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Mittwoch, 26. Juli 2017

Warum ich die klassischen „alten“ Romane genieße

Gerade lese ich unter anderem den Roman „Middlemarch“ von George Eliot. Auch einzelne Romane der Geschwister Bronte („Sturmhöhe“ von Emily und „Jane Eyre“ von Charlotte Bronte) oder manche Romane von Jane Austen, oder von den russischen Schriftstellern Dostojewski und Tolstoi haben meine vergangenen Lesemonate bereichert. Heute möchte ich meine wichtigsten Gründe aufzählen, weshalb ich diese Romane ganz besonders genieße – im Vergleich zu den meisten zeitgenössischen Romanautoren.

1. weil es ganz einfach Klassiker sind.
Ein Buch wird nicht einfach ohne Grund zu einem Klassiker. Klassiker – auch wenn über deren genaue Definition gestritten wird – sind Bücher, welche über Generationen und verschiedene Kulturen hinweg Bestseller sind. Klassiker haben den Test der Zeit bestanden und sind daher zeitlos, obgleich sie natürlich einer Zeit und Kultur entstammen. Die Zeit ist ein guter Richter über Bücher: Nur das Beste vom Besten behält den Platz unter den Bestsellern, während viel Neues das weniger Gute verdrängt und seinerseits wieder dem Test der Zeit unterworfen werden.

2. weil sie wie Zeitreisen sind.
Gut, das könnte man von jedem älteren Buch sagen. Aber da ich nicht die Zeit habe, um jedes davon zu lesen, beschränke ich mich gerne vorerst mal auf die Besten der Besten aller Zeiten. Beim Lesen der Klassiker fühle ich mich in eine andere Zeit versetzt und lerne über meinen beschränkten Horizont des 21. Jahrhunderts hinauszuschauen. Ich lerne typische Charaktere, Gewohnheiten, Einschränkungen und Vorteile anderer Zeitalter kennen. Mit den Klassikern brauche ich zumindest für die Vergangenheit keine Zeitmaschine.

3. weil Helden und Tugenden statt Opfermentalität zählen.
Unsere Zeit hat Angst vor Helden mit eisernen Grundsätzen und kompromisslosem Handeln. Deshalb ist die Literatur unserer Zeit voll langweiliger Antihelden geworden, die letztendlich mit ihrer Opfermentalität punkten wollen. Nicht die Tugend zählt mehr, nicht der Charakter, sondern die Geschichte, die den Einzelnen zum Opfer macht. Da sind mir die älteren Klassiker viel sympathischer und auch für das heutige Leben viel lehrreicher und positiver.

4. weil sie unterschwellig oft voll von bissigem Sarkasmus und Satire sind.
Heutige Satire ist meist so offensichtlich und klar erkennbar; in den Klassikern muss man erst danach suchen und wird dafür dann umso mehr belohnt. Jane Austen etwa ist eine Meisterin den unterschwelligen Sarkasmus und einer satirischen Schreibweise. Im wohl bekanntesten Roman „Stolz und Vorurteil“ wird die damalige Erwartung, welche die Gesellschaft an Frauen und deren Haltung zur Ehe hatte, aufs Korn genommen. Jede Frau, so erwartete es die Gesellschaft, will nur möglichst reich heiraten, um finanziell abgesichert zu sein. Für Männer hingegen zähle einzig der Schein, wie sie von der Umwelt wahrgenommen werden.

5. weil sie oft enorm bibelgetränkt sind.
Mich hat schon oft erstaunt, wie viel von der Bibel und vom Glauben in diesen Klassikern vorkommt – und nicht mal unbedingt immer so positiv, aber wirklich häufig. Manche arbeiten sich am Glauben ihrer Zeit ab, wie etwa bei George Eliot, andere wie Dostojewski hingegen sehr positiv. Austen hatte ein gemischtes Gefühl dem Glauben gegenüber, was sich auch in ihren Romanen niederschlug. Aber alle entstammen Zeiten, Orten, Kulturen und Gesellschaftsschichten, die vom christlichen Glauben geprägt sind, und das merkt man.


Mittwoch, 4. Januar 2017

Ein neues Lesejahr beginnen

Ich habe das letzte Jahr beendet, indem ich ein paar der Bücher aufgezählt habe, die mich letztes Jahr besonders beschäftigt haben. Für dieses Jahr habe ich auch schon einige Ideen, die allerdings mehr Ideen sind und an die ich mich nicht sklavisch binden werde. Aber ich möchte mal kurz ein paar Rubriken aufzählen, in denen ich Ideen habe und damit auch auf die letztjährigen Rubriken eingehen. Welche Rubriken man nimmt und wie man die Bücher darin einteilt, ist eine Geschmackssache. Ebenso natürlich, was man überhaupt lesen will. Wobei es meiner Meinung nach ein paar gute Tipps gibt, die helfen, dass man ein wenig über den Tellerrand blicken kann. Was lese ich für Rubriken?

1. Ich lese die Bibel.
Regelmäßig. Täglich. Vor allem anderen. Sie ist das Erste, was ich lese, wenn mein Tag beginnt. Meist zu einer Tasse Kaffee, wenn unser Sohn gerade ein wenig für sich am Spielen ist. Manchmal auch erst im Laufe des Vormittags, wenn der Tagesstart etwas schwierig war. Aber vor jeder eMail und vor jedem anderen Buch – sei es digital oder analog. Seit 2,5 Jahren lese ich sie nach dem Vorschlag von James Gray. Das ist sehr herausfordernd und oft nicht einfach. Nicht jeden Tag schaffe ich meine geplanten vier Kapitel. Aber langsam und sicher geht es voran.

2. Ich lese Bücher zum Predigen.
Seit ich 2007 zum ersten Mal in einer Gemeinde „so richtig“ gepredigt habe (vorher waren es Andachten, Kinderstunden und manches mehr), lese ich jedes Jahr ein- bis zweimal das Buch von D. Martyn Lloyd-Jones, „Die Predigt und der Prediger“. Zusätzlich schaue ich, dass ich jedes Jahr ein bis zwei andere Homiletiken lese. Leider gibt es in dem Bereich entweder eher wenig Gutes, oder ich bin durch Lloyd-Jones derart verwöhnt, dass mir alles andere zu wenig hilfreich erscheint. Die m.E. Immer noch besten Bücher sind in diesem Blogpost vorgestellt. Wer noch mehr Empfehlungen hat, darf gerne einen Kommentar hinterlassen.

3. Ich lese Romane.
Ich muss zugeben, dass ich diese Sparte zu lange vernachlässigt habe. Lange habe ich weniger als eine Handvoll Romane pro Jahr gelesen; die meisten davon nur für die theologische Auseinandersetzung, da sie als „christlich“ angepriesen wurden. Das war ein Fehler, denn Romane sind viel mehr als nur das. Letztes Jahr habe ich einige „klassische“, also „ältere“ Romane gelesen; so nebst Tolkiens „Herr der Ringe“ etwa die Lord-Peter-Wimsey-Serie von Dorothy L. Sayers (ein wunderbares Werk übrigens; jeder Band darin erzählt eine eigene Geschichte; und doch ist alles zusammen in eine große Meta-Geschichte eingepackt, die sehr berührt) und die großen Romane von Fyodor Dostojewski. Für dieses Jahr plane ich, mit Jane Austen und Lew Tolstoj fortzufahren; suche aber noch ein paar neuere Romane. Gerne lese ich Bücher von Stephen King, dem Ehepaar Heike und Wolfgang Hohlbein oder John Grisham. Daneben dürfen auch andere Autoren und vor allem Romane von diesen vorgeschlagen werden, die in den letzten etwa 10 Jahren verfasst wurden. Bei Romanen bitte immer eine gute Begründung, warum ich genau dieses Buch lesen solle. Ohne (sinnvolle) Begründung kann ich damit nichts anfangen.

4. Ich lese Biographien.
Hierzu gehören gerade auch Biographien christlicher Prediger, Evangelisten, Missionare, etc. dazu, aber nicht nur. Auch Politiker, Philosophen und Wissenschaftler finde ich total spannend. Dieses Jahr werde ich die Benjamin-Franklin-Biographie von Walter Isaacson lesen; dazu jene von Tim Jeal über den Gründer der Pfadfinderbewegung, Lord Baden-Powell (BiPi). Weitere über deutsche und amerikanische Politiker habe ich in Planung, werde mich dafür aber kurzfristig entscheiden. Ein langjähriger Wunsch ist die zweibändige Biographie George Whitefields, die Arnold Dallimore geschrieben hat. Bisher hat mich der Preis immer abgeschreckt. Mit größter Wahrscheinlichkeit werde ich mir auch mal eine Biographie von Donald Gee, dem Bibellehrer frühen Pfingstbewegung, beschaffen.

5. Ich lese wissenschaftliche Bücher.
Mein „großes“ wissenschaftliches Thema letztes Jahr war von meinem Wunsch geprägt, Albert Einstein und dessen Theorien besser zu verstehen. Hierzu habe ich zuerst die Einstein-Biographie von Albrecht Fölsing gelesen. Bald wurde mir klar, dass das ein guter Einstieg ist, aber noch nicht ausreicht, um die Materie zu stemmen. Deshalb habe ich dann „Eine kurze Geschichte der Zeit“ von Stephen Hawking und „Gott und die Gesetze des Universums“ von Kitty Ferguson gelesen. Beide Bücher sind sehr spannend, wobei man gleich sagen muss, dass man da nicht allem zustimmen muss, was sie schreiben. Für dieses Jahr plane ich mit großer Sicherheit, Thomas S. Kuhns „The Structure of Scientific Revolutions“ zu lesen. Vielleicht gibt es dazu auch mal noch einen Blogpost. Am Rande möchte ich übrigens noch einen Verweis auf Vern Sheridan Poythress' kostenlos als PDFs herunterladbare Bücher anbringen: Hier ist enorm viel wertvoller Lesestoff zu finden. „Logic“, „Redeeming Science“, „Redeeming Sociology“ und „In the beginning was the Word“ habe ich letztes Jahr sehr zu lesen genossen. Hier wird wohl das eine oder andere weitere auch noch auf meine Leseliste wandern.

