Posts mit dem Label Biblische Theologie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Biblische Theologie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 3. Januar 2013

Biblische Theologie für die ganze Gemeinde

Biblische Theologie für die ganze Gemeinde

Entsprechend ihrer Etymologie ist die Theologie die Wissenschaft, Gott betreffend. Andere Definitionen führen entweder in die Irre, oder, wenn sie genauer betrachtet werden, zum selben Resultat.“ (Vos, Geerhardus, Biblical Theology: Old and New Testaments, Wipf & Stock Publishers, 2003, S. 3)

Diese Definition der Theologie von Geerhardus Vos ist sehr treffend. Sie beinhaltet aber als Konsequenz auch die Tatsache, dass die Theologie für diejenigen ist, zu denen Gottes Offenbarung geschieht, nämlich für die Gemeinde Jesu Christi. Es kann deshalb keine Art von „Theologie“ geben, die nicht auf das eine Ziel ausgerichtet ist, der Gemeinde zu dienen. Die Theologie ist also niemals zu einem Selbstzweck da, sondern muss auf den Gebrauch innerhalb der gesamten örtlichen Gemeinde ausgerichtet sein. 

Da Gott alles zu dem einen Zweck geschaffen hat, dass der Mensch Ihn kennenlernen, verherrlichen und sich an Ihm erfreuen solle, muss entsprechend die Biblische Theologie ebenfalls auf dieses Ziel hin arbeiten. Sie kann und soll von dem wunderbaren Heilsplan erzählen, der Gottes Willen zeigt, Sich zu offenbaren und Menschen mit Sich zu versöhnen. 

Echte Biblische Theologie zeigt somit auf, dass Gott der Schöpfer aller Dinge ist. Er hatte den Plan, Sich Selbst dem Menschen zu zeigen, Sich zu offenbaren. Deshalb wurden alle Dinge geschaffen, die sind. Deshalb wurde der Mensch in Seinem Ebenbild erschaffen, um stückweise erfassen zu können, wer und wie Er ist. Die Herrschaft des Menschen über den Garten ist ein Ebenbild zu Gottes Herrschaft und Allmacht über alle Dinge. Die Wesenheit in ihrer Unterschiedlichkeit als Mann und Frau ist auf Gemeinschaft und auf Kommunikation ausgelegt, ganz im Ebenbild der Gemeinschaft und Kommunikation innerhalb der göttlichen Dreieinigkeit. Die menschliche Ausrichtung auf das Verlangen nach dem ehelichen Einssein ist ein Ebenbild für Gottes Verlangen nach dem Einssein mit der Gemeinde als der Braut Christi. Die Kreativität des Menschen ist im Ebenbild der schöpferischen Kreativität Gottes geschaffen, mit welcher alles ins Leben gerufen wurde.

Echte Biblische Theologie zeigt auch die Notwendigkeit der Erlösung auf, denn sie stellt Gott als den vor, der bereits vor Grundlegung der Welt entschlossen hatte, die Menschheit zu versöhnen. Deshalb stellt sie den ganzen Weg vor, wie Gottes Offenbarung stückweise erfolgt ist und wie sie ihren Höhepunkt am Kreuz von Golgatha findet. Dort ist alles vollbracht, was zur Erlösung nötig ist. Dort ist die letztendliche Offenbarung Gottes als die Liebe in Person, die das Allerwertvollste aufgibt, um die Gemeinschaft der Heiligen zu erlösen. So wertvoll ist Ihm der Mensch, dass Er bereit ist, den Fluch auf Sich zu nehmen und zu tragen, den der Mensch auf sich gebracht hat. 

So ist also die Selbst-Offenbarung Gottes auf der einen, der Heilsplan oder, anders gesagt, die Versöhnung des gefallenen Menschen mit Gott, auf der anderen Seite das Thema, welches sich durch die ganze Bibel hindurch zieht. Dies ist deshalb auch der Nutzen der Biblischen Theologie für die ganze Gemeinde: Sie unterstützt die Erkenntnis Gottes und hilft zu einem besseren Verständnis der ganzen Bibel. 

