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Mittwoch, 25. Januar 2017

Von jedem Menschen lernen – geht das?

Mein Ziel ist es, aus jedem Gespräch, jedem Buch, jedem Artikel, jeder Diskussion, zu lernen. Häufig treffe ich dabei auf Meinungen, die gegensätzlich zu den meinigen sind. Wie lerne ich dabei? Ein paar Gedanken, die mir helfen.

1. Ich habe die Chance (das Geschenk), meine eigene Sichtweise zu hinterfragen und damit entweder zu stärken oder zu überarbeiten.

2. Jeder Mensch ist im Ebenbild Gottes geschaffen. Ich darf in jedem Menschen etwas von und über Gott lernen.

3. Gott liebt Vielfalt. Ich darf diese Vielfalt auch lieben, feiern und anerkennen – ohne dabei relativistisch zu werden.

4. In jeder Meinung muss ein Funken Wahrheit stecken, sonst würde sich ja niemand davon überzeugen lassen. Lügen und Irrtümer werden nur wegen ihrer Nähe zur Realität geglaubt.

5. Viele Menschen haben bestimmte Gebiete, in welchen sie deutlich mehr wissen als ich. Davon darf ich profitieren und von ihnen lernen.

6. Ich brauche keine Angst zu haben vor Irrtümern, weil Gottes Wort mir den Maßstab und ewig gültige Kriterien zur Beurteilung aller Meinungen gibt. Wenn Gottes Wort reichlich unter uns wohnt, ist das ein guter Schutz vor Irrtümern.

7. Gott gibt uns besonders in Römer 1,18ff ein wunderbares Hilfsmittel, mit welchem jede Weltanschauung überprüft und hinterfragt werden kann.

8. Irrtümer sind so gut wie immer einzelne Wahrheiten (also korrekte Aussagen), die aber absolut gesetzt werden und so beginnen, über dem ganzen Leben zu thronen und über alles Denken zu herrschen.

9. Ich darf darauf hören, wie andere Menschen aufgrund ihrer Biographie oftmals dieselben Dinge unterschiedlich ausdrücken. Das erweitert meinen Horizont.

10. Viele ernstgemeinte Fragen stellen ist die beste Art, um von allen Menschen zu lernen. Warum ist das so? a. Weil ich dadurch oft dasselbe auf verschiedene Art und Weise hören darf. b. Weil sich der Andere so ernstgenommen und wertgeschätzt fühlt. c. Weil ich damit sicher gehe, dass ich dem Anderen keine Dinge in den Mund lege, die nicht stimmen und ihm zugleich die Möglichkeit gebe, sich noch besser auszudrücken.

Freitag, 6. Januar 2017

Der kleine Katechismus des Zeitgeistes

Was soll dieser Katechismus sein?
1. Alle Punkte in diesem Katechismus sind nur Vorschläge. Manche widersprechen sich gegenseitig. Das macht nichts. Suche Dir die aus, welche Dir am besten gefallen und kümmere Dich nicht um logische Fehlschlüsse oder Widersprüche. Logik ist ein Machtmittel der heterosexuellen weißen Männer, die alle anderen unterdrücken und an ihrer Selbstfindung hindern wollen.

Wer bist Du, wer bin ich?
2. Es gibt Dich nur einmal, deshalb kannst nur Du sagen, wer Du bist oder wer Du sein willst. Jeder muss seine eigene Wahrheit finden. Du darfst sein, wer und was immer Du willst. Jeder muss das akzeptieren, Dich darin unterstützen und ermutigen. Wer das nicht tut, ist intolerant. Wichtig ist, dass Du Dich möglichst wohlfühlst mit dem, was Du werden willst. Dein Gefühl wird Dich leiten auf dem Weg zu Dir selbst. Erschaffe Dein Selbst und Deine Identität und dann lebe sie aus!

Was ist Wahrheit?
3. Es gibt keine absolute Wahrheit, oder zumindest kann diese niemand erkennen. Jeder ist in seiner eigenen Biographie gefangen und kann sich allerhöchstens dieser immer ein wenig annähern. Aber nur Du kannst sagen, ob Du Dich ihr annäherst oder nicht, denn die Wahrheit hat nichts mit dem zu tun, was außerhalb ist. Eine Wahrheit existiert in jedem von uns drin. Jeder hat seine eigene Wahrheit, seinen eigenen Weg und sein eigenes Leben.

Was soll ich glauben?
4. Wenn es Dir gut tut, kannst Du an einen Gott oder ganz viele Götter oder auch an eine göttliche Natur glauben. Da kann jeder für sich selbst entscheiden, was er glauben will. Niemand darf versuchen, Dich von seiner eigenen Wahrheit oder seinem eigenen Glauben zu überzeugen, das wäre intolerant. Die einzige Ausnahme bildet da der Kanon der Naturwissenschaften. Diese sind unhinterfragbar, denn dank diesen funktioniert das ganze Weltall noch.

Wo finde ich meinen Halt im Leben?
5. Alles, was früher als Halt und Identität gesehen wurde, hat versagt. Am Ende bleibst nur Du selbst übrig. Der einzige Halt, der Dir gegeben werden kann, ist Deine Suche in Deinem Selbst, wo Du hoffen kannst, eine Antwort zu finden. Deshalb darfst Du ein Leben lang alles ausprobieren, was andere sind, und schauen, ob Du Dich dort irgendwo in einer anderen Person wiederfindest. Vergleiche Dich mit anderen und versuche, so zu werden wie sie sind, damit Du auf Deiner Suche nach Dir vorankommst.

Woher kommen wir?
6. Mit größter Wahrscheinlichkeit sind wir alle ein Produkt des Zufalls, eine nahezu endlose Aneinanderreihung von Verbesserungen, die sich von selbst aus dem Nichts heraus gebildet haben. Da wir irgend eine Art von Trockennasenaffen sind, dürfen wir uns nichts auf uns einbilden. Unser Gehirn ist ein Zufallsprodukt, das so tun kann, als würde es uns auf einen objektiveren Standpunkt stellen als wir ihn eigentlich haben.

Wie sollen wir denn leben?
7. Das Ziel unseres Lebens ist es, dass wir uns selbst finden, uns selbst verwirklichen, uns zu dem machen, was wir sein wollen. Gleichzeitig müssen wir gut aufpassen, dass jeder (außer uns selbst, denn wir sind ja durch diese große Erkenntnis sowieso schon für die Toleranz prädestiniert) tolerant ist und sich so verhält, dass er niemand anders versucht, von seiner Wahrheit zu überzeugen. Da unsere Wahrheit aber automatisch tolerant macht, stehen wir darüber und müssen uns dieser Regel nicht beugen.

Was ist das Böse in der Welt?
8. Es gibt viele Theorien zum Bösen in der Welt. Objektiv ist nichts böse, nichts schlecht, weil es immer auf die Kultur ankommt, wo etwas geschieht. Alles ist eine unfreiwillige Reaktion auf etwas vorher, jeder Täter ist ein Opfer – außer wenn er intolerant ist oder unserer großen Erkenntnis widerspricht. Dann ist jedes Mittel recht, um diese intoleranten Personen zu zerstören und ihren Ruf zu ruinieren.

Was ist unsere größte Hoffnung im Leben und im Sterben?
9. Unsere größte Hoffnung im Leben und im Sterben ist, dass die Welt nach unserem Leben und Tod toleranter und mit weniger Atomkraftwerken zurückgelassen wird. Es darf am Ende nur noch Windkraft geben, denn dann hat man zwar viel Natur damit zerstört, aber immerhin ist es Windkraft und nicht Atomkraft. Und Windkraft ist per Definition gut, während Atomkraft per Definition schlecht ist.

Was kann man tun, damit die Welt etwas friedlicher wird?
10. Die große Erkenntnis des Zeitgeistes muss verbreitet werden. Es darf keine Nationen mehr geben, denn sonst kann sich diese Erkenntnis nicht überall gleichzeitig schnell und gut verbreiten, vielmehr braucht es eine Weltherrschaft unter dem Zeichen des Zeitgeistes mit einer starken Person, die diese Welt in den ewigen Frieden leiten kann. Wenn jeder schlussendlich diese Wahrheit erkennt, wird keiner mehr intolerant und alle werden nur noch Windkraft wollen. Jeder darf in diesem Paradies sich selbst suchen, finden und andere in dieser Suche unterstützen.

Mittwoch, 16. November 2016

Euer Emergenz, die Postmoderne hat versagt!