6. Ich lese philosophische Bücher.
Wie schon am Anfang bemerkt, ist das mit den Rubriken so eine Sache. Biographien, Wissenschaft, Geschichte, Philosophie und Theologie haben alle so überlappende Themen und Bücher. Deshalb fällt es mir auch oft schwer, Bücher genau dort einzuordnen und nicht gleichzeitig in zwei oder drei Rubriken. Letztes Jahr hat mich ein Philosoph begleitet, der mich schon seit vielen Jahren fasziniert hat: Friedrich Nietzsche. Ich habe seine wichtigsten Werke in der kostenlosen Kindle-Ausgabe gelesen. Besonders angetan hat es mir mal wieder die fröhliche Wissenschaft. Auch der Zarathustra ist sehr bewegend geschrieben. Dieses Jahr werde ich mich mal wieder an Immanuel Kant versuchen; das ist zumindest mal so geplant. Wie weit ich damit komme, ist nicht gesagt; es ist mir nicht einmal so wichtig, weil es mir mehr darum geht, mich in das Denken anderer Menschen hineinversetzen zu können und zugleich auch, weil es Literatur ist, die mich herausfordert.

7. Ich lese theologische Bücher.
Das ist vermutlich für die meisten Leser meines Blogs am selbstverständlichsten. Letztes Jahr war meine größte Herausforderung die vier Bände der „systematischen Theologie“ von David F. Wells. Es ist keine ST im herkömmlichen Sinn, sondern sie wird anhand der Veränderungen in der Kultur erarbeitet. Diese Bände sind eigentlich ziemlich kurz (zumal im Vergleich mit anderen Bänden, die ich gelesen habe), aber so herausfordernd geschrieben, dass ich das Buch manchmal nach wenigen Minuten des Lesens zur Seite legen musste um darüber nachzudenken und nicht selten auch zu beten. Für dieses Jahr plane ich, die Biblische Dogmatik von Wayne Grudem mal wieder zu lesen (mit einem Kapitel pro Woche kommt man in einem Jahr fast hindurch). Eventuell kommt John Frame noch dazu oder etwa von Don Carson. Und dann muss natürlich auch noch ein Buch zur Apologetik in die Liste, eventuell von Richard Swinburne oder William Lane Craig. Aber auch hier werde ich mich eher kurzfristig festlegen.

Und jetzt bin ich auf Deine Leseliste und Empfehlungen gespannt.


Dienstag, 8. November 2016

7 Gründe für das Lesen von Biographien

Etwa 10 – 15% aller Bücher, die ich pro Jahr lese, sind Biographien. Zur Zeit bin ich an Manfred Kühns Kant-Biographie. Biographien stehen bei mir häufig am Anfang einer Zeit, in welcher ich mich mit dem Werk oder der Zeit der jeweiligen Person befassen will.

In der Einleitung zur Kant-Biographie stellt Kühn eine interessante Frage, die mich einmal mehr zur Reflexion über meine Gründe zum Studium von Biographien angeregt hat. Hier das Zitat von Kühn:

Ich weiß nicht wirklich, was Biographien für so viele Leser eine derartige Faszination verleiht. Ist es einfach die Neugier zu wissen, wie die 'Berühmten' gelebt haben? Ist es Voyeurismus, ein unschöner Drang, einen Einblick in die schmutzigen kleinen Geheimnisse der 'Großen' zu bekommen? Ist es Eskapismus, ein Versuch eines stellvertretenden Lebens, eine Art Romanze für Menschen mit eher intellektuellen Neigungen? Oder ist es eine Art Versuch, in unserem eigenen Leben Sinn zu finden? Zahlreiche Selbsthilfebücher sind Zeugnis dafür, dass das Bedürfnis nach einem 'erfolgreichen' Leben weit verbreitet ist. Von erfolgreichen Menschen könnte man meinen, sie hätten dieses flüchtige Ziel erreicht - und erfolgreiche Philosophen, also Menschen, die darüber nachgedacht haben, was zum Erfolg führt, könnten mehr zu bieten haben als die meisten.“ (S. 38)

Ich habe mir Gedanken gemacht, warum ich Biographien lese. Unter anderem aus den folgenden sieben Gründen:

1. Biographien erweitern meinen Horizont.
Wenn ich eine Biographie lese, so muss ich über meinen Tellerrand hinausschauen. Ich darf die Welt mit fremden Augen sehen und erkennen, wie andere Menschen zu anderen Zeiten gelebt, geliebt, gelacht und gearbeitet haben. Meist bin ich dann so richtig dankbar, heute leben zu dürfen. Sehr viel Armut ist inzwischen erfolgreich bekämpft worden. Es gibt dafür andere Sachen anzupacken.

2. Biographien bewahren mich vor dem „chronologischen Snobismus“.
Beim Lesen einer Biographie darf ich aber auch erkennen, dass weder ich noch meine Zeit der Nabel der Welt sind. C. S. Lewis sprach davon, dass es leider nicht möglich sei, in die Zukunft zu reisen, um zu sehen, wie unsere Zeit und unser Handeln dereinst gesehen würden. Deshalb brauchen wir den Blick früherer Zeiten, der uns eine etwas objektivere Sichtweise auf unsere Zeit schenkt. Jedes Zeitalter hat eine ganze Menge blinder Flecken, und deshalb gibt uns die Kenntnis des eigenen plus mehrere anderer Zeitalter so etwas wie ein mehrdimensionales Bild der Realität.

3. Biographien zeigen mir den Denkweg auf.
Jeder Mensch verändert sich im Laufe seines Lebens. Das ist ganz normal und gesund so. Wenn ich eine Biographie lese, möchte ich etwas über das Erleben der Person erfahren, welches zu diesen Veränderungen geführt hat. Das hilft mir, sowohl dessen Werk zu verstehen, als auch zugleich meine eigene persönliche Biographie zu reflektieren.

4. Biographien erweitern meinen Geschichtshorizont.
Ich habe anderswo geschrieben, warum die Auseinandersetzung mit Geschichte (und da nicht nur mit den letzten 80 Jahren) so immens wichtig ist. Durch eine Biographie lerne ich diese Zeiten noch besser und persönlicher kennen, weil ich Personen kennenlerne, welche in dieser Zeit gelebt und gewirkt haben. Das hilft mir, die Geschichte noch besser zu kennen.

5. Biographien helfen mir, richtig und falsch zu unterscheiden.
Bei diesem Punkt muss ich natürlich ein wenig aufpassen, dass das nicht falsch verstanden wird. Was ich damit meine, ist folgendes: Wenn ich die Biographien mit einer biblischen Weltanschauung im Hinterkopf lese; besser noch: Wenn ich gleichzeitig in der Bibel blättere, während ich die Biographie lese und die Biographie anhand der Heiligen Schrift beurteile, dann erweitert die Biographie mein Unterscheidungsvermögen von gut und böse, richtig und falsch. Anders gesagt: Mein Gewissen wird sensibilisiert und hilft mir dadurch auch im Alltag.

6. Biographien ermutigen mich.
Wenn eine Biographie nicht gerade eine realitätsferne Hagiographie ist (und solche versuche ich nach Möglichkeit zu vermeiden), dann lerne ich einen einfachen Menschen kennen, der mit seinem Leben etwas erreicht hat. Ich lerne seine Schwierigkeiten, Trauer, Freude, alltäglichen Gewohnheiten kennen und sehe, wie einfache Menschen gebraucht werden, um Großes zu erreichen. Jeder von uns ist in einem Netzwerk von Menschen eingegliedert, wo wir Tag für Tag einen Unterschied machen können. Wenn wir das tun, dann haben wir Großes erreicht. Das lehren mich die meisten Biographien.

7. Biographien führen mich in die Anbetung Gottes.
Ob ich der Person zustimme oder nicht, über welche die Biographie geschrieben wurde, aber jede Biographie führt mich dazu, Gott anzubeten. Manche dieser Menschen haben uns viel Verständnis von der Welt gegeben, indem sie geforscht und nachgedacht haben. Andere haben eine Menge für Gottes Reich getan. Und dann gibt es auch noch jene Biographien, die mich dankbar machen, dass ich nicht so viel Macht bekommen habe wie andere, weil diese Macht so schnell einen Menschen betrügt und seine schlimmsten Seiten zeigt.


Und was sind Deine Gründe, um Biographien zu lesen?


Samstag, 4. Juni 2016

Schuld und Sühne

Fjodor M. Dostojewski, Schuld und Sühne, 573 Seiten, kostenloses Kindle-Buch. https://www.amazon.de/Schuld-S%C3%BChne-Fjodr-Michailowitsch-Dostojewski-ebook/dp/B004UBCWK6/

Vor 150 Jahren (1866) veröffentlichte Fjodor M. Dostojewski sein Buch „Schuld und Sühne“, das von Thomas Mann als „den größten Kriminalroman aller Zeiten“ bezeichnet wurde. Es ist wirklich ein faszinierendes Werk der russischen Weltliteratur, das an Aktualität nichts eingebüßt hat. Dostojewski lotet die Grenzen der Moral aus, und zwar in gekonnter Weise, psychologisch und schriftstellerisch exzellent.

Ich bin lange vor den großen russischen Schriftstellern zurückgeschreckt und habe diese immer noch etwas weiter hinausgeschoben. Der Stil ist etwas eigen und Gewöhnung ist vonnöten. Als Marcus Hübner auf seinem Blog die Serie „Dostojewski lesen“ begonnen hat, fand ich das spontan eine gute Idee. Er bespricht wochenweise Kapitel der „Brüder Karamasow“. Hier muss ich zugeben, die ersten 100 Seiten fand ich schwierig, weil mir der Schreibstil Dostojewskis fremd war. Doch dranbleiben lohnt sich – das Buch hat mich gepackt und ich hatte es in zwei Monaten komplett durch. Vielleicht werde ich dazu auch noch mehr schreiben.

In „Schuld und Sühne“ geht es um einen Studenten, Rodion Raskolnikow, der sehr klug ist, aber leider auch sehr arm, und deshalb sein Studium nicht zu Ende finanzieren konnte. Nun lebt er in St. Petersburg, häuft sich einen Schuldenberg an, den er nicht bezahlen kann, und hofft auf finanzielle Unterstützung von zu Hause.