Mark Dever schreibt dazu:
Wir müssen Gott durch seine Offenbarung seiner selbst verstehen und nicht durch unsere eigenen Eindrücke, nicht durch unsere Wünsche und nicht durch die Art und Weise, wie wir uns Gott gern vorstellen. Wir sprechen heute allzu oft von Evangelisation, als ob es dabei um Werbeaktionen ginge und erklären das Wirken des Geistes in der Sprache des Marketing. Manche Menschen sprechen sogar auf eine Weise von Gott, als ob er im Bilde des Menschen geschaffen sei und nicht andersherum.
Wenn wir in diesen Zeiten eine gesunde Gemeinde sein wollen, dann müssen wir besonders sorgfältig für Leiter in der Gemeinde beten, die ein biblisches Verständnis davon haben und die aus Erfahrung auf Gottes Allmacht vertrauen. Rechte Lehre in all ihrer vollen biblischen Herrlichkeit kennzeichnet eine gesunde Gemeinde.“ (Dever, Mark, 9 Merkmale einer gesunden Gemeinde, 3L-Verlag Waldems, 2009, S. 72f)

Möge die Theologie in all ihrem Tun zu Gottes Verherrlichung und dem Wachstum der Gemeinde geschehen! Amen.

Dienstag, 14. August 2012

Wir müssen uns von der Bibel an die Hand nehmen lassen

Gerade ein gutes Zitat bei Prof. Hans Joachim Iwand gefunden:

"Wenn ihr nicht gewillt seid, darauf Rücksicht zu nehmen, in wessen Bereich und Wirklichkeit ihr eintretet, wenn ihr euch nicht von der Bibel an die Hand nehmen lasst, dann freilich werdet ihr gerade die Sache der Bibel nicht begreifen. Ihr werdet sie zerschlagen und auseinandernehmen wie eine Uhr in viele, viele kleine Teilchen, ihr werdet diese Teilchen genau untersuchen und studieren, aber ihr werdet sie nicht wieder zusammensetzen können und das Uhrwerk - der ihm eigentümliche Gang und Stundenschlag - wird vernichtet sein." (H. J. Iwand, Nachgelassene Werke, Bd. 1: Glauben und Wissen, S. 272)

Freitag, 6. Juli 2012

Früher Konstruktivismus und der Glaube an die Philosophie

Bin gerade auf eine interessante Aussage bei Wilhelm Vatke gestoßen:

In der That construirt Jeder die Geschichte, welcher sie mit lebendigem Interesse auffaßt und darstellt, und je nachdem ein Individuum sein eigenes Wesen mehr einseitig oder vielseitig begriffen hat, faßt es die Vergangenheit auf im Spiegel des Gefühls, der Phantasie, des Denkens u.s.w. Es kommt daher vor Allem darauf an, von vorn herein einen solchen Standpunkt zu nehmen, welcher selbst seinem Begriffe nach die größt mögliche Allgemeinheit hat und deshalb von keiner besonderen Auffassungsform abstrahiren darf. Diese höhere Objectivität kann nur die Philosophie erzeugen, als die Wissenschaft der Wissenschaften, welche die Schranken jeder einzelnen Wissenschaft und jeder besonderen Anschauungsweise aufhebt und dieselbe zum flüssigen Moment eines höheren Ganzen, der Wahrheit schlechthin, macht, und eben so in der Geschichts-betrachtung die verschiedenen Erscheinungsformen des Geistes zur Idee des Geistes selbst zusammenfasst.“

(Vatke, Wilhelm, Die Biblische Theologie, 1. Aufl. von 1835, S. 16)

Interessant, wie hier ein früher Konstruktivismus mit einem unwahrscheinlichen Glauben an die "Philosophie" einhergeht!

