen wollen, dann werden wir – ob wir das wollen oder nicht; ob wir diese Wahrheit annehmen oder verdrängen und unterdrücken, das ist uns überlassen – in einem gewissen Maß auch Gottes Wesen kennenlernen.


Dienstag, 1. November 2016

Die Schönheit einer besonderen Freundschaft

Taunton, Larry Alex, The Faith of Christopher Hitchens. The Restless Soul of the World's Most Notorious Atheist. 224S. Kindle-Ausgabe. Link zu Amazon

Christopher Hitchens war einer der sogenannten „vier apokalyptischen Reiter der Nicht-Apokalypse“, also einer der bekanntesten vier „Neuen Atheisten“, zusammen mit Richard Dawkins, Daniel Dennett und Sam Harris. Larry Alex Taunton ist Autor und Direktor der Organisation „Fixed Point Foundation“ (ungefähr „Stiftung des festen Punkts“), welche den christlichen Glauben vertritt und dazu Debatten organisiert und weltweit reist, um an anderen Orten an solchen Debatten teilzunehmen. Eine spezielle Zusammensetzung ist in dieser Freundschaft zu finden, und genau darum geht es in dem Buch. Taunton möchte uns ermutigen, solche speziellen Freundschaften zu suchen und zu wertschätzen. Gleich zu Beginn schreibt er dazu: "I speak exclusively to Christians when I say this: how are we to proclaim our faith if we cannot even build bridges with those who do not share it?" (Kindle-Position 100) Taunton beschreibt diese Freundschaft, aber er sieht auch, dass es Christen gibt, welche ihm diese Freundschaft nehmen möchten, und behaupten, ein Christ könne nicht mit einem Atheisten befreundet sein.

Zuerst beschreibt Taunton das Leben Hitchens'. Dieser war in eine Familie hineingeboren, die gerade am Aufsteigen war. Der Vater war ein einfacher Mann, aber er war im Krieg bei der Armee tätig. Die Mutter wollte unbedingt ihren Kindern einen weiteren sozialen Aufstieg ermöglichen und sparte an allen Ecken und Enden, damit die beiden Söhne eine anständige Privatschule und danach die Universität besuchen konnten. Die Schule war streng religiös, sodass Hitchens einen Hass auf Gott entwickelte. Taunton schreibt: "Every despot in history has claimed to be a man of principle, a champion of the people, but their principles were carefully chosen to match a seething hatred, be it hatred for one’s neighbor, the ruling class, or the Jews. Christopher hated God and was determined that he should master and tyrannize him. To do so, however, he now needed the tools of warfare. In atheism he had found a principle that corresponded to his grievance. Now he had to weaponize it." (Kindle-Pos. 412) Worte haben Macht, und Christopher entdeckte diese Macht früh. In diesen Schulen war Sport etwas sehr Wichtiges, aber da der junge Christopher eher schwächlich und „mädchenhaft“ (er nennt sich selbst „girlish“) war, trug seine Abneigung zum Sport zusätzlich dazu bei, stattdessen die Macht der Worte in Debatten und in schriftlichen Auseinandersetzungen zu schulen. Er wurde ein extremer Linker, der als Journalist und politischer Agitator rund um den Erdball reiste. Wer seine Artikel liest, sieht auf den ersten Blick einen sehr weit belesenen Mann. Doch der erste Blick trügt: "Words as weapons. Reeling bullies. Turning the tide of public opinion. This must all be remembered when we watch Christopher Hitchens in debate. The danger here—and Christopher fell wholeheartedly into its snares—was developing a love of words insofar as they were weapons for attack and defense of his position, rather than loving words insofar as they lead to truth. This, I believe, resulted in Christopher’s wide but not deep reading. [...] Rather than submitting to his professors’ systematic teaching and training of his mind, his reading was defined by predetermined goals: he looked for supportive assertions, witty repartee, and selective facts for ammunition. He remembered only what he could use. Consequently, he never really studied the great books and the great questions in real depth." (Pos. 490) Was ihm fehlte, war die systematische Auseinandersetzung mit dem Gelesenen. Nur wenige Autoren kannte er wirklich, da er meist nur las, um Munition für seine Meinung zu finden. Was nicht seiner Ansicht entsprach, wurde geflissentlich überlesen.

Lange Zeit war sein Leben von diesen zwei Dingen beherrscht: linksextreme Politik und Journalismus. Doch dann kam die Wende – und zwar eine Wende, bei welcher ich mich selbst wiedergefunden habe. Der 11.9.2001 markiert die Wende in Hitchens' Leben. Nun wurde er zu einem Suchenden. So ähnlich ist es mir auch ergangen – nur dass sich die Antworten in entgegengesetzter Richtung ergeben haben. Vom Linksextremen wurde Hitchens zum Unterstützer der Anti-Terror-Politik George W. Bushs und zugleich zum militanten Atheisten. Gehörte der Atheismus bei ihm bisher einfach zu seinem Leben dazu, wurde er nun ein bestimmendes Element. 2007 gab Hitchens ein Buch heraus mit dem Titel „god is not great“ (die dt. Übersetzung bekam den Titel „Der Herr ist kein Hirte“) und damit wurde er zugleich auch als New Atheist bekannt. Dieses Buch war der erste Moment, in welchem Larry Alex Taunton auf Hitchens aufmerksam wurde. Er organisierte mit seiner Fixed Point Foundation eine Debatte zwischen Hitchens und John Lennox. Dies wurde der Beginn dieser ganz besonderen Freundschaft, welche im Rest des Buches geschildert wird.

In dieser Freundschaft entdeckte Taunton einen ganz anderen Hitchens als derjenige, der auf der Bühne zu brillieren wusste. Einen Hitchens, der eigentlich auf der Suche ist. Einen Hitchens, dessen Atheismus Teil seiner Selbstdarstellung ist, der sich in seinem Innersten aber nicht vollständig bewusst ist, was das bedeutet. Taunton hat auch mit Richard Dawkins, Michael Shermer und Peter Singer Debatten organisiert und kannte sich deshalb ziemlich gut aus, was die Positionen dieses Mainstream-Atheismus sind. So beschreibt er, wie Hitchens auf diese Auseinandersetzungen reagierte: "I recall once asking Christopher [Hitchens] if man was, in his view, born good or bad. His answer was emphatic: “Man is unquestionably evil.” I had asked that question of other atheists. Richard Dawkins spoke of genetic predispositions. Michael Shermer referred to social conditions. Peter Singer rejected the idea of such moral constructs. None of them had answered the way Hitchens did. They couldn’t. At least they couldn’t and remain consistent in their atheism. Christopher readily accepted that this was in contradiction to his atheism. He was then midstream of his philosophical transition and hadn’t yet worked out the details." (Pos. 1200)

"Christopher was not the atheist ideologue I had supposed him to be from reading god Is Not Great and listening to his lectures and debates. An ideologue will adhere to his given dogma, no matter what. He places ideas above people because he deems them more important than people. In this he really thinks he is morally courageous because he subordinates his feeling for what he believes is the greater good." (Pos. 1661)

"Christopher Hitchens was a searcher. In search of a unifying philosophy of life, atheism offered nothing. In more honest moments, Christopher would acknowledge this “joylessly, humorlessly, gloomily, pessimistically.” Patriotism, at least, was something. In it were virtues that appealed to the elder Christopher Hitchens if not the younger—tradition, honor, loyalty, and commitment to a cause beyond oneself—and, yet, it was an uncomfortable compromise. Patriotism alone was not a system of thought. It could not provide the answers he wanted to the larger questions of life. It was, he knew, a half measure. Hence, he considered accessorizing it with science on the one hand and religion on the other. His approaches to religion, Christianity really, were what Nicodemus’s might have been had he come to see Jesus by day rather than by night: as that of reporter or critic rather than as a would-be disciple. Hitchens was not as certain about his atheism, whatever his public professions to the contrary." (Pos. 2563)

2010 wurde bei Hitchens Speiseröhrenkrebs diagnostiziert, und Taunton war einer der ersten, die es erfahren durften. In der darauffolgenden Zeit unternahmen Taunton und Hitchens zwei längere Autofahrten, bei welchen sie zusammen im Johannesevangelium lasen und darüber miteinander sprachen. Kurz vor dem Tod Hitchens' wurde noch einmal eine Debatte organisiert, in welcher sich die beiden Freunde gegenüberstehen durften. Kurz danach starb Hitchens. Man weiß nichts darüber, was aus den Worten geworden war, die Taunton mit ihm teilte. Es gibt kein Zeugnis davon, dass er sich bekehrt hätte. Aber es gab auch nicht das Gegenteil davon – so sehr es sich die anderen Atheisten auch gewünscht hätten: "The atheist side wanted a saint, a man who would endure to the very last, courageously facing death in a way that—if he could just hold out—would show them that it could be done, quieting their own doubts about the hereafter. And, at first, Hitchens seems to be assuming that role. But he began introducing doubts, rather than hoped-for verities. In the same interview with Jeffrey Goldberg, Christopher leaves the door not simply cracked, but wide open to “a Prime Mover or a higher intelligence.” Much more than attacking the idea that there is a god, Christopher attacks the “man-made” notion that anyone speaks on that entity’s behalf. This is hardly the stuff of a public conversion, but neither is it the conventional atheist dogma he usually spouted." (Pos. 2731)

Es ist ein Buch, das mich enorm mitgenommen hat in die Welt dieser Freundschaft. Zwei so unterschiedliche Männer mit so unterschiedlichen Ansichten, die sich dennoch mit sehr viel Respekt begegnen können. Eine echte Männerfreundschaft, die so tief geht, dass man sich nicht ständig sehen muss, und trotzdem einander zuerst Mitteilung macht, wenn man eine einschneidende Erfahrung im Leben macht, wie etwa die Krebsdiagnose. Lassen wir uns von Taunton zu solchen Freundschaften ermutigen!


Dienstag, 4. Oktober 2016

Christenheit am Scheideweg

Ich bin mir bewusst, dass der Titel etwas großspurig klingt. Möglicherweise ist er auch zu großspurig. Ich halte mir damit die Option offen, eines Tages sagen zu können: OK, da hab ich übertrieben, aber zumindest habe ich versucht, ein notwendiges Korrektiv in die Diskussion einzubringen. Manchmal ist Übertreibung ein Hilfsmittel, das uns zusammen mit der Vereinfachung komplexe Zusammenhänge besser sehen lässt.