Ziemlich am Anfang des Buches lernt er einen ehemaligen Beamten kennen, der durch seine Trunksucht ebenfalls verarmt war, so sehr verarmt, dass seine Tochter Sonja auf den Strich gehen muss, sich zu prostituieren, um so die Familie über Wasser halten zu können. Kurz darauf erhält er einen Brief von seiner Mutter, in dem sie ihm berichtet, dass seine Schwester Dunja einen deutlich älteren aber vermögenden Mann heiraten wolle. Rodion vermutet, dass sie diesen hauptsächlich deshalb heiraten wolle, um ihn, Rodion, finanziell besser unterstützen zu können. Er empfindet diesen Schritt als demjenigen Sonjas sehr ähnlich.

Die Haupthandlung des Buches betrifft jedoch etwas anderes. Rodion hat eine fixe Idee, welche er in einem Zeitschriftenartikel dargelegt hatte: Wenn jemand, der ein seltenes Genie ist, in seinem Tun und seiner Zukunft bedrängt würde, so habe dieser ein Recht, so zu handeln, dass er das umsetzen kann, wozu er gemacht sei. So hätte etwa ein Napoleon das Recht gehabt, Menschen aus dem Weg zu schaffen, die versucht haben wollten, seine Zukunft zu verhindern. Da Rodion sich selbst für ein solches Genie hält, will er wissen, zu welcher Sorte Mensch er gehört. Er sieht da zwei Sorten: Die Menschen, also diese seltenen Genies, und den Rest der Menschheit nennt er „Läuse“. Um herauszufinden, was er ist, will er einen Mord begehen. Diesen verübt er an einer alten Frau, namentlich seiner Pfandleiherin, bei welcher er schon zweimal Pfand für Gegenstände bekommen hatte. Da die Schwester der Pfandleiherin im falschen Moment zu ihr kommt, nämlich kurz nach dem Mord, aber noch bevor Rodion das Haus verlassen konnte, muss auch sie dran glauben.

Dieser Mord lässt ihn nicht mehr los, das Gewissen meldet sich, eine Krankheit bricht aus, Rodion ist mehrere Tage bewusstlos, in den Zeiten, in welchen er wach ist, ist er immer unruhig. In der Zwischenzeit waren seine Mutter und Schwester zu Besuch gekommen. Es stellt sich heraus, dass der Zukünftige seiner Schwester ein ungehobelter Rüpel ist, der die Armut der Familie ausnutzen wollte, um eine demütige, ihn bewundernde Frau zu bekommen. Die Sache eskaliert schnell und die Verlobung wird aufgelöst.

Rodion ist sich nun beständig unsicher: Wieviel weiß die Polizei? Könnte sein Artikel in der Zeitschrift ihn verraten? Wie kann er den Verdacht von sich ablenken? Über diesem ständigen Grübeln wird er immer sehr schnell aufgebracht und lenkt auch öfter mal den Verdacht auf sich. Nach einigem Hin und Her stellt sich dann heraus, dass er tatsächlich verdächtigt wird. Auf viel Zureden von verschiedenen Seiten meldet er sich am Schluss freiwillig und gesteht die Tat. Einsichtig wird er nicht, dass er dadurch schuldig geworden ist.

Das Happy End zeichnet sich im Arbeitslager in Sibirien ab. Die treue Sonja, die ihn dorthin begleitet, wird ihm zur besten Freundin und mit der Zeit auch zur Geliebten. Eine große Frage bleibt offen: Wird er am Ende doch noch gläubig?

Ich meine, dass dies eine Schwäche des Buches ist. Dostojewski liebt es, sich in den finsteren Abgründen der menschlichen Seele aufzuhalten. Der Glaube ist etwas Wichtiges bei ihm, aber am Ende der Geschichte(n) bleibt häufig ein schaler Geschmack zurück – es fehlt etwas. Die Auflösung der größten und wichtigsten Frage im Leben eines jeden Menschen.

Davon abgesehen ist es ein großartiger Roman – Thomas Mann ist wohl zuzustimmen: Es ist zumindest einer der größten und besten Kriminalromane.


Sonntag, 17. April 2016

Bibel lesen? Aber sicher, das hab ich nötig!

In einem kürzlichen Gespräch ging es um das Lesen der Bibel. Im Nachhinein habe ich noch weiter darüber nachdenken müssen, weil mir ein paar Dinge dazu ganz neu wichtig geworden sind. Ich könnte mir jetzt sagen: Du hast bis jetzt jedes Buch, jedes Kapitel und jeden Vers der Bibel mindestens 12x gelesen, die meisten davon schon deutlich öfter. Irgendwann reicht das doch. Ruh dich doch mal darauf aus. Du hast Theologie studiert und dabei viele Verse auswendig gelernt, eine ganze Zahl Texte aus dem Griechischen oder Hebräischen übersetzt. Reicht das nicht? Zugegebenermaßen hatte ich solche Gedanken auch schon. Aber noch jedes Mal bin ich beim Weiterdenken ganz eindeutig zum Schluss gekommen: Nein, das reicht noch lange nicht! Warum? Weil ich es nötig habe!

1. Ich habe es nötig, jeden Morgen in meinem Denken verändert zu werden. Ich bin jeden Tag ganz vielen Einflüssen ausgesetzt, die versuchen, mein Denken zu vergiften. Werbung versucht, sich in mein Denken einzuschleichen. Filme versuchen, mir ein falsches Weltbild einzutrichtern. Die Zeitungen und Zeitschriften strotzen von Artikeln und Berichten, die meine Aufmerksamkeit wollen. Jeden Morgen soll mein Denken weg von mir und weg von der Welt auf Gott ausgerichtet werden.

2. Ich habe es nötig, jeden Morgen etwas zu lesen, was ich nicht beurteilen muss. Dieser Punkt hängt mit dem ersten zusammen, geht aber noch mehr in die Tiefe. Alles, was sich außerhalb der Bibel befindet, ist fehlbar und muss deshalb beurteilt werden. Die Bibel ist da wohltuend anders. Sie muss nicht beurteilt werden, sondern ich darf mich von ihr beurteilen lassen. Das ist das Vorrecht aller Gläubigen: Das Wort dürfen wir „lassen stahn“, wie Martin Luther so treffend dichtete. Es muss nicht verändert werden, sondern es soll mich verändern. Die Bibel ist der fixe Punkt, mit dem wir das Universum aus den Angeln heben können.

3. Ich habe es nötig, mir jeden Morgen das Evangelium zu predigen. Ich liebe es, in einer Evangelisationsveranstaltung zu sitzen. Da kommen mir regelmäßig die Tränen, weil mir bewusst wird, wieviel der Herr Jesus für mich getan hat. Eigentlich weiß ich das schon, aber – ach! - wie schnell geht das wieder vergessen in der Eile des Alltags. Und wie gern würde ich da jeden Morgen in so einer Veranstaltung sitzen. Da das leider nicht möglich ist, habe ich es nötig, mir das selbst jeden Morgen zuzusprechen. Ich habe es nötig, mir wieder neu der Gnade und Größe Gottes bewusst zu werden.

4. Ich habe es nötig, dass Gott jeden Morgen neu zu mir spricht. So, und jetzt schreibe ich das als Pfingstler, der sich darüber freut, dass alle Gaben des Geistes im Hier und Jetzt für uns vorhanden und in Gebrauch sind. Die Gabe der Prophetie ist mir nichts Fremdes, und ich freue mich sehr darüber, von Gott immer wieder damit gebraucht zu werden. Und dennoch (oder gerade deshalb?) bestehe ich darauf, dass sich die Gabe der Prophetie nur dort gut und gesund entwickelt, wo wir Menschen des Wortes Gottes sind. Wenn wir wollen, dass Gott zu uns redet, dann wenden wir uns der Bibel zu. Dort redet Gott so zu uns, dass Sein Wort keine Überprüfung und keine Korrektur braucht. Paulus macht klar, dass dort, wo Menschen in der Gemeinde prophetisch reden, immer andere da sein müssen, die das Gesagte beurteilen. Die Bibel braucht das nicht, sie ist Gottes reines und unveränderliches Wort.

5. Ich habe es nötig, jeden Morgen für den Tag ausgerüstet zu werden. Jeden Morgen bekomme ich von Gott ganz bestimmte Dinge gezeigt, die mich durch den Tag begleiten und meine Augen für bestimmte Menschen und Situationen öffnen. Häufig werde ich so sensibel für Versuchungen, die mich an diesem Tag versuchen wollen. Dann kommt mir in den Sinn: Mensch, das haste ja heute früh gelesen! Finger weg davon! All das habe ich Tag für Tag von Neuem nötig, und deshalb lese ich auch sehr gerne und mit großer Freude, geradezu „gierig“ darin.

Und warum liest Du die Bibel (oder nicht)?


Dienstag, 20. Januar 2015

Philosophiegeschichte in Romanform

Heute möchte ich ein Buch vorstellen, das mich in ganz besonderer Weise geprägt hat. Ich bin damit vor 20 Jahren erstmals in Berührung gekommen. Damals war ich 9 Jahre alt und gerade bei meinen Großeltern zu Besuch. Damit mich damals ein Buch faszinieren konnte, musste es mindestens 300 Seiten haben – je dicker desto besser. Und so habe ich mich bei meinem Opa in sein kleines Lese- und Schreibstüble zurückgezogen und durchsuchte das Bücherregal nach interessanten Büchern. Dabei stieß ich auf eins, das mir dick genug erschien. Es trug den Titel: Sofies Welt. Roman über die Geschichte der Philosophie. In meinen jungen Jahren habe ich noch nicht alles verstanden, was ich darin gefunden habe. Aber mein Interesse war geweckt. Inzwischen habe ich das Buch dreimal gelesen und hoffentlich etwas mehr davon kapiert. Was mich jedoch von den ersten Seiten des ersten frühen Lesedurchgangs geprägt hat, sind drei Dinge:

1. Geschichte ist wichtig. Man kann unsere Zeit und unser Leben nur verstehen, wenn man die Geschichte des menschlichen Lebens verfolgt.
2. Tiefes und scharfes Nachdenken darf nicht vernachlässigt werden. Ich bin von meiner Persönlichkeit her ein eher emotionaler Mensch, und ich denke, dass mir diese Liebe zum tiefen Nachdenken hilft, die Balance zu halten.
3. Es ist wichtig, dass man in allem erst einmal die verschiedenen Sichtweisen anschaut, bevor man sich einer Meinung anschließt.