Mittwoch, 29. Februar 2012

Das Zentrum der Schrift

Das Zentrum der Schrift

Es ist zum Lesen und Verstehen der Bibel ungemein wichtig, dass wir verstehen, was wir denn da gerade lesen. Auch wenn sehr viele Dinge in der Bibel stehen, drehen sich alle letzten Endes um ein ganz großes, wichtiges Thema: Wie kann der verlorene, sündige, verderbte Mensch wieder in die Gemeinschaft mit dem heiligen, über Sünde zürnenden Gott kommen, der ein verzehrendes Feuer ist, kommen? Um dieses zentrale Hauptthema herum kreisen andere Themen, die wir auch nicht vernachlässigen sollten. Ich versuche das Ganze mal grafisch darzustellen:



Schon im Alten Testament ist Yom Kippur (der große jährliche Versöhnungstag) als Zentrum der ganzen Thora (die fünf Bücher Moses) angelegt. Streng genommen ist ja die Thora die eigentliche "Bibel" des Judentums. Die Geschichtsbücher (Josua bis Nehemia) dienen dem Verständnis der damaligen Geschichte (was sie für uns aber nicht weniger zu Bibel macht), die Weisheitsliteratur (Hiob bis Hohelied) waren schon immer Schriften für die Liturgie des Alltags und des Gottesdienstes und die Propheten erinnerten immer wieder (bis zum Schluss des Maleachi-Buches!) an die Thora, also die fünf Bücher Moses. In diesem Fünfbuch finden wir die Bestimmungen zum Versöhnungstag als Zentrum der Schriften. Auch im Neuen Testament weisen alle vier Evangelien ganz besonders auf den eigentlichen "Yom Kippur" hin, nämlich auf den Tag, an welchem Jesus Christus die Schuld der Sünder trägt und bezahlt. Auch die Predigten in der Apostelgeschichte und die gesamte Briefliteratur (inklusive der Offenbarung Johannis) weisen auf dieses Geschehen zurück und gebrauchen es immer als Fundament, um von den übrigen Themen (in den sechs Kreisen um das Hauptthema herum zu finden) zu sprechen.

So sehen wir also, dass alle Theologie von diesem Kreuzesgeschehen sprechen muss. Es gibt ohne die Rede von der Versöhnung deshalb auch keine Rede von dem Gott der Bibel, da dieser sich in ganz besonderer Weise durch dieses Geschehen am Kreuz geoffenbart hat.

Montag, 12. Dezember 2011

Die Bibel als Gesamtes: Heilsgeschichtlicher Überblick

Die Bibel möchte in ihrer Gesamtheit verstanden und auch so gelesen werden. Damit wir diese Forderung ernst nehmen können, müssen wir uns mit der Botschaft der Bibel als Gesamtheit befassen, bevor wir die einzelnen Teile betrachten können. Wie wir gesehen haben, ist das Alte Testament in vier Teile gegliedert, und die Thora ist das eigentliche Zentrum des Alten Testaments, von welchem wiederum die Vorschriften für den Versöhnungstag im Mittelpunkt stehen. Somit kann man den Begriff „Versöhnung“ oder „Sühne“ als kurze Beschreibung dessen wählen, worum es im Alten Testament geht. Das ist äußerst spannend, denn beim genauen Hinsehen geht es auch im Neuen Testament um genau jenes: Versöhnung oder Sühne. Das Kreuz Christi ist das Zentrum des gesamten Neuen Testaments und wird dort vielfach als endgültige Erfüllung des alttestamentlichen Versöhnungsdienstes bezeugt. Dies müssen wir beachten, wenn wir uns dem dem Verhältnis der beiden Testamente zuwenden wollen.

Am Anfang der Bibel steht der Wunsch und Plan Gottes, Sich Selbst, Sein Wesen zu offenbaren, also sichtbar zu machen. Die Frage, was vor der Schöpfung gewesen sei, ist unsinnig, denn es gab vor der Schöpfung noch keine Zeit, und deshalb auch kein „davor“. Gott existiert außerhalb von Raum und Zeit, jene beiden sind erst durch die Schöpfung entstanden. Am Ende der Schöpfung wird schlussendlich der Mensch geschaffen, nach dem Bilde Gottes. Ihm wird der Auftrag gegeben, für den Rest der Schöpfung „Gott“ zu sein, also nach bestem Wissen und Gewissen für die Schöpfung zu sorgen. Für diese Aufgabe stehen ihnen alle Möglichkeiten offen außer einer einzigen: Von den Früchten eines bestimmten Baumes in der Mitte der Schöpfung dürfen sie nichts essen.