Bevor ich fragen möchte, wo wir als westliche Gesellschaft insgesamt stehen, möchte ich innehalten und fragen, wo ich stehe. Ich bin ein Nachpostmoderner. In der Postmoderne bin ich aufgewachsen und dann ist sie gestorben. Für mich und eine große Mehrheit der Gesellschaft. Wir stehen jetzt in der Nachpostmoderne. Eine Seifenblase ist geplatzt und hat ein ganzes Weltbild mit in den Abgrund gerissen.

Moment mal, werden jetzt manche einwerfen, die Postmoderne hat sich gerade durch die Kritik des Weltbildismus ausgezeichnet! Das stimmt, aber nur bedingt. Nicht nur in der Kritik bestehender Weltbilder, sondern auch in weiteren Aspekten hat sie wiederum neue Weltbilder geschaffen. Sie hat nicht nur Ideologien kritisiert, sondern mit dieser Kritik im Grunde neue Ideologien hergestellt. Auch das war ein Grund, weshalb sie total gescheitert ist. Sie hat sich selbst widerlegt. Sie ist von ihren Kindern gefressen worden. Sie hat – philosophisch gesprochen – Suizid begangen, indem sie sich Stück für Stück aufgefressen und von innen nach außen gestülpt hat.

Für manche Denker muss ich spätestens jetzt noch eine Frage beantworten: Gab oder gibt es tatsächlich so etwas wie die Postmoderne? Oder ist die Postmoderne einfach eine extreme Ausprägung der Spätmoderne? In der Tat gibt es für beide Sichtweisen gute Argumente. Grundsätzlich stellt sich da die Frage, ab welchem Moment der Veränderung es berechtigt ist, einen neuen Begriff einzuführen. Man könnte auch problemlos dafür plädieren, dass es nie eine Aufklärung gegeben habe, sondern diese lediglich ein Ausdruck des Spätmittelalters gewesen sei. Insofern ist jeder neue Begriff, der eine Zeit bezeichnet, eine künstliche (aber oft hilfreiche) Unterscheidung. Wir könnten uns heute spätspätspätmittelalterlich nennen. Die Frage ist nur: Was bringt das? Postmodernismus ist in dem Sinne aber auch keine eigene Epoche; den Begriff der Epoche sollten wir etwas weniger inflationär gebrauchen. Die Postmoderne war ein kurzes Interludium; eine Sackgasse, aus der wir nun wieder herausfinden müssen.

Verzweiflung hat zur Postmoderne geführt und Verzweiflung ist, was bleibt, da sie nun von uns geschieden ist. Sie hat versucht, ein Korrektiv zum weit ausgeschwungenen Pendel der Moderne zu sein, indem sie nicht nur gebremst hat, sondern das Pendel zerstören wollte. Der Optimismus der Moderne, die Allmacht des Menschen hat in zwei unvorstellbar schrecklichen Weltkriegen tödliche Kernexplosionen abbekommen. Die Moderne hat den Menschen mit seiner Vernunft und deren sichtbarem Ausdruck in Sprache, Schrift und der ganzen Kultur vergötzt. Wohin diese Vergötzung geführt hat, ist in einer großen Menge des Leids in dieser Welt sichtbar geworden. Anstatt die Kultur in gute Bahnen zu führen, war die Verzweiflung zu groß und hat in der Postmoderne versucht, die Kultur zu überwinden. Alle Errungenschaften der Kultur wurden unter Generalverdacht gestellt und konstruktivistisch zerstört.

Damit wären wir beim Herzstück des postmodernen Weltbilds angelangt. Alles, was in der Moderne wichtig oder wertvoll war, durfte nur dem einen Zweck gedient haben, um die Mächtigen an der Macht zu halten. Die Sprache muss von Grund auf verdächtigt werden, denn sie sei ja schließlich von einer patriarchalischen Gesellschaft entwickelt und raffiniert angepasst worden. Das geschichtliche Denken muss unter Verdacht gestellt werden, weil Geschichte immer aus der Sicht der Siegermächte interpretiert werde. Die Logik und Vernunft haben zu Massenvernichtungswaffen geführt, weshalb sie suspekt sind. Was bleibt, ist eine romantische Innerlichkeit, eine relativistische Haltung gegenüber allen Absoluten außer dem Relativismus selbst. Vergessen ist plötzlich, wie nicht nur die Vernunft zum „Dritten Reich“ geführt hat, sondern in erster Linie eine solche romantische Innerlichkeit, die sich mit den Begriffen des Volks und der Rasse aufgeladen haben. Hitler war ein Mensch, der von Gedanken der Romantik geformt war und zudem das Unglück hatte, in einer Zeit und Gesellschaft zu leben, in welcher die Vernichtungswaffen so weit entwickelt waren. Dabei darf jedoch die Romantik keinesfalls abgewertet werden. Sie hat in vielen Aspekten zu einer geistigen und auch geistlichen Befruchtung der Gesellschaft geführt. In der affirmativ-kritischen Auseinandersetzung mit der Romantik lässt sich eine Menge für unsere Zeit lernen. Doch Geschichtsvergessenheit im Zusammenspiel mit neuen Absoluta wie des ethischen Relativismus und einer falsch verstandenen Toleranz ergeben eine explosive Mischung.

Und genau hier setzt die wichtigste Frage unserer Zeit an: Wohin schreitet der Westen nach dem Tod des Postmodernismus? Wir leben in dieser spannenden Zeit, in welcher neue Weichen gestellt werden. Es ist eine Zeit der Verzweiflung und Verwirrung, in welcher der Durcheinanderbringer viel Macht hat, es sei denn, das Christentum wird sich wieder bewusst, dass es eine Gegenkultur zu dieser Verzweiflung und Verwirrung sein soll. Ebenso klar ist aber auch, dass die Welt keine Antworten auf diese verwirrende und Verzweiflung fördernde Zeit finden wird, bis sie diese vom Christentum bekommt und dadurch verändert wird. Das ist möglich, denn es gab diese Zeiten auch schon mehrfach. Diese nennt man auch Erweckungen.

Das Gefährliche an unserer Zeit ist, dass viele Christen hoffen, dass die Welt ihnen die Antworten geben kann. Man schaut mit Hoffnung auf die Wahlen und Parteien und sucht so, Einfluss zu nehmen. Zugegeben: Es gab schon vereinzelt Zeiten, in welchen das eine gute Möglichkeit war. In unserer Zeit sind sich jedoch nicht einmal die Personen innerhalb einer Partei einig, worin das Problem besteht und wie es gelöst werden kann. Noch nicht einmal in groben Zügen. Geschweige denn, dass sie das Problem richtig erkennen.

Wir haben gesehen, dass wir in einer explosiven Zeit leben. Inzwischen hat die Industrie die Massenvernichtungswaffen weiter verfeinert, ausgebaut und aufgerüstet. Es herrscht Verzweiflung und Verwirrung. Geschichtsvergessenheit vermischt sich mit einem romantischen Verständnis einer verabsolutierten Toleranz und ethischem Relativismus. In gewisser Weise ähnelt unsere Zeit den Jahren nach der französischen Revolution. Damals war die Monarchie abgeschafft und eine Art Anarchie herrschte, also der Stärkere gewinnt. In unserer Zeit ist es auf geistiger Ebene ähnlich. Die Monarchie der Sprache und des Verstandes ist abgelöst, es herrscht die Anarchie des Relativismus. Der Stärkere gewinnt – wobei das gewissermaßen umgekehrt ist. Jetzt gewinnt der Schwächere, wenn er mehr Diskriminierungen vorweisen kann, wodurch er dann wiederum paradoxerweise zum Stärkeren wird.

In dieser Zeit kann uns nur noch Gott allein vor der entfesselten Gewalt bewahren. Wie im Zuge der Nachwehen der französischen Revolution werden Stimmen nach einer starken Führung laut. Auch in der Weimarer Republik war es lange Zeit geradezu spürbar, dass da ein Brausen und Umsturz der Lage kommen musste. Was heute mehr denn je nötig ist, sind Christen, die zusammenstehen, beten und eine Gegenkultur der Hoffnung und Ermutigung in dieser Zeit der Verzweiflung und Verwirrung bilden. Die Rettung wird nicht von der Politik kommen (und da bin ich wohl der Letzte, der die Politik als unwichtig abtun würde). Es ist wichtig, dass Christen sich an der Politik beteiligen, aber dadurch wird keine Rettung kommen. Die Rettung wird auch nicht durch Murren über die momentane Situation kommen, auch nicht durch Anpassung an die Welt, sondern einzig und allein durch Gottes gnädiges Eingreifen – oder gar nicht.

Ich glaube an Gottes Eingreifen und möchte zum Schluss noch ganz kurz ein paar Schritte auf einem gangbaren Weg dorthin beschreiben. Ich möchte die Herangehensweise dazu „gesunden kritischen Realismus“ nennen. Realismus bedeutet, dass es „da draußen“, also außerhalb von uns, eine tatsächliche Realität gibt, die man adäquat wahrnehmen kann. Kritisch deshalb, weil wir nicht davor gefeit sind, Irrtümern auf den Leim zu gehen und auch weil wir nicht alles, was in der Realität vorhanden ist, mit unseren fünf Sinnen wahrnehmen können. Das erklärt auch den Begriff „gesund“, weil dieser kritische Realismus die Möglichkeit der unsichtbaren Welt und von tatsächlichen, echten Wundern mit einschließt.

Ein solcher gesunder kritischer Realismus ist deshalb der „dritte Weg“, den es nebst dem reinen Materialismus und einem subjektiven Idealismus gibt. Dieser dritte Weg geht von davon aus, dass die Bibel tatsächlich Gottes Wort ist und deshalb über dem Menschen und seiner Erfahrung steht. Sie ist somit der Referenzpunkt, an dem sich alles Wissen, Erkennen und Handeln objektiv ausrichten kann. Das bedeutet aber auch, dass Christen der Bibel und dem Gott der Bibel vertrauen dürfen und mit dem Selbstverständnis dieses Vertrauens in die Welt hinausblicken. Wichtig ist dabei, dass wir wieder viel Wert auf die gesunde Lehre, auf Apologetik und ein erneuertes bibeltreues Denken und Philosophieren legen. Der evangelikale Anti-Intellektualismus hat viele Probleme verursacht. Ebenso der Versuch, unterschiedliche inhaltliche Positionen durch den Wortlaut offizieller Dokumente zu „versöhnen“, indem Unterschiede so lange sprachlich mit der Dampfwalze geplättet werden, bis sich alle Parteien verstanden fühlen können.

