Dienstag, 15. Februar 2011

Verurteilen vs Beurteilen

Was die Bibel zum Richten sagt


Es ist in christlichen Kreisen heutzutage üblich geworden, denjenigen, welche es wagen, mit unangenehmen Feststellungen zu kommen, mit ein paar Totschlagargumenten zu antworten. Zunächst müssen wir die Bibel nach dem wahren Befund in diesen Dingen befragen. Im Alten Testament haben wir das hebräische Wort Shaphat, welches richten bedeutet. Der Shophet ist der Richter und Mishpat ist das Gericht. Weiter wird im gesamten Kontext des AT auch klar, dass erstens Gott immer der Geber und der letztgültige Vollzieher allen Gerichts ist. Zweitens ist Gott aber auch derjenige, welcher Menschen einsetzt, um an seiner Stelle auf der Erde Gericht zu üben. Gerade im Buch der Richter wird dies sehr deutlich, wie einzelne Menschen diese richterliche Autorität durch den Geistempfang erhalten. Wer immer in einer Bundesbeziehung mit Gott ist, steht automatisch unter der Rechtsprechung Gottes. Rechtsprechung oder Gericht darf jetzt nicht von unsrer westlich geprägten Vorstellung bestimmt werden, dass diese Begriffe nur im negativen Sinne gebraucht werden. Gericht und Rechtsprechung bedeutet zwar auf der einen Seite, dass diejenigen, welche sich selbst unrechtmäßig an anderen vergehen, zur Rechenschaft gezogen werden. Zugleich ist das biblische Spektrum des Begriffes aber so breit, dass es auch die Entschädigung an denen, welche in irgend einer Weise vom anderen geschädigt oder auch benachteiligt wurde. Das beinhaltet somit genauso die Tatsache, dass jeder von Gott bevollmächtigte Richter sich auch um die Armen, Witwen, Waisen, Kranken und so weiter zu kümmern hatte. Jesaja 30, 18 – 19 lässt sogar erkennen, dass die Gnade und Barmherzigkeit auch ein Teil des göttlichen Gerichts ist:

Darum wartet der HERR, damit er euch begnadigen kann, und darum ist er hoch erhaben, damit er sich über euch erbarmen kann, denn der HERR ist ein Gott des Gerichts; wohl allen, die auf ihn harren! Denn du Volk, das zu Zion wohnen wird, in Jerusalem, du sollst nicht weinen; er wird sich über dich erbarmen, sobald du schreist; sobald er's hört, antwortet er dir!

Die richterliche Autorität wird, wie wir weiter oben gesehen haben, durch den Geistempfang verliehen. Es gab im Alten Testament vier Gruppen von Menschen, welche zum Richten bestimmt waren, sie alle werden durch den Geistempfang gekennzeichnet:

  1. Anführer des Volkes (so zum Beispiel Mose und Josua aber auch die Personen, welche schon grundsätzlich als die Richter bezeichnet werden)

  2. Könige (Saul, David, etc.) Diese wurden mit Öl gesalbt, welches ein biblisches Symbol für den Geistempfang ist. Dass sie als Richter gedient haben wird vielfach deutlich, am deutlichsten wohl bei Salomo, als die beiden Frauen Streit um ihr Kind hatten.

  3. Priester hatten den Auftrag, als Richter bei gesundgewordenen Kranken den Zustand zu überprüfen, dann das Volk in den Gesetzen Gottes zu unterrichten und in moralisch-ethischen Fragen als Richter zu fungieren.

  4. Propheten haben oft im Namen Gottes nicht nur korrupte Könige sondern auch ganze Völker ins Gericht genommen. Gerade das Buch Micha muss man als Gerichtsszene lesen: Da wird die ganze Schöpfung als Zeugen gegen das Volk Israel aufgerufen.

Im Neuen Testament, streng genommen seit Pfingsten, ist der Geist Gottes als Vollmacht und Befähigung zum Richten im Namen Gottes „ausgegossen über alles Fleisch“. In der heutigen Zeit ist die Gemeinde Gottes im Besitz der gesamten Richt-Linien, die Gott uns gegeben hat. Die Heilige Schrift ist die einzige Grundlage, aufgrund derer wir diesem Auftrag nachkommen sollen und dürfen. Mit diesem Vorwissen wollen wir jetzt die neutestamentlichen Stellen zu dem Thema betrachten.