Ok, soweit erst mal meine persönliche Reise zu und mit dem Buch Sofies Welt. Der Autor des Buches, Jostein Gaarder, hat Philosophie, Theologie und Literaturwissenschaft studiert und ist freier Schriftsteller und Autor zahlreicher Bücher in Norwegen. Er löste vor ein paar Jahren eine Kontroverse aus, weil er sich gegen Israel als Staat gewandt hatte. Da kann ich mit ihm nicht mitgehen. Auch das Buch Sofies Welt enthält manche Punkte, in denen ich mit Gaarder nach einigem Überlegen nicht einig bin. Aber auch hier gilt: Prüfet alles und das Gute behaltet. Und davon enthält der Roman eine ganze Menge.

Sofies Welt hat eine doppelte Rahmenerzählung, die ihrerseits auch wieder philosophisch ist. Das macht das Buch etwas kompliziert zu lesen. Bei meinem ersten Durchgang vor 20 Jahren bin ich manchmal an diesem doppelten Rahmen beinahe verzweifelt. Im äußeren Rahmen geht es um Hilde und ihren Vater Albert Knag. Doch diese werden erst später im Roman eingeführt. Zu Beginn findet sich der Leser gleich in der inneren Rahmenhandlung, wo Sofie Amundsen, nach welcher das Buch benannt ist, Briefe von einem Alberto Knox bekommt. Dieser gibt ihr einen Philosophiekurs, in dessen Verlauf deutlich wird, dass sie „nur“ Figuren in der Fantasie eines Majors (Hildes Vater) sind. Sie bemerken das auch und versuchen, sich zu verselbständigen. Gegen Ende des Buches verschwimmen die Grenzen der zwei Rahmenhandlungen – bis es Sofie und Alberto gelingt, zu fliehen.

Der eigentlich wichtige Inhalt sind jedoch die einzelnen Teile des Philosophiekurses, den Alberto Sofie gibt. Die Rahmenhandlungen haben vor allem zwei Aufgaben: Die Spannung aufrechterhalten – das Buch hat über 600 Seiten – und in sie sind auch immer wieder Beispiele eingeflochten, die dem Leser helfen, die eigentlichen Lektionen des Buches zu verinnerlichen. Sofie ist eine sehr neugierige Schülerin, sie stellt immer wieder Fragen und will Beispiele wissen, welche die gesamte Philosophiegeschichte sehr gut verständlich machen.

Gaarder beginnt mit der antiken Mythologie und arbeitet deren Weltbild heraus. Dann geht es weiter über die Vorsokratiker und die großen Philosophen der griechischen Antike. Jeder Philosoph wird vorgestellt, seine wichtigsten Gedanken zusammengefasst und mit vielen lebensnahen und leicht verständlichen Beispielen geschmückt. Die Reise führt weiter über das Mittelalter, unter anderen etwa Descartes und seine Zeit, die Aufklärung, wobei ich sagen muss, dass ich Kant und Hegel ganz besonders gut dargestellt finde. Das sind zwei Denker, die es ihren Lesern nicht gerade einfach machen. Mit Ch. Darwin und S. Freud hört die Darstellung der einzelnen Philosophen auf. Der Philosophiekurs endet mit einem kurzen Überblick über das 20. Jahrhundert aus der Vogelperspektive, bevor ganz am Ende die beiden Rahmenhandlungen zusammenfallen und den Leser etwas überrascht und unzufrieden zurücklassen.

Gaarder lädt ein zum Nachdenken, zum Hören auf frühere Stimmen, zum Lernen aus der Vergangenheit. Auch wenn man seiner Beurteilung der Philosophen nicht unbedingt in allen Fällen zustimmen muss, hat er ein sehr wertvolles Werk geschaffen, das ich gerne weiterempfehle.

Auch unsere Zeit ist nicht das Nonplusultra. Jede Zeit hat ihre Stärken, Schwächen und blinden Flecken. Wie C. S. Lewis einmal sinngemäß sagte: Wir können leider nicht auf die zukünftigen Stimmen hören, wie sie unsere Zeit eines Tages beurteilen werden. Deshalb brauchen wir die früheren Stimmen, die uns viel zu sagen haben.

Donnerstag, 15. Januar 2015

Lesen als Herausforderung

Als langjähriger Bücherfreund habe ich schon immer sehr gerne gelesen. Bücher waren für mich seit jeher neue Welten, in die ich mit meiner Phantasie abtauchen konnte. Und das gilt nicht nur für Romane und Biographien, sondern in ähnlicher Weise für Sachbücher und Abhandlungen aller Art.

Vor ein paar Tagen bin ich über eine wunderbare Beschreibung gestolpert. Hanniel Strebel bezeichnete ein Buch, das er gelesen hatte, als „steile Bergtour“. Ja, auch ich kenne diese Bücher, die eine steile Bergtour sind. Im Rückblick würde ich sagen, dass das vierbändige Hauptwerk Immanuel Kants über die Möglichkeiten und Grenzen der Vernunft, das ich im Zuge meines Theologiestudiums (freiwillig) gelesen habe, die vermutlich steilste Bergtour meines bisherigen Leselebens war.

Für mich ist Lesen eine Sache, die mich in vielen Bereichen meines Lebens wachsen lässt. Was mache ich, um vom Lesen möglichst viel profitieren zu können?

1.) Ich lese regelmäßig und viel
Im Durchschnitt lese ich pro Jahr um die 50 Bücher. Um ein „Buch“ zu sein, muss es nicht unbedingt sehr dick sein. Rein gefühlsmäßig fängt für mich ein Buch bei etwa 30 Seiten an, wobei eine Zeitschrift dennoch kein Buch ist, auch wenn sie häufig mehr als 30 Seiten hat. Alles in allem lese ich so ungefähr 1500 Seiten an Bücher im Monat. Einen Teil davon macht selbstverständlich meine tägliche Ration Bibel in der nicht sehr stillen „Stillen Zeit“ aus. Dies mache ich seit einem halben Jahr nach der Methode von James Martin Gray, die ich hier vorgestellt habe.

2.) Ich lese in die Breite und Tiefe
Manchmal lese ich nur ein einzelnes Buch von einem Autor, manchmal auch eine ganze Reihe von Büchern, die zusammengehören. Manche Bücher sind aus der neusten Zeit und manche sind älter. Manche lese ich zum ersten Mal, andere frische ich wieder auf. Bei jedem Buch lerne ich die Welt des Autors kennen, versuche, mit seinen Augen zu sehen und in seine Schuhe zu schlüpfen. Ich will nicht nur Bücher lesen, bei denen ich zu allem „Ja“ und „Amen“ sagen kann, sondern möchte auch herausgefordert werden, neue Blicke auf die Welt zu bekommen. Meine Faustregel ist dabei ungefähr die, welche ich von C. S. Lewis übernommen habe und die ich hier zitiere: Pro Buch der neusten Zeit (bei mir heißt das: Das Buch wurde in der ersten Auflage innerhalb der letzten 30 Jahre verfasst) lese ich eines, welches davor geschrieben wurde. Das muss nicht immer 1:1 abwechseln in der Zeit, es kann auch eine neue Buchserie sein, die durch eine ältere Buchserie abgelöst wird.

3. Ich lese Bücher analog und digital
Wenn ich ein unbegrenztes Bücherbudget und unbegrenzt Platz im Bücherregal hätte, würde ich am allerliebsten jedes Buch „in echt“ kaufen. Echte Bücher sind für mich nur die analogen Bücher, die man in den Händen halten, richtige Seiten umblättern und das Papier riechen kann. Leider ist bei mir beides nicht zutreffend, somit lese ich halt – etwas grummelnd – auch digitale Bücher. Vor allem ältere Bücher gibt es immer mehr kostenlos in einem digitalen Format. Als PDF oder auch im Kindle-Format, für den mein Laptop auch einen Reader installiert hat. Hier ist meine Faustregel: Mindestens die Hälfte der Bücher will ich analog lesen. Von vielen Büchern gibt es in Online-Antiquariaten günstige Ausgaben, bei denen man fast nur das Porto bezahlen muss. Der Artikel hier (englisch) gibt mir übrigens recht, wenn ich vor zu vielen digitalen Büchern warne.

4. Ich lese ganz bewusst schwierige Bücher
Was ein schwieriges Buch ausmacht, ist natürlich individuell verschieden. Ich persönlich empfinde es als wichtig, meine intellektuellen Fähigkeiten durch das Lesen schwieriger Bücher immer wieder zu trainieren. Wir haben als Christen die Aufgabe, Gott nicht nur mit unseren Gefühlen und nicht nur mit unserem Tun, sondern auch mit dem Verstand zu lieben. Und natürlich andererseits nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit unseren Gefühlen. Dieser ganze Befehl gilt nicht nur für Einzelne, die halt „besonders intellektuell“ oder „besonders gefühlsmäßig“ veranlagt sind, sondern der gesamte Befehl gilt jedem einzelnen Christen. Und eine Art, wie man Gott mit dem Verstand lieben kann, besteht nun eben darin, sein intellektuelles Vermögen zu erweitern.