Der Blick in die Blogger- und Social-Media-Szene der Emergenten und derer, die ihnen nahe stehen, zeigt sehr schön, wie spätestens die Trump-Wahl das letztliche Versagen der Postmoderne deutlich macht. Die postmoderne Gefühlszentriertheit hat letztlich gesiegt – und nun müssen sich auch die Freunde des Postmodernismus überlegen, welche unverrückbaren und ewig gültigen Werte und Wahrheiten hochgehalten werden müssen, damit man am Ende nicht im Lager der postfaktischen Trump- und AfD-Anhänger landet.

Insgesamt herrscht allerdings noch eine Unsicherheit, in welche Richtung man gehen soll. Vorerst bleibt es also bei tollen Slogans wie „Liebe“, „Barmherzigkeit“ und „gegen die Angst“, die jeder im Prinzip selbst füllen kann. Klar stammen diese Begriffe aus der Bibel. Klar dürfen sie verwendet werden. Was allerdings immer fehlt, sind klare Definitionen, denn jeder der Begriffe umfasst im Grunde genommen einen engen Bereich des Lebens, der klar abgegrenzt werden müsste. Liebe ist exakt das Gegenteil der postmodern verstandenen Gleichmacherei, die alles mit der Dampfwalze einebnet und gleich-gültig macht. Liebe, wie sie die Bibel versteht, ist Gottes eifersüchtiges Verlangen, uns ganz für Sich zu haben und es ist das eifersüchtige Verlangen des Menschen, seine Mitmenschen vor Gott noch heiliger präsentieren zu können.

Ich freue mich, dass hier ein langsames Weiterdenken zu sehen ist. Unsere Gesellschaft ist in einer nachpostmodernen Wüste gefangen und dreht sich immerzu im Kreise um sich selbst. Es ist schon längst bekannt, dass der ethische Relativismus nirgendwo hinführt. Der ethische Relativismus ist eine wert-lose Haltung, die nur so lange etwas bringt, wie Wohlstand und Verantwortungslosigkeit anhält. Sobald es ans Eingemachte geht, wenn Entscheidungen anstehen, für welche Verantwortung getragen werden muss, ist er nicht nur unsinnig, sondern geradezu kontraproduktiv. Vermutlich wird es noch weitere 15 – 20 Jahre dauern, bis die ganze Emergenz in der Gegenwart angekommen ist und nicht mehr weiterhin der Vergangenheit nachtrauert. Der Ansatz einer postmodernen Kirche ist von seinem Ursprung her zum Scheitern verurteilt. Zu diesem Schluss kann man entweder logisch oder experimentell kommen – beide Arten führen zur selben Antwort.

Auf der logischen Ebene ist es so, dass das Evangelium jede Kultur in Frage stellt. Es kann deshalb weder ein modernes, noch ein postmodernes Evangelium geben. Jede Kultur und jede Zeit enthält Wahrheiten, Halbwahrheiten und Verführungen, und die Bibel will alle prüfen und korrigieren. Echte Gemeinschaft und Einheit kann es nur am Boden vor dem Kreuz geben – und zwar vor dem Kreuz Jesu Christi, an welchem unsere Schuld vor Gott bezahlt wurde und wir Christi Gerechtigkeit bekommen haben. Echte Gemeinschaft und Einheit brauchen die Kraft der leiblichen Auferstehung Jesu Christi. Gemeinschaft und Einheit gibt es nur auf der Grundlage, dass Gottes Wort, die ganze Bibel, vollumfassend wahr ist. Ohne Wenn und Aber. Auf der experimentellen Ebene kann man schon lange erkennen, dass die Postmoderne nicht dabei geblieben ist, nur ihre Mutter, die Moderne, zu verschlingen, sondern zur Autophagie neigt: Sie frisst sich selbst auf, indem sie sich die Grundlage entzieht, auf der sie baut. Sie kritisiert die Sprache – muss sich aber zugleich jener bedienen, um diese kritisieren zu können. Sie stellt das lineare Denken in Frage – wobei sie zugleich dem linearen Gedanken folgt, dass das lineare Denken falsch sei. Sie rebelliert gegen Metanarrative, während sie sich selbst eines solchen bedient. Sie meint, es gebe keine absolute Wahrheit – sagt dies jedoch mit dem Selbstbewusstsein dessen, der im Besitz einer solchen ist.

Und dann, spätestens wenn ein postfaktisch agierender, Hass verbreitender, weißer Mann in Amerika Präsident wird, zeigt sich diese Schwäche auch äußerlich. Solange alles gut geht, es keine größeren Krisen gibt, jeder genug zu Essen und eine Rente hat, lässt sich gut mit der Postmoderne leben. Doch ist dieser Wohlstand keine Selbstverständlichkeit. Irgendwann wird es wieder Schwierigkeiten geben. Und spätestens dann kann das Denken eines Weltbilds einen Reality-Check durchlaufen. Dies ist nun der Fall. Bis zur nächsten Wahl in Deutschland sind nur noch wenige Monate. Vielleicht kann dies ein Ansporn zum tiefen Nachdenken über die biblische Weltanschauung und unsere Kultur in der nachpostmodernen Wüste sein. Vielleicht wird dies zu einer erneuten Reformation, zu einer Rückkehr zur Bibel allein, zum Glauben allein, zur Gnade allein, zu Christus allein führen. Es wäre zu hoffen. Alle Ehre Gott allein!


Samstag, 5. November 2016

Ein postfaktisches, postdemokratisches, postliberales Zeitalter

Wahrheit ist, was überzeugt. Jeder kann sein, was er will. Freiheit ist nicht so wichtig wie Sicherheit und Gleichheit. Es kann keine objektive Wahrheit geben. Wahrheit wird von der Gesellschaft konstruiert. Gefühle sind wichtiger als Tatsachen. Jeder hat seine eigene Erfahrung und Auffassung. Der Mensch ist das Maß aller Dinge.

Könnten diese obigen Sätze unserer Zeit entstammen? Ja, sie könnten. Und manch einer hält unsere Zeit für einzigartig. Doch könnten obige Zeilen ebenso gut im Athen vor 2500 Jahren gesagt oder geschrieben worden sein. Der letzte Satz ist übrigens genau in jener Zeit entstanden – es ist einer der ganz wenigen Sätzen, die man mit Sicherheit Protagoras zuschreiben kann.

Vor ungefähr 2500 Jahren war Athen eine blühende Stadt. Der technische Fortschritt und immer neue wissenschaftliche Entdeckungen prägten das Leben. Die Kunst hatte einen wichtigen Platz im Leben eingenommen. Athen war eine Demokratie – zwar nur eine der freien Männer, aber trotzdem hatte so jede Familie ein Mitspracherecht. Der Mittelstand war längere Zeit gewachsen und hatte Hoffnungen geweckt. Die Menschen sahen immer mehr, wieviel sie aus eigener Kraft erreichen konnten – mit Hilfe von Werkzeugen, Tieren und Angestellten. Der griechische Götterhimmel war tot – man feierte zwar die wichtigsten Feste zu Ehren der Götter, aber hauptsächlich deshalb, weil es die einzigen freien Tage des Jahres waren und weil man dazu verpflichtet war. Der griechische Götterhimmel war Staatsreligion. Doch längst war das alles nur noch tote Tradition. Wer nicht bei dieser staatlichen Götteranbetung teilnahm, dem drohte Verbannung oder gar Todesstrafe.

Der technische Fortschritt stärkte das Selbstbewusstsein der Athener enorm. Zugleich aber wuchs das neue Wissen derart rasant an, dass man es irgendwie sammeln und auch weitergeben musste. Diese Aufgabe als Universalgelehrte nahmen die Sophisten auf. Sie studierten das Wissen, sammelten es, und zogen umher, um es jedem anzubieten, der ihnen genug Geld dafür zahlte. Die Sophisten merkten bald, dass manche Dinge dieser Wissenschaften im krassen Widerspruch zueinander standen. Statt einer universalen Theorie, die alle Dinge umfasst, gab (und gibt) es nur mehrere einzelne Theorien, die nicht vereinbar sind. So kamen sie zum Schluss, dass alles relativ sei. Wahrheit sei nichts Absolutes, sondern der einzelne Mensch sei immer das Maß aller Dinge.

Was musste nun kommen? Plötzlich wurde die Rhetorik zum wichtigsten Zweig der Wissenschaften. Wie kann man überzeugend reden? In der athenischen Demokratie war dies besonders wichtig, denn jeder konnte mitreden, und wer überzeugte, befahl. So wurde aber zugleich aus dieser Demokratie eine Postdemokratie. Es wurde zu einer „Rhetorikratie“, eine Oligarchie der wenigen, in Rhetorik gut geschulten, reichen Bürger. Immer wieder kam es zu bürgerkriegsähnlichen Aufständen, Absetzungen, Verbannungen, die das Leben der Demokratie schwächten. Statt Fakten zählten die Gefühle, welche durch gelehrte Reden hervorgerufen wurden. Das Problem mit den Gefühlen in der Politik ist, dass sie ungerecht sind. Angst, Zorn, Mitleid, Empörung haben in der Politik nichts verloren. Gefühle ersetzen die Gerechtigkeit und führen zwangsläufig zu einem Zustand, den die Bibel „Ansehen der Person“ nennt. Gerechtigkeit wäre, wenn alle gleich behandelt werden – ohne Ansehen ihres Standes, Geschlechts, Reichtums (oder Armut), etc. Auch heute geht die Gerechtigkeit unter – zugunsten einer falsch verstandenen Pseudo-Gerechtigkeit, die versucht, Unterschiede durch politische Aktionen wie etwa Steuern, Gesetze, oder individuelle Behandlung vor Gericht, einzuebnen.