Doch es kommt, wie es kommen musste, die Frau isst von der Frucht und gibt ihrem Mann auch davon, und er isst auch. Daraufhin erkennen sie ihre Nacktheit und verstecken sich. Diese Nacktheit wurde von jüdischen Bibelauslegern meines Erachtens zu Recht mit dem Verlust der natürlichen Unschuld und Heiligkeit des Menschen vor dem Fall interpretiert. Diese Nacktheit, die Schuld, die durch die Sünde entstanden ist, musste bedeckt werden. Von Anfang an soll den Menschen bewusst werden, dass der Lohn für die Sünde der Tod ist, deshalb bekommen sie Kleider aus Tierfell, die einem blutigen Schlachtritual entstammen. Diese Tieropfer sollen immer bezeugen, dass es ohne Tod keine Sühne gibt. Auch der große jährliche Versöhnungstag ist von diesen blutigen Opfern geprägt, die den Menschen zeigen sollen: Die Vergebung von Sünde benötigt ein Opfer anstelle dessen, der gesündigt hat. Und es weist zugleich auf den hin, der diesen Opferdienst dereinst an sich selbst erfüllen soll und damit alle Tieropfer unnötig macht. Diese Opferpraxis als „primitiv“ zu bezeichnen wird ihr jedoch absolut nicht gerecht. Es mag für uns barbarisch aussehen, aber diese Rituale sind ein deutliches Zeichen dafür, dass Menschen sich bewusst sind, dass Sünde den Tod verdient. Insofern sind sie deutlich hochstehender als das humanistische Gerede von der billigen Gnade, die ohne Opfer auskommen will. Es wird nämlich weder dem Wesen Gottes noch dem Wesen des Menschen oder gar dem Wesen der Sünde gerecht.

Bei der Versöhnung oder Sühne geht es um eine Bedeckung. Es geht um die Bedeckung, also das Zudecken von Schuld und Sünde. Zudecken ist nicht mit Verstecken gleichzusetzen, ganz im Gegenteil. Das Bedecken mit dem Blut des Opfertieres entspricht der „Reinigung durch das Blut“, es ist somit ein Reinigen und entspricht einem Wegnehmen der Schuld vor Gott. Die Bedeckung geschieht durch den „Sündenbock“, der bereits die Strafe selbst bezahlt hat.

Doch es geht letzten Endes nicht nur um das Wegnehmen der Schuld, sondern um ein neues Leben mit Gott. Ein ewiges Leben. Ein Leben, das hier auf der Erde beginnt und nie aufhören wird. Aus diesem Grund ist Jesus als der richtige Sündenbock gekommen. Das hält die beiden Testamente zusammen. Das versöhnte Gottesvolk soll als solches ein Licht in der Welt sein und anderen zum Vorbild werden. So ist der Missionsauftrag nicht etwas, das erst im Neuen Testament auftaucht. Bereits das das Israel des Alten Testaments kennt den Auftrag, als Gottesvolk den anderen Völkern dieses Leben mit Jahwe vorzuleben. Und auch das Israel des Alten Testaments kennt bereits die Verheißung des ewigen Lebens mit Gott. Nicht nur durch die Schöpfung, welche für die gesamte Ewigkeit geschaffen wurde, sondern auch aus vielen anderen Verheißungen. Sie alle werden im Neuen Testament durch Jesus und die ersten Apostel bestätigt, erneuert und näher erläutert.

Sonntag, 11. Dezember 2011

Die Bibel und ihr Weltbild

Die Bibel hat ein ihr eigenes Weltbild, und wenn wir sie verstehen möchten, so wie sie selbst verstanden werden will, müssen wir uns mit dem Weltbild der Bibel vertraut machen. Wenn wir dies tun, wird uns bei der Beschäftigung damit sehr schnell mal deutlich, dass sie uns letzte Antworten geben kann, denen sich alle anderen Quellen nur annähern können. In vielen Aussagen widerspricht sie auch dem weltlichen Weltbild, was aber nicht bedeutet, dass sie falsch ist, sondern dass alle anderen Zugänge zur Wirklichkeit sehr begrenzt sind. Ich bin dankbar für die Wissenschaft, solange sie wissenschaftlich arbeitet. Wo sie jedoch ideologisch eigene Theorien zum Dogma macht, müssen wir uns dagegen wehren.