So dürfen wir mit Mut und einem festen Standpunkt als Christen in die Welt schauen, gehen und sprechen. Wir haben eine prophetische Aufgabe – was immer kommen mag. Wir dürfen Gott um ein Eingreifen bitten. Wir dürfen die absolute Wahrheit, Fehlerlosigkeit und Autorität von Gottes Wort festhalten und als Referenzpunkt für die Beurteilung der Welt gebrauchen. Wir dürfen die Hoffnung weitergeben, dass dieses Leben auf der Erde nicht alles ist, sondern dass der Herr Jesus als gerechter Richter wiederkommen wird und es nach diesem für alle, die Ihm nachfolgen, ewige Gemeinschaft in der Herrlichkeit Gottes gibt. Gerade deshalb ist es für jeden einzelnen Menschen wichtig, diese Botschaft von Jesus Christus in diesem Leben auf der Erde zu hören und darauf zu reagieren, denn danach wird es für alle Ewigkeit zu spät sein.

Und dann brauchen wir ganz dringend christliche Bildung. Kindergärten, Schulen, Gymnasien, Universitäten. Wir dürfen dieses Feld niemals den Vertretern der atheistischen Ideologie überlassen. Unsere Kinder sind unsere Zukunft. In Jesus sind alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen, und ohne Ihn kann diese niemand bergen. Wahre Erkenntnis kann nur von Ihm ausgehen. Dafür wollen wir kämpfen. Bis zum letzten Atemzug. Nancy Pearcey hat dazu geschrieben:

Wir müssen sichergehen, dass, wenn unsere Kinder das Haus verlassen, dieselbe Überzeugung tief in ihr Gedächtnis eingebrannt ist – dass das Christentum fähig ist, wenn es auf dem Marktplatz der Ideen herausgefordert ist, in sich zu verhalten. Es reicht nicht, junge Gläubige einfach zu lehren, wie man eine persönliche „Stille Zeit“ hält, wie man ein Bibellernprogramm befolgt und wie man mit einer christlichen Gruppe auf dem Campus Verbindung aufnimmt. Wir müssen sie auch darin anleiten, wie man auf intellektuelle Herausforderungen antwortet, die ihnen im Schulzimmer begegnen werden. Bevor die das Haus verlassen, sollten sie mit all den „-ismen“ wohlbekannt sein, vom Marxismus zum Darwinismus bis zum Postmodernismus. Es ist am besten für junge Gläubige, wenn sie von diesen Ideen zuerst von den vertrauten Eltern, Pastoren oder Jugendleitern hören, welche sie in den Strategien trainieren können, um die konkurrierenden Ideologien analysieren zu können.“ (Pearcey, Nancy, Total Truth, S. 125, Übersetzung von mir)


Dienstag, 31. März 2015

Gregory Koukl - Taktik

Ich möchte in diesem Post von heute das Buch „Tactics“ von Gregory Koukl vorstellen. Es soll keine Rezension sein, sondern ich werde einfach meine Notizen, die ich mir beim Lesen gemacht habe, teilweise mit Anmerkungen von mir, posten. Insgesamt gesehen ist es ein exzellentes Buch, das ich nur weiterempfehlen kann.

Was ist das Ziel des Buches? Koukl möchte seine Leser dazu ausrüsten, auf freundliche Art und Weise Menschen zum Nachdenken über den Glauben zu bringen. Man muss dazu kein Evangelist sein oder sonstwas, sondern es sind ein paar einfache Schritte, die jeder Mensch lernen kann, der seinen Mitmenschen einen Anstoß zum Nachdenken geben möchte.

Koukl nennt das wichtigste Werkzeug für diese Art und Weise die Frage. Dabei gibt es einige verschiedene Arten von Fragen, die er auf bestimmte Weise benennt. Es ist m. E. Nicht so wichtig, dass man diese Arten von Fragen genau auswendig lernen kann, wichtig ist, zu wissen, wie man sie anwendet.

Am Anfang steht ganz grundlegend die Frage zur Definition. Die meisten Menschen, die dem Glauben kritisch oder skeptisch gegenüber stehen, haben sich noch viel zu wenig Gedanken darüber gemacht. Ich kann das bestätigen; das gilt nicht nur für die USA, wo Koukl lehrt, sondern genauso für unsere Gegenden. Solche Fragen sind etwa:
- Wie meinst du das? Kannst du das näher erklären?
- Noch genauer: Was soll daran irrational (oder unglaubwürdig, etc.) sein?
- An was für einen Gott glaubst du nicht?
Das Ziel dieser Fragen ist, dass der Andere sich überhaupt erst damit auseinandersetzen muss, was seine Überzeugungen sind (und was nicht). Viele Menschen kommen bereits damit an ihre Grenzen, weil es für sie bisher einfach selbstverständlich war: Wer nicht glaubt, ist auf der neutralen Seite und wer glaubt, muss das erklären können. Tatsache ist: Auch derjenige, der etwas nicht glaubt, muss dies ebenso begründen können wie der, welcher etwas glaubt.

Nach den Fragen zur Definition gibt es Fragen, um Schwächen zu finden. Wenn der Andere also imstande ist, seine Überzeugungen näher zu definieren, so können wir ihn mit weiteren Fragen konfrontieren, die dazu dienen, seine Überzeugungen zu überprüfen:
- Wie gut hast du dich mit anderen Glaubensrichtungen befasst?
- Was denkst du, was Jesus gelehrt hat?
Manchmal meinen Menschen, dass Christen intolerant sind, weil sie möchten, dass auch alle anderen ihre Weltanschauung teilen. Hier hilft etwa die Frage:
- Gehst du wählen? → Wer wählen geht, möchte auch, dass allen anderen Menschen des Landes das Leben unter seiner Weltanschuung teilen müssen.
- Was ist deine Weltanschauung? → Warum sollte irgend jemand anderes diese ernst nehmen?
- Wie bist du zu diesem Schluss gekommen?
Wie überprüft man Weltanschauungen?
1.) Ist sie möglich?
2.) Ist sie plausibel / vernünftig?
3.) Ist sie wahrscheinlich? Ist es die beste Erklärung?

Man tut gut daran, mit diesen Fragen das Gespräch in eine bestimmte Richtung zu leiten. Dazu eignen sich richtungsweisende Fragen. Am besten man sucht sich dabei etwas aus, was der Andere kennt. Beispiel Strafe bei Verbrechen:
- Denkst du, dass Menschen, die ein Verbrechen begehen, dafür bestraft werden sollen?
Beispiel Abtreibung:
- Das Kind ist vor der Geburt bereits auf der Welt – nur eben im Mutterleib versteckt! Warum sollte man ein verstecktes Kind ermodern dürfen, aber nach der Geburt nicht mehr?
Es ist wichtig, dass man zuerst eine Basis schafft, der beide Personen zustimmen können. Von dieser Basis aus kann die Weltanschauung des Anderen gezielt befragt und getestet werden.

Der Umgang mit „Suizid-Sätzen“. Manchmal gebrauchen Menschen Sätze, die sich – offen oder versteckt – selbst widersprechen:
- Es gibt keine Wahrheit! (Dann ist diese Aussage auch nicht wahr)
- Es gibt keine absoluten Aussagen! (Aber dann wäre diese Aussage auch nicht absolut)
- Niemand kann irgend eine Wahrheit über den Glauben wissen! (Woher weißt du das?)
- Du kannst nichts sicher wissen! (Bist du dir sicher?)
- Über Gott zu reden ist bedeutungslos! (Was bedeutet dieser Satz über Gott?)
- Wahrheit lässt sich nur durch Erfahrung ermitteln! (Woher weißt du diese Wahrheit? Durch Erfahrung?)
Bei jedem Satz können wir prüfen, ob der Satz seinem Inhalt tatsächlich standhält!

Häufig wenden Menschen ihre eigenen Überzeugungen auf andere an, obwohl sie sich selbst als tolerant betrachten. Koukl nennt dies „Praktischer Suizid“, also dass die Praxis nicht mit der Theorie übereinstimmt.
- Ein echter Relativist müsste sagen: „Für mich ist XY falsch, aber das hat nichts mit dir zu tun. Bitte ignoriere mich einfach.“
- Ein echter Determinist müsste sagen: „Ich gebrauche überhaupt keine Argumente, um meine Sicht darzulegen, denn es ist ja eh schon alles determiniert.“

Irgendwann im Gespräch können wir versuchen, dem Anderen „das Dach abzunehmen“ (to take off the roof). Diese Strategie bedeutet, wir nehmen die Weltanschauung des Anderen wie eine Landkarte und machen darauf eine Testfahrt in der Realität.
Zu Beginn tun wir dann gut daran, die wichtigsten Punkte der Überzeugung des Anderen noch einmal zusammenzufassen. Damit sehen wir selbst, ob wir den Anderen verstanden haben (er bekommt die Gelegenheit, sich selbst in unseren Worten zu hören und kann dem zustimmen oder es noch ergänzen) und zugleich bemerkt der Andere, dass wir ihn ernst nehmen, weil wir gut zugehört haben.
Wenn der Andere zustimmt, dann schauen wir uns die Realität an, in der wir täglich leben. Zum Beispiel das Problem der Schuld: → Wir alle fühlen uns immer wieder schuldig. Warum? → Weil wir es sind!
Beispiel Realität und intelligentes Design: Alles in der Welt läuft passend wie eine Uhr, bei welcher ein Zahnrad ins andere passt. Warum? → Weil alles einen intelligenten Designer hat!
Beispiel Realität und der persönliche Wert des Menschen: Wenn alles Zufall wäre, so hätte der Mensch keinen persönlichen Wert. Dennoch behandeln wir (zumindest bestimmte) andere Menschen so, als ob sie einen Wert hätten. Warum? → Weil wir merken, dass sie den tatsächlich haben und uns entsprechend verhalten. Somit ist nicht alles zufällig entstanden.

Zum Schluss gibt uns Koukl noch acht Tipps für solche Gespräche:

1.) Sei bereit dazu.
2.) Halte es möglichst einfach.
3.) Keine religiöse Sprache.
4.) Fokussiere dich auf Jesus Christus
5.) Gib gute Gründe.
6.) Bleibe ruhig.
7.) Erzwinge nichts.
8.) Lass den Anderen nicht gehen, ohne ihm etwas zum Nachdenken zu geben.

Wichtig ist dabei immer, dass wir wissen: Unsere Aufgabe ist es nicht, den Anderen zu überzeugen. Häufig ist das ein schwieriger Schritt, den der Andere gehen muss, um sich überhaupt erst einmal von seinen Überzeugungen zu trennen. Wir müssen da keinen Druck machen, denn Druck ist häufig kontraproduktiv.