Die antiken Sophisten waren postliberal. Eigentlich sollte die attische Demokratie ja die Freiheit des Einzelnen schützen und stärken. Die Sophisten unterstützten die Reichen, die politische Ambitionen hatten und ihnen Geld für ihr Wissen und den Unterricht in der Rhetorik bezahlen konnten. Auch die heutigen Sophisten rufen wieder nach einem starken Staat mit Überwachung und Schutz vor dem Terrorismus. Sie sind einerseits bereit, mehr überwacht zu werden, aber zugleich hat man dann Probleme mit den USA, ist lieber für die Russen, wo es mit der Demokratie auch nicht weit her ist, und schimpft über die NSA. Was wäre die bessere Alternative? Wenn wir weiterhin Demokratie wollen, dann wird nur eines übrig bleiben. Wir müssen uns darum bemühen. Demokratie ist – anders als die meisten von der Demokratie beschenkten Menschen denken – kein automatischer, immer bleibender Zustand. Sie lebt davon, dass sich der Einzelne einbringt und mitarbeitet. Ohne die vielen Einzelnen mit ihren unterschiedlichen Sichtweisen, Ideen und Alternativen wird die Politik zur alternativlosen Oligarchie – zu einer Herrschaft der Wenigen, in der nur noch abgenickt wird, was sowieso schon längst feststeht.

In die Zeit der antiken Sophisten wurde Sokrates geboren, etwas später sein wichtigster Schüler Platon, sowie danach dessen Schüler Aristoteles. Diese drei Philosophen versuchten, eine Antwort auf die Sophisten zu geben. Sie gingen den Fragen nach, wie man richtig leben kann, auch in Zeiten, in denen der Götterhimmel nichts mehr zu bieten hatte. Zunächst war ihnen wichtig, dass Wissen ein demokratisches Gut ist. Sie gingen nicht nur zu den Reichen, sondern redeten mit allen, die sich dafür interessierten. Jeder darf das Wissen haben, jeder darf und kann über die großen Fragen dieser Welt nachdenken. Sie alle waren sich darin einig, dass die Realität, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, tatsächlich real ist, und ebenso auch, dass das richtige Wissen zum rechten Handeln führen wird.

Darüber hinaus konnten sie recht wenig Gemeinsamkeiten finden. Jeder übernahm manch einen Gedanken seines Lehrers, aber drehte die meisten davon auf den Kopf. Für Platon war das eigentlich Realere das Urbild hinter den einzelnen Erscheinungen in der Welt. Die Pferdheit ist realer als das einzelne, unterschiedliche Pferd. Für Aristoteles existiert die Pferdheit gar nicht, sondern nur das einzelne Pferd, und er hält die Pferdheit für eine rein menschliche Erfindung. Aus biblischer Sicht können wir beiden bedingt zustimmen. Gott hat die Pferdheit ausgedacht, nämlich die Spezies namens Pferd, und dazu durch sexuelle Fortpflanzung jedes einzelne Pferd geschaffen. Beides ist gleichermaßen real: Gottes Idee der „Pferdheit“ und die einzelnen „Erscheinungen“ dieser Idee Gottes, nämlich alle real existierenden und jemals real existiert habenden Pferde. Einheit und Vielfalt entstammen Gottes Wesen, da Gott der Dreieine ist, und wenn wir unsere Welt kennenlernen wollen, dann werden wir – ob wir das wollen oder nicht; ob wir diese Wahrheit annehmen oder verdrängen und unterdrücken, das ist uns überlassen – in einem gewissen Maß auch Gottes Wesen kennenlernen.


Freitag, 1. Januar 2016

Mein Wunsch fürs Neue Jahr


Wahrheit mit Klarheit in Liebe und Respekt. Dass das zum Maßstab unseres Redens und Schreibens für das neue Jahr werden möge, das ist mein Wunsch für 2016 und danach. Daran will ich selbst an mir arbeiten und auch meine Mitmenschen dazu anhalten. Wahrheit in Klarheit bedeutet, Dinge beim Namen zu nennen, Meinungen zu haben und zu kommunizieren, statt zu schweigen und zu manipulieren. Das muss aber in Liebe und Respekt geschehen - wobei Liebe nicht Gleichgültigkeit bedeutet (wenn alles gleich gültig ist, dann ist es gleichgültig), sondern dem Besten des Nächsten verpflichtet.

Wer mich kennt, weiß, dass ich nichts von den Vorsätzen zum neuen Jahr halte. Dies aus verschiedenen Gründen: 1. weil wir nicht gute Vorsätze, sondern gute Gewohnheiten brauchen. 2. weil wir mit den guten Gewohnheiten nicht bis zum neuen Jahr warten sollen, sondern sofort damit anfangen. 3. weil aus dem Gute-Vorsätze-Machen ein Kommerz und gesellschaftlicher Druck geworden ist, dem ich nichts abgewinnen kann.

2015 war für mich ein Jahr mit vielen Freuden, insbesondere sei dabei die Geburt unseres Sohnes erwähnt, aber auch mit dem wachsenden Kennenlernen meiner Grenzen, was mir nicht immer gefällt. Wie kaum zuvor habe ich gemerkt, wie tief die Selbsterkenntnis und die Gotteserkenntnis zusammenhängt. Je besser ich mich selbst kennenlerne mit all den Abgründen des Herzens, desto größer wird mir die Erlösung, die Jesus für mich vollbracht hat.

Im neuen Jahr hoffe ich, dass ich wieder etwas häufiger zum Bloggen komme. Das ist – wie gesagt – kein Vorsatz, auch keine Gewohnheit, sondern auch hier ein Wunsch. Meine Themen, die ich weiter vertiefen möchte, sind auf der einen Seite biblische Männlichkeit und Weiblichkeit, Vaterschaft (und Mutterschaft), dann wird mich die Frage umtreiben, was Gott zum Thema der Nation denkt (eine ganze Menge Positives!) und ebenso werde ich auf dem Zweitblog „Glauben Verstehen“ weiterhin versuchen, den christlichen Glauben zu verstehen, erklären und verteidigen. Falls jemand es auf dem Herzen hat, mich in diesen Themen zu unterstützen, bin ich für Vorschläge offen, werde aber nichts von Vornherein garantieren.


Freitag, 24. April 2015

Belle Gibson, ein Shitstorm und eine Lehre für Evangelikale

Ein kompliziertes Leben, ganz authentisch, ganz menschlich wie du und ich, ein Leben mit Schmerzen, Krankheit und allem, was dazugehört. Ihr Wunsch und Ziel: Nur noch kurz die Welt retten.

Wenn der Zweck das Mittel heiligt
2013 wurde die australische Bloggerin über Nacht berühmt, weil sie behauptete, sie habe sich selbst von einem Hirntumor und einer ganzen Liste anderen unheilbaren Krebsarten geheilt – und zwar mit einer Diät und alternativen Heilmethoden. Sie wollte andere dazu bringen, etwa darauf zu achten, glutenfreie Nahrungsmittel zu kaufen und auf andere Dinge wie Koffein zu verzichten.

Mit einer Smartphone-App und einem dazugehörigen Kochbuch konnte sie ein ganzes Wellness-Imperium aufbauen. Sie behauptete mehrmals, dass sie 300'000$ für einen gemeinnützigen Zweck gespendet habe (das Geld kam jedoch bei den genannten Organisationen nie an).

Einige Leute haben sich an ihre Tipps gehalten, um ihre eigenen Krebserkrankungen zu bekämpfen. Sie ließen sich nicht bestrahlen, sondern machten die Diät nach Gibson und dazu ihre alternativen Heilmethoden. Im Februar diesen Jahres erlag eine Patientin ihrer Krankheit, weil sie sich der üblichen Krebsbekämpfung verweigerte und sich stattdessen an Gibsons Empfehlungen hielt.

