Montag, 27. Oktober 2014

Geschichten des Aufbruchs – ein Rückblick

Am Ende eines jeden Buches bleibt die Aufgabe, das Brauchbare herauszufischen und Schlüsse zu ziehen aus dem, was man gelesen hat. Verschiedene Dinge sind mir dabei wichtig geworden, weshalb ich sie etwas ausführen möchte.

Was nehme ich mit?
Ich finde es ermutigend, dass Menschen den Mut haben, bestimmte Dinge in Frage zu stellen. Diese Fragen sind wichtig. Wir brauchen Fragen. Wir brauchen Zweifel. Wir brauchen die Suche nach neuen Wegen des Ausdrucks, das Gespräch mit der Gesellschaft. Wir brauchen eine neue Liebe zur Kunst, eine Leidenschaft für das Schöne und das Künstlerische. Unbedingt! Ich habe mit Spencer Burke geweint, als er sehen musste, dass die Menschen in der Gemeinde die Welt der Künstler nicht verstehen konnten und umgekehrt. Das hat mich mitgenommen – und ich teile seine Gefühle hierin absolut.

Auch das, was im Buch häufig als „Reduktionismus“ bezeichnet wird, nämlich ein verkürztes Verständnis des Evangeliums, nach welchem man durch Ja-Sagen und Nachsprechen von einer Art „Übergabegebet“ gerettet wird, sehe ich ebenso kritisch wie die Autoren des Buches. Hieran muss ganz dringend gearbeitet werden, dass unser Verständnis von Evangelisation, Wiedergeburt und Bekehrung wieder vollständig wird.

Ebenso sehe ich die Wichtigkeit der Gemeinschaft, des Zusammenlebens, gegenseitiger Ehrlichkeit und Offenheit. Unser Leben kann und soll anziehend werden – attraktiv für Menschen. Auch dieser Punkt hat mich sehr positiv angesprochen. Allerdings ist ein solches Zusammenleben und Vorleben auch in schon längst bestehenden Gemeinden möglich. Das ist kein Alleinstellungsmerkmal emergenter Gemeindeformen.


Was muss ich am Buch kritisieren?

1. Krisen- und Opfermentalität
Im Mittelpunkt dieser Geschichten steht immer eine „Krise“. Viele der Autoren sind Menschen, die sich selbst als Opfer von („traditionellen“) Gemeinden sehen und sich selbst auch ganz bewusst als solche stilisieren. In unserer Zeit hat das Opfer immer recht – egal, ob es die sich vom Patriarchat unterdrückt fühlenden Frauen sind, die nach einer Quote schreien, oder vermeintliche Opfer des – oft sehr diffus verstandenen - „Modernismus“ der Gemeinden. Wer eine Krise durchmacht, ist ein Opfer, und Opfer verlangen, dass man ihnen recht gibt. Wer ihnen zu widersprechen wagt, wird der Seite der Unterdrücker zugerechnet. Es findet eine kolossale Emotionalisierung jeder Debatte statt, weil sich das Opfer ja emotional angegriffen fühlt. So wird jede sachliche Diskussion verunmöglicht. Das ist heutzutage allgemein eine sehr beliebte Strategie, um recht zu bekommen.

2. Viele Fragen – keine Antworten
Die Geschichten sind voll von Protest. Sie werfen viele Fragen auf, was an sich etwas Gutes ist. Ich bin für vieles dankbar, was in den Geschichten als Fragen auftaucht. Das Problem liegt woanders begraben: Die Fragen werden nur aufgeworfen, ohne Antworten zu geben. Zuweilen scheint es so, als wollte man ganz bewusst keine Antworten geben. Es wird gegen alles protestiert, was man so als „status quo“ in traditionellen Gemeinden zu entdecken glaubte. Alles, was bisher „normal“ war, ist automatisch schlecht. Man bricht auf, nach irgendwo im Nirgendwo, ziellos, frei von allen Antworten, frei von jedem Ziel. Diese Freiheit wird gefeiert, auch wenn – oder gerade weil? - sie in vielen Fällen zu zweifelhaften Irrwegen führt. So etwa zu esoterischen Indianerritualen bei Spencer Burke und manches mehr. Man will neue Wege finden, indem alle biblischen und historischen Leitplanken in Frage gestellt werden – und landet so irgendwann am Abgrund, wo das Zentrum der Geschichte und des christlichen Glaubens verschwunden sind. Einige der Autoren tragen eine große Verantwortung, weil sie Funktionen der Leitung innehatten oder noch immer haben. Menschen sehen zu ihnen auf, nehmen sie als ihre Vorbilder. Was sie die Menschen mit ihren Geschichten lehren, ist, dass es auf die Fragen keine echten Antworten gibt. Jeder Mensch müsse die Antworten selbst finden, aber es gibt ja noch nicht einmal echte Hinweise darauf, wo man Antworten finden kann.

3. Vermeintliche Gegensätze
Sehr beliebt ist das Konstruieren von vermeintlichen Gegensätzen – so etwa, wie bereits bemerkt, im Untertitel des Buches „Moving from Absolute to Authentic“. Etwas Absolutes ist nicht per se ein Gegensatz zu etwas Authentischem, also etwas Echtem. So wird immer wieder eine Art Gegensatzpaar zwischen Dingen hergestellt, die eigentlich überhaupt keine Gegensätze sind – und noch nicht einmal Widersprüche enthalten.

4. Neue babylonische Sprachverwirrung
Statt anerkennen zu können, dass Gott die Sprache und Worte als Medium für Seine Offenbarung ausgewählt hat, wird die Sprache von Grund auf dekonstruiert und neu mit Inhalten gefüllt. Es wimmelt von Begriffen, die der Bibel und der Theologie entnommen sind – wofür sie jedoch gebraucht werden, ist ganz unterschiedlich. So sprechen zahlreiche Autoren vom Heil, von der Gnade, vom Reich Gottes, vom Evangelium, und so weiter. Doch keiner traut sich, diese Begriffe zu definieren. So kann sie jeder selbst mit den Inhalten füllen, die ihm behagen. Diese radikale Dekonstruktion von bekannten Begriffen führt zu einer neuen Art der babylonischen Sprachverwirrung – allerdings in einem weitaus alarmierenderen Grad: Wusste doch beim Original jeder sofort, dass er seine Mitmenschen nicht mehr verstehen kann, ist dieses Wissen nunmehr verschwunden. Da jeder die Begriffe an sich kennt, sie jedoch unterschiedlich füllt, sind Missverständnisse geradezu vorprogrammiert. Wer nur irgendwo die Vorsilbe „Post-“ voranstellt, ist aus dem Schneider. Er kann dann jedes Wort, das er damit versieht, ganz genau so interpretieren, wie es ihm gerade in den Kram passt – und er ist immun gegen jeden Widerspruch. Ich glaube, wir brauchen eine post-emergente Bewegung.


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