Ein letzter Tipp noch, den Koukl auch irgendwo erwähnt: Wir müssen nicht auf jede Frage eine Antwort wissen. Wir dürfen auch einmal sagen: Das ist eine gute Frage, dem werde ich nachgehen. Und dann können wir zu Hause unsere Aufgaben machen und eine Antwort suchen. Koukl empfiehlt, sich für solche Fragen ein Heft anzulegen, in welches man die Fragen mit ihren Antworten einträgt. Dann kann man auf diese immer wachsende Anzahl von Antworten ganz leicht zurückgreifen.

Wer sich für weitere Infos zu diesen Gesprächen interessiert oder auch viele solche Fallbeispiele lesen möchte, sollte sich das ganze Buch nicht entgehen lassen. Leider ist es bisher nur in Englisch erhältlich.

Donnerstag, 25. Dezember 2014

Den Glauben verstehen

Liebe Leserinnen und Leser,

zuerst einmal allen ein gesegnetes Weihnachtsfest. Gott wurde Mensch, um uns mit Sich Selbst zu versöhnen. Welch ein Vorrecht, das zu wissen und davon anderen Menschen erzählen zu dürfen.

Doch häufig hört man, dass dies gar nicht so einfach ist. Viele Gläubige haben aufgehört, davon zu erzählen, weil sie schlechte Erfahrungen gemacht haben. Es gibt aggressive Gegner, von denen man schnell abgekanzelt wird. Das kann aber auch daran liegen, dass wir uns selbst noch zu wenig Gedanken gemacht haben, wie wir überzeugend von Jesus Christus erzählen können. Darüber habe ich mir dieses Jahr viele Gedanken gemacht und mich deshalb auch entschlossen, dieses Projekt in Angriff zu nehmen.

So habe ich einen Zweitblog begonnen, den ich diesem Projekt widmen werde: Den Glauben verstehen und verständlich machen lernen. Dort werde ich versuchen, möglichst viele Fragen zum Glauben zu beantworten. Dazu ist aber auch jeder Leser gefordert, mir dabei zu helfen. Wo sind Eure Fragen? Wo stoßt Ihr an Grenzen? Was ist nur sehr schwer verständlich? Ich habe in diesem Zweitblog eine Mailadresse hinterlegt, an die alle diese Fragen gemailt werden können und bitte um rege Teilnahme. Gern darf die dazugehörige Facebookseite auch geliket, sowie das Projekt bekannter gemacht werden.

Liebe Grüße
Jonas


Mittwoch, 5. November 2014

Moralistisch-therapeutischer Deismus

Mit dem Begriff „moralistisch-therapeutischer Deismus“ fasst der Soziologe Christian Smith seine Ergebnisse einer groß angelegten Studie in Nordamerika in seinem Buch „Soul Searching – The Religious and Spiritual Lives of American Teenagers“, das 2005 erschien, zusammen. Der Begriff lässt sich mit fünf Grundsätzen festlegen:

1. Es gibt einen Gott, der die Welt geschaffen hat, der sie ordnet und über das menschliche Leben auf der Erde wacht.
2. Gott will, dass die Leute gut sind und nett und fair miteinander umgehen, wie es in der Bibel und in den meisten Weltreligionen gelehrt wird.
3. Das zentrale Ziel im Leben ist es, glücklich zu sein und sich gut zu fühlen.
4. Gott muss nicht besonders ins Leben einbezogen werden, es sei denn,wenn Gott gebraucht wird, um ein Problem zu lösen.
5. Gute Menschen kommen in den Himmel, wenn sie sterben.
(Christian Smith, Soul Searching, S. 162f, Übersetzung von mir)

Das ist also so ungefähr das Glaubensbekenntnis eines großen Teils der nordamerikanischen Jugend von heute. Und vermutlich nicht nur von Nordamerika. Dieses Denken ist schon lange über den großen Teich zu uns herübergeschwappt.

Das Ziel eines solchen Lebens besteht im stets gesuchten Wohlfühlen, ein Wellness-Evangelium nach dem Motto: Ich bin ok, du bist ok, wir sind alle gleich, also sind alle Unterschiede gleichgültig und egal. Christian Smith beschreibt diese Haltung des moralistisch-therapeutischen Deismus mit den drei Stichworten:

Moralistisch: Um ein gutes, glückliches Leben zu führen, müsse man eine gute, moralische Person sein. Wenn man sehe, dass man nicht so gut sei, müsse man einfach versuchen besser zu werden, das sei alles, meinte jemand in einem Interview.

Therapeutisch: Im Zentrum des Lebens stehe das Wohlbefinden, das Sich-gut-Fühlen, Probleme zu lösen, etc. Es geht also nicht mehr um Gott als Zentrum des Lebens, sondern nur um „ich ich ich“, um ich, mich, mein und mir. Gott hat eine Statistenrolle als Glücklichmacher, und damit hat es sich dann auch.

Deismus: Gott hält sich nach dieser Vorstellung weitgehend aus dem täglichen Leben heraus, stellt keine Ansprüche, will nur, dass der Mensch sich wohl fühlt und sein Leben in den Griff bekommt. Solange der Mensch kein Eingreifen Gottes in sein Leben wünscht, hält sich dieser deistische Götze ganz brav aus dem Leben heraus.

Was auffällt, ist die zunehmende Unfähigkeit, den eigenen Glauben klar zu sehen, zu reflektieren und zu artikulieren. Das ist unter anderem auf einen großen Mangel an klarer biblischer Lehre zurückzuführen. Was wir brauchen, ist mehr Bibellehre. Die großen Linien der Heilsgeschichte, die sich als roten Faden durch jedes Buch der Bibel hindurchzieht. Die großen Lehren von der Dreieinigkeit Gottes, von der Menschwerdung Christi, der Erlösung am Kreuz von Golgatha, von der Auferstehung, von Pfingsten und der Anwendung der Erlösung auf unser Leben. Vom rettenden Glauben, der Heiligung und der letztendlichen Verherrlichung. Und ebenso brauchen wir mehr Apologetik, also die Fähigkeit, den christlichen Glauben in Worte zu fassen und ihn zu verteidigen.

Die heutige Jugend lebt in einem Zeitalter, das von einer Vielzahl von Ideologien geprägt ist. In dieser Zeit ist es wichtig, dass man fähig ist, Ideologien an der Bibel zu prüfen. Gott möchte, dass die aufwachsende Generation stark ist und nicht ständig von allen möglichen Ideologien und Lehren hin- und hergeworfen wird. Auch heute hat Gott Menschen eingesetzt, welche die Dienste erfüllen sollen, von denen Paulus schreibt: 

Und Er hat etliche als Apostel gegeben, etliche als Propheten, etliche als Evangelisten, etliche als Hirten und Lehrer, zur Zurüstung der Heiligen, für das Werk des Dienstes, für die Erbauung des Leibes des Christus, bis wir alle zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, zur vollkommenen Mannesreife, zum Maß der vollen Größe des Christus; damit wir nicht mehr Unmündige seien, hin- und hergeworfen und umhergetrieben von jedem Wind der Lehre durch das betrügerische Spiel der Menschen, durch die Schlauheit, mit der sie zum Irrtum verführen, sondern, wahrhaftig in der Liebe, heranwachsen in allen Stücken zu ihm hin, der das Haupt ist, der Christus. Von ihm aus vollbringt der ganze Leib, zusammengefügt und verbunden durch alle Gelenke, die einander Handreichung tun nach dem Maß der Leistungsfähigkeit jedes einzelnen Gliedes, das Wachstum des Leibes zur Auferbauung seiner selbst in Liebe.“ (Epheser 4, 11 - 16)


Dienstag, 20. Mai 2014

Tim Lambesis von As I Lay Dying im Interview

Gedanken zum Interview mit Tim Lambesis

Als Fan von Musik etwas härterer Gangart mochte ich natürlich die Band „As I Lay Dying“ (AILD) schon seit Längerem. Als vor gut einem Jahr (am 7. Mai 2013) deren Frontmann Tim Lambesis verhaftet wurde, war ich dann doch etwas überrascht. Die Medien schlachteten dieses Ereignis natürlich bis zum Gehtnichtmehr aus. Am 16. Mai 2014 wurde er zu sechs Jahren Haft verurteilt. Jetzt endlich brach er sein Schweigen und gab Ryan Downey ein Interview (Link). Als ich es am vergangenen Sonntag las, dachte ich lange darüber nach. Es enthält viele Themen, die wirklich sehr wichtig für unsere Generation (und die nachfolgenden Generationen) sind. Ich möchte fünf davon herauspicken und kurz erläutern. Dennoch möchte ich jedem, der Englisch lesen kann, empfehlen, das gesamte Interview zu lesen. Vielleicht findet sich auch ein „freiwilliges Opfer“, das bereit wäre, das Interview zu übersetzen.

Zuerst die wichtigsten Inhalte in Kurzfassung: Tim Lambesis ist in einem christlichen Umfeld aufgewachsen. Nach seinem Schulabschluss begann er, mit Bands zu touren. Unter anderem hat er dann im Jahr 2000 die Band „As I Lay Dying“ gegründet, die schon nach kurzer Zeit Touren durch die ganze Welt hatte. 2004 heiratete er Meggan Murphy. Da er in der Zeit als Teenager mit seiner Gemeinde Bibelfreizeiten in sehr armen Ländern durchführte, wo ihn das Schicksal vieler Waisenkinder persönlich stark berührte, entschieden sie sich, Kinder aus Äthiopien zu adoptieren. Durch lange Touren als Band kam eine zunehmende Entfremdung zwischen Tim und seiner Frau auf. Er fühlte sich in den Zeiten, die er zu Hause verbrachte, immer stärker abgelehnt von Meggan, woraufhin er immer mehr Zeit im Fitness-Studio verbrachte, anstatt bei seiner Familie zu sein. Sie ihrerseits fühlte sich dadurch ebenfalls abgelehnt, weshalb sie sich an ihre adoptierten Kinder zu klammern begann und ihm immer weniger Zeit mit ihnen ließ. Um weiterhin als Muskeltyp zu gelten, nahm er nun auch noch Steroide, da seine Muskeln eine Grenze (ein „Plateau“, wo das natürliche Wachstum nicht mehr nur mit Bodybuilding weitergeht) erreichten. 2012 wurde ihm alles zuviel, weshalb er sich entschied, sich von seiner Frau zu trennen. Schon ein halbes Jahr zuvor hatte er ihr mitgeteilt, dass er nicht mehr wirklich an Gott glaube. Im Scheidungsprozess hatte sie alles getan, um ihm möglichst wenig Freiheiten mit den Kindern zu lassen, was ihn weiter wütend machte. Um eine traurige Sache kurz zu machen: Er kam dann auf die absolut schreckliche Idee, es wäre besser für ihn und die Kinder, wenn seine Ex-Frau nicht mehr leben würde. Über seinen Steroid-Dealer ließ er sich einen Auftragsmörder vermitteln, der ihm dann jedoch zum Glück einen Undercover-Agenten schickte, der Lambesis verhaften ließ, sobald er ihm den Auftrag gegeben hatte. So weit die Sicht von Lambesis, wie er sich im Interview äußert. Dass dieses Interview – wie alles – mit Vorsicht zu genießen ist, sollte klar sein; spätestens seit einer ersten Antwort des AILD-Gitarristen Nick Hipa (Link). Im Folgenden fünf Stichworte mit meinen Gedanken dazu, was wir von Tim Lambesis lernen können und was wir besser machen sollten.