Nach einigem Hin und Her, zahlreichen gelöschten Blogposts und manchem Hickhack mehr stellte sich nun heraus: Belle Gibson war niemals an Krebs erkrankt, noch hatte sie eine Ahnung, was Krebs bewirkt. Aber sie hatte es ja nur gut gemeint, sie war so voller Leidenschaft für die gesunde Ernährung. Sie war so sehr von ihrem guten Ziel überzeugt, dass sie das Erfinden einer falschen Geschichte für gerechtfertigt sah.

Ein Shitstorm, für den ich dankbar bin
Was sich darauf ereignete, ist schnell gesagt: Es gab in den sozialen Medien einen recht großen Shitstorm. So bezeichnet man ein Sturm der Entrüstung, der online und sehr unberechenbar über jemanden oder etwas heraufzieht. Solche Shitstorms sind etwas Zwiespältiges, denn die User, die mitmachen, schaukeln sich gegenseitig hoch und sehr häufig ist da viel Hass zu spüren. Auch ist der Shitstorm eine neue Art der Selbstjustiz, die eine Person vor ihrer tatsächlichen Verurteilung schon wirtschaftlich und sozial ruinieren kann.

Aber was sagt uns dieser Shitstorm im Fall von Belle Gibson? Wir haben es mit einer Generation zu tun, der die Wahrheit wichtig ist. Die junge Generation ist nicht einfach gleichgültig der Wahrheit gegenüber. Sie will sich nicht verarschen lassen nach dem Motto „Wahrheit ist immer subjektiv“. Und weil ich diese neue Suche nach der Wahrheit schon länger feststellen kann, bin ich auch diesmal wieder dankbar für die Erinnerung daran.

Was lerne ich als Evangelikaler daraus?
Zum Schluss möchte ich noch etwas mitnehmen für mich als einfacher, evangelikaler Christ. Als erste Überschrift habe ich das Schlagwort gewählt „Wenn der Zweck das Mittel heiligt“. Belle Gibson hatte ein Anliegen, und zwar eines, das ich in Grundzügen gut finde. Sie setzt sich dafür ein, dass Menschen lernen, sich gesünder zu ernähren. Dabei lehne ich einige Inhalte ihrer Lehre ab, etwa ihre Glutenophobie und Laktosephobie oder auch die ayurvedischen Praktiken, die aus der traditionellen hinduistischen „Medizin“ stammen. Aber grundsätzlich finde ich es gut, dass sie sich für ihr Anliegen, nämlich die gesunde Ernährung, einsetzt.

Ihr Problem ist jetzt, dass für sie bei so einem guten Zweck die historische Wahrheit plötzlich zur Nebensache wird. Ihr Sendungsbewusstsein erlaubt ihr plötzlich, Geschichten zu erfinden, die die Menschen bewegen. Und hier sehe ich eine Parallele zu einem Phänomen, das ich im Evangelikalismus schon häufig beobachtet habe. Es gibt eine ganze Reihe von Geschichten, die gerne erzählt und per Mail verschickt oder auf Facebook gepostet werden, die historisch gesehen nicht nachweisbar sind. Es sind viele frei erfundene Geschichten, meist tragen sie am Ende „Autor unbekannt“. Wo „Autor unbekannt“ steht, bin ich immer sofort skeptisch. Warum soll ich eine Geschichte lesen, die historisch nicht verifizierbar ist? Besonders beliebt sind etwa „Geschichten“ von John Wesley. Ich kann mir kaum etwas vorstellen, was ihm nicht hätte passiert sein sollen.

Ich lese gerne gute Romane. Etwa von George Orwell „1984“ und andere. Dort steht vorne drauf nicht nur der Autor, sondern noch ein weiteres Wort, nämlich „Roman“. Dann weiß ich: Das Buch ist frei erfunden. Es erhebt nicht den Anspruch, wahr zu sein. Wo das aber nicht drauf steht, sondern von realen Menschen erzählt, sollte man davon ausgehen können, dass die Sache stimmt und sich deshalb auch nachprüfen lässt. Doch häufig sind es solche Romane, die nicht als Romane gekennzeichnet werden, die uns da wieder und wieder vorgesetzt werden.

Mir tut da die junge Generation leid. Sie sucht die Wahrheit, will wissen und verstehen können, was tatsächlich passiert ist. Die Bibel ist historisch wahr, nicht nur auf irgendeine „geistlich-mystische“ Art. Sie lässt sich nachprüfen und verstehen. Leider werden unserer neuen Generation heutzutage häufig mehr Romane und Belle-Gibson-Märchen aufgetischt als die eine, reine, historisch verifizierbare Wahrheit der Bibel.

Mittwoch, 18. März 2015

#Blockupy, Martin Heidegger und ein Blick in die Geschichte

Heute findet in Frankfurt die Einweihung des neuen EZB-Gebäudes statt. Parallel dazu wurden mehrere Demonstrationen angemeldet. Durch Zweiteres ist nun ganz Frankfurt und ein großer Teil der Umgebung lahmgelegt. Autos von der Polizei und von Anwohnern werden angezündet. Bereits eine Stunde nach dem offiziellen Beginn der ersten „Demo“ wird ein Polizist von einem geworfenen Stein verletzt. Ganze Straßensäume werden von den Pflastersteinen befreit, damit die „Demonstranten“ genügend Munition haben. Kurz gesagt: Es herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände.

Ich bin dankbar, in einer westlichen Demokratie leben zu dürfen. Ich bin dankbar für das Versammlungs- und Demonstrationsrecht. Ich bin dankbar für das Streikrecht. Ich bin dankbar für die Meinungsfreiheit, die wir haben. Womit ich ein Problem habe, ist etwas anderes: Wenn dies missbraucht wird. Es ist eine Sache, sich politisch zu betätigen oder eine Demo zu organisieren, oder auch an einem Streik um gerechtere Löhne teilzunehmen. Doch zunehmend wird all das missbraucht. Und damit habe ich ein Problem. Die Blockupys missbrauchen das Demonstrationsrecht, um Krawall zu machen, um fremdes Eigentum zu beschädigen und Leib und Leben von anderen Menschen aufs Spiel zu setzen. Sie missbrauchen die Steuergelder, die nötig sind, um 10'000 Polizisten aus ganz Deutschland und 28 Wasserwerfer nach Frankfurt zu bringen und im Einsatz zu haben.

Das Problem ist aber auch, dass diese linksextremistischen gewalttätigen Demos, die in den letzten Jahren stark zugenommen haben, immer mehr Menschen ins andere Lager (politisch gesehen) treibt. Das Chaos und die Gewalt führen dazu, dass die Bevölkerung mehr denn je gespalten wird und sich immer mehr Menschen nach einer starken Regierung sehnt, die alles im Griff hat. Auch die Ungewissheiten im in der internationalen Politik tun das Ihre dazu: Propaganda aus Russland, aus den USA, Veröffentlichungen zu den Geheimdiensten, Finanzkrise in vielen Euro-Ländern, und so weiter. Das ist gefährlicher Wunsch. Um das aufzuzeigen, möchte ich einen kurzen Blick in die Geschichte werfen.

Martin Heidegger ist ein Philosoph, der heute vielen Menschen Angst macht. Er war einer von denen, die sich sehr früh schon der NSDAP angeschlossen hatten und der auch an seiner Universität in Freiburg viel Werbung für diese Partei machte. In den letzten Jahren sind auch immer mehr von seinen „geheimen Tagebüchern“ veröffentlicht worden, die uns belegen, dass er Zeit seines Lebens ein Antisemit geblieben ist und sogar der Meinung war, dass Hitler nicht weit genug gegangen sei.

Ich finde es wichtig, dass wir uns davon keine Angst machen lassen, sondern versuchen, zu lernen, was Heidegger – der ja beleibe kein dummer Mann war – dazu gebracht hat, die nationalsozialistische Bewegung zu unterstützen. Heideggers philosophische Formung hat vor allem im Zeitalter der Weimarer Republik stattgefunden. Das war das erste Mal, dass in Deutschland eine Demokratie bestand. Diese Demokratie war von schwierigen Umständen geprägt: Finanzkrise, Reparationszahlungen, Chaos, schwache Wirtschaft, und so weiter. Es kam bei vielen Leuten eine idealisierte Erinnerung an das Kaiserreich vor dem Ersten Weltkrieg auf: Da gab es tatsächlich wirtschaftlichen Fortschritt, man fühlte sich relativ sicher, es gab trotz einer armen Unterschicht eine recht große wohlhabende Mittelschicht, und so weiter. Das wurde natürlich noch stark idealisiert.

