Montag, 8. Februar 2016

Was ist Auslegungspredigt nicht?

1. Es ist kein laufender Kommentar, der zu jedem Vers oder Wort ein paar verstreute Fundstücke enthält.

2. Es ist keine Rede, die mit einem Bibelvers beginnt, und dann wahllos andere Bibelverse aufzählt, in denen es möglicherweise um etwas Ähnliches geht.

3. Es ist keine Predigt, für die zu einem Thema ein Vers oder Abschnitt herausgesucht wurde, worauf eine Themenpredigt aufgebaut wird.

4. Es ist keine Rede über einen Predigttext, der herausgesucht wurde, damit der Prediger seine Gedanken dazu äußern kann.

5. Es ist keine Ansammlung von grammatikalischen Funden und Wortstudien, die zu einem Vers oder Abschnitt der Bibel gemacht wurde.

6. Es ist nicht das Ergebnis einer einfachen Suche nach dem Inhalt, was ein Bibeltext uns heute zu sagen hätte.

7. Es ist keine Geschichtsstunde zu den Ereignissen, die im vorangesetzten Bibeltext geschehen sind.

8. Es ist keine interessante oder inspirierende Andacht zu einem gerade aktuellen Thema, die zwar mit einem Bibelvers beginnt, diesen aber nur als Sprungbrett nutzt.

9. Es ist keine Wahlkampfrede für eine Partei oder politische Richtung oder sonstwie eine politische Rede, die sich nicht ganz direkt aus dem Text ergibt.

10. Es ist keine psychologische Selbsthilfestunde, die dem Zuhörer ein möglichst gutes Gefühl geben soll und ihm hilft, sich selbst noch mehr zu vergöttern.


Montag, 1. Februar 2016

Auslegungspredigt – eine Minimaldefinition

Ich bin ein großer Freund der uralten und jederzeit aktuellen Tradition der auslegenden Predigt. Da ich gerne und viel lese, was andere Prediger darüber schreiben, will ich versuchen, das Thema in einer Blogserie anzugehen. Es wird eine unregelmäßig fortgeführte, lose Serie werden, in der ich versuche, irgendwann alle wichtigen Aspekte zu besprechen. Heute möchte ich eine Minimaldefinition davon geben, damit danach jederzeit klar ist, wovon überhaupt die Rede ist.

Eine Auslegungspredigt ist eine Predigt, die einen Bibeltext auslegt, das heißt, der Prediger führt eine exakte Exegese des Bibeltextes aus, in welcher der Kontext, die Gattung, die Theologie, die einzelnen Worte, der Aufbau und die Grammatik abgedeckt wird, und baut seine Predigt entlang des Bibeltextes auf. Die Botschaft des Bibeltexts wird zur Botschaft der Predigt. Die Predigt erklärt, was der Autor sagen wollte, wie der Hörer es verstanden hatte, was er bewirken wollte und führt die Predigt in die Anwendung über, in welcher er überzeugend erklärt, was Gott als Autor des Textes heute von uns möchte.

Das ist wie gesagt (m)eine Minimaldefinition, das heißt, sie ist längst nicht umfassend. Aber ich meine, dass damit die wichtigsten Aspekte genannt wurden. Auslegende Predigten sind das Nahrungsmittel von Gottes Volk. Sie sind notwendig, damit die Gläubigen nicht verhungern. Da aber viele Missverständnisse darüber bestehen, ist es in jeder Generation wichtig, wieder neu darüber zu schreiben, sprechen und lesen.

Wenn es Fragen dazu gibt, bitte jederzeit einen Kommentar hinterlassen. Ich werde alle Fragen ernst nehmen und versuchen, irgendwann darauf einzugehen. Hast Du Anmerkungen zu meiner Minimaldefinition?

Donnerstag, 28. Januar 2016

Was ist der Sinn der Sprache? - Eine Diskussion mit Beile Ratut

Nachdem ich das Buch „Welt unter Sechs“ von Beile Ratut hier vorgestellt hatte, kam ich mit der Autorin ins Gespräch. Es war ein sehr gutes Gespräch. Damit nicht nur wir davon profitieren können, wollen wir diese hier öffentlich weiterführen.