Die Bibel kennt zum Beispiel eine eigene Geschichtsschreibung, die nicht mit derjenigen der meisten modernen Historiker übereinstimmt. Damit das Weltbild der Bibel verstanden werden kann, müssen wir uns auch auf diese andere Geschichtsschreibung einlassen, also von ihr ausgehen bei der Lektüre der Bibel. Es ist ja bekannt, dass es durch die unterschiedlichsten Regierungen schon zu diversen Geschichtsneuschreibungen gekommen ist. So erstaunt auch nicht, dass die feministische Bewegung unter ihrer "Vorbeterin" Simone de Beauvoir zum Beispiel auch so eine utopische Geschichtsneuschreibung bekommen hat. Jede Geschichtsschreibung hat ihr eigenes, ihr zugrunde liegendes, fundamentales Weltbild. Dasjenige des Feminismus zum Beispiel "Mannsein und Frausein ist nur anerzogen" (bislang ohne Belege), "das Ideal war die Zeit, als das Matriarchat herrschte" (bislang ohne Belege) und "was wir brauchen, ist der "androgyne" Mensch, dann wird alles wieder gut" (auch dies bislang ohne jeglichen Beweis). Das Geschichtsbild prägt immer ihre Kultur, da es Ideale beinhaltet und die jeweilige Kultur in eine bestimmte Richtung prägt und entwickelt.

Die Bibel hat ihrerseits auch ein eigenes Geschichtsbild. Wichtig ist zunächst einmal das Bild der Religionsgeschichte. Ich finde die vergleichende Religionswissenschaft total spannend. Ich versuche mal kurz die biblische Religionsgeschichte zu umreißen und kurz und knapp zu vergleichen. Die moderne Religionswissenschaft sagt zum Beispiel, dass sich die Religion von animistischer Religion (Dinge, Bäume, Sterne, Mond, etc. wird als belebt angesehen) via Polytheismus zum Monotheismus entwickelt habe. Dies wird ganz einfach vorausgesetzt, da man den Animismus als „primitivste“ und den Monotheismus als „höchstentwickelte“ Religion betrachtet (den Atheismus lässt man da zumeist außen vor). Die Ergebnisse dieser Geschichtsumdeutung per Definition lässt sich auch bisher keinesfalls handfest nachweisen, aber die gesamte hist.-krit. Theologie untersucht die Bibel nach den Kriterien dieser Definitionen. Im Vergleich dazu sieht die Bibel den Monotheismus als Ursprung der Religionen und alle anderen Religionsformen als „Devolution“, als Niedergang des eigentlichen Glaubens an Jahwe, den Einen Gott der Bibel.

Wenn wir uns der Bibel annähern, müssen wir uns bewusst werden, was sie ist. Sie ist eine von Gott inspirierte Sammlung aus von Menschen geschriebenen Dokumenten. Dabei haben aber diese verschiedenen Dokumente verschiedene Aufgaben, man spricht von einem unterschiedlichen „Sitz im Leben“. Ich wähle diesen Begriff mal, weil er einigermaßen das aussagt was ich damit ausdrücken möchte. Das AT hat je nach Definition drei oder vier verschiedene Arten von Dokumenten. Die Juden sprechen von dreien, nach ihnen nennen sie das AT TaNaKh (Thora [die fünf Bücher Mose], Neviim [die vorderen {Josua bis 2. Chronik} und die hinteren {Jesaja bis Maleachi} Propheten] und die Khetuvim [das bedeutet „Schriften“, das sind Hiob bis Hoheslied]. Ich persönlich nenne die vorderen Propheten „Geschichtsbücher“. Jede dieser vier Arten hat ihre eigene Aufgabe.