Das war die Zeit, in welcher Heideggers Philosophie entstand. 1927 kam sein Buch „Sein und Zeit“ heraus, mit dem er zum ersten Mal weitherum Bekanntheit erlangte. In diesem Buch machte er noch keine wirklich politischen Aussagen, aber etwas merkt man daran: Er unterschied zwischen dem „eigentlichen“ und dem „uneigentlichen“ Leben. Und seine Meinung war, dass die allermeisten Menschen ihr ganzes Leben lang nur „uneigentlich“ lebten. Man könnte es ungefähr so sagen: Der Mensch, welcher sich durch sein Umfeld bestimmen lässt, lebt uneigentlich. Erst dann, wenn ich mich entscheide, gegen meine Kultur und gegen mein Umfeld meinen eigenen Lebensentwurf zu leben, erst dann habe ich begonnen, eigentlich zu leben. Und jetzt war es für Heidegger ein Problem, dass in der Demokratie diese riesige Menge von uneigentlich lebenden Menschen das Sagen haben sollen.

Etwas Zweites kam hinzu: Heidegger war mit seinem eigenen Leben auch nicht zufrieden. Er wartete lange darauf, dass etwas passiert, was ihm die Berufung gibt, mit seinem eigenen „eigentlichen“ Leben zu beginnen. Und das Eigentliche beginnt für ihn mit einer Revolution. So kam es, als er von der nationalsozialistischen Revolution hörte, dass er sich gedrängt fühlte, auf diese Weise sein „eigentliches“ Leben zu beginnen. In diesem Moment begann er mit einem Verdrängungsprozess, der alles negative ausblendete. Was „seine“ Partei, „seine“ Revolution tat, das war zuerst gut und später irgendwann zu sehr kompromissbereit.

Wenn ich heute Blockupy, Antifa, aber auch neonazistische Aufzüge sehe, so schaudert mich. Wenn unsere Gesellschaft noch weiter gespalten wird, so steht der nächsten Revolution nicht mehr viel im Wege. Wir brauchen keine Revolutionen. Wir brauchen keine Ideologien. Wir brauchen keine leeren Versprechen. Und schon gar keine gewalttätigen Aufzüge. Was wir brauchen, ist Jesus Christus. In Ihm ist die Rettung. In Ihm ist Friede mit Gott, Friede mit uns selbst, Friede mit unseren Mitmenschen zu finden. Martin Heideggers Leben zeigt, was passiert, wenn kluge Menschen ohne Jesus Christus losziehen und die Welt verändern möchten. Was wir heute und schon seit 100 Jahren ernten, ist die natürliche Folge dessen, dass wir die Wahrheit aufgegeben haben. Der Säkularismus frisst seine Kinder. Je länger, je mehr. Herr, erbarme Dich unser! Schenk Erweckung und eine Rückkehr zu Dir!!!

Mittwoch, 26. März 2014

Truth Decay – Die Auflösung der Wahrheit


Über die vergangenen etwa acht Monate hinweg habe ich in unregelmäßigen Abständen und mit zahlreichen Anläufen das Buch „Truth Decay – Defending Christianity against the Challenges of Postmodernism“ von Douglas Groothuis gelesen. Es ist ein wahnsinnig herausforderndes Buch, und manchmal habe ich schon über einen kurzen Abschnitt für Tage oder Wochen zu kauen gehabt. Es ist auf englisch geschrieben, und ich muss vorausschicken, dass es auch sprachlich nicht ganz einfach zu lesen ist. Wer sich aber die Mühe macht und entweder besser englisch kann als ich oder auch ein Wörterbuch zur Seite hat, wird mit den zahlreichen guten Gedanken in dem Buch wahrlich reich belohnt. Groothuis ist von Francis A. Schaeffer beeinflusst, was natürlich aus meiner Sicht für ihn spricht. Man merkt es im Buch nicht nur an den Zitaten von Schaeffer, sondern auch an den glasklaren Gedankengängen, sowie auch an der Deutlichkeit der Sprache und der Liebe zur Kunst. Douglas Groothuis, Truth Decay, InterVarsity Press, 2000, Amazon

In der Einführung (S. 9 - 15) gibt Groothuis einen kurze Einblick in das Thema, sowie einen guten Überblick über den Aufbau des Buches. Er betont mit Angabe von Römer 1, 18 – 20, dass jeder Mensch Gott erkennt, aber zugleich eine natürliche Abneigung gegen diese Erkenntnis hat.

Das erste Kapitel, „Wahrheit in Gefahr“ (S. 17 – 31), handelt von der Wahrheit an sich. Es geht darum, dass in der Geschichte der Menschheit immer davon ausgegangen wurde, dass es Wahrheit an sich gibt. Als die ersten Staaten der USA 1776 ihre Unabhängigkeit ausriefen, konnten sie sich darauf berufen, dass gewisse Wahrheiten selbstverständlich sind, nämlich dass alle Menschen gleich geschaffen wurden, dass sie von ihrem Schöpfer mit bestimmten unveräußerlichen Rechten ausgestattet wurden, wie zum Beispiel Recht auf Leben, auf Freiheit und Streben nach Glück. Mit Richard Rorty und dem Postmodernismus jedoch kommt ein neuer Ton auf: Man müsse die Vorstellung hinter sich lassen, dass es Wahrheit gebe, die für alle Menschen gleichermaßen gültig sei. Diese Vorstellung sei auch in den Evangelikalismus eingedrungen, wo man vor diesen neuen Sichtweisen der Postmoderne kapituliert habe.

Das zweite Kapitel, „Von der Moderne zur Postmoderne“ (S. 32 – 59), beschäftigt sich noch näher mit der geschichtlichen Entwicklung. Die Geschichte wird zuerst von der Vormoderne zur Moderne, danach von der Moderne zur Postmoderne aufgezeigt. Dieser Schritt ist gar nicht so leicht zu beschreiben. Ist jetzt die Postmoderne eine Abkehr von der Moderne oder ist sie einfach der nächste logische Schritt, also gewissermaßen das grenzenlose Ausleben dessen, was als Same bereits in der Moderne angelegt war? Vermutlich beides zugleich. Für Vertreter der Postmoderne ist alles, was gesagt wird, lediglich eine leere Worthülse, die keine objektive Bedeutung hat, sondern von jedem Menschen selbst mit Inhalt gefüllt werden muss. Ein Text kann nicht mehr verstanden werden, weil man nie weiß, womit der Autor seine Worte in seiner eigenen Vorstellung verknüpft hatte. Da diese Sichtweise sich in der Gesellschaft etabliert, verliert die Geschichte ihre Bedeutung. Es gibt keine Geschichte mehr, sondern nur ganz viele Geschichten, so viele, wie es Kulturen oder gar Menschen gibt. Der Verlust der Geschichte geht einher mit dem Verlust der Identität, alles wird gleich gültig und damit auch gleichgültig.

Im dritten Kapitel, „Die biblische Sicht der Wahrheit“ (S. 60 - 82), kommt die Bibel zum Zug. Hier wird eine biblische Sichtweise von der Wahrheit entwickelt, die ich als sehr wohltuend im Chaos dessen empfand, was in den vorangegangenen Kapitel beschrieben wurde. Verschiedene hebräische und griechische Wörter für „Wahrheit“ werden untersucht, ebenso die Stellen, an denen sie auftreten, und Groothuis kommt zu acht wichtigen Schlussfolgerungen: Erstens, Wahrheit ist von Gott offenbart, sie wird nicht konstruiert oder erfunden von Individuen oder Gesellschaften. Zweitens, objektive Wahrheit existiert und ist erkennbar. Gott ist die Quelle der objektiven Wahrheit über sich selbst und seine Schöpfung. Drittens, christliche Wahrheit ist absolut in ihrem Wesen. Sie ist es ohne Ausnahme. Viertens, Wahrheit ist universell, das heißt, sie ist überall anwendbar, sie beschäftigt sich mit allem und schließt nichts aus. Fünftens, die Wahrheit von Gott schließt sich nicht an Trends an. Sechstens, Wahrheit ist ausschließend, spezifisch und gegensätzlich. Für jedes theologische „Ja“ gibt es eine Million „Neins“. Siebtens, Wahrheit ist systematisch und einheitlich. Wahrheit ist eins, so wie Gott eins ist. Achtens, Wahrheit ist ein Ziel, und kein Zweck zu einem Ziel. Sie soll um ihrer selbst willen gewollt und gesucht werden. Ein wahrlich wohltuendes Kapitel!