Jonas Erne
Wir haben erst über den Sinn der Sprache nachgedacht. Sprache ist immer erst einmal Information. Sie trägt natürlich in vielen Fällen auch Emotionen weiter, aber wichtig ist die Information. Was passiert aber, wenn wir anfangen, uns ungenau auszudrücken? Es gibt heutzutage eine Tendenz, sich möglichst so auszudrücken, dass jeder in das Gesagte oder Geschriebene das hineinlesen kann, was ihm behagt. Damit wird es unwichtig, was der Autor im Kopf hatte. Einzig wichtig ist noch, dass jeder das Gelesene mit bestimmten Emotionen verknüpfen kann. Damit verliert die Sprache ihre Berechtigung – sie schafft sich ab. Sie wird zu einem Instrument der Manipulation.
Sprache ist friedensfördernd, solange wir sie ernst nehmen. Im Gespräch lassen sich viele Gegensätze ausräumen, doch dazu bedarf es der gemeinsamen Sprache, die sich darauf einigen kann, dass bestimmte Worte eine bestimmte Bedeutung haben. Wenn sich 1+1 für einen Gesprächspartner eher wie 3 statt wie 2 anfühlt, haben wir ein Problem. Ohne eine klare Einigung, die für alle Teilnehmer gleichermaßen gültig ist, bleibt am Ende nur das Schweigen – oder der Krieg.
Gerade aus christlicher Sicht bekommt die Sprache eine noch viel größere Bedeutung – schließlich hat Gott alles durch die Sprache geschaffen. Von der Sprache – und davon, dass sie adäquat verständlich ist – hängen Segen und Fluch, Leben und Tod ab. Dabei ist Fluch nicht einfach ein schlechtes Gefühl (das kann ein Bestandteil davon sein, muss aber nicht), sondern Gottes Gerichtshandeln, das der Mensch mit seinem Verhalten über sich bringt.
Das bedeutet aber auch, dass wir Gott beim Wort nehmen müssen, wenn wir den Segen Gottes wünschen. Was bedeutet es aber, Gott beim Wort zu nehmen? Manchmal höre ich Sätz wie „Das Liebesgebot ist mein Schlüssel zum Verständnis der Bibel.“ Jetzt haben wir aber ein Problem: Was ist genau Liebe? Wie definiert Gott Gottes- und Nächstenliebe? Es ist natürlich richtig, dass das Doppelgebot der Liebe die Gesamtheit aller Gebote Gottes wunderbar zusammenfasst. Absolut einverstanden. Doch das allein sagt noch nichts über den Inhalt dessen, was Liebe tatsächlich bedeutet. Es wäre vergleichbar mit einem Mathematiklehrer, der seine Schüler mit den Ergebnissen einer Kurvendiskussion konfrontiert und von ihnen erwartet, sie könnten den Inhalt davon ohne Hilfestellung selbst erarbeiten.
Gott ist sicher kein schlechter Mathematiklehrer. Deshalb gibt es die ganzen Reihen von Geboten, die uns in ihrer Gesamtheit zeigen, was Liebe ist. Der Schüler ist also nicht sich selbst überlassen, sondern er bekommt eine umfassende, verständliche Erklärung, mit der er sich im Laufe der Beschäftigung eine adäquate Definition der Liebe erarbeiten kann.
Gott beim Wort nehmen bedeutet somit, sich ohne Skepsis und ohne Vorurteile auf das einzulassen, was die Bibel uns sagt. Es bedeutet, zu fragen: Was kann ich daraus lernen? Es ist somit genau umgekehrt: Nicht das Liebesgebot kann der Schlüssel sein, sondern das Liebesgebot braucht die anderen Gebote, um verständlich zu werden. Sprache ist also sehr wichtig. Die biblische Weisheit formuliert das so: „Tod und Leben steht in der Gewalt der Zunge, und wer sie liebt, der wird ihre Frucht essen.“ (Sprüche 18,21)

Beile Ratut
Eine Frage: Sie sagen, von der Sprache hänge Segen und Fluch ab. Und Fluch sei das Gerichtshandeln Gottes. Also hier in der Situation, dass wir Sprache "falsch" verwenden. Wie wollen Sie das aber feststellen? Ich bin nun wirklich kein Befürworter des modernen Denkens, dass alles relativ sei und jeder aus seiner Sicht recht habe. Andererseits ist natürlich daran auch etwas Wahres. Sie sehen die Welt ja beispielsweise auch anders als ich. Und Gefühle ganz auszublenden, das halte ich auch für falsch, denn wir sind ja keine Automaten, und Gefühle sind sicher nicht immer verlässlich, sie können aber auch Wegweiser sein. Wie in meinen Büchern, da sind Gefühle zum Beispiel auch wie ein Warnschild. Das funktioniert allerdings nur, wenn man selektiert, wenn man also im emotionalen Bereich so etwas wie ein Unterscheidungsvermögen hat.

Jonas Erne
Gefühle blende ich auch nicht aus. Gefühle sind für mich aber auch kein Warnschild, sondern viel wichtiger. Sie sind ein Stimulus für mein Handeln, einfacher gesagt: ich untersuche Gefühle nach richtig und falsch (das ist eine theologisch-ethische Frage) und die richtigen Gefühle helfen mir, etwas noch viel besser zu machen, indem ich die richtigen Gefühle sozusagen in mir anfeuere. Zum Segen und Fluch, das sollte ich wohl noch anders formulieren. Worum es mir geht, ist, dass Segen und Fluch davon abhängt, ob man Gott beim Wort nimmt, Ihn versteht, davon ausgeht, dass die Bibel wirklich adäquat verstanden werden kann.

Beile Ratut
Ich habe bei dem Warnschild aber auch an meine Romanfiguren gedacht, meine Heldinnen erkennen auch anhand ihrer Ängste und Irritationen, dass etwas nicht stimmt. In "Nachhall" wird die siebenjährige Heldin des Romans von einem Nietzscheanhänger verführt. Er nutzt ihre Situation für sich aus und verstrickt sie in Lügen und Täuschung. Sie spürt innerlich, dass etwas nicht stimmt. Wirklich erkennen kann sie dies aber erst, als sie als erwachsene Frau nach Erlösung sucht.

Jonas Erne
Ich denke, ich verstehe, was Sie damit meinen.

Beile Ratut
Sie wollen auch auf den Unterschied bei Gefühlen hinaus. Sie überprüfen sie nach ihrer ethischen Wertigkeit. Gefühle brauchen also einen moralischen Bezugsrahmen. Und den hat der moderne Mensch nicht mehr. In meinen Geschichten will ich aber gerade jene Gefühle beschreiben, die, wenn man sie ernst nimmt, die Lügen enttarnen und die Wahrheit ans Licht bringen. Die Emotionen, die ich in meinen Büchern transportiere, sollen eben nicht Wohlfühlen auslösen, sondern Element unserer Wirklichkeit sein. Ich glaube, dass Gott eben auch in dieser Welt gegenwärtig ist. Dadurch hat diese Welt ja auch ihren Wert und eine Bedeutung. Unsere Gefühle können uns, wenn wir sie filtern, zu Gott und zur Wahrheit führen.Menschen sind da aber natürlich sehr unterschiedlich gestrickt. Und ich will Gefühle nun wirklich nicht überbewerten oder ohne Bezugsrahmen in den Wind stellen.

Jonas Erne
Das finde ich gut. Im neuen Buch kam das sehr gemischt rüber, habe ich empfunden. Vielleicht müsste man dazu auch die vorherigen Bücher kennen.