1. Entfremdung
Das menschliche Gehirn ist hochkomplex – und mehr noch: Es ist sehr sehr dynamisch, anders gesagt: Es verändert sich ständig. Jeder Gedanke, jedes Bild, jedes aufgenommene Wort in unserem Leben hinterlässt bleibende Spuren. Jeder Mensch verändert sich also ständig. Rund um die Uhr. Das ist eine der großen Stärken des Menschen: Er kann sich so sehr gut und schnell an jede neue (veränderte) Situation anpassen. Entfremdung kommt zustande, wenn sich Menschen in sehr unterschiedliche Richtungen verändern. So braucht es in der Ehe und Familie immer wieder gemeinsame Zeiten, gemeinsame Erlebnisse, gemeinsame Erinnerungen. Kommunikation ist sehr wichtig und beeinflusst die Richtung, in die wir uns verändern. Tim Lambesis war oft über Monate auf Tour und von seiner Frau und den Kindern getrennt. So haben sie sich in sehr unterschiedliche Richtungen entwickelt. Dies kommt auch in Familien vor, die keine Profimusiker sind. Das gemeinsame Fernsehen kann diese Entwicklung nicht aufhalten. Auch der Computer und das Handy oder Smartphone drängt sich häufig in den Vordergrund und verhindert die gemeinsame Veränderung in dieselbe Richtung.

2. Identität
Die Fragen „Wer bin ich? Was macht mich aus? Was macht mich besonders?“ stellt sich jeder Mensch im Laufe seines Heranwachsens. Tim war sein Leben lang in einem christlichen Umfeld, doch nicht selten wird auch hier nicht wirklich eine Antwort auf diese Fragen gegeben. Junge Menschen brauchen Vorbilder, die ihnen sicht- und spürbar vorleben, was es bedeutet, ein Mann oder eine Frau, ein Vater oder eine Mutter zu sein. Viel zu lange haben unsere Gemeinden diese Aufgabe der Schule, den Hollywood-Filmen und dem BRAVO-Magazin überlassen. Wo sind die Frauen und Mütter, wo die Männer und Väter, die der nächsten Generation zeigen, was es bedeutet, eine gelingende Ehe und Familie zu haben? Tim Lambesis hat seine vermeintliche Identität im Erfolg als Musiker und Bodybuilder gefunden. Er bereut zutiefst, wohin das geführt hat. Lasst uns Gemeinden bauen, die der nächsten Generation eine echte Identität zu vermitteln vermögen.

3. Apologetik
Lambesis erzählt in seinem Interview, dass er sich mit den Fragen beschäftigt hat, die der sogenannte „Neue Atheismus“ an den christlichen Glauben stellt. Und irgendwann hat er sich auf deren Seite gestellt und den Glauben an Gott abgelehnt. Erst nach seiner Verhaftung, als er viel Zeit alleine verbrachte und Zeit zum Nachdenken hatte, stellte er sich wieder diesen Fragen. Der Apologet William Lane Craig, von dem er insgesamt um die 1000 Buchseiten las, half ihm dabei. Auch hier wieder eine Anfrage an unsere Gemeinden. Sind wir bereit, die nächste Generation auf das Leben vorzubereiten? Spätestens an der Schule wird jede und jeder heutzutage mit den Argumenten des „New Atheism“ konfrontiert. Haben wir den jungen Menschen Antworten, echte Antworten, auf all diese Fragen? Können wir ihnen helfen, Tools zu entwickeln, mit deren Hilfe sie sich im ganzen Dschungel der Irrlehren, Religionen und Ideologien zurechtfinden können? Sind wir bereit, uns ganz auf die jungen Menschen einzulassen und ihnen ins Leben hinein zu helfen?

4. Christliche Kultur
Eine ganz wichtige Aussage machte Tim, als er über christliche Bands sprach. Er sagte: „We toured with more “Christian bands” who actually aren’t Christians than bands that are. In 12 years of touring with As I Lay Dying, I would say maybe one in 10 Christian bands we toured with were actually Christian bands.“ („Wir waren mit mehr „christlichen Band“ unterwegs, die in Wahrheit keine Christen waren, als mit solchen, die welche waren. In den zwölf Jahren, in denen ich mit As I Lay Dying unterwegs war, würde ich sagen, waren etwa eine von zehn Bands, mit denen wir unterwegs waren, tatsächlich christliche Bands.“) Es gibt eine Art „christliche Kultur“, die man deshalb „christlich“ nennt, weil ihre Erzeugnisse in den christlichen Buchläden zu finden sind. Ich bin kein Experte was die christliche Metalszene betrifft, aber ausgehend von dem, was ich bisher kenne, würde ich seine Zahl bestätigen. Nicht alles, was man in den christlichen Buchläden findet, ist christlich. Dasselbe trifft auch auf Bücher zu. Es gibt eine Unmenge an Büchern, die ich keinesfalls zur christlichen Literatur zählen würde, und die man da trotzdem antrifft. So ist auch hier Vorsicht und gutes Prüfen angesagt.

5. Meines Bruders Hüter
Den letzten Gedanken möchte ich zuerst einmal mir selbst zusprechen. Ja, ich bin ein Hüter meiner Mitmenschen. Ja, ich bin auch verantwortlich für sie. Lambesis bedauert, dass er sich verändert hat, ohne dass eines der anderen Bandmitglieder ihn auf die Richtung hingewiesen hat. Eines ist klar: Letztendlich trug er selbst die Verantwortung für seine Entscheidungen. Aber gerade seine Bandmitglieder, die ja auch viel Zeit mit ihm verbrachten, hätten ihn auch einmal darauf aufmerksam machen können oder sollen. Dies sei nie geschehen, sagt Lambesis nun. Ob das tatsächlich so war, oder ob dies lediglich die Sichtweise des Interviewten ist, lässt sich zur Zeit nicht mit letzter Sicherheit feststellen. Was aber auffällt, ist, dass sich immer weniger Menschen für andere mitverantwortlich fühlen. Lieber nichts sagen als jemandem „auf den Fuß zu treten“ ist die neue Devise geworden. Auch in vielen Gemeinden. Alles wird geduldet, überall zwei und mehr Augen zugedrückt, bloß damit die „Liebeskeule“ („das ist aber lieblos“, „du darfst niemanden verurteilen“, etc.) nicht hervorgeholt wird. Ich möchte meiner Geschwister Hüter sein und habe auch Glaubensgeschwister, die mich gut genug kennen, um meine Veränderungen sehen zu können, die in mein Leben hinein sprechen dürfen und sollen. Ganz nach Hebräer 10, 23 – 25: Lasst uns festhalten am Bekenntnis der Hoffnung, ohne zu wanken — denn er ist treu, der die Verheißung gegeben hat —, und lasst uns aufeinander achtgeben, damit wir uns gegenseitig anspornen zur Liebe und zu guten Werken, indem wir unsere eigene Versammlung nicht verlassen, wie es einige zu tun pflegen, sondern einander ermahnen, und das um so mehr, als ihr den Tag herannahen seht!

Donnerstag, 15. Mai 2014

Zum 30. Todestag von Francis August Schaeffer

Heute vor 30 Jahren, am 15. Mai 1984, ist der Pastor, Theologe und insbesondere Apologet Francis August Schaeffer gestorben. Da er im deutschen Sprachraum inzwischen leider nicht mehr so bekannt ist wie er sein sollte, möchte ich ihn, sein Werk und seinen bleibenden Einfluss ein wenig näher vorstellen.

Deshalb habe ich eine PDF-Datei zum Download bereitgestellt. 

Eine noch ausführlichere Übersicht über die Schriften des Ehepaars Edith und Francis Schaeffer von Ron Kubsch steht übrigens im TheoBlog.de zum Download bereit.

Möge sein Leben und Werk wieder bekannter werden und vor allem: Möge uns sein Leben und Werk zum Vorbild dienen und uns danach streben lassen, wie Schaeffer nach einem authentischen Leben zu trachten. Die Menschen brauchen auch heute noch, was Schaeffer ihnen zu geben versuchte. Sein Motto war: "Ehrliche Fragen brauchen ehrliche Antworten."

Wer noch mehr lesen möchte, dem empfehle ich als Einführung zu Schaeffer: Ron Kubsch, Wahrheit und Liebe - Was wir von Francis Schaeffer für die Gegenwart lernen können.

Hier die Einführung zu Schaeffer in meinem PDF:

"Vor 30 Jahren (am 15. Mai 1984) ist Francis August Schaeffer gestorben. Heute hört man relativ selten von ihm. Und doch war er ein Mann, der wie kaum ein Anderer die Menschen seiner Zeit kannte und liebte. Wer war denn dieser Francis Schaeffer? Was hat ihn zu dem Menschen gemacht, der er war? Und: Was kann er unserer Zeit lehren, was uns verloren gegangen ist? Diesen und vielen weiteren Fragen wollen wir nachgehen.
Heute, 30 Jahre nach seinem Tod, können wir vieles sehen, was Schaeffer uns geradezu prophetisch vorausgesagt hat. Mit seinem Tod ist eine schmerzliche Lücke entstanden, die so einfach niemand füllen kann. Zugleich hat er uns aber auch einen reichen Schatz an Schriften hinterlassen, die es absolut wert sind, immer wieder gelesen zu werden. Nicht nur gelesen, vor allem auch gelebt.
Francis Schaeffer war ein Mann, dem das Zusammenspiel von Glauben und Tun ganz besonders wichtig war. Er nahm die Menschen ernst, er lebte ihnen vor, was er predigte. So war sein „Missionswerk“ L'Abri (französisch für „die Zuflucht“) ein reines Glaubenswerk. Er schrieb keine Bettelbriefe, sondern erbat sich das fürs Leben Notwendige direkt bei Gott – und er bekam es.
Wir wollen in den folgenden Seiten das Leben von Schaeffer und seine Botschaft an unsere Zeit betrachten. Möge dieser Mann uns ermutigen, ein echtes, authentisches Leben zu führen, durch welches die Menschen die Kraft und Wahrheit Gottes erkennen können."