Im vierten Kapitel, „Die Wahrheit über die Wahrheit“ (S. 83 – 110), beschreibt Groothuis die heutige Schwierigkeit, überhaupt von Wahrheit zu sprechen. Der Postmodernismus kennt auch Konzepte von der Wahrheit, die allerdings nichts mit der biblischen Sicht zu tun haben. Der Autor stellt fest, dass er bei einer Veranstaltung zum Thema „Spiritualität“ herausfand, dass er mit einer Muslima mehr gemein hatte als mit den meisten übrigen Besuchern. Obwohl sie sich darin unterschieden, WAS denn nun die Wahrheit sei, waren sie sich doch einig, DASS es tatsächlich objektive Wahrheit gibt. Wichtig ist in diesem Kapitel der Abschnitt über die postmoderne Sicht von Sprache und Wahrheit. Der Postmoderne betrachtet die Sprache als Konstrukt einer Gesellschaft und zugleich als Konstrukt des Individuums. Auf diese Weise gibt es keinen gemeinsamen Boden mehr, auf dem man sich objektiv verständigen kann. Zugleich betrachtet der Postmoderne auch das Wort „Wahrheit“ mit kritischem Blick, weil er denkt, dass dieses Wort zu lange missbraucht worden sei, um Menschen zu unterdrücken.

Das fünfte Kapitel, „Die postmoderne Herausforderung an die Theologie“ (S. 111 – 138), handelt von den Schwierigkeiten, die das postmoderne Denken in Bezug auf die biblische Wahrheit macht. Sehr gut finde ich die Feststellung von Groothuis, dass auch die Poesie theologische Aussagen macht. Sie ist nicht nur dazu da, um unsere Gefühle zu bewegen, sondern (und gerade) auch, um theologisch korrekte, wahre Feststellungen zu machen. Christus gehört jeder Quadratmeter des Universums, deshalb sind die Aussagen der Bibel auch nicht nur für die Menschen innerhalb der christlichen Gemeinschaft, sondern sie gelten allen Menschen universell. Die Bibel ist Offenbarung der Wahrheit, weshalb sie das Medium ist, durch welches jede Gesellschaft, jede Theorie und jede Aussage geprüft werden muss. Auf der einen Seite muss da die Abwehr gegen die Moderne sein, die versucht hat, die göttliche Offenbarung dem Verstand zu unterwerfen, zugleich aber auch die Abwehr gegen die Postmoderne, welche das Vorhandensein der universellen Wahrheit leugnet.

Im sechsten Kapitel, „Postmoderne und Apologetik“ (S. 139 – 160), kommt Groothuis auf sein wichtiges Anliegen der Apologetik zu sprechen. Es geht um die Frage: Wie können Christen in der postmodernen Welt die biblische Weltanschauung verteidigen? Zunächst müssen wir sehen, dass Jesus Christus von seinen Nachfolgern verlangt, bestimmte Wahrheiten zu glauben, ihnen zuzustimmen und sich selbst Christus als Gott hingeben und anvertrauen. Dafür braucht man bestimmte Dinge zu wissen. Manche davon können aus der Natur und dem eigenen Gewissen (s. Römer 1 und 2) abgeleitet werden. Andere kommen aus der göttlichen Offenbarung in der Bibel. Auf jeden Fall können diese gesehen, gehört, festgestellt, verstanden und akzeptiert werden. Wir brauchen nicht davor zurückzuschrecken, dass die Bibel voll von übernatürlichen Wundern ist, weil unser Anfangspunkt nicht der Mensch in seiner begrenzten Erfahrung ist, sondern der übernatürliche, allmächtige und allwissende Gott.

Dies wird im siebten Kapitel, „Apologetik für Postmoderne“ (S. 161 – 186), breiter ausgeführt. Zu Beginn weist Groothuis auf die Gefahr hin, „relevant“ sein zu wollen. Er betont, dass wir eher darauf achten sollten, uns mit der Kultur und dem Denken den Menschen (kritisch) auseinanderzusetzen, als zu versuchen, möglichst relevant zu erscheinen. Wenn die Welt voll von Künstlichkeit, kultureller Trivialität und billigen, nichtssagenden Worten ist, müssen wir, um Salz und Licht in dieser Welt zu sein, Worte sagen und schreiben, die Gewicht und Bedeutung haben, „Worte, die auf die unerschütterlichen, aber anwendbaren, Wahrheiten von Gottes Reich hinweisen.“ (S. 164) Wir müssen auch sagen, was alles die biblische Wahrheit NICHT lehrt, und wo sie im Gegensatz zu anderen Sichtweisen steht. Wichtig ist auch, dass wir sehen, dass die Gesetze der Logik für alle Menschen gleichermaßen gültig sind. Jede Weltanschauung muss mit den Gesetzen der Logik geprüft werden. Es kann nicht dasselbe gleichzeitig gültig und ungültig sein. Auf die Theorie des Postmodernismus angewandt, bedeutet dies zum Beispiel, dass die Aussage „jede Wahrheit ist nur ein Konstrukt“ auch auf diese Aussage angewandt werden muss, womit die gesamte Theorie in sich zusammenfällt. Warum schreiben Postmodernisten Bücher und lassen diese auch drucken und verlegen, wenn sie meinen, dass Bücher vom Leser nicht verstanden werden können? Der Postmodernismus versagt darin, ihre Aussagen auf sich selbst anwenden zu können und zeigt damit, dass er unfähig ist, irgend etwas in dieser Welt zu erklären.

Das achte Kapitel, „Ethik ohne Realität, postmoderner Stil“ (S. 187 – 210) befasst sich mit der Frage, was der Postmodernismus zur Ethik zu sagen hat. Wenn es keine objektive Wahrheit gibt, kann es dann überhaupt irgend etwas geben, was moralisch richtig oder falsch ist? Der Postmoderne muss – wenn er von moralisch richtigen und falschen Entscheidungen sprechen will – stets auf das abendländisch-christliche Fundament der Wahrheit zurückgreifen. Richard Rorty ist hier zum Beispiel sehr inkonsequent und meint, dass man innerhalb seiner moralischen Tradition bleiben und diese verteidigen solle. Er denkt, dass jede Gesellschaft ihre eigene Moral definieren solle, aber keine ihre eigenen Standards von anderen erwarten könne. Ganz anders Michel Foucault: Er war als konsequenterer Postmoderner für den absoluten Anarchismus. Für Foucault war jede Wahrheit und jede Moral die Quelle der Unterdrückung Anderer. So gesehen ist die Forderung nach Abschaffung aller Gesetze, Regierungen und so weiter, nur der nächste logische Schritt für den Postmodernen. Woher aber Foucault wissen kann, dass es tatsächlich ein guter Schritt sein soll, bleibt im Dunkel. Auch der Postmoderne braucht Maßstäbe, um „gut“ und „falsch“ zu unterscheiden – und widerspricht damit seiner Weltanschauung.

Im neunten Kapitel, „Rasse, Geschlecht und Postmoderne“ (S. 211 – 238), führt Groothuis das Konzept der Minderheiten in der Theorie des Postmodernismus aus. Der Postmoderne betrachtet – wie bereits gesagt – das Konzept der Wahrheit als Mittel, um Minderheiten zu unterdrücken. Dass dies zum Teil so geschehen ist, kann niemand leugnen. Es ist die traurige Wahrheit, dass im Namen der Wahrheit ganze Völker ausgebeutet und eliminiert wurden. Dennoch darf man nicht übersehen, dass die Aufhebung der Sklaverei in den USA auf das Wirken von Christen initiiert wurde. Und so ist es auch wichtig, dass wir das biblische Konzept der Gottesebenbildlichkeit aller Menschen nutzen, und klarstellen, dass allen Menschen dieser Wert zugesprochen werden muss, weil er von Gott gewollt und geschaffen ist. Auch wenn ich den Ausführungen von Groothuis zu seiner gleichmacherischen („egalitarian“) Sichtweise in Bezug auf Mann und Frau nicht zustimmen kann, ist dieses Kapitel dennoch eine große Ermutigung zur Überwindung von Rassismus und Unterdrückung in jeder Form.