Beile Ratut
Es ist wahrscheinlich so, dass man sich nicht in jedem Buch erklären kann. So ein Buch steht ja irgendwann für sich da, und es ist dann eben auch davon abhängig, wie die Menschen es auffassen. Und letzteres ist wohl sehr abhängig von der aktuellen Weltanschauung der Menschen. Die heutige Weltanschauung unterstützt vermutlich auch den Zerfall der Sprache, so wie Sie dies eingangs auch beschrieben haben. Sprache und Kommunikation setzen in einem gewissen Sinn eben voraus, dass es Wahrheit gibt. Sonst ist ein Gespräch unsinnig. Wenn ohnehin jeder aus seiner Sicht recht hat und es nichts Absolutes gibt, das über dem Menschen steht, warum soll man dann noch miteinander reden?

Jonas Erne
Dem stimme ich zu. In den Texten, die ich von Ihnen kenne, da gibt es Stellen, die ich sprachlich nicht stimmig finde. Es gibt zum Beispiel Verben, die inhaltlich nicht passen, etwa "matt raunte ihr Schein zu ihr herein." und ähnliche. Da ist meiner Meinung nach der Sprachgebrauch im Widerspruch zum Sprachverständnis, nach welchem durch Sprache Wahrheit transportiert werden soll. Ich persönlich bin der Meinung, dass in so einem Fall der Sprachgebrauch aufhört, authentisch zu sein. Bzw. der Sprachgebrauch wäre einzig dann authentisch, wenn dahinter das konstruktivistische Sprachverständnis stünde, was ja in Ihrem Fall nicht so ist, wenn ich das richtig verstanden habe.

Beile Ratut
Ich bin stark von der klassischen Musik geprägt, diese Musik verstärkt die Innerlichkeit eines Menschen. Wahrheit ist für mich nicht Information oder Attribut einer Aussage. Es ist viel mehr. Daher ist für mich Poesie auch möglich. Die Bibel ist in vielen Teilen auch sehr poetisch. Die Sprache in meinen Romanen ist sehr dicht gewebt, poetisch, in „Nachhall“ zum Beispiel Soll die Sprache die innere Wirklichkeit abbilden. Kann es sein, dass Sie einen sehr männlichen Begriff von Sprache haben?

Jonas Erne
Hmm, ich vermute, da bin ich überfragt. Den Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Sprache kenne ich ehrlich gesagt nicht. Dass ich ein Mann bin, dürfte klar sein, aber dass es männliche und weibliche Sprache gibt, ist mir neu. Ich hatte nach dem Lesen von „Welt unter Sechs“ gleich an den Konstruktivismus gedacht, deshalb auch mein Kritikpunkt via Nietzschezitat. Damit habe ich vermutlich zu kurz gegriffen, bin aber überzeugt, dass Licht nicht raunen kann.

Beile Ratut
Normalerweise gebe ich Ihnen da auch recht. Und vermutlich gibt es keine an sich männliche oder weibliche Sprache. Aber da Sie als Mann die Welt anders sehen und erleben als eine Frau, wird sich das natürlich auch auf die Art und Weise auswirken, wie Sie Sprache erleben und benutzen. Ihren Kritikpunkt mit dem Nietzschezitat hatte ich nicht so recht verstanden. Es klang für mich so, als wäre es Ihnen suspekt, wenn man in einem Roman versucht, die Wirklichkeit der Personen einzufangen. Was ja eine gewisse Subjektivität einschließt. Für einen Techniker kann Licht nicht raunen. Aber für einen Poeten ist das in Ordnung.

Jonas Erne
Es ist gut, wenn man versucht, die Wirklichkeit einzufangen. Aber die Frage, die dabei bleibt, ist doch, WIE das geschieht. Na gut, darin bleiben wir vermutlich zweier Meinung. Das darf aber auch sein. Ich hatte das Gefühl beim Lesen, die Sprache sei so komponiert, dass sie in mir bestimmte Gefühle wecken (sprich: mich manipulieren) will. Da ich ein ausgesprochen starkes Gefühlsleben habe, brauche ich diese zusätzliche Stimulation nicht, sie hat mich deshalb eher gestört. Das war mein eigentlicher Kritikpunkt dabei.

Beile Ratut
Das verstehe ich besser. Dann müsste ich für Sie einen reinen Sachtext schreiben. Nur Informationen. Was würden Sie nun unter einem angemessenen und literarisch interessanten WIE verstehen?

Jonas Erne
Bildersprache ist unbedingt wichtig für einen interessanten Schreibstil. Aber Bilder können auch in inhaltlich korrekter Sprache transportiert werden. Was Licht tun kann, ist sehr vielfältig. Aber Raunen gehört nicht dazu.

Beile Ratut
Ich glaube schon, wenn Sie in den Bereich psychischer Belastungen gehen, dann kann Licht auch raunen. Ich vermute, es gibt da einfach ein Spektrum dessen, was man wahrnehmen kann und was nicht. Der eine findet es gekonnt, dem anderen erschließt es sich nicht. Menschen sind unterschiedlich. Ein bisschen auch "Geschmackssache" und eine Sache des Empfindens. Und wie gesagt, man muss sich dann die Gesamtheit anschauen. Meine Hauptperson in „Nachhall“ ist ja aus der Wirklichkeit herausgeworfen. Das kann sich auch in der Sprache ausdrücken. Das muss es auch! Und ich schreibe nicht über die Leute, die dazugehören, sondern über die kranken, verwundeten und verlorenen Menschen. Bis auf die drei Männer, die Sie kennen, die "gehören" ja irgendwie dazu, bis sie der Wahrheit auf den Grund gehen.

Jonas Erne
Ein spannendes Thema. Gerade der Pfarrer in der ersten Geschichte scheint da durch sein „Schandmal“ eine solche psychische Belastung zu erleiden.

Beile Ratut
Wissen Sie, ich glaube, wenn ein Mensch mal so richtig mit seiner Zerbrochenheit konfrontiert wird, so wie der Pfarrer, dann ist das erst einmal eine irre Sache. Normalerweise geht Gott da sicher behutsamer vor. Ich kann mir aber eben auch vorstellen, dass er manche so "rannimmt." Er ist ja auch ein Pfarrer. Und Gott will sicher, dass gerade ein Pfarrer versteht, wer Gott ist.