Die Thora enthält das mosaische Gesetz und besteht aus drei Teilen: 1. Die Genesis mit der Schöpfung und den Patriarchen, 2. der Auszug von Ägypten zum Sinai plus vierzig Jahre Wanderung in der Wüste (Exodus, Leviticus und Numeri), 3. die Abschlusspredigten des Mose (Deuteronomium). Das Zentrum der Thora ist Leviticus 16 mit der Beschreibung des Versöhnungstages, und das steht auch für das gesamte Programm des AT in Kürze: Die Versöhnung des sündigen Menschen mit Gott. Die Thora ist der Mittelpunkt allen geistlichen Lebens des ATs und auch des späteren Judentums.

Die Geschichtsbücher erzählen die Geschichte des Volkes Israel von der Jordan-Überquerung bis zum Wiederaufbau Jerusalems nach dem Babylonischen Exil. Sie geben uns auch einen tiefen Einblick in gottgewünschte Politik und das Problem der Korruption.

Die Prophetenbücher erzählen uns, wie das Volk Israel immer wieder von Jahwe abgefallen ist und von vielen vielen Propheten, die gesandt wurden von Jahwe, um sie wieder zur Thora zurückzubringen. Überhaupt weisen alle drei übrigen Teile des AT auf die Thora als Zentrum hin.

Die Khetuvim schlussendlich beinhalten viel von Gottes weisen Ratschlägen an uns, wie wir das Leben am besten leben können und auch viele Lieder, die zu allen Zeiten bis heute in vielen Gottesdiensten und Synagogen gesungen werden.

Freitag, 30. September 2011

Was ist biblische Theologie?

Zunächst muss geklärt werden, was Theologie an sich überhaupt ist. Das Wort setzt sich zusammen aus Theos (griech. Wort für „Gott“) und Logie bzw. Logia (griech. Wort für „Lehre“ oder „Rede“). Es ist somit kurz gesagt die Lehre von Gott. Nun ist es so, dass also jeder Mensch, der über Gott spricht, eine bestimmte Vorstellung von Gott hat. Diese Vorstellung kann entweder korrekt (wahr) sein oder falsch (unwahr) sein. Wir alle haben also eine solche Vorstellung und damit zugleich auch automatisch eine bestimmte Theologie. Nun ist es für jede und jeden Gläubigen notwendig, das eigene theologische System immer wieder zu überprüfen, um zu sehen, ob es vor dem, was Gottes Wort nun tatsächlich lehrt, standhalten kann. Einerseits tun wir das jedes Mal, wenn wir in der Bibel lesen. Wir stoßen dabei hin und wieder auf einzelne Aussagen, die uns irritieren, weil sie in unser bisheriges System nicht reinpassen. Dann tun wir automatisch eines von zwei logischen Verhaltensweisen: Entweder wir suchen eine Erklärung, weshalb das nicht so sein kann und behalten unser bisheriges System bei, anders gesagt: Wir versuchen, das Irritierende weg zu erklären. Oder wir sind bereit, unser System modifizieren zu lassen. Ein Beispiel für das Wegerklären wäre, dass man einen Befehl aus dem Neuen Testament an die Gläubigen als rein kulturell erklärt und damit aus dem System verschwinden lässt. Beliebt ist diese Variante bei Aussagen, die man heutzutage als diskriminierend gegen eine bestimmte Gruppe von Menschen betrachtet, sei es wegen des Geschlechts oder der sexuellen Ausrichtung, oder aus sonstigen Gründen. Sehr oft werden solche als negativ empfundenen Aussagen einfach als Produkte der damaligen Zeit verstanden, und somit für die heutige Zeit für ungültig erklärt.

Wenn wir nun von der „Biblischen“ Theologie sprechen, so sind damit zwei verschiedene Aspekte zugleich angedacht:

Erstens ist es eine Theologie der gesamten Bibel, es wird die Aussage sowohl des Alten als auch des Neuen Testaments ernst genommen. Dies ist notwendig im Blick auf die Tatsache, dass die beiden Testamente eine unzertrennliche Einheit bilden. So soll diese Einheit der beiden Testamente nicht nur theoretisch besprochen werden, sondern auch in praktischer Erarbeitung ihren Ausdruck finden. Diese Einheit kann letztendlich kaum genügend betont werden. Maleachi und Matthäus gehören in derselben Weise zusammen wie Jesaja und Jeremia oder der Jakobus- und der Hebräerbrief.