Das zehnte Kapitel, „Wahre Schönheit – die Herausforderung an die Postmoderne“ (S. 239 - 262), ist für mich persönlich der Höhepunkt des Buches. Besonders da ich seit Langem denke, dass in unserem Evangelikalismus der Kunst ein viel zu geringer, oft auch belächelter oder gar abgelehnter Platz zugewiesen wird, bin ich den Ausführungen von Groothuis mit großer Freude gefolgt. Dies ist mit ein Kapitel, in dem deutlich wird, wie stark der Autor von Francis Schaeffer beeinflusst ist, nicht nur, indem er Schaeffers Buch „Art and the Bible“ mehrfach zitiert, sondern besonders auch, indem er Schaeffers Gedanken aufgreift und sie selbständig weiterdenkt. Er gibt uns eine biblische Sicht auf die Kunst, die uns hilft, alle Kunst zu beurteilen. Da jedes Medium eine Botschaft an sich enthält, muss auch diese Botschaft geprüft werden. Und dass Kunst ein Medium ist, welches Inhalte übermitteln möchte, wird wohl kaum jemand bestreiten können. Groothuis gibt uns sieben wertvolle Gedanken zur Kunst:
1. Gott schuf die Welt nach Seinem Willen und Design und erachtete sie als „gut“ - bereits bevor der Mensch geschaffen war. Ästhetik ist in dem Sinne nichts individuelles, sondern von Gott erfunden und zu Seiner und unserer Freude.
2. Gott schuf den Menschen nach Seinem Bild – als Haushalter und „Miterschaffer“ unter Gottes Befehl.
3. Es gibt gute Gründe dafür, dass Gott auch am ästhetisch (objektiv) Schönen Freude hat.
4. Die Tragödie kam in die Welt, als die Menschen von der Schlange verführt wurden. Dennoch bleibt der Mensch nach wie vor im Ebenbild Gottes geschaffen und kann so auch Dinge erfinden und erschaffen. Doch auch die guten, von Gott gegebenen, Gaben können missbraucht und gegen den Schöpfer und die Schöpfung eingesetzt werden durch die Sünde.
5. In der Ästhetik scheint die Transzendenz Gottes dennoch manchmal durch.
6. In der Schönheit, mit der die Stiftshütte damals und später der Tempel gebaut werden musste, zeigt sich Gottes Anliegen für die ästhetische Schönheit. Objektiv künstlerischer Wert wurzelt in Gottes Inspiration für dieses Werk. Sogar die Bauleute wurden noch besonders gesalbt für die Schönheit ihrer Arbeit.
7. Ein biblisches Verständnis der Kultur gründet sich darauf, dass die künstlerischen Gegenstände in der zukünftigen Welt gereinigt und transformiert sein werden. Dies sieht Groothuis zum Beispiel in Jesaja 60,5 begründet, wo mitten im Kapitel über die himmlische Stadt davon die Rede ist, dass der „Reichtum der Nationen“ dort sein wird.

Das elfte und letzte Kapitel, „Der Fixpunkt in einer postmodernen Welt“ (S. 263 – 280), handelt davon, dass in einer Welt, in der sich alles bewegt, der einzige Fixpunkt die Wahrheit der Bibel sein kann. Groothuis zitiert Blaise Pascals „Pensées“, wo dieser davon schreibt, dass wenn jeder sich in Richtung des Verderbens bewegt, sich niemand zu bewegen scheint, doch sobald jemand aufhören würde, so erscheine er allen anderen plötzlich als der Fixpunkt. Hier sieht Groothuis die Aufgabe des Christen. Er muss sich auf die Suche nach der Wahrheit machen und dann in Liebe die Konfrontation suchen. Es sei wichtig, dass wir die Lehre von der Berufung wieder entdecken würden. Die Leute würden von ihren „geistlichen Lebensstilen“ und „religiösen Vorlieben“ sprechen, statt von ihren von Gott festgelegten Pflichten, Verantwortlichkeiten und Privilegien. Der Mensch steht im Zentrum statt Gott. Die Lehre von der Berufung besagt, dass es keine Aufteilung zwischen dem Heiligen und dem Weltlichen gibt. Für den Christen ist sein ganzes Leben heilig. Christen sollen ihre Gaben entdecken und diese zu Gottes Ehre verstärken oder verbessern. Dadurch sollen wir eine große Freude entwickeln und es als Abenteuer sehen, nach Gottes Willen zu leben.

Im Appendix, „Fernsehen – Vertreter der Wahrheitsauflösung“ (S. 281 – 295), folgt eine Medienkritik im Stil von Marshall McLuhan, welcher dort auch mehrmals zitiert wird. Warum hilft das Fernsehen, die Wahrheit aufzulösen? Zunächst deshalb, weil im Fernsehen das Bild mehr Kraft hat als das Wort. Das Bild beherrscht das Fernsehen. Es bringt viele Eindrücke an den Sehenden heran, zu viele, um sie alle verarbeiten zu können, und zu schnell, um dies zu tun. Fernsehen manipuliert den Sehenden immer. Es gibt ihm das Gefühl, ein Geschehen miterlebt zu haben, obwohl er nur eine manipulierte – gekürzte und somit veränderte – Version davon gesehen hat. Fernsehen führt zu einer Auflösung der menschlichen Identität. Der Mensch ist nicht mehr selbst derjenige, welcher die Situation beurteilen kann, sondern ein anderer hat sie zuvor schon beurteilt und schickt dem Zuschauer die bereits beurteilte und so veränderte Version ins Haus. Nicht zuletzt bringt das Fernsehen dem Menschen auch eine gefälschte Welt ins Haus, in der alles fragmentiert (aufgesplittert) ist. Zudem fordert es vom Zuschauer, immer „up to date“ zu sein, und nimmt ihm dadurch Zeit, um sich tatsächlich mit der Wahrheit auseinanderzusetzen. Groothuis empfiehlt jedem, eine Zeitlang Fernseh-Fasten zu machen (mindestens eine Woche lang) und sich dabei zu überlegen, was sich in der Zeit für ihn ändert. Da ich sowieso kein Fernsehen habe, überlege ich mir, dies mit dem Internet zu machen.

Das Buch ist sehr lesenswert. Es braucht – wie eingangs geschrieben – eine gewisse Zeit zum Verdauen, aber das ist es mehr als Wert. Da das Buch 2000 geschrieben wurde, nimmt das Internet nur sehr geringen Platz ein. Ich würde mir wünschen, dass dies in einer erweiterten Ausgabe auch noch aufgenommen würde. Insbesondere der Wandel von Web 1.0 zu Web 2.0 hat auch in unserer Gesellschaft große und spürbare Veränderungen hinterlassen. Außerdem vermisse ich ein Literaturverzeichnis. Die Bücher sind in den Fußnoten beim ersten Auftreten vollständig angegeben, aber das Fehlen des gesamten Verzeichnis macht das Suchen etwas umständlich. Oder bin ich da schon zu faul und postmodern?

Wer sich mit dem Thema der Postmoderne oder dem Bezeugen der biblischen Wahrheit in unserer Zeit beschäftigt, dem möchte ich das Buch ans Herz legen.

Dienstag, 26. April 2011

Grundlagen menschlichen Denkens

In einer Zeit wie der unsrigen heute, in welcher die Absolutheit der Wahrheit überhaupt immer mehr in Frage gestellt wird, müssen wir uns einmal mehr mit der Frage befassen, was überhaupt Wahrheit ist und wie sie gewonnen wird. Letzten Endes glaubt jeder Mensch irgendwie, dass Wahrheit etwas sein muss, das existiert. Also: Es muss etwas geben, das wahr ist. Wer behaupten will, dass es keine absolute Wahrheit gibt, dürfte nicht einmal mehr an einfachen mathematischen Wahrheiten festhalten wie zum Beispiel diejenige, dass 1 + 1 = 2 ist. Weiter dürfte eine solche Person auch nie jemand anderem vorhalten, eine Unwahrheit zu vertreten, denn dann müsste diese Person absolut jeden Maßstab zur Findung der Wahrheit ablehnen. Spätestens jetzt wird klar, dass jeder Mensch irgend einen solchen Maßstab hat, nach welchem sein Denken arbeitet. Dieser Maßstab kann je nach Erziehung, Prägung, individueller Erfahrung unterschiedlich sein. Dies führt dazu, dass unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen oft auch nach Maßstäben leben und denken, die einander entgegengesetzt sind. Was aber allen Menschen gemeinsam ist, das ist die Überzeugung, dass es einen solchen Maßstab gibt. Jeder Mensch, auch wenn er das nicht weiß, selbst dann, wenn er abstreitet, dass es so sei, lebt nach irgend welchen Maßstäben. Dieses Leben nach Maßstäben ist allen Menschen gemeinsam. Noch etwas Weiteres ist allen Menschen dieser Welt gemeinsam: Sie alle können (tun es nicht automatisch, aber haben die Möglichkeit dazu) über diese Maßstäbe nachdenken, sie reflexieren. Diese Fähigkeit unterscheidet den Menschen von der übrigen Natur. Ein Tier handelt auch nach Maßstäben (Instinkten) und hat sogar die Möglichkeit, durch Lernen diese Maßstäbe zu verändern, aber es kann nicht darüber nachdenken, warum es so handelt und wodurch diese Maßstäbe bedingt sind.