Jonas Erne
Ja, und irgendwie bin ich der Meinung, dass mindestens der Pfarrer eine Fortsetzung braucht. Eigentlich bricht die Geschichte dort ab, wo sie beginnen könnte. Nicht dass ich sie zu dunkel oder traurig finde oder unbedingt ein Happy-End haben muss, aber da beginnt es doch dann, spannend zu werden. Ich persönlich habe die Geschichte unter anderem wegen des abrupten Endes als kirchenkritisch empfunden.

Beile Ratut
Bisher habe ich eher darüber geschrieben, wie man in der Finsternis Erlösung finden kann. Ich habe mich also nicht damit beschäftigt, wie es dann weiter geht. Kirchenkritisch sollte das allerdings nicht sein.

Jonas Erne
Dann wäre das vielleicht eine der nächsten Herausforderungen? Wie es dann weitergehen kann, meine ich.

Beile Ratut
Wenn ich mir die Welt um uns anschaue, dann finde ich es auch berechtigt, das Licht gerade in der Finsternis zu suchen. Aber Sie haben Recht, ich will in meinen nächsten Büchern auch mehr darüber schreiben, wie irdisches Glück aussehen kann.

Jonas Erne
Darauf bin ich gespannt. Vielen Dank für diesen ersten Teil des Gesprächs. Wir werden auf jeden Fall weiter in der Diskussion bleiben.


Mittwoch, 20. Januar 2016

Gott liebt dich! 10 Predigten zum 1. Johannesbrief

10x Gottes Liebe entdecken, 10x ermutigt werden, 10x von Gottes Geist Veränderung erfahren, das alles ist in ein kleines Büchlein gepackt. Michael Freiburghaus, ein lieber Freund, den ich während meines Studiums kennenlernen durfte, hat in seiner Chelegmeind Leutwil-Dürrenäsch eine zehnteilige Predigtserie über den ersten Johannesbrief gehalten. In derselben Kirche, in welcher schon Eduard Thurneysen (hier habe ich ein Zitat von ihm gepostet) als Pfarrer gewirkt hatte, ist Michael nun tätig und darf erleben, wie Menschen von Gottes Wort gepackt und verändert werden.

Der Predigtband zum 1. Johannesbrief ist sehr leicht verständlich, zugleich auch kraftvoll und mitreißend. Man merkt ihm die Liebe zu Gott und zu den Menschen an. Jede Predigt schließt mit einigen Fragen zum Predigttext, die den Hörer und Leser herausfordern wollen, noch tiefer zu graben und auch gerade im Hauskreisgespräch oder in der Familie weiter zu besprechen.

Ich möchte der Chelegmeind Leutwil-Dürrenäsch zu ihrem neuen Pfarrer gratulieren und jedem, der nicht dorthin gehen kann, empfehlen, den kurzen Predigtband zu besorgen, zu lesen und durchzudenken.

Das Buch kann übrigens hier als Taschenbuch oder Kindle-eBook bezogen werden.


Montag, 18. Januar 2016

Die 10 Gebote des Zweifelismus

1. Du sollst nichts höher schätzen als den Zweifel, denn er hat uns aus der Knechtschaft des Unwissens befreit.
2. Du sollst jedem widersprechen, der davon überzeugt ist, die absolute, allein gültige Wahrheit in einer bestimmten Sache zu besitzen.
3. Du sollst dich als Zweifler und Abwäger besser fühlen als alle, die meinen, sie hätten die Wahrheit mit Löffeln gefressen.
4. Du sollst alle Autoritäten wie Eltern, Lehrer, Polizei, Regierung, Chefs, etc. ablehnen, ihre Wünsche oder gar Befehle hinterfragen, dich ihnen widersetzen und hintenrum schlecht über sie reden.
5. Du sollst keine Intoleranz tolerieren.
6. Du sollst jede Meinung als gleichwertig betrachten, solange sie nicht absolut formuliert ist.
7. Du sollst von jeder Religion, Ideologie und Weltanschauung das herauspicken, was dir daran gefällt. Wenn es sich am Ende widerspricht, ist das egal, denn es ist ja deine eigene tolerante Wahrheit.
8. Du sollst Intoleranz mit allen Mitteln bekämpfen. Schrecke nicht vor ungesicherten Anschuldigungen zurück, denn du bist auf der guten Seite.
9. Du sollst andere Meinungen in Frage stellen, auch wenn du keine bessere Lösung hast. Was zählt, ist einzig, dass der Andere verunsichert wird und vielleicht eines Tages auf deine Seite wechselt.
10. Du sollst alles, was jemand, den du auf der guten Seite wähnst, sagt oder schreibt, mit Wohlwollen, großmütiger Offenheit und um viele Ecken herum interpretieren, und zwar so lange, bis es etwas aussagt, dem du zustimmst.