Ich vergleiche das gern mit meinem momentanen Lieblingssport: Dem Ausdauerlaufen. Wenn jemand auf einen Wettlauf hin trainiert, so ist es so, dass jeder Mensch eine individuelle äußerste Belastungsgrenze hat. Also eine Grenze, die durch seinen Körper vorgegeben ist. Aber bis zu dieser absoluten Grenze kann jeder ziemlich viel trainieren und sich mit dem entsprechenden Training sehr stark verbessern. Natürlich gesetzt den Fall, dass man bereit ist, die nötige Zeit und Kraft in dieses Training zu investieren. Wenn jemand auf einen Wettlauf trainieren will, so schreibt Hubert Beck in „Das große Buch vom Marathon“ folgendes: „Joggen kann fast jederzeit und überall ausgeübt werden. Mit relativ niedrigen Kosten kann das Hobby Marathon und Fitness von jedermann realisiert werden, der gesund ist und dafür durchschnittlich 1,5 Stunden pro Tag investiert.“ (S. 12)

Für das Hobby Marathon muss man also im Schnitt 1,5 Stunden pro Tag investieren. Das ist ungefähr so viel Zeit, wie ich mir persönlich an einem durchschnittlichen Tag fürs Lesen nehme. Ungefähr eineinhalb bis maximal zwei Stunden. Viel mehr Zeit bleibt mir dafür auch nicht. Vereinzelt auch noch an den Wochenenden etwas mehr, aber das ist eher die Ausnahme. Ich würde aber sagen, dass auch eine Dreiviertelstunde Lesen pro Tag sehr viel bringen würde, um die intellektuelle Fähigkeit weiterzuentwickeln.

5. Ich bereite mich auf das Lesen vor
Normalerweise bereite ich mich auf ein neues Buch vor, indem ich drei Dinge tue:
1. Ich lese auf Wikipedia den Eintrag zum Autor des Buches nach, wenn er genügend bekannt ist. Interessant sind für mich Informationen über die Zeit, in welcher der Autor lebte, den familiären Hintergrund und ein kurzer Lebenslauf, wo ich erfahre, in welchem Lebensabschnitt das jeweilige Buch geschrieben wurde.
2. Ich erstelle in OpenOffice eine neue Datei zum Buch. Dort kommen zuerst zwei bis vier der wichtigsten Stichwörter zum Autor rein.
3. Ich schaue mir das Inhaltsverzeichnis an und übertrage es ins OpenOffice-Dokument. Das Inhaltsverzeichnis sagt viel über das Buch aus: Wie wird es aufgebaut? Wie verläuft der Gedanke und die Folge der Argumente des Autors? Ich frage mich dabei: Würde ich auch so vorgehen? Was finde ich an der Herangehensweise interessant? Was will ich beim Lesen genauer wissen? Wo hat der Aufbau seine Schwächen?
Und dann beginnt der Leseprozess. Kapitelweise übertrage ich die wichtigsten Zitate in meine OpenOffice-Datei und gebe jeweils die Seitenzahl mit dazu an. Wenn ich am Ende das Gefühl habe, dass ich zum Buch eine Rezension veröffentlichen möchte, steht dann mein Gerüst bereits, es braucht nur noch etwas „Fleisch auf den Knochen“.


Dieses Jahr nehme ich mir als meine persönliche Herausforderung vor, Martin Heideggers Buch „Sein und Zeit“ zu lesen. Bisher hatte ich mir davon erst einzelne kurze Abschnitte zu Gemüte geführt. Und mit Hilfe der Trainingspläne im oben erwähnten Buch zum Marathon möchte ich versuchen, eine gute Zeit über 10km zu erreichen und vielleicht auch schon eine Halbmarathonstrecke am Stück abzujoggen (zweiteres wohl eher ohne Wettkampf).

Und was ist Deine persönliche „Challenge“ für 2015? Was war bisher Deine „steilste Bergtour“?

Mittwoch, 25. Juni 2014

Die Bibel „meistern“ - eine Idee für die „Stille Zeit“

Gegen Ende des letzten Jahres habe ich mir folgende Frage gestellt: Die letzten 12 Jahre habe ich die Bibel jedes Jahr einmal ganz durchgelesen in meiner (oft nicht grad allzu stillen) „Stillen Zeit“. Verschiedene Versionen von Bibelleseplänen habe ich dazu genutzt, aber irgendwie habe ich mal nach was ganz Neuem gesucht. Beim Googeln bin ich dann auf einen englischen Artikel von Fred Sanders auf Patheos gestoßen, der das Buch von James Gray „Mastering The English Bible“ vorstellt (inzwischen scheint der Artikel bereits im Nirvana angelangt zu sein – allerdings lässt er sich über die „Wayback Machine“ noch abrufen). Die Idee dahinter fand ich sehr spannend, so habe ich mir das Buch von Gray gleich mal als PDF (Link) heruntergeladen und gelesen.


Wer war James Gray?

James Martin Gray (1851 - 1935) war Pastor, Bibellehrer, Autor, Dozent und Präsident des Moody Bible Institute in Amerika. Nebst den 25 Büchern, die er schrieb, hat er auch einige Kirchenlieder verfasst. Er arbeitete lange Zeit mit dem Evangelisten Dwight L. Moody zusammen. Über die Entdeckung „seiner“ Methode des Bibellesens schreibt er:
Die erste praktische Hilfestellung, die ich je bekommen habe, um die englische Bibel zu meistern, stammt von einem [theologischen] Laien. Wir waren gemeinsam Besucher einer bestimmten christlichen Konferenz oder Zusammenkunft und für ein paar Tage zusammengewürfelt, und ich sah in seinem Leben als Christ etwas, was für mich vergleichsweise fremd war: Ein Frieden, eine Ruhe, eine Freude, ein geistliches Gleichgewicht, womit ich nur wenig Erfahrung hatte. Eines Tages wagte ich ihn zu fragen, wie er denn zu dieser Erfahrung gekommen sei. Er antwortete: „Indem ich den Brief an die Epheser gelesen habe.“ Ich war erstaunt, denn ich hatte ihn gelesen, ohne zu diesem Resultat zu kommen, und deshalb bat ich ihn, mir die Art und Weise, wie er ihn gelesen habe, zu erklären, als er folgendes berichtete: Er war dann und wann aufs Land gegangen, um dort den Samstag mit seiner Familie zu verbringen, als er eine Taschenausgabe des Epheserbriefs dabei hatte, und am Nachmittag, als er in den Wald ging und unter einen Baum lag, begann er zu lesen; er las ihn in einem Zug durch und fand sein Interesse erwacht, und las ihn gleich noch einmal auf dieselbe Art, und unter zunehmendem Interesse wieder und wieder. Ich glaube er fügte hinzu, dass er ihn etwa 12 oder 15 Mal durchlas: „Und als ich aufstand, um ins Haus zu gehen“, sagte er, „war ich im Besitz des Ephesebriefs, oder, besser gesagt, er war im Besitz von mir, und ich war 'hochgehoben um an himmlischen Örtern zu sitzen in Christus Jesus' in einer Weise, die auf Erfahrung gegründet war, wie das zuvor noch nicht so mit mir war, und es wird nie wieder aufhören, so zu sein.“ Ich gebe zu, dass mein Herz voll Dankbarkeit zu Gott war für das erhörte Gebet, als ich diesem einfachen Vortrag zuhörte, ein Gebet seit Monaten, wenn nicht seit Jahren, dass ich erfahren möge, wie man Sein Wort meistern kann. Und doch, gleichzeitig zu dieser Dankbarkeit kam auch die Demütigung hinzu, dass ich ein so einfaches Prinzip zuvor noch nicht entdeckt hatte, welches ein Junge von zehn oder zwölf Jahren hätte kennen können. Und daran zu denken, dass ein „ordinierter“ Pfarrer zu den Füßen eines [theologischen] Laien sitzen muss, um das wichtigste Geheimnis seines Handwerks zu lernen!“ (James M. Gray, How To Master The English Bible, S. 17ff, Übersetzung von mir)


Worum geht es bei seiner Methode?

Das Wichtigste der Methode ist damit erklärt. Normalerweise wird man dazu angeleitet, die Bibel Buch für Buch durchzulesen und dann wieder vorne anzufangen. Gray schlägt jetzt auch vor, vorne anzufangen, aber das erste Buch der Bibel nicht nur einmal, sondern gleich 20 Mal zu lesen, bevor das zweite Buch dran kommt. Gray gibt ein paar Regeln zu diesem Lesen:

1. Fang vorne an, beginne dort zu lesen, wo Gott mit Schreiben begonnen hat.

2. Lies das Buch. Es kommt nicht auf unsere Geschwindigkeit an, sondern einfach darauf, es zu lesen.

3. Lies das Buch fortlaufend. Immer weiter. Manche Bücher können auch in einzelne Abschnitte geteilt werden, die das Lesen erleichtern.

4. Lies das Buch immer und immer wieder. Gray schlägt 20 Wiederholungen vor. Dies scheint mir sinnvoll zu sein.

5. Lies das Buch unabhängig von Kommentaren, Erklärungen und Ähnlichem. Fremde Hilfe ist in dem Fall immer nur wie eine Krücke, die uns von anderen abhängig macht.

6. Lies das Buch unter Gebet. Das ist die wichtigste Regel für Gray. Das ernnsthafte Suchen Gottes im Gebet hilft uns, das jeweilige Buch der Bibel vom Heiligen Geist erleuchtet zu lesen.


Was sind meine bisherigen Erfahrungen damit?

Auch wenn ich eine absolute Leseratte und ein großer Bibelfreak bin, hat mich eine Sache daran etwas erschreckt, und ich denke, dass dies für die meisten Menschen das größte Hindernis ist: Ganz vorne anzufangen, mit einem Buch, das 50 Kapitel lang ist. Bei 20 Wiederholungen macht das alles insgesamt 1000 Kapitel, was bedeutet, dass man bei einem Durchschnitt von 3 Kapiteln pro Tag fast ein ganzes Jahr im 1. Buch Mose verweilt. Bevor ich mich an ein solch großes Unternehmen wagte, wollte ich die Sache erst mal in Ruhe testen. So habe ich das erste Halbjahr von 2014 damit verbracht, kurze Bücher der Bibel nach dieser Methode zu lesen. Aus dem Neuen Testament die Johannes- und Petrusbriefe sowie Titus und die zwei an Timotheus, aus dem Alten Testament Ruth und einige der 12 „kleinen Propheten“, immer abwechselnd eines aus dem Alten und eines aus dem Neuen Testament.

Wer sich also auch fragt, ob sich das lohnen würde, dem empfehle ich, das Projekt so anzugehen. Welche Bücher man sich zu „Testzwecken“ aussucht, ist eine persönliche Geschmackssache. Für den Anfang lohnt es sich, mit kürzeren zu beginnen, da man die Schwierigkeiten auf diese Weise schneller ausfindig machen kann.