Da wir aber diese Fähigkeit zur Reflexion besitzen, sind wir Menschen auch echte Persönlichkeiten. Ich möchte den Gedanken mal folgendermaßen zu fassen versuchen: Charakter ist nicht gleich der Persönlichkeit. Tiere haben einen Charakter, der Charakter von verschiedenen Tieren derselben Art wird durch unterschiedliche Erfahrungen (Lernen ist immer eine Erfahrung) geprägt. Ein Tier kann ängstlich, neugierig, etc. sein. Den Begriff Persönlichkeit möchte ich so definieren, dass zum individuellen Charakter noch die Möglichkeit zur Reflexion hinzu kommt. Wenn man von gewissen atheistischen Aussagen ausgeht, nämlich dass alles Entstandene nur Energie + Zeit + Zufall sein soll (Materie ist schließlich verdichtete Energie), dürfte kein Mensch die Möglichkeit zu dieser Reflexion haben. Es müsste schlichtweg verboten werden, das zu können. Was nicht sein kann, darf ja auch gar nicht sein. Da wir aber diese Fähigkeit dennoch besitzen, sollten wir uns mal auf die Suche machen, woher sie kommen kann. Ich habe mich auf diese Suche gemacht und bin zu dem einen Ergebnis gekommen, dass es nur eine einzige Lösung gibt für diese Frage. Wenn man all die Denkweisen und „Systeme“ mal konsequent zu Ende denkt, kommt man letztendlich immer zum Schluss, dass es nicht sein kann, also nicht sein darf, dass wir diese Möglichkeit der Reflexion haben.

Das absolut einzige „System“, das uns eine befriedigende Antwort geben kann, das ist und bleibt die Bibel. Sie sagt nämlich, dass Gott den Menschen in Seinem Bild und nach Seiner Ähnlichkeit geschaffen hat. Sie sagt weiter, dass Gott auch Raum und Zeit geschaffen hat. Er, der allwissende Gott, hat unser Weltall mit der Erde in ihren vier Dimensionen geschaffen, und steht somit außerhalb von ihr. Da Gott allwissend ist und außerhalb von Raum und Zeit steht, besitzt Er somit die unendliche Ausprägung der Persönlichkeit. Während wir Menschen im Lernen darum ringen, mehr Wissen über uns selbst, über Gott, über unsere Welt, und so weiter zu bekommen, weiß Er zu jeder Zeit alles, was war, was ist, und was noch geschehen wird. Und dieser Gott hat uns Menschen in Seiner Ähnlichkeit geschaffen. Man kann es mit einem Vergleich auszudrücken versuchen: Was der Mensch als Lebewesen in vier Dimensionen schafft, das ist auf drei Dimensionen beschränkt. Ein Computer muss mit WENN-DANN-Schleifen und Ähnlichem programmiert werden. Er funktioniert zwar in vierten Dimension, aber die Abläufe sind immer für einen bestimmten Moment programmiert. Ein Computer kann deshalb nie höher entwickelt werden als sein Programmierer. So braucht auch der Mensch mit seiner Möglichkeit zur Reflexion einen „Programmierer“, der über eine noch höhere Stufe dieser Reflexion verfügt, das ist Gottes Allwissenheit. So ist alles, was wir tun, sagen, denken, schreiben, empfinden, etc. ein Ausdruck unserer Persönlichkeit und damit ein Hinweis auf den lebendigen und persönlichen Gott der Bibel.

Weiter sagt die Bibel auch, dass Gott uns in ihr die Wahrheit gegeben hat. Sie erhebt somit den Anspruch, der wahre Maßstab für unsere Maßstäbe zu sein. Damit klarzukommen ist nicht ganz einfach, denn wer mag es schon, zugeben zu müssen, dass seine Erfahrungen sich nicht mit der absoluten Wahrheit decken? Wer mag es schon, wenn man seine Denk- und Lebensweise in Frage stellt? Letzten Endes kann man aber nur gewinnen, wenn man bereit ist, seine Maßstäbe mal gründlich unter die Lupe zu nehmen. Wenn sie nämlich übereinstimmen, dann bekommen wir umso mehr Gewissheit, wenn sie aber falsch sind, so können wir den Maßstab, nach welchem wir unser Leben ausgerichtet haben, korrigieren.

Nehmen wir als Beispiel mal die Vorgehensweise in der modernen Naturwissenschaft. Die Methodologie in dieser folgt zumeist derjenigen des sogenannten „wissenschaftlichen Realismus“. Diese Theorie geht davon aus, dass alles, was man beobachten kann, wahr sein muss. Mit Beobachten ist natürlich das ganze Spektrum von Sehen, Messen, Erforschen, etc. gemeint. Also nicht nur das Sehen mit dem Auge, sondern der gesamte Bereich des Feststellens. In sich geschlossen, ohne von extern irgendwelche Feststellungen zu nehmen, kann diese Theorie keinen Beweis dafür erbringen, dass sie sich auf dem Boden der absoluten Wahrheit befindet. Rein theoretisch gesehen könnte es auch sein, dass unser ganzes Leben, alles was wir tun und sehen und alle Gespräche mit anderen Menschen, und so weiter, unserer Einbildung entspringen oder uns von außen vorgegaukelt wird. Der wissenschaftliche Realismus ist ein geschlossenes System, ein Kreis ohne Anfang und ohne Ende, und das macht es unmöglich, diese Theorie zu beweisen. Sie kann nur auf die Erfahrung (dass es so funktioniert) und auf die Rationalität, also den Gebrauch des Verstandes, hinweisen. Ohne eine höhere Autorität anzuerkennen, die über dieser Theorie steht, ist sie unbeweisbar. Die Erfahrung eines Wissenschaftlers, der sich innerhalb dieses Kreises befindet, sowie der Gebrauch seines Verstandes, der sich ja ebenso darin befinden muss, kann und darf er deshalb nicht als Beweis heranziehen.

Was wir also brauchen, das ist ein festes, unerschütterliches Fundament dafür, dass

a. Wahrheit etwas ist, was es tatsächlich gibt,
b. Diese Wahrheit gefunden werden kann und
c. Der Mensch die Voraussetzungen hat, diese Wahrheit zu finden.

In Johannes 17, 17 sagt Jesus in Seinem Gebet: Dein Wort ist Wahrheit. Wenn wir also überzeugt sind, dass wir Gottes geschaffene Kreatur sind, und zwar nach Gottes Ebenbild als Persönlichkeiten mit der Fähigkeit zur Reflexion, dann sagt uns Gott weiter, dass Er uns die Wahrheit gegeben hat in Seinem Wort. Somit ist die Bibel als Gottes Wort die Wahrheit. Doch erst dann, wenn wir das erkannt haben, nämlich dass es so ist, haben wir erstens das Fundament für den Punkt a., nämlich dass es Wahrheit gibt und zweitens den Maßstab für diese Wahrheit. Wenn wir also die Lehre, dass wir von Gott als Persönlichkeiten geschaffen wurden, als wahr erkannt haben, so sollten wir uns nicht scheuen, auch den zweiten Teil, nämlich dass Gottes Wort der Maßstab für alle Wahrheit ist, als korrekt anzuerkennen. Dies erst gibt dem Menschen die echte Legitimation für wissenschaftliche Forschung. Da uns Gottes Wort in schriftlicher Form übergeben ist, steht auch der positiven Beantwortung des Punktes b. nichts mehr im Wege. Die Bibel als solche ist der Maßstab für alle wissenschaftliche Erkenntnis. Das hat natürlich Konsequenzen. Die Wissenschaft ist dadurch zum Ersten ethisch an bestimmte Richtlinien gebunden, die noch zu erörtern wären. Zum Zweiten muss sich alle Erkenntnis in ihrem Inhalt an der Gesamtheit der Bibel messen lassen. Auch dies muss an anderer Stelle noch genauer geklärt werden.

Welches sind denn nun die Voraussetzungen, um die Wahrheit zu finden? Die wichtigste Voraussetzung haben wir auch schon benannt, nämlich die Bereitschaft, alle neue Erkenntnis an Gottes Wort zu messen. Da Gott außerhalb des Raum-Zeit-Schemas steht, weiß Er zu jeder Zeit alle Wahrheit voll und ganz. Deshalb ist das Phänomen Prophetie möglich (Gott spricht im Voraus durch Menschen Dinge, die in Raum und Zeit erst später stattfinden werden). Genau so verhält es sich auch mit wissenschaftlichen Aussagen. Gott kennt alle Naturgesetze, alle Begebenheiten, alle Erfindungen, Entdeckungen und Erkenntnisse schon im Voraus. Die Bibel will als solche nicht ein wissenschaftlich aufgebautes systematisches Lehrbuch sein, aber ihre Aussagen widersprechen der wissenschaftlichen Wahrheit nie. Deshalb sind Theorien, die der Bibel entgegenstehen, zu verwerfen. Sie sind wie Kartenhäuser jedem Lufthauch ausgeliefert. Ich bin dem Herrn Jesus dankbar, dass Er Selbst eigenhändig dafür sorgt, dass die Naturgesetze in Kraft bleiben, solange diese Erde noch besteht (Kolosser 1, 16 – 17). Dafür gebührt Ihm alle Ehre. Denn Er ist es, dem wir es verdanken, dass wissenschaftliche Forschung überhaupt möglich ist. Und Er ist der Herr, auch unseres Verstandes!