Die zwei verlorenen Söhne

Ein Vater hatte zwei Söhne. Eines Tages kam der jüngere Sohn zum Vater und sprach: „Du Papa, du hast jetzt lange gespart und geknausert. Könntest du nicht mal langsam daran denken, den Löffel abzugeben? Ich möchte mit meinem Erbe noch ein wenig das Leben genießen. Du weißt ja, life is short, und YOLO und so.“ Da gab ihm der Vater die Hälfte seines Vermögens. Der jüngere Sohn verkaufte alles und machte es zu schnellem Geld. Er machte Urlaub auf Malle, verbrachte seine Nächte in Night Clubs und Casinos und hatte schon bald nichts mehr übrig. Leider gab es in der Zeit auch schlechte Ernten, Inflation, Arbeitslosigkeit und viele hatten Hunger. So auch der jüngere Sohn. Erst auf einem Bauernhof fand er Arbeit. Er war für die Schweine verantwortlich. Durch seinen großen Hunger wäre er bereit gewesen, vom Schweinefutter zu essen, doch das wurde ihm verboten. Da überlegte er: Bei meinem Vater im Betrieb gibt es auch genügend Zeitarbeiter von Manpower, die haben alle Arbeitslosenversicherung, Sozialleistungen, 35-Stunden-Woche, sind in der Gewerkschaft, werden anständig behandelt, pünktlich bezahlt und können davon leben. Ich will einfach dorthin zurückgehen und meinem Vater sagen: „Du Papa, ich habe gegen Gott und dich gesündigt, als ich dir den Tod wünschte, ich bin es nicht wert, dein Kind zu sein. Aber lass mich doch für dich arbeiten! Ich tue es ja auch ohne großen Lohn bis ich das, was ich verzockt und verprasst habe, wieder reingeholt habe!“ Da ging er zurück zu seinem Vater. Dieser hatte ihn schon von Weitem gesehen und rannte ihm im Schlafanzug entgegen. Der Vater nahm ihn in die Arme und drückte ihn, dass ihm der Atem wegblieb. Als er aus dem Koma kam, sagte der Sohn: „Papa, ich habe gegen Gott und gegen dich gesündigt, als ich dir den Tod wünschte. Ich bin es nicht mehr wert, dein Kind zu sein.“ Doch der Vater unterbrach ihn mit einer Handbewegung und befahl seinem Roboter-Haushaltsgehilfen aus Japan: „Bringe ihm einen frischen, sauberen Anzug und bereite ein großes, rauschendes Fest vor – mit Dr. Motte als DJ! Ich habe meinen Sohn für tot gehalten, jetzt ist er wieder aufgetaucht, er ist wie neu geboren.“ Da gab es eine rauschende Party mit allem was dazu gehörte. In der Zwischenzeit war der ältere Sohn bei der Arbeit im Betrieb des Vaters und hörte plötzlich Musik und ausgelassenes Feiern. Er fragte einen Kollegen, was das zu bedeuten hätte. Dieser teilte ihm mit: „Dein Bruder ist zurückgekommen. Dein Vater gibt eine rauschende Party.“ Da wurde der ältere Sohn wütend und weigerte sich, mitzufeiern. Der Vater kam zu ihm heraus und redete mit ihm. Da sagte er seinem Vater: „Papa, ich helfe dir jetzt seit so vielen Jahren im Betrieb, ich racker mich ab, um deinen Besitz zusammenzuhalten, habe alles sorgfältig in Excel-Tabellen eingepflegt und alle eMails stets pünktlich beantwortet, und jetzt schleuderst du das, was mir eines Tages als Erbe zustehen sollte, zum Fenster raus, um deinen anderen Sohn zu feiern, der die Hälfte von deinem Besitz mit Computerspielen, Online-Dating und in der Disko, in Paris und New York verpulvert hat!“ Da sagte er zu seinem Sohn: „Schau mal, alles, was mir gehört, gehört auch dir. Aber jetzt lass uns Party feiern, denn dein Bruder ist uns verloren gegangen, aber jetzt ist er wieder aufgetaucht. Er hat ein neues Leben bekommen.“ (Frei nach Lukas 15. Vielen Dank an RN für sehr gute Ergänzungen.

Freitag, 15. Januar 2016

Gedichte aus zehn Jahren

Da ich schon öfters danach gefragt wurde, habe ich mich dazu entschlossen, eine Anzahl von Gedichten, die ich im Laufe der vergangenen zehn Jahren geschrieben habe, in einer Sammlung zusammenzustellen und hochzuladen. Hier ist sie nun zu finden:


Die Sammlung darf gern gespeichert oder direkt verlinkt werden. Bevor einzelne davon gebraucht werden, wäre ich um eine Mitteilung dankbar. Im Normalfall dürfte die Erlaubnis kein Hindernis darstellen.


Freitag, 1. Januar 2016

Mein Wunsch fürs Neue Jahr


Wahrheit mit Klarheit in Liebe und Respekt. Dass das zum Maßstab unseres Redens und Schreibens für das neue Jahr werden möge, das ist mein Wunsch für 2016 und danach. Daran will ich selbst an mir arbeiten und auch meine Mitmenschen dazu anhalten. Wahrheit in Klarheit bedeutet, Dinge beim Namen zu nennen, Meinungen zu haben und zu kommunizieren, statt zu schweigen und zu manipulieren. Das muss aber in Liebe und Respekt geschehen - wobei Liebe nicht Gleichgültigkeit bedeutet (wenn alles gleich gültig ist, dann ist es gleichgültig), sondern dem Besten des Nächsten verpflichtet.

Wer mich kennt, weiß, dass ich nichts von den Vorsätzen zum neuen Jahr halte. Dies aus verschiedenen Gründen: 1. weil wir nicht gute Vorsätze, sondern gute Gewohnheiten brauchen. 2. weil wir mit den guten Gewohnheiten nicht bis zum neuen Jahr warten sollen, sondern sofort damit anfangen. 3. weil aus dem Gute-Vorsätze-Machen ein Kommerz und gesellschaftlicher Druck geworden ist, dem ich nichts abgewinnen kann.

2015 war für mich ein Jahr mit vielen Freuden, insbesondere sei dabei die Geburt unseres Sohnes erwähnt, aber auch mit dem wachsenden Kennenlernen meiner Grenzen, was mir nicht immer gefällt. Wie kaum zuvor habe ich gemerkt, wie tief die Selbsterkenntnis und die Gotteserkenntnis zusammenhängt. Je besser ich mich selbst kennenlerne mit all den Abgründen des Herzens, desto größer wird mir die Erlösung, die Jesus für mich vollbracht hat.

Im neuen Jahr hoffe ich, dass ich wieder etwas häufiger zum Bloggen komme. Das ist – wie gesagt – kein Vorsatz, auch keine Gewohnheit, sondern auch hier ein Wunsch. Meine Themen, die ich weiter vertiefen möchte, sind auf der einen Seite biblische Männlichkeit und Weiblichkeit, Vaterschaft (und Mutterschaft), dann wird mich die Frage umtreiben, was Gott zum Thema der Nation denkt (eine ganze Menge Positives!) und ebenso werde ich auf dem Zweitblog „Glauben Verstehen“ weiterhin versuchen, den christlichen Glauben zu verstehen, erklären und verteidigen. Falls jemand es auf dem Herzen hat, mich in diesen Themen zu unterstützen, bin ich für Vorschläge offen, werde aber nichts von Vornherein garantieren.