Was sind die Schwierigkeiten? Es ist ein großes Projekt, für das man sich einige Jahre (ich rechne bei mir als jemand, der schnell, gerne und viel liest, 15 Jahre für das gesamte Projekt. Das ist ein ehrgeiziges Ziel, da dies im Durchschnitt 4 Kapitel pro Tag zu lesen bedeutet. Wer langsamer liest, sollte wohl eher mit 20 – 25 Jahren rechnen. Ebenso kommt man immer wieder an einen Punkt, an dem das Lesen schwierig wird. Es wird anstrengend. Man fragt sich: „Wie oft denn noch?“ In diesen Momenten ist es wichtig, dran zu bleiben und weiter zu lesen. Wieder und wieder und noch einmal. Hier ist Disziplin und ein gewisses Maß an Selbstbeherrschung nötig.


Mein persönliches Fazit

Meine bisherigen Erfahrungen damit sind sehr gut. Es ist sehr hilfreich, über längere Zeit in ein und demselben Buch der Bibel zu „wohnen“ und zu bleiben. Ich werde das Projekt ab dem Juli diesen Jahres starten. Ich bin gespannt, wie es laufen wird und was dabei herauskommt. Das 1. Buch Mose werde ich in folgenden Teilen lesen: 1. Mose 1–11 (Urgeschichte), 1. Mose 12–25 (Abraham), 1. Mose 26-35 (Isaak und Jakob) und 1. Mose 36-50 (Joseph). Ich werde mir für das „Zählen“ der Leserunden eine Tabelle zum Abhaken / Ankreuzen machen. Falls Interesse besteht, kann ich diese auch zum Download bereitstellen.

Was hältst Du nach dem Lesen diesen Beitrags von der Idee? Wenn es die (momentan eher knappe) Zeit erlaubt, werde ich ab und zu mal wieder von den Ergebnissen berichten.

Dienstag, 18. Februar 2014

Mortimer Adler – Wie man ein Buch liest

Nachdem ich mich bereits Ende letzten Jahres mit dem Lesen von Büchern befasst habe (siehe hier: http://jonaserne.blogspot.de/2013/12/gedanken-zum-lesen.html), war ich sehr interessiert daran, auch mal einen echten Profi dazu zu lesen. Über den amerikanischen Pastor und Theologen John Piper bin ich auf das Buch „How to read a book“ von Mortimer Adler gestoßen. Mehr als einmal empfiehlt Piper das Buch von Adler, so zum Beispiel, wo er in seinem relativ neuen Buch „Think!“ (kostenloser Download als PDF) schreibt:My most moving introduction to the exciting world of serious reading came from Mortimer Adler’s classic, How to Read a Book, which is still in print (and doing nicely at Amazon) seventy years after first being published in 1939.“ (S. 43).

Zunächst unterscheidet Adler zwischen zwei – besser gesagt drei – Arten von Lesen. Es gibt das Lesen rein zum Vergnügen, auf das er im Buch nicht weiter eingeht. Und dann gibt es zwei Arten von Lesen, die er klar unterscheidet: Das Lesen zum Gewinn neuer Information und das Lesen zum Gewinn neuer Erkenntnis. Der Unterschied – so könnte man ihn nennen – besteht zwischen dem passiven und dem aktiven Lesen. Wer passiv liest, meint schon von vornherein, dass er das Gelesene verstehen würde, in Wirklichkeit gewinnt er aber nur neue Information. Er kann nicht wirklich verstehen, was der Autor nun eigentlich sagen wollte und warum er das sagt.

Adler betont sehr zu Recht die Wichtigkeit der Bücher früherer Generationen. Er bedauert, dass dies nicht mehr als so wichtig betrachtet wird und nur noch den Historikern überlassen wird. Wer wissen will, wer wir sind und wie wir zu diesem jetzigen Dasein gekommen sind, wird nicht um die alten Bücher herumkommen. So kritisiert er auch das Schulsystem. Das Bildungssystem, so sagt Adler, und die Kultur erhalten sich gegenseitig aufrecht.

Nach den einführenden Kapiteln kommt Adler auf drei Wege des aktiven Lesens zu sprechen. Wer das aktive Lesen lernen wolle, müsse die drei Wege des Lesens zuerst separat lernen und üben, mit der Zeit würden sie aber leichter zusammenfallen. Dies sind die drei „Wege“:
1. der analytische Weg (der Weg vom Gesamten zu den einzelnen Teilen)
2. der synthetische Weg (der Weg von den Teilen zum Ganzen)
3. der evaluative oder kritische Weg (dabei wird der Autor und sein Bemühen im Buch kritisch unter die Lupe genommen)

Nun gibt es viele Regeln für diese drei Lesewege. Ich versuche sie möglichst kurz und einfach zusammenzufassen.

Für den ersten Weg des Lesens (analytisch) sind vier Fragen wichtig:
1. Worum handelt das Buch? Was ist das Hauptthema oder die Hauptthemen?
2. Was möchte das Buch als Ganzes über dieses Thema aussagen? (in einer kurzen Aussage)
3. Aus welchen Teilen besteht das Buch? Wie gehören diese Teile zusammen?
4. Welches Problem (oder welche Probleme) versucht es zu lösen?

Dazu kommt noch die Schwierigkeit, dass viele Bücher nur dann verständlich sind, wenn sie im Zusammenhang mit anderen Büchern gelesen werden. So zum Beispiel bei Immanuel Kant sein Hauptwerk über die Vernunft, welches aus viel Bänden besteht, die nur im Zusammenhang mit einander verständlich werden. Oder es gibt Bücher, die als Antwort und Entgegnung auf andere Bücher geschrieben wurden. Und dazu kommt, dass Autoren oft dasselbe mit unterschiedlichen Worten beschreiben und verschiedene Dinge mit ähnlichen Worten. Das muss man dabei alles bedenken.

Für den zweiten Weg des Lesens (synthetisch) sind auch wieder vier Fragen wichtig:
1. Welches sind die wichtigen Worte und was bedeuten sie in diesem Buch?
2. Welches sind die wichtigen Sätze und was sagen diese aus? (jeweils in eigene Worte fassen)
3. Welche Argumente gebraucht der Autor, indem er diese wichtigen Sätze zusammensetzt?
4. Von all den Problemen, die der Autor lösen wollte, welche hat er denn nun tatsächlich erfolgreich gelöst?

Dann kommt der dritte Weg (kritisches Lesen):
Bei diesem Lesen geht es darum, dass man bei jedem Buch, das man liest, ein persönliches Urteil abgeben muss. Stimme ich dem Autor zu in seinen Schlussfolgerungen? Falls nicht, sind folgende Fragen hilfreich:
1. Habe ich verstanden, was der Autor nun tatsächlich sagen wollte? Falls nein, habe ich tatsächlich mit all meinen Möglichkeiten versucht, das Beste aus dem Buch zu holen?
2. Bin ich mir sicher, dass ich ehrlich sagen kann, dass ich den Bereich, den das Buch abdeckt, so gut kenne, dass ich mir erlauben kann, den Autor zu kritisieren?
3. Bin ich mir bewusst, dass eigentlich alle Unstimmigkeiten gelöst werden können? Wenn man sich darüber nicht im Klaren ist, kann man die Diskussion auch gleich bleiben lassen.

Wenn man mit dem Autor nicht übereinstimmt, so gibt es nach Adler nur vier mögliche Kritikpunkte:
1. Der Autor ist uninformiert, das heißt, ihm fehlen bestimmte Bestandteile, die zur Lösung seiner Probleme nötig wären.
2. Der Autor ist falsch informiert, das heißt, er geht von falschen Voraussetzungen aus und behauptet, Wissen zu besitzen, das er nicht besitzt.
3. Der Autor ist unlogisch, das heißt, er zieht aus den richtigen Informationen die falschen Schlüsse.
4. Die Analyse des Autors ist unvollständig, das heißt nicht, dass man das Thema noch beliebig erweitern könnte, sondern es bezieht sich darauf, dass für die Lösung seiner Probleme noch mehr Analysen gemacht werden müssten.

Das Buch schließt mit einem Überblick über das Lesen von guten Büchern und der Einführung in die Sammlung der „Great Books of theWestern World“, die unter anderem auch von Adler und Robert M. Hutchins zusammengestellt wurde. Diese Sammlung umfasst 54 Bände – in einer späteren Auflage wurde sie auf 60 Bände erweitert – und sollte meines Erachtens wirklich zu jeder guten gymnasialen Bildung dazu gehören.

Auch wenn mir manche der Regeln nicht ganz neu waren, habe ich dennoch enorm viel Neues dazulernen können. Insbesondere der Aufbau mit den drei Lesewegen finde ich hilfreich – und wünschte, man hätte mir dies schon an der Schule beigebracht. Ich möchte jedem, der gerne liest, dieses hilfreiche Buch ans Herz legen. Ich habe es auf englisch gelesen – kurz bevor ich damit zu Ende war, habe ich gesehen, dass man es auch auf deutsch kaufen kann. 

Übrigens hat vor Kurzem Hanniel Strebel im Blog von Josia - Truth for Youth - auch sehr hilfreiche Tipps zum gewinnbringenden Lesen gegeben. 

Donnerstag, 5. Dezember 2013

Fundamente des christlichen Glaubens für jedermann

Das Gemeinsam-Lesen-Projekt

Der amerikanische Theologe Wayne A. Grudem hat 1994 eine biblische Glaubenslehre (der Fachbegriff dafür ist „Systematische Theologie“ oder „Biblische Dogmatik“) herausgegeben, die nicht nur sehr gut geschrieben und dadurch leicht verständlich ist, sondern die auch geradezu auf den Gebrauch in Gemeinden, Bibelstunden und Hauskreisen zugeschnitten ist. Sie ist exakt, schaut immer verschiedene Auslegungsmöglichkeiten an, die im Laufe der Kirchengeschichte propagiert wurden, und zieht Schlussfolgerungen direkt aus dem gesamten Zeugnis der Bibel.

