Dienstag, 8. November 2016

7 Gründe für das Lesen von Biographien

Etwa 10 – 15% aller Bücher, die ich pro Jahr lese, sind Biographien. Zur Zeit bin ich an Manfred Kühns Kant-Biographie. Biographien stehen bei mir häufig am Anfang einer Zeit, in welcher ich mich mit dem Werk oder der Zeit der jeweiligen Person befassen will.

In der Einleitung zur Kant-Biographie stellt Kühn eine interessante Frage, die mich einmal mehr zur Reflexion über meine Gründe zum Studium von Biographien angeregt hat. Hier das Zitat von Kühn:

Ich weiß nicht wirklich, was Biographien für so viele Leser eine derartige Faszination verleiht. Ist es einfach die Neugier zu wissen, wie die 'Berühmten' gelebt haben? Ist es Voyeurismus, ein unschöner Drang, einen Einblick in die schmutzigen kleinen Geheimnisse der 'Großen' zu bekommen? Ist es Eskapismus, ein Versuch eines stellvertretenden Lebens, eine Art Romanze für Menschen mit eher intellektuellen Neigungen? Oder ist es eine Art Versuch, in unserem eigenen Leben Sinn zu finden? Zahlreiche Selbsthilfebücher sind Zeugnis dafür, dass das Bedürfnis nach einem 'erfolgreichen' Leben weit verbreitet ist. Von erfolgreichen Menschen könnte man meinen, sie hätten dieses flüchtige Ziel erreicht - und erfolgreiche Philosophen, also Menschen, die darüber nachgedacht haben, was zum Erfolg führt, könnten mehr zu bieten haben als die meisten.“ (S. 38)

Ich habe mir Gedanken gemacht, warum ich Biographien lese. Unter anderem aus den folgenden sieben Gründen:

1. Biographien erweitern meinen Horizont.
Wenn ich eine Biographie lese, so muss ich über meinen Tellerrand hinausschauen. Ich darf die Welt mit fremden Augen sehen und erkennen, wie andere Menschen zu anderen Zeiten gelebt, geliebt, gelacht und gearbeitet haben. Meist bin ich dann so richtig dankbar, heute leben zu dürfen. Sehr viel Armut ist inzwischen erfolgreich bekämpft worden. Es gibt dafür andere Sachen anzupacken.

2. Biographien bewahren mich vor dem „chronologischen Snobismus“.
Beim Lesen einer Biographie darf ich aber auch erkennen, dass weder ich noch meine Zeit der Nabel der Welt sind. C. S. Lewis sprach davon, dass es leider nicht möglich sei, in die Zukunft zu reisen, um zu sehen, wie unsere Zeit und unser Handeln dereinst gesehen würden. Deshalb brauchen wir den Blick früherer Zeiten, der uns eine etwas objektivere Sichtweise auf unsere Zeit schenkt. Jedes Zeitalter hat eine ganze Menge blinder Flecken, und deshalb gibt uns die Kenntnis des eigenen plus mehrere anderer Zeitalter so etwas wie ein mehrdimensionales Bild der Realität.

3. Biographien zeigen mir den Denkweg auf.
Jeder Mensch verändert sich im Laufe seines Lebens. Das ist ganz normal und gesund so. Wenn ich eine Biographie lese, möchte ich etwas über das Erleben der Person erfahren, welches zu diesen Veränderungen geführt hat. Das hilft mir, sowohl dessen Werk zu verstehen, als auch zugleich meine eigene persönliche Biographie zu reflektieren.

4. Biographien erweitern meinen Geschichtshorizont.
Ich habe anderswo geschrieben, warum die Auseinandersetzung mit Geschichte (und da nicht nur mit den letzten 80 Jahren) so immens wichtig ist. Durch eine Biographie lerne ich diese Zeiten noch besser und persönlicher kennen, weil ich Personen kennenlerne, welche in dieser Zeit gelebt und gewirkt haben. Das hilft mir, die Geschichte noch besser zu kennen.

5. Biographien helfen mir, richtig und falsch zu unterscheiden.
Bei diesem Punkt muss ich natürlich ein wenig aufpassen, dass das nicht falsch verstanden wird. Was ich damit meine, ist folgendes: Wenn ich die Biographien mit einer biblischen Weltanschauung im Hinterkopf lese; besser noch: Wenn ich gleichzeitig in der Bibel blättere, während ich die Biographie lese und die Biographie anhand der Heiligen Schrift beurteile, dann erweitert die Biographie mein Unterscheidungsvermögen von gut und böse, richtig und falsch. Anders gesagt: Mein Gewissen wird sensibilisiert und hilft mir dadurch auch im Alltag.

6. Biographien ermutigen mich.
Wenn eine Biographie nicht gerade eine realitätsferne Hagiographie ist (und solche versuche ich nach Möglichkeit zu vermeiden), dann lerne ich einen einfachen Menschen kennen, der mit seinem Leben etwas erreicht hat. Ich lerne seine Schwierigkeiten, Trauer, Freude, alltäglichen Gewohnheiten kennen und sehe, wie einfache Menschen gebraucht werden, um Großes zu erreichen. Jeder von uns ist in einem Netzwerk von Menschen eingegliedert, wo wir Tag für Tag einen Unterschied machen können. Wenn wir das tun, dann haben wir Großes erreicht. Das lehren mich die meisten Biographien.

7. Biographien führen mich in die Anbetung Gottes.
Ob ich der Person zustimme oder nicht, über welche die Biographie geschrieben wurde, aber jede Biographie führt mich dazu, Gott anzubeten. Manche dieser Menschen haben uns viel Verständnis von der Welt gegeben, indem sie geforscht und nachgedacht haben. Andere haben eine Menge für Gottes Reich getan. Und dann gibt es auch noch jene Biographien, die mich dankbar machen, dass ich nicht so viel Macht bekommen habe wie andere, weil diese Macht so schnell einen Menschen betrügt und seine schlimmsten Seiten zeigt.


Und was sind Deine Gründe, um Biographien zu lesen?


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