Donnerstag, 26. November 2015

Buchbesprechung: Welt unter Sechs von Beile Ratut

Ratut, Beile, Welt unter Sechs, Ruhland Verlag Bad Soden, 2015. Link im Verlag / Amazon

Vielen Dank an den Ruhland-Verlag und die Agentur Literaturtest für die Zusendung des Rezensionsexemplars. Mit großem Interesse habe ich das Buch „Welt unter Sechs“ von Beile Ratut gelesen.

Die Autorin Beile Ratut ist Finnin, hat lange Zeit in Frankfurt am Main gelebt und schreibt auf deutsch. Es ist ihr drittes Buch, die zwei anderen habe ich allerdings nicht gelesen. Ich fand es spannend, dass sich eine Frau auf die Suche nach der Antwort auf das Problem der fehlenden Männlichkeit macht. Sie verarbeitet das Thema in drei kurzen Romanen, die jeweils ungefähr 60 Buchseiten umfassen.

Bücher lesen ist etwas, was jeder Mensch aufgrund seiner Prägung unterschiedlich macht. Ich werde deshalb kurz meinen Hintergrund und meine Vorgehensweise erläutern. Wer das langweilig findet, darf diesen Abschnitt gern überspringen. Ich bin ein freikirchlich geprägter und theologisch geschulter Mensch, der sehr gerne liest. Leider komme ich zu selten zum Lesen von Romanen, habe für diese jedoch eine mir eigene Vorgehensweise entwickelt. Ich lese das Buch jeweils dreimal hintereinander, jedes Mal mit einer anderen Frage im Hinterkopf. Dazu mache ich mir Notizen und Unterstreichungen am Buchrand. Beim ersten Durchgang ist meine Frage: „Wie wirkt das Buch auf mich? Welche Geschichte erzählt es? Was will das Buch in mir erreichen?“ Beim zweiten Durchgang frage ich mich: „Wie ist die Weltanschauung des Autors oder der Autorin?“ Dabei geht es um die Fragen nach Herkunft der Welt (Schöpfung), Herkunft des Bösen (Sündenfall) und wie das Gute wiederhergestellt werden kann (Erlösung). Beim dritten Durchgang frage ich mich, welche Fragen oder Probleme die Geschichte anspricht und wie diese beantwortet oder gelöst werden. 

Die drei Geschichten
Die Hauptperson der ersten Geschichte ist ein Pfarrer, 55 Jahre alt, verheiratet, allerdings kinderlos geblieben. Er war ein guter Kommunikator, einer, der die richtigen Worte zu treffen wusste um die Menschen zu trösten; und er liebte seinen Beruf, weil er sich auf diese Weise gebraucht fühlte. Seine Frau hatte sich in den Jahren der Ehe immer weiter von ihm zurückgezogen, sie war oft im Garten. Plötzlich entdeckte der Pfarrer, dass seine Gesichtshaut mit einem riesigen Schandmal „verziert“ war. Er konnte sich nicht mehr sehen lassen, versteckte sich, und hatte dadurch Zeit, sich Gedanken zu machen. Er erkannte nun, dass er nicht wirklich glaubte, was er predigte, und dass auch seine Frau sich nicht einfach so von ihm zurückgezogen hatte, sondern deshalb, weil er sie nie nahe genug an sie herangelassen hatte. Am Ende fanden sie einander, fanden Worte für einander und dann wurde seine Frau auch endlich schwanger.

In der zweiten Geschichte geht es um Heinrich, einen Wissenschaftler, der sich durch seine Forschung einen Namen gemacht hatte. Auch er war verheiratet; doch er hatte einen Sohn. Am Anfang der Geschichte erfährt man, dass der Sohn weggelaufen war. Der Sohn war sehr anhänglich, zart, mitfühlend, lebte ganz in der Welt der Mutter. Heinrich sah das mit Sorge, er wusste nicht, wie Sebastian von der Welt der Mutter in die Welt des Vaters hinüberwechseln sollte. Heinrich hatte das auch ohne Vater lernen müssen; bei ihm war es ein Ritual, das eine Art Vergewaltigung war, die durch andere Schüler des Internats ausgeübt worden war. Mantraartig wiederholt er in der Geschichte, er habe seinem Sohn nichts getan, ihm nur die Hand auf den Kopf gelegt und ihm das „Wissen der Mannbarkeit“ (u. a. S. 65) geschenkt. Schreckerstarrt erfährt der Leser zum Schluss, worin das bestand. Diese Geschichte endet mit dem Versprechen Heinrichs, seinen Sohn zu suchen und nicht aufzuhören, bis er ihn gefunden habe.

In der dritten Geschichte erzählt ein alter Mann, ein Bettler, seine Geschichte. Bei ihm starb der ältere Bruder als er noch ein Kind war. Er selbst führte daraufhin ein sehr unstetes, von vielen Liebschaften und einer Abtreibung geprägtes Leben. Er heiratete sehr spät und hatte sich nach einigen Jahren von seiner Frau entfremdet. Einer seiner Kollegen vergewaltigte die Frau dieses Mannes und er glaubte ihr nicht einmal. Als sie den Kollegen dazu bringen wollte, ihrem Mann seine Tat zu gestehen, rastete der Kollege aus und vergewaltigte sie noch einmal, bevor er sie im Wald bewusstlos schlug, mit Benzin übergoß und verbrannte. Der alte Mann bekam dann in einem Kloster von einem jungen Priester eine Antwort auf die Frage, was es bedeute, an Gott zu glauben. So fand er schlussendlich als alter Mann echten Frieden.

Meine persönlichen Gedanken dazu
Beile Ratut spricht tatsächlich viele wichtige Themen an, die das Mannsein oder Mannwerden ausmachen. Verantwortung tragen, Zeit haben, Ehrlichkeit, sich ganz öffnen, sich verwundbar machen, Sexualität und die Suche danach, der Weg vom Kind zum Mann, und so weiter.

