Donnerstag, 26. November 2015

Buchbesprechung: Welt unter Sechs von Beile Ratut

Ratut, Beile, Welt unter Sechs, Ruhland Verlag Bad Soden, 2015. Link im Verlag / Amazon

Vielen Dank an den Ruhland-Verlag und die Agentur Literaturtest für die Zusendung des Rezensionsexemplars. Mit großem Interesse habe ich das Buch „Welt unter Sechs“ von Beile Ratut gelesen.

Die Autorin Beile Ratut ist Finnin, hat lange Zeit in Frankfurt am Main gelebt und schreibt auf deutsch. Es ist ihr drittes Buch, die zwei anderen habe ich allerdings nicht gelesen. Ich fand es spannend, dass sich eine Frau auf die Suche nach der Antwort auf das Problem der fehlenden Männlichkeit macht. Sie verarbeitet das Thema in drei kurzen Romanen, die jeweils ungefähr 60 Buchseiten umfassen.

Bücher lesen ist etwas, was jeder Mensch aufgrund seiner Prägung unterschiedlich macht. Ich werde deshalb kurz meinen Hintergrund und meine Vorgehensweise erläutern. Wer das langweilig findet, darf diesen Abschnitt gern überspringen. Ich bin ein freikirchlich geprägter und theologisch geschulter Mensch, der sehr gerne liest. Leider komme ich zu selten zum Lesen von Romanen, habe für diese jedoch eine mir eigene Vorgehensweise entwickelt. Ich lese das Buch jeweils dreimal hintereinander, jedes Mal mit einer anderen Frage im Hinterkopf. Dazu mache ich mir Notizen und Unterstreichungen am Buchrand. Beim ersten Durchgang ist meine Frage: „Wie wirkt das Buch auf mich? Welche Geschichte erzählt es? Was will das Buch in mir erreichen?“ Beim zweiten Durchgang frage ich mich: „Wie ist die Weltanschauung des Autors oder der Autorin?“ Dabei geht es um die Fragen nach Herkunft der Welt (Schöpfung), Herkunft des Bösen (Sündenfall) und wie das Gute wiederhergestellt werden kann (Erlösung). Beim dritten Durchgang frage ich mich, welche Fragen oder Probleme die Geschichte anspricht und wie diese beantwortet oder gelöst werden. 

Die drei Geschichten
Die Hauptperson der ersten Geschichte ist ein Pfarrer, 55 Jahre alt, verheiratet, allerdings kinderlos geblieben. Er war ein guter Kommunikator, einer, der die richtigen Worte zu treffen wusste um die Menschen zu trösten; und er liebte seinen Beruf, weil er sich auf diese Weise gebraucht fühlte. Seine Frau hatte sich in den Jahren der Ehe immer weiter von ihm zurückgezogen, sie war oft im Garten. Plötzlich entdeckte der Pfarrer, dass seine Gesichtshaut mit einem riesigen Schandmal „verziert“ war. Er konnte sich nicht mehr sehen lassen, versteckte sich, und hatte dadurch Zeit, sich Gedanken zu machen. Er erkannte nun, dass er nicht wirklich glaubte, was er predigte, und dass auch seine Frau sich nicht einfach so von ihm zurückgezogen hatte, sondern deshalb, weil er sie nie nahe genug an sie herangelassen hatte. Am Ende fanden sie einander, fanden Worte für einander und dann wurde seine Frau auch endlich schwanger.

