Dienstag, 5. Juli 2011

Wer bin ich, wenn ich online bin?

Das Internet verändert nicht nur unser Verhalten, sondern unser gesamtes Dasein als Menschen. Diese Feststellung macht Nicholas Carr in seinem Buch Wer bin ich, wenn ich online bin... ...und was macht mein Gehirn solange? Er beginnt im Prolog mit einer kurzen Zusammenfassung des Buches "Die magischen Kanäle" von Marshall McLuhan. Dieses Buch sei "eine Prophezeiung, in der die Auflösung des linearen Denkens vorhergesagt wurde." (S. 15) Auf anschauliche und auch erstaunlich selbstkritische und reflektierte Art und Weise durchleuchtet Carr in den folgenden Kapiteln, wie das Internet unser Denken beeinflusst und unser Gehirn verändert.

Spannend ist die Feststellung, dass jedes neue Werkzeug unser Gehirn verändert. Wenn wir zum Beispiel lernen, mit einer Zange umzugehen, so wird die Zange für das Gehirn zu einem Körperteil, bzw. das Gehirn "denkt" sich die Zange als Verlängerung des Arms. Anschaulich führt der Autor danach die Geschichte der wichtigsten menschlichen Werkzeuge aus: Schrift, Karte, Uhr, Buchdruck, Phonograph, Radio, Computer, Internet. Jedes neue Werkzeug beinhaltet auch ein eigenes Ethos. (Der Autor nennt es "die geistige Ethik"). Da zuerst Bücher laut gelesen wurden, weil die Schrift noch keine Lücken zwischen den Worten kannte und das Lesen deshalb anstrengend war, veränderte sich die "geistige Ethik" des Buches mit der Einführung von Satzzeichen und Lücken zwischen den Worten: "Die Entwicklung des Wissens wurde zunehmend zu einem privaten Akt, bei dem jeder Leser in seinem eigenen Geist eine persönliche Synthese der Gedanken und Informationen schuf, die ihn durch die Schriften anderer Denker erreichten. Der Gedanke des Individualismus wurde dadurch immer stärker." (S. 113)

Das Internet und auch seine Texte bestehen zu einem Großteil aus Hyperlinks. Diese sind Verweise, die mitten im Text stehen. Sie führen uns direkt dorthin, worauf sie verweisen. Dies führt verschiedenen Studien zufolge zu einer starken Belastung unserer Ressourcen im Gehirn. Das Auswerten von Verweisen während des Lesens ist eine sehr anstrengende Sache. Carr schreibt dazu: "Wann immer wir - als Leser - auf einen Hyperlink stoßen, müssen wir wenigstens für einen Sekundenbruchteil innehalten, damit unser präfrontaler Kortex entscheiden kann, ob wir ihn anklicken sollen oder nicht. [...] In dem Augenblick, in dem sich die exekutiven Funktionen des präfrontalen Kortex zusätzlich einschalten, wird unser Gehirn nicht nur trainiert, sondern überfordert. [...] Bei der Online-Lektüre opfern wir die Ressourcen, die ein vertieftes Lesen erst ermöglichen, sagt Maryanne Wolf. [...] Unsere Fähigkeit, jene reichen geistigen Verbindungen zu bilden, die beim ungestörten und konzentrierten Lesen entstehen, bleibt dabei weitgehend ungenutzt" (S. 194)

Da unser Gehirn jedes Werkzeug als ein neuer Teil des Körpers betrachtet, sieht er nun auch den Computer und das Internet als einen externen Speicher an. Anders gesagt: Das Gehirn verlässt sich auf den Speicher namens Internet und benutzt sich selbst vornehmlich als "Wissen, wie man zum Wissen kommt". Es wird mehr nur noch der "Datenpfad", die "Datenstruktur" zur gewünschten bzw. gelesenen Information gespeichert, der eigentliche Inhalt geht nur noch über äußerst viel Lernen in den Kopf rein. Das eigentliche Verstehen, das persönliche Verständnis des Gelesenen bleibt dabei außen vor. Ein weiterer Faktor ist auch die Tatsache, dass das Internet mit seiner vernetzten Datenstruktur eine relativ ähnliche Struktur aufweist wie das Gehirn mit seiner Vernetzung via Synapsen. Die beiden Netze sind "grundsätzlich kompatibel und leicht zu verbinden". (S. 329)

Nicht zuletzt sollte man laut Nicholas Carr auch bedenken, dass das Internet und auch der Computer ganz allgemein uns immer mehr Möglichkeiten geben, unsere Entscheidungen, die eigentlich nicht nur Wissen, sondern Weisheit benötigen, an eine Rechenmaschine abzuschieben. Die immer leichter und intuitiver zu bedienenden Programme, Oberflächen und Browser führen uns doch allzu gerne in Versuchung, nicht mehr selbst entscheiden zu müsse, sondern sich einen "Tipp" anzeigen zu lassen, der uns die Entscheidung (und damit vermeintlich auch die Verantwortung für unser Handeln) abnimmt. Carr hat damit ein sehr empfehlens- und überdenkenswertes Buch geschrieben.

Man muss nicht in allem seiner Meinung sein, um dennoch erkennen zu können, dass das Internet weit größere Folgen für die Menschheit und unsere Zukunft hat, als wir gerne zugeben. Hier kann das Buch bestellt werden.

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