Mittwoch, 8. Juli 2015

5 Arten, wie man mit der Kirchengeschichte falsch umgehen kann

Immer wieder stoße ich in Diskussionen auf Missverständnisse und auch des Öfteren mal auf bewusste Instrumentalisierung und damit Missbrauch der Kirchengeschichte. Solch ein Umgang ist auch in zahlreichen Büchern häufig anzutreffen. Ich stelle heute eine kleine Auswahl der gängigsten Konzepte vor und kommentiere sie jeweils kurz.

1. „Wir leben heute – was geht mich da die Geschichte an?“ So klar würden es wohl die wenigsten ausdrücken, aber diese Haltung ist zunehmend zu bemerken. Geschichte wird als Disziplin der Professoren im Elfenbeinturm der Theorie betrachtet. Der Umgang mit Geschichte, der an der Schule gefördert wird (häufig besteht ein großer Teil des Geschichtsunterrichts aus der Zeit des und seit dem zweiten Weltkrieg, als ob es davor nichts gegeben hätte), hat mit zu dieser Haltung geführt. Geschichtsvergessenheit führt zu Identitätsverlust. Viele Menschen wissen nicht mehr, wer sie sind, sie bestehen nur noch aus den Wünschen und Begierden des Hier und Jetzt.

2. „Wir leben in einer ganz außerordentlich besonderen Zeit – die Kirchengeschichte hat uns schlicht nichts mehr zu sagen.“ So oder ähnlich wird gerne argumentiert, wenn man erklären will, warum das Bisherige einfach weggelassen und unhinterfragt durch das Neue (was auch immer) ersetzt werden soll. Hauptsache wir machen es anders als früher – das Alte ist überholt. Wir leben in einer „Umbruchzeit“, wir sind etwas so Besonderes, da darf man nicht einfach das Bisherige übernehmen. Heutzutage verstehen die Menschen nicht mehr, was früher gepredigt oder gemacht wurde, das muss man weglassen oder ersetzen. Dieses Denken ist Hochmut. Der Mensch ist immer noch derselbe gefallene Mensch, der dieselbe Selbsterkenntnis, Sündenerkenntnis, Gotteserkenntnis und Erlösung braucht wie in jedem anderen Jahrhundert auch.

3. „Die Kirchengeschichte zeigt uns eine Unzahl von gescheiterten Versuchen, die objektive Wahrheit zu erkennen.“ Diese Aussage dient dazu, die gesamte Geschichte mit einer Handbewegung wegzuwischen und damit zu sagen: Das Einzige, was man heute noch aus der Kirchengeschichte lernen kann, ist, es anders zu machen als die Menschen bisher. Der Kirchengeschichte wird vorgeworfen, sie sei an den Spaltungen der Kirchen schuld. Natürlich gab es in der Kirchengeschichte viele Debatten und auch viele nötige Trennungen. Diese sind aber häufig mehr Segen als Fluch gewesen. Das müssen wir anerkennen. Kirchliche Trennungen sollen nicht bewusst gesucht werden, aber häufig sind notwendig, um die Kirche zu schützen.

4. „Die Reformation zeigt uns, dass man sich auch über viele Jahrhunderte hinweg irren kann.“ Nun wird es langsam subtiler. Interessanterweise konnte mir bislang niemand ein wichtiges Thema nennen, in dem sich die gesamte Christenheit während vieler Jahrhunderte geirrt haben soll. Normalerweise haben schwere Irrtümer immer eine oben genannte notwendige Spaltung verursacht, sodass eine der neuen zwei Gruppen die Wahrheit weitergetragen hat und sie deshalb nicht untergegangen ist. Deshalb sollten wir auch heute nicht grundsätzlich spaltungsfeindlich sein. Paulus schreibt, dass Spaltungen manchmal notwendig sind (1. Korinther 11,18-19)

5. „Eigentlich hatte Marcion* doch recht.“ *hier könnte man auch Arius und andere Irrlehrer einfügen. Der deutsche Theologe und Kulturprotestant Adolf von Harnack hatte gewisse Sympathien für Marcion. Marcion hatte behauptet, die Bibel sei verfälscht, das Alte Testament solle kein Teil der Bibel sein und auch andere Bücher des Neuen Testaments, in Jesus und die frühe Kirche den Juden gegenüber freundlich dargestellt werden, ließ er in seinen Gemeinden aus der Bibel entfernen. Übrigens waren die Deutschen Christen im dritten Reich stark von Harnacks Marcion geprägt. Aber auch heute findet man immer mal wieder ähnliche Sichtweisen, die frühe Irrlehrer rehabilitieren wollen. Wenn man den Gott des Alten Testaments gegen den Gott des Neuen Testaments auszuspielen versucht, tut man nichts anderes. Ich bin sehr dankbar für die klaren Worte, die die frühen Konzilien diesen Irrlehren gegenüber gefunden hatten und wünschte mir auch für heute mehr davon.


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