In der zweiten Geschichte geht es um Heinrich, einen Wissenschaftler, der sich durch seine Forschung einen Namen gemacht hatte. Auch er war verheiratet; doch er hatte einen Sohn. Am Anfang der Geschichte erfährt man, dass der Sohn weggelaufen war. Der Sohn war sehr anhänglich, zart, mitfühlend, lebte ganz in der Welt der Mutter. Heinrich sah das mit Sorge, er wusste nicht, wie Sebastian von der Welt der Mutter in die Welt des Vaters hinüberwechseln sollte. Heinrich hatte das auch ohne Vater lernen müssen; bei ihm war es ein Ritual, das eine Art Vergewaltigung war, die durch andere Schüler des Internats ausgeübt worden war. Mantraartig wiederholt er in der Geschichte, er habe seinem Sohn nichts getan, ihm nur die Hand auf den Kopf gelegt und ihm das „Wissen der Mannbarkeit“ (u. a. S. 65) geschenkt. Schreckerstarrt erfährt der Leser zum Schluss, worin das bestand. Diese Geschichte endet mit dem Versprechen Heinrichs, seinen Sohn zu suchen und nicht aufzuhören, bis er ihn gefunden habe.

In der dritten Geschichte erzählt ein alter Mann, ein Bettler, seine Geschichte. Bei ihm starb der ältere Bruder als er noch ein Kind war. Er selbst führte daraufhin ein sehr unstetes, von vielen Liebschaften und einer Abtreibung geprägtes Leben. Er heiratete sehr spät und hatte sich nach einigen Jahren von seiner Frau entfremdet. Einer seiner Kollegen vergewaltigte die Frau dieses Mannes und er glaubte ihr nicht einmal. Als sie den Kollegen dazu bringen wollte, ihrem Mann seine Tat zu gestehen, rastete der Kollege aus und vergewaltigte sie noch einmal, bevor er sie im Wald bewusstlos schlug, mit Benzin übergoß und verbrannte. Der alte Mann bekam dann in einem Kloster von einem jungen Priester eine Antwort auf die Frage, was es bedeute, an Gott zu glauben. So fand er schlussendlich als alter Mann echten Frieden.

Meine persönlichen Gedanken dazu
Beile Ratut spricht tatsächlich viele wichtige Themen an, die das Mannsein oder Mannwerden ausmachen. Verantwortung tragen, Zeit haben, Ehrlichkeit, sich ganz öffnen, sich verwundbar machen, Sexualität und die Suche danach, der Weg vom Kind zum Mann, und so weiter.

Heinrich, der Vater in der zweiten Geschichte, machte sich Gedanken dazu: „Was sollte aus dem Kind werden? Wer würde ihm helfen, aus der Welt seiner Mutter in die Welt des Mannes zu treten? Wie sollte aus ihm ein Mann werden, der in dieser Wirklichkeit nicht unterging? War es nicht Verrat an seinem eigenen Blut, ihn damit allein zu lassen?“ (S. 77f)

Auch die Unterhaltung – eine der seltenen Passagen in der direkten Rede – in der ersten Geschichte ist wertvoll:
Dann sagte sie vorsichtig: „Ich bin nicht dein Feind – ich bin deine Frau.“
Und ich bin dein Mann“, sagte er, wie um sie daran zu erinnern, welche Ehre ihm gebührte. Doch ihm gebührte keine Ehre.
Ich will dich sehen wie du wirklich bist“, fuhr sie fort. „Aber ich sehe nur einen Mann, der mir ausweicht. Warum machst du das? Kannst du mir denn nicht in die Augen schauen und mein Ehemann sein?““ (S. 49)

So habe ich zahlreiche Absätze im Buch als echt wertvolle Hinweise auf solch wichtige Themen angestrichen. Zugleich stelle ich aber auch kritische (An-)Fragen an das Buch:

1) Der Umgang mit der Sprache. Die Sprache wird häufig gebraucht, um Emotionen aufzubauen. Ratut versucht, Sprache zu verstärken, indem sie Sätze inhaltlich und zuweilen auch äußerlich sinnlos und falsch aufbaut. Das erinnerte mich an die – natürlich falsche – Sichtweise von Friedrich Nietzsche, welcher schrieb:
Überall ist hier die Sprache erkrankt, und auf der ganzen menschlichen Entwickelung lastet der Druck dieser ungeheuerlichen Krankheit. Indem die Sprache fortwährend auf die letzten Sprossen des ihr Erreichbaren steigen musste, um, möglichst ferne von der starken Gefühlsregung, der sie ursprünglich in aller Schlichtheit zu entsprechen vermochte, das dem Gefühl Entgegengesetzte, das Reich des Gedankens zu erfassen, ist ihre Kraft durch dieses übermäßige Sich-Ausrecken in dem kurzen Zeitraume der neueren Civilisation erschöpft worden: so dass sie nun gerade Das nicht mehr zu leisten vermag, wessentwegen sie allein da ist: um über die einfachsten Lebensnöthe die Leidenden zu verständigen.“ (Friedrich Nietzsche, Unzeitgemäße Betrachtungen IV, Kp. 5)
Wie Nietzsche scheint also auch Ratut der Meinung zu sein, dass Sprache weniger Sinn, Inhalt und Information, sondern vielmehr Emotion weitergeben soll. Das macht das Buch jedoch auch deutlich schwieriger lesbar. Deshalb frage ich mich, wen sie zum Zielpublikum machen möchte. Das Buch wird deshalb kaum junge Männer ansprechen, die sich diese Gedanken noch nicht gemacht haben. Lesebegeisterte und nachdenkliche junge Männer, die sich diese Frage auch schon gestellt haben, werden vermutlich auch nicht so viel Neues darin finden.

2) Gibt das Buch Antworten? Ja und nein. Ich vermute, dass Ratut sich das Buch als eine Gesamtkomposition gedacht hat. Drei Geschichten, die aufeinander aufbauen. Durch den Aufbau ergibt sich eine Art Antwort – wobei die Antwort dann im Glauben an Gott zu finden ist. Die einzelnen Geschichten geben für sich allein jedoch keine Antworten und auch kaum Hilfestellung zu einer besseren Lösung.

3) Wo oder wie ist Erlösung zu finden? Hier kommt meine wichtigste Frage an das Buch. Wenn Ratut den Leser dazu führen möchte, durch den Gesamtaufbau des Buches zu erkennen, dass der Glaube zum echten Mannsein gehört (und ich würde ihr darin völlig zustimmen), dann müsste das die letzte Geschichte noch besser herausarbeiten. Wenn sich der (in Glaubensdingen unkundige) Leser fragt, wie er dorthin kommt, ist er am Ende verlassen. Außerdem ergeben die Geschichten – wenn man sie einzeln liest – ein ganz anderes Bild. In der ersten Geschichte könnte man meinen, Malessa (die Frau des Pfarrers) sei am Ende die Erlöserin. Die zweite Geschichte spricht vom Schöpfer der Welt, den Heinrich um Vergebung bitten wolle. Auch hier fehlt eine Menge. Und in der dritten Geschichte findet der Erzähler die Antwort beim Priester im Kloster. Dort lautet sie, an Gott zu glauben, bedeutet: „Verkriech dich in den Fels und halte dich im Staub versteckt vor dem Schrecken des Herrn und vor der Pracht seiner Majestät.“ (S. 180) Keine der drei Antworten, die die drei Geschichten geben, wird den Leser zum Frieden mit Gott bringen. Eine konkretere Antwort zu finden bleibt Sache des Lesers. Auch wenn manchmal Teile der Bibel, etwa das Buch der Psalmen, genannt werden, fehlt der konkrete Hinweis darauf, dass dort die Antwort zu finden ist. Ebenso auch der Hinweis, wie diese Antwort aussieht.

Mein Fazit
Beile Ratut hat ein Kunstwerk geschaffen, das viele gute Dinge anspricht und den Finger wohltuend in manch eine Wunde hält. Dennoch ist es ein Kunstwerk, das manche Fragen offen lässt und auch nicht für jedes Publikum geeignet ist. Man muss zunächst mit ihrem Schreibstil klarkommen. Wie bereits angesprochen besteht das Buch aus fast keinen Dialogen und hat wenig Handlung – das meiste spielt sich in den Köpfen der Personen ab. Man muss damit klarkommen. Ebenso muss man die drei Geschichten am Stück und in der vorgegebenen Reihenfolge lesen, damit man hinter die Geschichten sieht – obwohl jede von völlig anderen Personen und Umständen berichtet.


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