Die Bibel unterscheidet zwischen verschiedenen griechischen Begriffen.

Römer 5,16: Durch die Sünde Adams steht die gesamte Menschheit unter der Verurteilung. Da steht im Urtext das Wort KATA-krima (VER-urteilung). Katakrima ist das Urteil, welches Gott im letzten Gericht über alle Ungläubigen sprechen wird. Dieses Urteil ist einzig und allein Gott vorbehalten. Auch Christus durfte als Gott ver-urteilen: Christus hat nämlich am Kreuz die Sünde im Fleisch verurteilt oder gerichtet (Römer 8,3). Dieses Gericht ist uns, die wir gläubig wurden, zur Erlösung geworden. Doch da dieses Form des Richtens Gott allein überlassen werden soll, wird es uns verboten. Genau genommen können die Worte aus der Bergpredigt und parallelen Texten, welche sich an die Jünger vor der pfingstlichen Geistausgießung richtet, nicht ganz exakt eins zu eins auf die nachpfingstliche Gemeinde übertragen werden, da gerade dort die richterliche Vollmacht durch den Geistempfang auf die Gemeinde niedergesandt wurde. Doch selbst wenn wir hierbei davon ausgehen würden, dass sich die Worte des Herrn genau so an uns richten würden, wäre es klar und deutlich, dass uns nur eine ganz bestimmte Art des Richtens verboten ist. Paulus macht der korinthischen Gemeinde in 1. Kor. 5 klar, dass es in bestimmten Fällen Sünde ist, nicht zu richten. Somit kommen wir zum Unterschied zwischen dem verbotenen Richten und dem gebotenen Richten:


Richten im Sinne der Kata-Krima (Verurteilung), also von jemandem sagen oder denken, er sei unrettbar verloren, das ist uns verboten. Die Verurteilung ist einzig und allein Gott überlassen, und wird deshalb auch erst zum von Gott gesetzten Zeitpunkt, im Endgericht, stattfinden.


Richten im Sinne der Krima oder der Diakrisis (Beurteilung und Unterscheidung) von Handlungen, Lehren, Worten, Grundhaltungen, Gedanken, etc. ist uns sehr wohl geboten. Wenn wir dies nicht tun und dem entsprechend auch im Notfall bereit sind, Konsequenzen zu ziehen (Gemeindezucht), so stellen wir uns selbst unter Gottes Urteil. Dieses wird bei Gläubigen zwar nicht im Endgericht stattfinden, sondern vor dem Richterstuhl Christi (2. Kor. 5, 10).


Wo also keine direkte Verurteilung, sondern eine legitime und gebotene Beurteilung stattfindet, greifen all die Worte von Splitter und Balken, Richtverbot, Richtgeist, und so weiter, nicht.


Paulus führt weiter in seiner Argumentation in 1. Kor. 6, 2 – 3 an, dass die Gemeinde die ganze Welt und die (gefallenen) Engel richten wird. Diese Argumentation führt Paulus aus, um gegen den Missstand zu kämpfen, dass Gläubige vor weltlichen Richtern ihre gemeindeinternen Probleme lösen wollen. Hieraus wird deutlich, dass gerade auch dieses uns von Gott gebotene Beurteilen seinen Grund auch mit darin hat, dass das Leben als Gläubige in dieser Welt eine Vorbereitung auf die noch ausstehende Zukunft ist. Der Auftrag, zu richten, ist somit die Vorbereitung darauf, später einmal die Welt und die Engel zu richten. Dieses Recht, den Auftrag später auszuführen, ist vermutlich ein Teil des Erbes, das wir als Brüder und Schwestern des Herrn Jesus (ihm wurde das Gericht vom Vater übergeben) miterben dürfen. Und je besser wir uns hier auf Erden schon darauf vorbereiten, indem wir zuerst uns selbst, dann aber auch Probleme, Lehren und Handlungen in der Gemeinde beurteilen, desto größere Verantwortung und Ehre kann uns der Herr auch später vor dem Richterstuhl übergeben.


Und lasst uns wie zu Beginn festgehalten, nie vergessen, dass das Richten, die Rechtsprechung, eben auch in der Barmherzigkeit, der Gnade und dem Recht Verschaffen denjenigen, die arm, einsam, betrogen, etc. sind, besteht.

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