Heinrich, der Vater in der zweiten Geschichte, machte sich Gedanken dazu: „Was sollte aus dem Kind werden? Wer würde ihm helfen, aus der Welt seiner Mutter in die Welt des Mannes zu treten? Wie sollte aus ihm ein Mann werden, der in dieser Wirklichkeit nicht unterging? War es nicht Verrat an seinem eigenen Blut, ihn damit allein zu lassen?“ (S. 77f)

Auch die Unterhaltung – eine der seltenen Passagen in der direkten Rede – in der ersten Geschichte ist wertvoll:
Dann sagte sie vorsichtig: „Ich bin nicht dein Feind – ich bin deine Frau.“
Und ich bin dein Mann“, sagte er, wie um sie daran zu erinnern, welche Ehre ihm gebührte. Doch ihm gebührte keine Ehre.
Ich will dich sehen wie du wirklich bist“, fuhr sie fort. „Aber ich sehe nur einen Mann, der mir ausweicht. Warum machst du das? Kannst du mir denn nicht in die Augen schauen und mein Ehemann sein?““ (S. 49)

So habe ich zahlreiche Absätze im Buch als echt wertvolle Hinweise auf solch wichtige Themen angestrichen. Zugleich stelle ich aber auch kritische (An-)Fragen an das Buch:

1) Der Umgang mit der Sprache. Die Sprache wird häufig gebraucht, um Emotionen aufzubauen. Ratut versucht, Sprache zu verstärken, indem sie Sätze inhaltlich und zuweilen auch äußerlich sinnlos und falsch aufbaut. Das erinnerte mich an die – natürlich falsche – Sichtweise von Friedrich Nietzsche, welcher schrieb:
Überall ist hier die Sprache erkrankt, und auf der ganzen menschlichen Entwickelung lastet der Druck dieser ungeheuerlichen Krankheit. Indem die Sprache fortwährend auf die letzten Sprossen des ihr Erreichbaren steigen musste, um, möglichst ferne von der starken Gefühlsregung, der sie ursprünglich in aller Schlichtheit zu entsprechen vermochte, das dem Gefühl Entgegengesetzte, das Reich des Gedankens zu erfassen, ist ihre Kraft durch dieses übermäßige Sich-Ausrecken in dem kurzen Zeitraume der neueren Civilisation erschöpft worden: so dass sie nun gerade Das nicht mehr zu leisten vermag, wessentwegen sie allein da ist: um über die einfachsten Lebensnöthe die Leidenden zu verständigen.“ (Friedrich Nietzsche, Unzeitgemäße Betrachtungen IV, Kp. 5)
Wie Nietzsche scheint also auch Ratut der Meinung zu sein, dass Sprache weniger Sinn, Inhalt und Information, sondern vielmehr Emotion weitergeben soll. Das macht das Buch jedoch auch deutlich schwieriger lesbar. Deshalb frage ich mich, wen sie zum Zielpublikum machen möchte. Das Buch wird deshalb kaum junge Männer ansprechen, die sich diese Gedanken noch nicht gemacht haben. Lesebegeisterte und nachdenkliche junge Männer, die sich diese Frage auch schon gestellt haben, werden vermutlich auch nicht so viel Neues darin finden.

2) Gibt das Buch Antworten? Ja und nein. Ich vermute, dass Ratut sich das Buch als eine Gesamtkomposition gedacht hat. Drei Geschichten, die aufeinander aufbauen. Durch den Aufbau ergibt sich eine Art Antwort – wobei die Antwort dann im Glauben an Gott zu finden ist. Die einzelnen Geschichten geben für sich allein jedoch keine Antworten und auch kaum Hilfestellung zu einer besseren Lösung.

3) Wo oder wie ist Erlösung zu finden? Hier kommt meine wichtigste Frage an das Buch. Wenn Ratut den Leser dazu führen möchte, durch den Gesamtaufbau des Buches zu erkennen, dass der Glaube zum echten Mannsein gehört (und ich würde ihr darin völlig zustimmen), dann müsste das die letzte Geschichte noch besser herausarbeiten. Wenn sich der (in Glaubensdingen unkundige) Leser fragt, wie er dorthin kommt, ist er am Ende verlassen. Außerdem ergeben die Geschichten – wenn man sie einzeln liest – ein ganz anderes Bild. In der ersten Geschichte könnte man meinen, Malessa (die Frau des Pfarrers) sei am Ende die Erlöserin. Die zweite Geschichte spricht vom Schöpfer der Welt, den Heinrich um Vergebung bitten wolle. Auch hier fehlt eine Menge. Und in der dritten Geschichte findet der Erzähler die Antwort beim Priester im Kloster. Dort lautet sie, an Gott zu glauben, bedeutet: „Verkriech dich in den Fels und halte dich im Staub versteckt vor dem Schrecken des Herrn und vor der Pracht seiner Majestät.“ (S. 180) Keine der drei Antworten, die die drei Geschichten geben, wird den Leser zum Frieden mit Gott bringen. Eine konkretere Antwort zu finden bleibt Sache des Lesers. Auch wenn manchmal Teile der Bibel, etwa das Buch der Psalmen, genannt werden, fehlt der konkrete Hinweis darauf, dass dort die Antwort zu finden ist. Ebenso auch der Hinweis, wie diese Antwort aussieht.

Mein Fazit
Beile Ratut hat ein Kunstwerk geschaffen, das viele gute Dinge anspricht und den Finger wohltuend in manch eine Wunde hält. Dennoch ist es ein Kunstwerk, das manche Fragen offen lässt und auch nicht für jedes Publikum geeignet ist. Man muss zunächst mit ihrem Schreibstil klarkommen. Wie bereits angesprochen besteht das Buch aus fast keinen Dialogen und hat wenig Handlung – das meiste spielt sich in den Köpfen der Personen ab. Man muss damit klarkommen. Ebenso muss man die drei Geschichten am Stück und in der vorgegebenen Reihenfolge lesen, damit man hinter die Geschichten sieht – obwohl jede von völlig anderen Personen und Umständen berichtet.