Zweitens rückt damit aber auch eine ganz andere Tatsache ins Zentrum der Überlegungen: Obgleich der Heilige Geist für die Niederschrift der einzelnen Bücher die Autoren inspiriert hat, so ist damit die Persönlichkeit der einzelnen Autoren nicht ausgeschaltet. So kommt es, dass im Urtext dasselbe Wort oder gar dieselbe Folge von Worten eine unterschiedliche Bedeutung bekommen kann und zuweilen auch unterschiedliche Begriffe für dieselbe Bedeutung stehen können. Dies ist davon abhängig, wie sich ein Wort im Laufe der Geschichte (im Laufe der Zeit) verändert hat und welcher biblische Autor es gebraucht.

Bereits der eigentliche Begründer der Biblischen Theologie, Johann Philipp Gabler, hatte dies in seiner berühmten Antrittsrede festgehalten:

Unter diesen Umständen müssen wir, wenn wir nicht erfolglos arbeiten wollen, die einzelnen Perioden der alten und der neuen Religion, die einzelnen Autoren und schließlich die einzelnen Redeformen, die jeder nach Zeit und Ort gebraucht hat, trennen; ob es das historische, didaktische oder poetische Genus ist.“ (Joh. Ph. Gabler in seiner 1787 gehaltenen Antrittsrede „Über die rechte Unterscheidung der biblischen und der dogmatischen Theologie“ in Strecker, Georg, Das Problem der Theologie des Neuen Testaments, S. 38)

Gabler hat mit dieser Ansprache die eigentliche Biblische Theologie begründet. Ihm geht es darum, dass die jeweilige Theologie des einzelnen Buches bzw. Autors mitberücksichtigt wird, bevor man aus der ganzen Schrift die Systematische Theologie (Dogmatik) baut. Dieses Anliegen ist durchaus legitim, wenngleich man sich von manchen von ihm propagierten historisch-kritischen Methoden distanzieren muss. So ist zum Beispiel Gablers Unterscheidung zwischen „der alten und der neuen Religion“ (Judentum und Christlicher Glaube) in diesem Sinne in Frage zu stellen.

Was man jedoch durchaus von Gabler übernehmen kann, ist die Erkenntnis, dass einerseits jeder Autor und jede Zeit bestimmte sprachliche Eigenarten besitzt, und andererseits dass jeder Text in einem bestimmten Umfeld entstanden ist und zunächst an dieses Umfeld und seine Zeit gesprochen, bzw. geschrieben wurde. Außerdem hat jeder Text eine bestimmte, ihm eigene Gattung, die ganz bewusst so gewählt wurde, und jede Gattung unterliegt bestimmten Regeln des Auslegens. Diese Regeln der Auslegung nennt man „Hermeneutik“, was so viel wie „Auslegung“ oder „Übersetzung“ bedeutet.

So ist die Weisheit des Sprüche-Buches einfach universal und zeitlos gültig, man kann sie lesen, umsetzen und bemerken, dass es einfach „funktioniert“, weil sie wahr ist. Dann gibt es aber auch Prophetien und Gebote an das Volk Israel, die man nicht eins zu eins auf die Gemeinde übertragen kann, sondern zunächst fragen muss, ob sie in Jesus Christus bereits erfüllt wurden. Dann gibt es aber auch Briefe im Neuen Testament, die an eine bestimmte Gemeinde mit einem ganz bestimmten inneren Problem gerichtet sind. Dort gilt es zunächst, diese innere Problematik zu erfassen und dann erst auf die heutige Zeit anzuwenden. Dies ist zum Beispiel ein Thema, mit welchem sich die Biblische Theologie befasst.