Mittwoch, 26. März 2014

Truth Decay – Die Auflösung der Wahrheit


Über die vergangenen etwa acht Monate hinweg habe ich in unregelmäßigen Abständen und mit zahlreichen Anläufen das Buch „Truth Decay – Defending Christianity against the Challenges of Postmodernism“ von Douglas Groothuis gelesen. Es ist ein wahnsinnig herausforderndes Buch, und manchmal habe ich schon über einen kurzen Abschnitt für Tage oder Wochen zu kauen gehabt. Es ist auf englisch geschrieben, und ich muss vorausschicken, dass es auch sprachlich nicht ganz einfach zu lesen ist. Wer sich aber die Mühe macht und entweder besser englisch kann als ich oder auch ein Wörterbuch zur Seite hat, wird mit den zahlreichen guten Gedanken in dem Buch wahrlich reich belohnt. Groothuis ist von Francis A. Schaeffer beeinflusst, was natürlich aus meiner Sicht für ihn spricht. Man merkt es im Buch nicht nur an den Zitaten von Schaeffer, sondern auch an den glasklaren Gedankengängen, sowie auch an der Deutlichkeit der Sprache und der Liebe zur Kunst. Douglas Groothuis, Truth Decay, InterVarsity Press, 2000, Amazon

In der Einführung (S. 9 - 15) gibt Groothuis einen kurze Einblick in das Thema, sowie einen guten Überblick über den Aufbau des Buches. Er betont mit Angabe von Römer 1, 18 – 20, dass jeder Mensch Gott erkennt, aber zugleich eine natürliche Abneigung gegen diese Erkenntnis hat.

Das erste Kapitel, „Wahrheit in Gefahr“ (S. 17 – 31), handelt von der Wahrheit an sich. Es geht darum, dass in der Geschichte der Menschheit immer davon ausgegangen wurde, dass es Wahrheit an sich gibt. Als die ersten Staaten der USA 1776 ihre Unabhängigkeit ausriefen, konnten sie sich darauf berufen, dass gewisse Wahrheiten selbstverständlich sind, nämlich dass alle Menschen gleich geschaffen wurden, dass sie von ihrem Schöpfer mit bestimmten unveräußerlichen Rechten ausgestattet wurden, wie zum Beispiel Recht auf Leben, auf Freiheit und Streben nach Glück. Mit Richard Rorty und dem Postmodernismus jedoch kommt ein neuer Ton auf: Man müsse die Vorstellung hinter sich lassen, dass es Wahrheit gebe, die für alle Menschen gleichermaßen gültig sei. Diese Vorstellung sei auch in den Evangelikalismus eingedrungen, wo man vor diesen neuen Sichtweisen der Postmoderne kapituliert habe.

Das zweite Kapitel, „Von der Moderne zur Postmoderne“ (S. 32 – 59), beschäftigt sich noch näher mit der geschichtlichen Entwicklung. Die Geschichte wird zuerst von der Vormoderne zur Moderne, danach von der Moderne zur Postmoderne aufgezeigt. Dieser Schritt ist gar nicht so leicht zu beschreiben. Ist jetzt die Postmoderne eine Abkehr von der Moderne oder ist sie einfach der nächste logische Schritt, also gewissermaßen das grenzenlose Ausleben dessen, was als Same bereits in der Moderne angelegt war? Vermutlich beides zugleich. Für Vertreter der Postmoderne ist alles, was gesagt wird, lediglich eine leere Worthülse, die keine objektive Bedeutung hat, sondern von jedem Menschen selbst mit Inhalt gefüllt werden muss. Ein Text kann nicht mehr verstanden werden, weil man nie weiß, womit der Autor seine Worte in seiner eigenen Vorstellung verknüpft hatte. Da diese Sichtweise sich in der Gesellschaft etabliert, verliert die Geschichte ihre Bedeutung. Es gibt keine Geschichte mehr, sondern nur ganz viele Geschichten, so viele, wie es Kulturen oder gar Menschen gibt. Der Verlust der Geschichte geht einher mit dem Verlust der Identität, alles wird gleich gültig und damit auch gleichgültig.

Im dritten Kapitel, „Die biblische Sicht der Wahrheit“ (S. 60 - 82), kommt die Bibel zum Zug. Hier wird eine biblische Sichtweise von der Wahrheit entwickelt, die ich als sehr wohltuend im Chaos dessen empfand, was in den vorangegangenen Kapitel beschrieben wurde. Verschiedene hebräische und griechische Wörter für „Wahrheit“ werden untersucht, ebenso die Stellen, an denen sie auftreten, und Groothuis kommt zu acht wichtigen Schlussfolgerungen: Erstens, Wahrheit ist von Gott offenbart, sie wird nicht konstruiert oder erfunden von Individuen oder Gesellschaften. Zweitens, objektive Wahrheit existiert und ist erkennbar. Gott ist die Quelle der objektiven Wahrheit über sich selbst und seine Schöpfung. Drittens, christliche Wahrheit ist absolut in ihrem Wesen. Sie ist es ohne Ausnahme. Viertens, Wahrheit ist universell, das heißt, sie ist überall anwendbar, sie beschäftigt sich mit allem und schließt nichts aus. Fünftens, die Wahrheit von Gott schließt sich nicht an Trends an. Sechstens, Wahrheit ist ausschließend, spezifisch und gegensätzlich. Für jedes theologische „Ja“ gibt es eine Million „Neins“. Siebtens, Wahrheit ist systematisch und einheitlich. Wahrheit ist eins, so wie Gott eins ist. Achtens, Wahrheit ist ein Ziel, und kein Zweck zu einem Ziel. Sie soll um ihrer selbst willen gewollt und gesucht werden. Ein wahrlich wohltuendes Kapitel!

Im vierten Kapitel, „Die Wahrheit über die Wahrheit“ (S. 83 – 110), beschreibt Groothuis die heutige Schwierigkeit, überhaupt von Wahrheit zu sprechen. Der Postmodernismus kennt auch Konzepte von der Wahrheit, die allerdings nichts mit der biblischen Sicht zu tun haben. Der Autor stellt fest, dass er bei einer Veranstaltung zum Thema „Spiritualität“ herausfand, dass er mit einer Muslima mehr gemein hatte als mit den meisten übrigen Besuchern. Obwohl sie sich darin unterschieden, WAS denn nun die Wahrheit sei, waren sie sich doch einig, DASS es tatsächlich objektive Wahrheit gibt. Wichtig ist in diesem Kapitel der Abschnitt über die postmoderne Sicht von Sprache und Wahrheit. Der Postmoderne betrachtet die Sprache als Konstrukt einer Gesellschaft und zugleich als Konstrukt des Individuums. Auf diese Weise gibt es keinen gemeinsamen Boden mehr, auf dem man sich objektiv verständigen kann. Zugleich betrachtet der Postmoderne auch das Wort „Wahrheit“ mit kritischem Blick, weil er denkt, dass dieses Wort zu lange missbraucht worden sei, um Menschen zu unterdrücken.

Das fünfte Kapitel, „Die postmoderne Herausforderung an die Theologie“ (S. 111 – 138), handelt von den Schwierigkeiten, die das postmoderne Denken in Bezug auf die biblische Wahrheit macht. Sehr gut finde ich die Feststellung von Groothuis, dass auch die Poesie theologische Aussagen macht. Sie ist nicht nur dazu da, um unsere Gefühle zu bewegen, sondern (und gerade) auch, um theologisch korrekte, wahre Feststellungen zu machen. Christus gehört jeder Quadratmeter des Universums, deshalb sind die Aussagen der Bibel auch nicht nur für die Menschen innerhalb der christlichen Gemeinschaft, sondern sie gelten allen Menschen universell. Die Bibel ist Offenbarung der Wahrheit, weshalb sie das Medium ist, durch welches jede Gesellschaft, jede Theorie und jede Aussage geprüft werden muss. Auf der einen Seite muss da die Abwehr gegen die Moderne sein, die versucht hat, die göttliche Offenbarung dem Verstand zu unterwerfen, zugleich aber auch die Abwehr gegen die Postmoderne, welche das Vorhandensein der universellen Wahrheit leugnet.

Im sechsten Kapitel, „Postmoderne und Apologetik“ (S. 139 – 160), kommt Groothuis auf sein wichtiges Anliegen der Apologetik zu sprechen. Es geht um die Frage: Wie können Christen in der postmodernen Welt die biblische Weltanschauung verteidigen? Zunächst müssen wir sehen, dass Jesus Christus von seinen Nachfolgern verlangt, bestimmte Wahrheiten zu glauben, ihnen zuzustimmen und sich selbst Christus als Gott hingeben und anvertrauen. Dafür braucht man bestimmte Dinge zu wissen. Manche davon können aus der Natur und dem eigenen Gewissen (s. Römer 1 und 2) abgeleitet werden. Andere kommen aus der göttlichen Offenbarung in der Bibel. Auf jeden Fall können diese gesehen, gehört, festgestellt, verstanden und akzeptiert werden. Wir brauchen nicht davor zurückzuschrecken, dass die Bibel voll von übernatürlichen Wundern ist, weil unser Anfangspunkt nicht der Mensch in seiner begrenzten Erfahrung ist, sondern der übernatürliche, allmächtige und allwissende Gott.

