Freitag, 24. April 2015

Belle Gibson, ein Shitstorm und eine Lehre für Evangelikale

Ein kompliziertes Leben, ganz authentisch, ganz menschlich wie du und ich, ein Leben mit Schmerzen, Krankheit und allem, was dazugehört. Ihr Wunsch und Ziel: Nur noch kurz die Welt retten.

Wenn der Zweck das Mittel heiligt
2013 wurde die australische Bloggerin über Nacht berühmt, weil sie behauptete, sie habe sich selbst von einem Hirntumor und einer ganzen Liste anderen unheilbaren Krebsarten geheilt – und zwar mit einer Diät und alternativen Heilmethoden. Sie wollte andere dazu bringen, etwa darauf zu achten, glutenfreie Nahrungsmittel zu kaufen und auf andere Dinge wie Koffein zu verzichten.

Mit einer Smartphone-App und einem dazugehörigen Kochbuch konnte sie ein ganzes Wellness-Imperium aufbauen. Sie behauptete mehrmals, dass sie 300'000$ für einen gemeinnützigen Zweck gespendet habe (das Geld kam jedoch bei den genannten Organisationen nie an).

Einige Leute haben sich an ihre Tipps gehalten, um ihre eigenen Krebserkrankungen zu bekämpfen. Sie ließen sich nicht bestrahlen, sondern machten die Diät nach Gibson und dazu ihre alternativen Heilmethoden. Im Februar diesen Jahres erlag eine Patientin ihrer Krankheit, weil sie sich der üblichen Krebsbekämpfung verweigerte und sich stattdessen an Gibsons Empfehlungen hielt.

Nach einigem Hin und Her, zahlreichen gelöschten Blogposts und manchem Hickhack mehr stellte sich nun heraus: Belle Gibson war niemals an Krebs erkrankt, noch hatte sie eine Ahnung, was Krebs bewirkt. Aber sie hatte es ja nur gut gemeint, sie war so voller Leidenschaft für die gesunde Ernährung. Sie war so sehr von ihrem guten Ziel überzeugt, dass sie das Erfinden einer falschen Geschichte für gerechtfertigt sah.

Ein Shitstorm, für den ich dankbar bin
Was sich darauf ereignete, ist schnell gesagt: Es gab in den sozialen Medien einen recht großen Shitstorm. So bezeichnet man ein Sturm der Entrüstung, der online und sehr unberechenbar über jemanden oder etwas heraufzieht. Solche Shitstorms sind etwas Zwiespältiges, denn die User, die mitmachen, schaukeln sich gegenseitig hoch und sehr häufig ist da viel Hass zu spüren. Auch ist der Shitstorm eine neue Art der Selbstjustiz, die eine Person vor ihrer tatsächlichen Verurteilung schon wirtschaftlich und sozial ruinieren kann.

Aber was sagt uns dieser Shitstorm im Fall von Belle Gibson? Wir haben es mit einer Generation zu tun, der die Wahrheit wichtig ist. Die junge Generation ist nicht einfach gleichgültig der Wahrheit gegenüber. Sie will sich nicht verarschen lassen nach dem Motto „Wahrheit ist immer subjektiv“. Und weil ich diese neue Suche nach der Wahrheit schon länger feststellen kann, bin ich auch diesmal wieder dankbar für die Erinnerung daran.

Was lerne ich als Evangelikaler daraus?
Zum Schluss möchte ich noch etwas mitnehmen für mich als einfacher, evangelikaler Christ. Als erste Überschrift habe ich das Schlagwort gewählt „Wenn der Zweck das Mittel heiligt“. Belle Gibson hatte ein Anliegen, und zwar eines, das ich in Grundzügen gut finde. Sie setzt sich dafür ein, dass Menschen lernen, sich gesünder zu ernähren. Dabei lehne ich einige Inhalte ihrer Lehre ab, etwa ihre Glutenophobie und Laktosephobie oder auch die ayurvedischen Praktiken, die aus der traditionellen hinduistischen „Medizin“ stammen. Aber grundsätzlich finde ich es gut, dass sie sich für ihr Anliegen, nämlich die gesunde Ernährung, einsetzt.

Ihr Problem ist jetzt, dass für sie bei so einem guten Zweck die historische Wahrheit plötzlich zur Nebensache wird. Ihr Sendungsbewusstsein erlaubt ihr plötzlich, Geschichten zu erfinden, die die Menschen bewegen. Und hier sehe ich eine Parallele zu einem Phänomen, das ich im Evangelikalismus schon häufig beobachtet habe. Es gibt eine ganze Reihe von Geschichten, die gerne erzählt und per Mail verschickt oder auf Facebook gepostet werden, die historisch gesehen nicht nachweisbar sind. Es sind viele frei erfundene Geschichten, meist tragen sie am Ende „Autor unbekannt“. Wo „Autor unbekannt“ steht, bin ich immer sofort skeptisch. Warum soll ich eine Geschichte lesen, die historisch nicht verifizierbar ist? Besonders beliebt sind etwa „Geschichten“ von John Wesley. Ich kann mir kaum etwas vorstellen, was ihm nicht hätte passiert sein sollen.

Ich lese gerne gute Romane. Etwa von George Orwell „1984“ und andere. Dort steht vorne drauf nicht nur der Autor, sondern noch ein weiteres Wort, nämlich „Roman“. Dann weiß ich: Das Buch ist frei erfunden. Es erhebt nicht den Anspruch, wahr zu sein. Wo das aber nicht drauf steht, sondern von realen Menschen erzählt, sollte man davon ausgehen können, dass die Sache stimmt und sich deshalb auch nachprüfen lässt. Doch häufig sind es solche Romane, die nicht als Romane gekennzeichnet werden, die uns da wieder und wieder vorgesetzt werden.

Mir tut da die junge Generation leid. Sie sucht die Wahrheit, will wissen und verstehen können, was tatsächlich passiert ist. Die Bibel ist historisch wahr, nicht nur auf irgendeine „geistlich-mystische“ Art. Sie lässt sich nachprüfen und verstehen. Leider werden unserer neuen Generation heutzutage häufig mehr Romane und Belle-Gibson-Märchen aufgetischt als die eine, reine, historisch verifizierbare Wahrheit der Bibel.

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