So soll die Biblische Theologie auf der einen Seite als eigenständige Wissenschaft die Bibel und ihre Texte nach den Hauptthemen und theologischen Schwerpunkten befragen, und zwar in Bezug auf die jeweilige heilsgeschichtliche Zeit, den einzelnen Autoren und die Textgattung und damit die verschiedenen „Theologien“ der Autoren herausarbeiten. Zugleich sollen ihre Ergebnisse der Dogmatik (systematische Darlegung von allen wichtigen Themen der Bibel) als Grundlage dienen, indem die Biblische Theologie zur Hilfswissenschaft der Dogmatik wird.

Ihrerseits hat die Biblische Theologie die Philologie (Sprachwissenschaft), die Archäologie, die Einleitungswissenschaft und die vergleichende Religionswissenschaft zur Seite stehen: Die Philologie hat als Aufgabe, den Sinn eines bestimmten Wortes in einer bestimmten Situation einer Fremdsprache festzustellen und dies in Form von Wörterbüchern und Grammatiken zu veröffentlichen. Die Archäologie sorgt mit ihren Ausgrabungen und der Identifizierung der ausgegrabenen Materialien für eine geschichtliche Einordnung sowie das Finden von Beweismaterialien für die Existenz historischer Personen und Situationen.

Die Einleitungswissenschaft untersucht den Text eines bestimmten biblischen Buches auf Hinweise auf den Verfasser, die Abfassungszeit, Ziele der Abfassung und manches mehr. Sie ist von höchster Bedeutung für die Biblische Theologie. Wer zum Beispiel mit den meisten historisch-kritisch arbeitenden Theologen annimmt, der Pentateuch sei mehrere Male ergänzt und erweitert worden, müsste dann für jeden weiteren Schritt der Veränderung eine eigene „Theologie“ finden. So arbeitete zum Beispel Gerhard von Rad in seiner „Theologie des Alten Testaments“, in welcher er vom in seinen Kreisen üblichen EJPD-Schema (insgesamt vier größere Überarbeitungen und Erweiterungen des Werks, das wir als die „Fünf Bücher Moses“ kennen) ausgeht.

Die vergleichende Religionswissenschaft untersucht die schriftlichen Quellen der verschiedenen Religionen und fragt nach einem Ursprung und einer sichtbaren Entwicklung der Religionen, in unserem Fall insbesondere der frühen Religionen des Vorderen Orients. Für Gerhard von Rad ist gerade die Religionsgeschichte ein wichtiger Bestandteil der Forschungen, deshalb beginnt er seinen ersten Band der „Theologie des Alten Testaments“ mit einem Kapitel über den „Abriß einer Geschichte des Jahweglaubens“.

Religionsgeschichtlich zu arbeiten bedeutet für uns, dass man die Heilsgeschichte als roten Faden quer durch die ganze Bibel hindurch betrachtet und deshalb die Heilsgeschichte als Ausgangspunkt und Aufbau der Biblischen Theologie wählt. Dieser Ansatz ist sehr hilfreich. Ein anderer Ansatz betrachtet die hebräische Bibel als Ganzes als eine Gesamtkomposition und fragt sich zunächst, weshalb welches Buch genau an dem Platz ist, wo es ist und nicht woanders. Dies ist der kanonische Ansatz, weil für ihn der biblische Kanon als Ausgangspunkt gewählt ist. Der dritte verbreitete Ansatz ist der sogenannt „dogmatische“ Ansatz. Meist geht er von einem bestimmten Schlagwort aus, das für den Autor das Zentrum der Bibel ist. Das wäre zum Beispiel bei Walther Eichrodt das Thema „Bund Gottes mit dem Volk“. Ausgehend von diesem Hauptthema wird nun jedes Buch einzeln untersucht und mit diesem Thema (oder teilweise auch mehreren Themen) als Zentrum genau beleuchtet.

Jeder der drei Ansätze hat natürlich seine Vor- und Nachteile, und meines Erachtens greift jeder Ansatz für sich allein zu kurz. Es braucht eine gesamte Sicht, die versucht, das Beste aus allen drei Ansätzen herauszukristallisieren. Das ist eine total spannende Sache und man lernt dabei die Bibel und ihre Botschaft noch viel mehr zu lieben. Mir zumindest geht es dabei so. Deshalb möchte ich hier hin und wieder einzelne Beiträge online stellen, die das noch weiter ausführen.