Dies wird im siebten Kapitel, „Apologetik für Postmoderne“ (S. 161 – 186), breiter ausgeführt. Zu Beginn weist Groothuis auf die Gefahr hin, „relevant“ sein zu wollen. Er betont, dass wir eher darauf achten sollten, uns mit der Kultur und dem Denken den Menschen (kritisch) auseinanderzusetzen, als zu versuchen, möglichst relevant zu erscheinen. Wenn die Welt voll von Künstlichkeit, kultureller Trivialität und billigen, nichtssagenden Worten ist, müssen wir, um Salz und Licht in dieser Welt zu sein, Worte sagen und schreiben, die Gewicht und Bedeutung haben, „Worte, die auf die unerschütterlichen, aber anwendbaren, Wahrheiten von Gottes Reich hinweisen.“ (S. 164) Wir müssen auch sagen, was alles die biblische Wahrheit NICHT lehrt, und wo sie im Gegensatz zu anderen Sichtweisen steht. Wichtig ist auch, dass wir sehen, dass die Gesetze der Logik für alle Menschen gleichermaßen gültig sind. Jede Weltanschauung muss mit den Gesetzen der Logik geprüft werden. Es kann nicht dasselbe gleichzeitig gültig und ungültig sein. Auf die Theorie des Postmodernismus angewandt, bedeutet dies zum Beispiel, dass die Aussage „jede Wahrheit ist nur ein Konstrukt“ auch auf diese Aussage angewandt werden muss, womit die gesamte Theorie in sich zusammenfällt. Warum schreiben Postmodernisten Bücher und lassen diese auch drucken und verlegen, wenn sie meinen, dass Bücher vom Leser nicht verstanden werden können? Der Postmodernismus versagt darin, ihre Aussagen auf sich selbst anwenden zu können und zeigt damit, dass er unfähig ist, irgend etwas in dieser Welt zu erklären.

Das achte Kapitel, „Ethik ohne Realität, postmoderner Stil“ (S. 187 – 210) befasst sich mit der Frage, was der Postmodernismus zur Ethik zu sagen hat. Wenn es keine objektive Wahrheit gibt, kann es dann überhaupt irgend etwas geben, was moralisch richtig oder falsch ist? Der Postmoderne muss – wenn er von moralisch richtigen und falschen Entscheidungen sprechen will – stets auf das abendländisch-christliche Fundament der Wahrheit zurückgreifen. Richard Rorty ist hier zum Beispiel sehr inkonsequent und meint, dass man innerhalb seiner moralischen Tradition bleiben und diese verteidigen solle. Er denkt, dass jede Gesellschaft ihre eigene Moral definieren solle, aber keine ihre eigenen Standards von anderen erwarten könne. Ganz anders Michel Foucault: Er war als konsequenterer Postmoderner für den absoluten Anarchismus. Für Foucault war jede Wahrheit und jede Moral die Quelle der Unterdrückung Anderer. So gesehen ist die Forderung nach Abschaffung aller Gesetze, Regierungen und so weiter, nur der nächste logische Schritt für den Postmodernen. Woher aber Foucault wissen kann, dass es tatsächlich ein guter Schritt sein soll, bleibt im Dunkel. Auch der Postmoderne braucht Maßstäbe, um „gut“ und „falsch“ zu unterscheiden – und widerspricht damit seiner Weltanschauung.

Im neunten Kapitel, „Rasse, Geschlecht und Postmoderne“ (S. 211 – 238), führt Groothuis das Konzept der Minderheiten in der Theorie des Postmodernismus aus. Der Postmoderne betrachtet – wie bereits gesagt – das Konzept der Wahrheit als Mittel, um Minderheiten zu unterdrücken. Dass dies zum Teil so geschehen ist, kann niemand leugnen. Es ist die traurige Wahrheit, dass im Namen der Wahrheit ganze Völker ausgebeutet und eliminiert wurden. Dennoch darf man nicht übersehen, dass die Aufhebung der Sklaverei in den USA auf das Wirken von Christen initiiert wurde. Und so ist es auch wichtig, dass wir das biblische Konzept der Gottesebenbildlichkeit aller Menschen nutzen, und klarstellen, dass allen Menschen dieser Wert zugesprochen werden muss, weil er von Gott gewollt und geschaffen ist. Auch wenn ich den Ausführungen von Groothuis zu seiner gleichmacherischen („egalitarian“) Sichtweise in Bezug auf Mann und Frau nicht zustimmen kann, ist dieses Kapitel dennoch eine große Ermutigung zur Überwindung von Rassismus und Unterdrückung in jeder Form.

Das zehnte Kapitel, „Wahre Schönheit – die Herausforderung an die Postmoderne“ (S. 239 - 262), ist für mich persönlich der Höhepunkt des Buches. Besonders da ich seit Langem denke, dass in unserem Evangelikalismus der Kunst ein viel zu geringer, oft auch belächelter oder gar abgelehnter Platz zugewiesen wird, bin ich den Ausführungen von Groothuis mit großer Freude gefolgt. Dies ist mit ein Kapitel, in dem deutlich wird, wie stark der Autor von Francis Schaeffer beeinflusst ist, nicht nur, indem er Schaeffers Buch „Art and the Bible“ mehrfach zitiert, sondern besonders auch, indem er Schaeffers Gedanken aufgreift und sie selbständig weiterdenkt. Er gibt uns eine biblische Sicht auf die Kunst, die uns hilft, alle Kunst zu beurteilen. Da jedes Medium eine Botschaft an sich enthält, muss auch diese Botschaft geprüft werden. Und dass Kunst ein Medium ist, welches Inhalte übermitteln möchte, wird wohl kaum jemand bestreiten können. Groothuis gibt uns sieben wertvolle Gedanken zur Kunst:
1. Gott schuf die Welt nach Seinem Willen und Design und erachtete sie als „gut“ - bereits bevor der Mensch geschaffen war. Ästhetik ist in dem Sinne nichts individuelles, sondern von Gott erfunden und zu Seiner und unserer Freude.
2. Gott schuf den Menschen nach Seinem Bild – als Haushalter und „Miterschaffer“ unter Gottes Befehl.
3. Es gibt gute Gründe dafür, dass Gott auch am ästhetisch (objektiv) Schönen Freude hat.
4. Die Tragödie kam in die Welt, als die Menschen von der Schlange verführt wurden. Dennoch bleibt der Mensch nach wie vor im Ebenbild Gottes geschaffen und kann so auch Dinge erfinden und erschaffen. Doch auch die guten, von Gott gegebenen, Gaben können missbraucht und gegen den Schöpfer und die Schöpfung eingesetzt werden durch die Sünde.
5. In der Ästhetik scheint die Transzendenz Gottes dennoch manchmal durch.
6. In der Schönheit, mit der die Stiftshütte damals und später der Tempel gebaut werden musste, zeigt sich Gottes Anliegen für die ästhetische Schönheit. Objektiv künstlerischer Wert wurzelt in Gottes Inspiration für dieses Werk. Sogar die Bauleute wurden noch besonders gesalbt für die Schönheit ihrer Arbeit.
7. Ein biblisches Verständnis der Kultur gründet sich darauf, dass die künstlerischen Gegenstände in der zukünftigen Welt gereinigt und transformiert sein werden. Dies sieht Groothuis zum Beispiel in Jesaja 60,5 begründet, wo mitten im Kapitel über die himmlische Stadt davon die Rede ist, dass der „Reichtum der Nationen“ dort sein wird.

Das elfte und letzte Kapitel, „Der Fixpunkt in einer postmodernen Welt“ (S. 263 – 280), handelt davon, dass in einer Welt, in der sich alles bewegt, der einzige Fixpunkt die Wahrheit der Bibel sein kann. Groothuis zitiert Blaise Pascals „Pensées“, wo dieser davon schreibt, dass wenn jeder sich in Richtung des Verderbens bewegt, sich niemand zu bewegen scheint, doch sobald jemand aufhören würde, so erscheine er allen anderen plötzlich als der Fixpunkt. Hier sieht Groothuis die Aufgabe des Christen. Er muss sich auf die Suche nach der Wahrheit machen und dann in Liebe die Konfrontation suchen. Es sei wichtig, dass wir die Lehre von der Berufung wieder entdecken würden. Die Leute würden von ihren „geistlichen Lebensstilen“ und „religiösen Vorlieben“ sprechen, statt von ihren von Gott festgelegten Pflichten, Verantwortlichkeiten und Privilegien. Der Mensch steht im Zentrum statt Gott. Die Lehre von der Berufung besagt, dass es keine Aufteilung zwischen dem Heiligen und dem Weltlichen gibt. Für den Christen ist sein ganzes Leben heilig. Christen sollen ihre Gaben entdecken und diese zu Gottes Ehre verstärken oder verbessern. Dadurch sollen wir eine große Freude entwickeln und es als Abenteuer sehen, nach Gottes Willen zu leben.

Im Appendix, „Fernsehen – Vertreter der Wahrheitsauflösung“ (S. 281 – 295), folgt eine Medienkritik im Stil von Marshall McLuhan, welcher dort auch mehrmals zitiert wird. Warum hilft das Fernsehen, die Wahrheit aufzulösen? Zunächst deshalb, weil im Fernsehen das Bild mehr Kraft hat als das Wort. Das Bild beherrscht das Fernsehen. Es bringt viele Eindrücke an den Sehenden heran, zu viele, um sie alle verarbeiten zu können, und zu schnell, um dies zu tun. Fernsehen manipuliert den Sehenden immer. Es gibt ihm das Gefühl, ein Geschehen miterlebt zu haben, obwohl er nur eine manipulierte – gekürzte und somit veränderte – Version davon gesehen hat. Fernsehen führt zu einer Auflösung der menschlichen Identität. Der Mensch ist nicht mehr selbst derjenige, welcher die Situation beurteilen kann, sondern ein anderer hat sie zuvor schon beurteilt und schickt dem Zuschauer die bereits beurteilte und so veränderte Version ins Haus. Nicht zuletzt bringt das Fernsehen dem Menschen auch eine gefälschte Welt ins Haus, in der alles fragmentiert (aufgesplittert) ist. Zudem fordert es vom Zuschauer, immer „up to date“ zu sein, und nimmt ihm dadurch Zeit, um sich tatsächlich mit der Wahrheit auseinanderzusetzen. Groothuis empfiehlt jedem, eine Zeitlang Fernseh-Fasten zu machen (mindestens eine Woche lang) und sich dabei zu überlegen, was sich in der Zeit für ihn ändert. Da ich sowieso kein Fernsehen habe, überlege ich mir, dies mit dem Internet zu machen.

Das Buch ist sehr lesenswert. Es braucht – wie eingangs geschrieben – eine gewisse Zeit zum Verdauen, aber das ist es mehr als Wert. Da das Buch 2000 geschrieben wurde, nimmt das Internet nur sehr geringen Platz ein. Ich würde mir wünschen, dass dies in einer erweiterten Ausgabe auch noch aufgenommen würde. Insbesondere der Wandel von Web 1.0 zu Web 2.0 hat auch in unserer Gesellschaft große und spürbare Veränderungen hinterlassen. Außerdem vermisse ich ein Literaturverzeichnis. Die Bücher sind in den Fußnoten beim ersten Auftreten vollständig angegeben, aber das Fehlen des gesamten Verzeichnis macht das Suchen etwas umständlich. Oder bin ich da schon zu faul und postmodern?