Er definiert die „Systematische Theologie“ folgendermaßen: „Systematische Theologie ist jedes Studium, das die Frage beantwortet: 'Was lehrt die Bibel uns heute über jedes denkbare Thema?'“ (S. 27). Daraus schlussfolgert er: „Tatsächlich betreibt ein Christ jedes Mal, wenn er etwas über die Lehraussage der ganzen Bibel sagt, nach unserer Definition in gewissem Sinne 'systematische Theologie' – indem er über verschiedene Themen nachdenkt und die Frage beantwortet: 'Was lehrt die Bibel uns heute?'“ (S. 30)

Nachdem nun 2013 endlich die deutsche Übersetzung dieses genialen Werks erschienen ist, haben wir, Waldemar Justus, Pastor und Blogger von www.jesus24.de und Jonas Erne, Vikar und Blogger von http://jonaserne.blogspot.de, die Idee entwickelt, dass man dieses Buch von Grudem auch als größeres Leseprojekt gemeinsam lesen kann. Dazu ist jeder, der dies möchte, aufgefordert, nach jeweiliger Möglichkeit jede Woche ein Kapitel zu lesen. Dieses wird dann in unserer dazugehörigen Facebook-Gruppe (Link) kurz vorgestellt und dann darf jede und jeder über den Inhalt dieses Kapitels mitdiskutieren, Fragen stellen, andere Fragen beantworten, und so weiter. Jede Woche wird nur ein neues Kapitel zur Diskussion freigegeben.

Das Leseprojekt beginnt in der ersten Kalenderwoche des neuen Jahres, in dem Fall also am 30.12.2013. Jeder, der interessiert ist, kann sich den gesamten Leseplan ab sofort in unserer Facebook-Gruppe herunterladen. Die Teilnahme ist völlig unverbindlich, wir würden uns jedoch über rege Diskussion bis zum Ende des Buches wünschen. Durch dieses Projekt des gemeinsamen Lesens können wir uns gegenseitig dazu motivieren, beim Lesen dran zu bleiben und haben zugleich auch immer die Möglichkeit zum regen Austausch darüber.

Wer das Buch von Grudem noch kaufen möchte, kann dies auf deutsch oder englisch bei Amazon.

Sonntag, 1. Dezember 2013

Gedanken zum Lesen

Gedanken zum Lesen

Wir leben in einer Zeit, in der wir mit einer zunehmenden Flut von Büchern, eBooks, PDFs, Zeitschriften, Zeitungen, aber auch vielen anderen Medien überflutet werden, die durch ihr Auftreten allesamt den Wunsch äußern, von uns gelesen, gehört, oder sonst wie wahrgenommen zu werden. Ich bin eine Leseratte, ein Bücherwurm. Schon als kleiner Junge hat es mich fast „magisch“ zu den Bücherregalen hingezogen. In den letzten Tagen habe ich mir vermehrt Zeit genommen, um meine Lesegewohnheiten unter die Lupe zu nehmen, und möchte dazu ein paar Gedanken weitergeben.

1. Lesen mit einem Ziel
Wenn wir lesen, dann geht es zunächst einmal um uns selbst. Auch wenn es inzwischen schon den Nebenjob des Rezensenten gibt, werden wohl doch nur wenige so viel Zeit haben, um einfach nach Lust und Laune querfeldein zu lesen. Davon abgesehen ist das auch nicht besonders sinnvoll, denn dadurch gewöhnen wir uns ein Muster an, nach welchem wir bald dazu tendieren werden, Bücher nur anzufangen und zum nächsten zu springen, bevor wir überhaupt das erste beendet haben. Wir lesen also nicht für den Autor, auch nicht für den Verlag, sondern für uns selbst. Und jeder von uns steht an seinem individuellen Platz im Leben, hat seine individuellen Stärken und Schwächen, sein bisheriges Wachstum, seine aktuellen Fragen und blinden Flecke im Leben. Um Bücher so zu nutzen, dass sie uns tatsächlich das größtmögliche weitere Wachstum geben, tun wir gut daran, die Bücher nach diesen Themen auszusuchen. Dazu hilft es, vielleicht auch mit Hilfe von Menschen, die uns gut kennen, diese Themen zu finden und aufzuschreiben. Und dann nach entsprechender Literatur zu suchen.

TL;DR: Es ist gut, wenn wir die Bücher, die wir lesen, nach den Themen auswählen, die für uns gerade wichtig sind.

2. Lesen mit klarem Verstand
Jeder Autor kann immer nur eine Art Stückwerk bieten. Niemand hat in allem die Wahrheit voll erfasst. Jeder ist noch unterwegs dazu. Deshalb wird auch niemand in einem Buch alles korrekt schreiben können. Jedes Buch nebst der Bibel bedarf der Prüfung an Gottes ewig gültigem, ein für alle Mal überlieferten Wort. Deshalb ist es wichtig, dass wir auch da alles prüfen und das Gute behalten. Gerade bei Büchern mit Lebensberichten und sogenannten Zeugnissen ist große Vorsicht geboten. Immer wieder kommen zum Beispiel Berichte von Menschen, die behaupten, sie seien schon in der Hölle gewesen und danach – aus welchem Grund auch immer – wieder zurückgekehrt seien. Es gibt auf jeden Fall Visionen der Hölle, es gibt Nahtoderlebnisse, aber die Bibel schließt von Grund auf aus, dass jemand in unserer Zeit tatsächlich die Hölle besuchen und von dort wieder zurückkommen kann. Wir brauchen bei jedem Buch die Möglichkeit, es am Maßstab der Bibel zu messen und unter Umständen falsche Dinge klar zurückzuweisen.

TL;DR: Beim Lesen brauchen wir klaren Verstand und immer den Maßstab der Heiligen Schrift, um alles Gelesene auf den Prüfstand zu stellen.

3. Lesen von neuen und alten Texten
Ich habe hier auf einen sehr guten Text von C. S. Lewis hingewiesen, der herausstellte, wie wichtig es sei, dass wir nicht nur neue Bücher lesen, sondern auch alte. Mit neuen Büchern meine ich jetzt nicht nur diejenigen ab 2010, sondern ich würde den Beginn unserer momentanen Zeit ab etwa 1980 rechnen. Wir tun also gut daran, Bücher zu lesen, die vor dieser Zeit geschrieben wurden, und zwar auch welche, deren Autoren einige Zeit davor lebten. Die Schriften und Bücher der Reformation und anschließend der englischen und amerikanischen Puritaner, diejenigen der frühen Methodisten, des deutschen Pietismus und der Heiligungsbewegung, aber auch der frühen Jahre unserer Pfingstbewegung sind nicht nur lehrreich, sondern sehr stärkend. Ich bin für mich persönlich stark von den Puritanern beeinflusst. Die Bücher ihrer Zeit haben eine Tiefe, eine Klarheit und ein Verständnis, das heute vielfach fehlt.

TL;DR: Wir brauchen nicht nur (post)moderne Bücher, sondern tun gut daran, auch ältere zu lesen.

4. Lesen zur Selbsterbauung
Bücher sollen uns helfen, im Glauben zu wachsen, im täglichen Leben Probleme zu lösen und auf unsere zahlreichen Fragen Antworten zu geben. Daneben gibt es aber auch Bücher, die uns helfen wollen, dass wir uns entspannen können. Dazu dienen zum Beispiel Romane oder andere klassische Literatur. Dazu ist es gut, wenn wir uns zweierlei Dinge bewusst sind: Auf der einen Seite können wir nicht sagen, dass es Romane gibt, die dem Gläubigen verboten sind. Auf der anderen Seite sollten wir aber auch unserer Grenzen bewusst sein. Jeder „Input“, dem wir ausgesetzt sind, wird uns in irgend einer Weise verändern. Gerade für die erbauliche Literatur ist es wertvoll, auf ältere Bücher zurückzugreifen. Diese haben bereits den Test der Zeit überstanden. Sie sind von Generationen von Menschen gelesen worden und haben trotz allem überlebt. So wurde zum Beispiel John Bunyans Roman „Die Pilgerreise“ zum am zweithäufigsten verkauften Buch – direkt nach der Bibel.

TL;DR: Lesen zur Entspannung und Erbauung ist gut – dabei ist wichtig, dass wir uns bewusst sind, welchen Einflüssen wir uns aussetzen wollen.

5. Lesen mit dem Notizblock
Um den größtmöglichen Gewinn aus dem Lesen herausholen zu können, braucht es etwas Arbeit. Die wichtigste Regel für gewinnbringendes Lesen ist Auseinandersetzung mit dem Gelesenen. Solange wir mit dem Inhalt nur einverstanden sind und ihn abnicken, bleiben wir auf unserem Level stehen. Meine Empfehlung wäre, beim Lesen immer einen Notizblock dabei zu haben und wichtige Sätze und Gedanken daraus zu notieren. Was es zumindest braucht, ist aktive Reflektion des Gelesenen, also aktiv darüber nachdenken, weiterdenken, vergleichen, an der Bibel prüfen, nach Analogien (Vergleichen) suchen, und – ganz wichtig – nach Möglichkeiten zur praktischen Umsetzung Ausschau halten. Erst durch diese aktive Auseinandersetzung macht unser Gehirn etwas wirklich Bleibendes: Es lernt. Deshalb ist es auch gut, ab und an mal wieder ein Buch zu lesen, in welchem das Gegenteil behauptet wird. So lernt man noch klarer zu prüfen und sich mit der Materie auseinanderzusetzen.

TL;DR: Die aktive Auseinandersetzung mit dem Gelesenen ist wichtig, deshalb ist es hilfreich, sich zum Gelesenen Notizen zu machen und immer wieder darüber nachzudenken.

6. Das Lesen der Bibel ist unersetzlich
Manche Bücher können tatsächlich eine Hilfe zum Verstehen der Bibel sein, aber sie können niemals das Lesen der Bibel ersetzen. Dies gilt übrigens auch Losungs- und Andachtsbücher. Dort werden häufig nur einzelne Verse aufgelistet und im Falle von Andachtsbüchern auch erklärt. Dabei fehlt jedoch etwas: Man verpasst dabei, die Bibel in ihrer Gesamtheit kennenzulernen. In diesen Büchern wird immer nur ein sehr kleines Spektrum der Bibel abgedeckt, eine ganze Menge geht verloren. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, in jedem Jahr einmal die Bibel ganz durchzulesen. Dies ist bei drei Kapiteln pro Tag möglich. Wem dies zuviel ist, kann es mit einem Kapitel pro Tag auch in drei Jahren machen. Es ist einfach wichtig, dass wir auf diese Weise lernen, was die Bibel alles zu sagen hat.