Samstag, 3. Oktober 2015

10 Zitate aus „Die vergessene Generation“ von Sabine Bode

Sabine Bode, Die vergessene Generation: Kriegskinder brechen ihr Schweigen, Piper Verlag München, 6. Aufl. 2012 Link zu Amazon

[Anmerkung: Mit „Kriegskinder“ bezeichnet die Autorin Kinder, die während des 2. Weltkriegs geboren wurden, genau genommen die Jahrgänge 1930 – 1945]


Jahrzehntelang hatten die Kriegskinder ihre frühen Traumatisierungen verdrängt oder auf Abstand gehalten, doch nun war die Zeit reif, Worte für Erlebnisse zu finden, die bis dahin unaussprechbar gewesen waren. Was dabei sichtbar wurde: Natürlich hat die Begegnung mit Kriegsgewalt und Heimatverlust im späteren Leben Folgen, auch wenn die Betroffenen nicht wahrnehmen, wodurch sie untergründig gesteuert werden.“ (S. 11)

Alle Teilnehmer [eines Seminars] zeigten sich erstaunt über die Tatsache, wie wenig ihnen über ihre Familien bekannt war. Das war die erste Gemeinsamkeit. Die zweite Gemeinsamkeit bestand darin, zu erkennen, dass wir zwar über die Einstellungen und Funktionen unserer Eltern in der Nazizeit recht gut Bescheid wussten, aber emotional und faktisch kaum erfassen konnten, was der Krieg in unseren Familien angerichtet hatte.“ (S. 27)

Im Alter rückt die Kindheit wieder näher. Da hat man das Bedürfnis und endlich auch die Zeit, sich mit seinen Wurzeln und den frühesten Eindrücken zu beschäftigen.“ (S. 32)

Um in Ruhe alt werden zu können, brauchen Menschen ihre komplette Biografie, ohne leere Stellen, ohne Schatten. Das gehört zu den Menschenrechten.“ (S. 143)

Traumatische Ereignisse bewirken tiefgreifende und langfristige Veränderungen in der physiologischen Erregung, bei Gefühlen, Wahrnehmung und Gedächtnis. Überdies werden diese normalerweise aufeinander abgestimmten Funktionen durch ein traumatisches Erlebnis manchmal voneinander getrennt. Der Traumatisierte empfindet zum Beispiel intensive Gefühle, kann sich aber nicht genau an das Ereignis erinnern; oder er erinnert sich an jedes Detail, empfindet aber nichts dabei. Er ist vielleicht ständig gereizt und wachsam, ohne zu wissen, warum.“ (S. 202)

Kinder wissen instinktiv, dass sie Bedrohungen am besten verkraften, wenn sie in Gemeinschaft mit anderen das Geschehen nachspielen. Meistens sind sie in der Lage, auf diese Weise ihr seelisches Gleichgewicht wiederherzustellen.“ (S. 204)

Der Ausbruch der Gewalt im Balkan in den Neunzigerjahren hat gezeigt, dass das Langzeitgedächtnis für unverarbeitete kollektive Schrecken nachtragend und unberechenbar ist. Fünfzig, sogar hundert Jahre können verstrichen sein, und man glaubt, die Zeit habe alle Wunden geheilt – aber dann eskaliert irgendein Konflikt, und eine ungeheure Zerstörungskraft bricht auf. Unverarbeitete kollektive Traumata können sich in Ressentiments niederschlagen wie auch in blutigen Auseinandersetzungen. Ähnlich wie bei Blindgängern und Giftmülldeponien bestünde verantwortliches Handeln darin, die Gefahr zu entschärfen, bevor sie zum Ausbruch kommt.“ (S. 263f)

Menschen gelingt es am besten, ihr Leid zu verarbeiten, wenn sie die Unterstützung der Gemeinschaft spüren. Wer dagegen in seiner Opferrolle verharrt, bereitet auch seine Kinder und Kindeskinder darauf vor. Auf diese Weise werden sie anfällig für Manipulationen und eine leichte Beute für politische Rattenfänger. Große Opfergruppen, die ständig jammern, ob versteckt oder offen, schwächen die Demokratie.“ (S. 264)

In unserer Kultur finden Gemeinschaftsrituale, in denen öffentlich Unrecht bezeugt wird, nur im Gerichtssaal statt. Dort steht aber nicht das Opfer im Mittelpunkt, sondern der Täter. Und da Richter nicht die Aufgabe haben, Trost zu spenden, sondern die Wahrheit herauszufinden, weshalb Opfer häufig wenig einfühlsam befragt werden, besteht die Gefahr, dass Gerichtsverhandlungen einem traumatisierten Menschen eher schaden.
Was bleibt? Eigentlich nur die Trauerfeier. Tränen sind erlaubt. Die Gemeinschaft tröstet. Vorausgesetzt, es handelt sich um ein stimmiges und nicht um ein leeres Ritual.“ (S. 269f)

Was geschieht, wenn das Kind täglich katastrophalen Kriegsereignissen ausgesetzt ist, wenn es miterlebt, dass andere, womöglich ihm nahestehende Menschen getötet und verstümmelt werden, dass Erwachsene, die Schutz bieten sollten, verschwinden, selbst dekompensieren und dadurch psychisch verschwinden? Je nach Alter wird das Kind mit Rückzug, Depression, Ess- und Schlafschwierigkeiten, übertriebenem Anklammern, Einnässen und Einkoten, um nur einige Symptome zu nennen, reagieren.
Es könnte auch geschehen, dass dieses Kind während der traumatischen Erfahrung 'abschaltet', sich so verhält, als sei das alles nicht wahr, als geschehe es nicht wirklich, und dieser Zustand des Ausblendens der Wirklichkeit würde sich verfestigen, sodass auch der spätere Erwachsene Schwierigkeiten hätte, das Hier und Jetzt angemessen wahrzunehmen und einzuordnen.
Dieses Ausblenden der Gegebenheiten und einer angemessenen Auseinandersetzung mit dem, was geschehen ist, dürfte ein kollektives Problem des deutschen Volkes gewesen sein.“ (S. 301)