Wer sich mit dem Thema der Postmoderne oder dem Bezeugen der biblischen Wahrheit in unserer Zeit beschäftigt, dem möchte ich das Buch ans Herz legen.

Freitag, 22. November 2013

Zum 50. Todestag von C. S. Lewis

Heute vor 50 Jahren ist der irische Schriftsteller, der besonders durch seine Buchserie "Die Chroniken von Narnia" bekannt wurde, gestorben. Er war Literaturwissenschaftler, aber ganz besonders begabt war er auch in christlicher Apologetik (Verteidigung des christlichen Glaubens) und im Schreiben fantasievoller Erzählungen. Einen wertvollen Text von ihm habe ich hier gepostet.

Dienstag, 8. Januar 2013

Der "Neue Atheismus"

Den folgenden Artikel habe ich für die diesjährige Januar-Ausgabe der Zeitschrift GEISTbewegt! verfassen dürfen. An dieser Stelle ein herzliches "Danke" an das Redaktionsteam für diese super Möglichkeit und die liebevolle Gestaltung des passenden Layouts. Wer die Möglichkeit dazu hat, möge sich den Artikel in der Zeitschrift zu Gemüte führen, da die Doppelseite wirklich gut geworden ist. Hier der Artikel:

Der „Neue Atheismus“ und wie wir ihm begegnen können


„Es gibt wahrscheinlich keinen Gott. Deshalb mach dir keine Sorgen und genieße dein Leben.“ Mit diesem Werbe-Slogan startete 2008 die sogenannte Atheist Bus Campaign in London. Die britische Journalistin Ariane Sherine hat diese Aktion initiiert und organisiert, welche in verschiedenen Ländern, so auch in Deutschland, zahlreiche Nachahmer fand. Inzwischen hat die Diskussion auch in die Presse und natürlich in viele Internetforen Einzug gehalten. Immer mehr Menschen meinen, sich auszukennen, weil sie die allgemeinverständlichen Bücher der „New Atheists“ gelesen haben.

Was ist der „Neue Atheismus“?
Der „Neue Atheismus“ ist eine Bewegung, die vor allem seit den New Yorker Anschlägen am 11.09.2001 versucht, alle Religionen und Glaubensrichtungen der Glaubwürdigkeit zu berauben und offensiv den atheistischen Darwinismus als einzige vertrauenswürdige Glaubensgrundlage zu begründen. Im Herbst 2006 bezeichnete die amerikanische Online-Zeitschrift „wired“ diese Bewegung zum ersten Mal als „New Atheism“. Kurze Zeit später schlossen sich vier britische Forscher als „The Four Horsemen“ (die vier Reiter aus Offenbarung 6) zusammen: Richard Dawkins, Sam Harris, Daniel Dennett und der im Dezember 2011 verstorbene Christopher Hitchens. Ihr erklärtes Ziel ist die „Aufklärung der Menschheit“, um sie vor dem „Terror der Religion“ zu bewahren.

Verurteilt wird von diesem neuen Atheismus jede Form von religiösem Dogmatismus und Fundamentalismus, wobei man natürlich denselben Maßstab beim eigenen Fundament nicht anlegen will. In seinem Standardwerk des neuen Atheismus „Der Gotteswahn“ schreibt Richard Dawkins auf S. 25 – 26:

„Ein Atheist oder philosophischer Naturalist in diesem Sinn vertritt also die Ansicht, dass es nichts außerhalb der natürlichen, physikalischen Welt gibt: keine übernatürliche kreative Intelligenz, die hinter dem beobachtbaren Universum lauert, keine Seele, die den Körper überdauert, und keine Wunder außer in dem Sinn, dass es Naturphänomene gibt, die wir noch nicht verstehen. Wenn etwas außerhalb der natürlichen Welt zu liegen scheint, die wir nur unvollkommen begreifen, so hoffen wir darauf, es eines Tages zu verstehen und in den Bereich des Natürlichen einzuschließen.“

Diese Aussage steht unbegründet im Raum. Dass es sich dabei ebenso um ein Glaubensbekenntnis handelt, wird übergangen. Es gibt keine sinnvolle, schlüssige Begründung für dieses Vorurteil. Der Leser muss es einfach glauben. Wer etwas Gegenteiliges behaupten will, wird in den Zugzwang gebracht: Der Atheist muss nichts begründen, jeder andere hingegen wird dazu verdonnert, sich dem Atheismus gegenüber zu rechtfertigen. Dies alles führt aber dazu, dass der neue Atheismus letzten Endes nichts anderes ist als genau das, was er verurteilt: Ein fanatischer dogmatischer Fundamentalismus.

Menschen auf der Suche
Je mehr sich jedoch einerseits der neue Atheismus mit seinem aggressiven Vorgehen zeigt, desto mehr wächst auf der anderen Seite die Suche vieler Menschen nach dem Mehr, das genau jene Einengung des Atheismus auf das Sichtbare übersteigt. Immer mehr Menschen sind offen gegenüber der Vielzahl an spirituellen Angeboten. In Meditation, fernöstlichen Heilmethoden und vielen weiteren Möglichkeiten wird das Heil der Seele gesucht. Da ist also Vorsicht gefragt: Nicht jeder, der sich dem christlichen Glauben gegenüber distanziert, ist ein „neuer Atheist“. Viele sind auf der Suche nach dem, was einzig Gott ihnen geben kann: Frieden, Heilung, Vergebung, Liebe, Angenommensein, ein Zuhause. Und wo wir schweigen, werden andere Angebote umso lauter sein.

Häufig sind Menschen auch einfach verbittert, weil sie von den Menschen verletzt wurden, von denen sie dachten, dass sie sich als Christen anders verhalten müssten. Hier muss ein Unterschied klar gemacht werden: Christen machen Fehler, Christus nicht. Ebenso die zahlreichen Kriege, die in der Vergangenheit durch Angehörige christlicher Kirchen begonnen wurden, sind oft ein Argument. Auch hier gilt: Kirchen bestehen aus Menschen. Menschen machen Fehler. Menschen werden schuldig. Immer und immer wieder. Einzig Christus nicht.

Es ist beklagenswert, dass der Glaube an Jesus als Religion missverstanden wird. Eine Religion zeichnet sich dadurch aus, dass der Weg zur Erlösung vom Menschen erarbeitet werden muss. Davon ist im christlichen Glauben aber keine Rede. Vielmehr ist es Gott selbst, der auf die Erde kommt und die Erlösung vollständig vollbringt. Der Mensch darf diese Erlösung im von Gott gewirkten Glauben annehmen und sich zu eigen machen. Aber er muss nichts dafür tun, um sie sich zu verdienen, ja vielmehr noch: er kann geradezu nichts dafür tun! Die Erlösung und das Leben als Christen ist von Gott gemacht – im Wollen und im Vollbringen.

Eine christliche Antwort auf den „Neuen Atheismus“
Wie können wir dem „Neuen Atheismus“ begegnen? Zu aller erst indem wir zwischen der Person und ihrer Ideologie unterscheiden. Gott hasst die Sünde, aber liebt den Sünder. So liebt der Christ den Atheisten, lehnt aber seine atheistische Ideologie ab. Die Bibel ist deutlich in Bezug auf den Atheismus. Paulus schreibt im Brief an die Römer:

„Denn es wird geoffenbart Gottes Zorn vom Himmel her über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, welche die Wahrheit durch Ungerechtigkeit aufhalten, weil das von Gott Erkennbare unter ihnen offenbar ist, da Gott es ihnen offenbar gemacht hat; denn sein unsichtbares Wesen, nämlich seine ewige Kraft und Gottheit, wird seit Erschaffung der Welt an den Werken durch Nachdenken wahrgenommen, so daß sie keine Entschuldigung haben. [...] Da sie sich für weise hielten, sind sie zu Narren geworden und haben die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes vertauscht mit einem Bild, das dem vergänglichen Menschen, den Vögeln und vierfüßigen und kriechenden Tieren gleicht.“ (Römer 1, 18 – 23)

Das Zitat von Richard Dawkins macht dies deutlich: Gott wird nicht mit Argumenten weg erklärt, sondern einfach durch Definition ausgeklammert. Es darf keinen Gott geben, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Er geht wie ein Schüler vor, der eine Gleichung mit zwei Unbekannten lösen muss, und zu bequem ist, die zweite Gleichung in die erste umzuformen und einzufügen. Er setzt die eine der zwei Unbekannten (Gott) gleich null und kommt so immer zu einem Ergebnis. Ob dieses Ergebnis nun richtig ist oder nicht, das ist eine andere Frage. In der Schule würde Dawkins mit diesem Vorgehen durchfallen. In der Forschung wird er dafür umjubelt.

Da er nun aber tatsächlich immer zu einem Ergebnis kommt, muss dieses geprüft werden. Und dazu haben wir Gottes Wort, welches die unumstößliche Wahrheit ist. Die Argumentation der Atheisten ist in sich schlüssig, sie geht auf. Aber sie baut auf falschen Grundannahmen auf, weil sie Gott schon vor der eigentlichen Argumentation ausgeklammert hat. Mit der Bibel in der Hand können wir dem Atheismus eine andere Sicht gegenüberstellen. Wichtig ist dabei, dass wir bei diesen Dingen, wo die Bibel klar, deutlich und vollkommen zuverlässig ist (die Entstehung der Natur und des Menschen, die Bedeutung der Sünde und des Todes, das Alter der Erde, die Geschichte der Menschheit) keine Kompromisse eingehen dürfen. Denn sonst gibt es für uns kein sicheres, beständiges Fundament des Glaubens und der Erkenntnis mehr, sobald wir uns auf das in sich schlüssige Fundament der neuen Atheisten begeben.

Der Slogan „Es gibt wahrscheinlich keinen Gott“ dient somit keineswegs einer Aufklärung der Menschheit. Selbst den Atheisten hat offenbar der Mut gefehlt, das Wort „wahrscheinlich“ zu streichen. Genau genommen entlarvt dieser Umstand die Feigheit dieser Religionsgründer. Es scheint, als wollten sie sich ein kleines Hintertürchen offen halten. Dennoch ist dieser Werbeslogan dazu geeignet, die Menschen in einer kaum zu überbietenden Hoffnungslosigkeit zurückzulassen. Wie viel hoffnungsvoller und freimachender erweist sich da das Angebot Jesu: „Weil ich lebe, sollt ihr auch leben!“ (Johannes 14, 19)