TL;DR: Die Bibel zu lesen und zu kennen ist das Wichtigste. Wir sollten Andachtsbücher nur als Mittel dazu nutzen, die Bibel jedoch in ihrer Gesamtheit immer wieder von vorne bis hinten durchlesen.

7. Lesen, wenn zu wenig Zeit ist
Was, wenn nun zu wenig Zeit ist? Was wir mit unserer Zeit machen, ist immer eine Frage der Priorität. Wenn es uns wichtig ist, unseren Verstand so zu schulen, dass auch er zur Ehre Gottes genutzt werden kann, werden wir nicht darum herum kommen, immer wieder zu lesen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es gut machbar ist, pro Tag eine bestimmte Zeit – etwa eine halbe Stunde – für solches aktives Lesen einzuteilen – und dann auch dafür zu nutzen. Auf diese Weise kann man zwar nicht innerhalb weniger Tage dicke Schmöker durchlesen, aber auf längere Zeit verteilt kommt man so auch ans Ziel. Manchmal lohnt es sich auch, die Prioritäten unserer Aktivitäten zu überdenken und neu auszurichten. Dabei kann man sich etwa die Frage stellen, welchen Stellenwert die sozialen Medien, der Fernseher oder das neue Computerspiel haben sollen.

TL;DR: Um zum Lesen Zeit zu finden, kann es nötig sein, Prioritäten neu zu ordnen. Bücher können auch mit wenig Zeitaufwand pro Tag über längere Zeit hinweg gelesen werden.


Was denkst Du zu diesen Gedanken, lieber Leser? Welche der Tipps gefallen Dir gut, welche vermisst Du? Gibt es Themen, zu welchen Bücher gesucht werden? Auf Wunsch kann ich gerne mal mein stetig wachsendes Bücherregal durchsuchen. Ich freue mich über jeden konstruktiven Kommentar!

Samstag, 10. August 2013

C. S. Lewis - Vom Lesen der alten Bücher

Vor einigen Jahrzehnten hat C. S. Lewis, besonders durch seine Chroniken von Narnia bekannt geworden, einen wertvollen Aufsatz über das Lesen der alten Bücher geschrieben. Er ist im Band "God in the Dock" zu finden. Hier ein Auszug von diesem Aufsatz:

"Es gibt eine merkwürdige, weit verbreitete Idee, dass zu allen Themen die alten Bücher nur von den Fachleuten gelesen werden sollen, und der Laie sich mit den modernen Büchern begnügen soll. So habe ich als Tutor für englische Literatur empfunden, dass wenn der durchschnittliche Student etwas über den Platonismus herausfinden wollte, es das Letzte ist, was er tun würde, dass er eine Übersetzung von Plato aus dem Regal der Bibliothek nehmen würde und das Symposium lesen. Viel eher würde er ein paar langweilige moderne Bücher lesen, die zehn mal so lang sind, mit vielen „-Ismen“ drin und wer davon beeinflusst wurde, und sich gerade mal zwölf Seiten mit dem befassen, was Plato tatsächlich sagte. Der Fehler ist eigentlich eher ein liebenswerter, denn er entspringt der Demut. Der Student ist nun halbwegs verängstigt, einen von den Philosophen von Angesicht zu Angesicht zu treffen. Er fühlt sich unzulänglich und denkt, er würde ihn nicht verstehen. Doch wenn er nur wüsste, dass der große Mann gerade wegen seiner Größe viel besser verständlich ist als der moderne Kommentator. Der einfachste Student wird fähig sein, wenn nicht alles, so doch einen sehr großen Teil von dem zu verstehen, was Plato sagte; aber schwerlich wird irgendwer fähig sein, manche der modernen Bücher über den Platonismus zu verstehen. Als Lehrer war es deshalb immer einer meiner größten Bestrebung, die jungen Leute zu überzeugen, dass das Wissen aus erster Hand zu erwerben nicht nur mehr Wert hat als Wissen aus zweiter Hand, sondern dass es normalerweise auch viel einfacher und angenehmer zu erwerben ist.

Dieser irrtümliche Vorzug für die modernen Bücher und die Scheu vor den alten ist nirgendwo zügelloser als in der Theologie. Wo immer man einen kleinen Studienkreis von christlichen Laien findet, kann man sich fast gewiss sein, dass sie nicht die Apostel Lukas oder Paulus oder den Kirchenvater Augustinus oder Thomas von Aquin oder Hooker oder Butler lesen, sondern M. Berdyaev oder M. Maritain oder M. Niebuhr oder Miss Sayers oder gar mich.

Nun, dies erscheint mir auf den Kopf gestellt. Natürlich, da ich selbst ein Autor bin, wünsche ich nun nicht, dass der durchschnittliche Leser keine modernen Bücher mehr liest. Aber wenn er sich entscheiden müsste, entweder nur die neuen oder nur die alten Bücher zu lesen, so würde ich ihm den Rat geben, die alten zu lesen. Und ich würde ihm diesen Ratschlag genau deshalb geben, weil er ein Laie ist und deshalb viel weniger gut geschützt vor den Gefahren einer exklusiv modernen Diät als der Experte. Ein neues Buch ist immer noch auf dem Prüfstand und der Amateur ist nicht in der Position, um das zu beurteilen. Es muss getestet werden im Licht der Gesamtheit des christlichen Denkens durch all die Jahrhunderte hindurch, und all seine verborgenen Auswirkungen (die ja oft vom Autor selbst gar nicht gewollt sind) müssen zuerst ans Licht kommen. Oft kann es gar nicht ganz verstanden werden, ohne dass man eine ganze Reihe anderer moderner Bücher kennt. Wenn du um elf Uhr zu einem Gespräch hinzustößt, welches um acht Uhr begonnen hat, wirst du oft gar nicht die ganze Tragweite dessen sehen, was gesagt wurde. Bemerkungen, die dir sehr normal erscheinen, werden Gelächter oder Verwirrung hervorbringen, ohne dass du verstehst, warum – der Grund liegt natürlich darin, dass die vorangehenden Stationen der Diskussion diesen einen besonderen Punkt gegeben hat. In derselben Weise ist es möglich, dass Aussagen in einem modernen Buch, die total normal aussehen, an ein anderes Buch gerichtet sind; auf diese Weise kann es geschehen, dass du dazu geführt wirst, etwas zu akzeptieren, was du sonst empört abgelehnt hättest, wenn du seine tatsächliche Bedeutung kennen würdest. Die einzige Sicherheit, die wir haben können, besteht darin, dass wir einen Standard des klaren, zentralen christlichen Glaubens haben („bloßes Christentum“, wie Baxter es nannte), welcher die Kontroversen der eigenen Zeit in ihre richtige Perspektive bringt. Es ist eine gute Regel, nachdem man ein neues Buch gelesen hat, sich nie zu erlauben, schon wieder ein neues Buch zu lesen, bis man zwischendurch ein altes Buch gelesen hat. Wenn dir das zu viel ist, solltest du mindestens pro drei neue Bücher ein altes lesen.

Jedes Zeitalter hat seinen eigenen Standpunkt. Es ist besonders gut darin, bestimmte Wahrheiten zu sehen und neigt besonders zu bestimmten Fehlern. Wir alle brauchen die Bücher, welche die charakteristischen Fehler unserer Zeit korrigieren. Und das bedeutet: Die alten Bücher. Alle zeitgenössischen Autoren haben ein Stück weit den zeitgenössischen Standpunkt – sogar jene, wie ich selbst, welche ihm am meisten zu opponieren zu scheinen. Nichts macht mich mehr betroffen, wenn ich die Kontroversen der vergangenen Jahrhunderte lese, als die Tatsache, dass beide Seiten normalerweise Dinge voraussetzten, ohne sie in Frage zu stellen, von denen wir einiges absolut ablehnen müssen. Sie dachten, sie wären einander derart entgegengesetzt, wie es nur geht, aber in Wahrheit waren sie im Geheimen Verbündete – verbündet miteinander gegen frühere und spätere Zeiten – durch eine gute Menge an gemeinsamen Annahmen. Wir können uns sicher sein, dass die charakteristische Blindheit des 20. Jahrhunderts – die Blindheit, von der die Nachkommenschaft fragen wird: „Aber wie konnten sie nur so etwas gedacht haben?“ - genau dort liegt, wo wir sie nie vermutet hätten, und das betrifft etwas, worüber sich ungetrübte Übereinstimmung zwischen Hitler und Präsident Roosevelt oder zwischen H. G. Wells und Karl Barth ist. Niemand von uns kann dieser Blindheit vollkommen entgehen, aber wenn wir nur moderne Bücher lesen, werden wir sie mit Sicherheit vergrößern und unsere Wachsamkeit davor schwächen. Wo sie wahr sind, da werden sie uns Wahrheiten geben, die wir zum Teil schon kennen. Wo sie falsch sind, da werden sie den Fehler verstärken, an dem wir schon gefährlich erkrankt sind. Das einzige Mittel zur Linderung ist es, die saubere Meeresbrise der Jahrhunderte durch unseren Verstand wehen zu lassen, und dies kann nur durch das Lesen alter Bücher geschehen. Natürlich gibt es keine Magie des Vergangenen. Die Menschen waren dann nicht klüger als als sie es jetzt sind; sie machten etwa gleich viele Fehler wie wir. Aber nicht dieselben Fehler. Sie werden uns nicht in unseren Fehlern schmeicheln, die wir bereits begehen, und ihre eigenen Fehler, die jetzt offensichtlich und greifbar sind, werden uns nicht in Gefahr bringen. Zwei Köpfe sind besser als einer, nicht weil einer unfehlbar wäre, sondern weil es unwahrscheinlich ist, dass beide in dieselbe Richtung falsch gehen. Um sicher zu gehen, wären die Bücher der Zukunft eine ebenso gute Möglichkeit zur Korrektur wie die Bücher der Vergangenheit, aber leider können wir nicht an sie gelangen."

(aus: C. S. Lewis – Vom Lesen der alten Bücher, in: God in the Dock; eigene Übersetzung)