Montag, 24. April 2017

Auf welche Quellen bauen wir biblische Lehre?

Bevor wir uns im nächsten Teil dann – endlich – den ersten richtigen Argumenten widmen werden, muss ich heute noch zwei Dinge ansprechen, die wichtig sind. Im ersten Teil wird es um die Quellen der Erkenntnis gehen, woher wir das Wissen um das Aufhören oder das Fortbestehen der Geistesgaben bekommen können, und wie wir mit diesen Erkenntnissen richtig umgehen. Im zweiten Teil werde ich das bisher Gesagte zusammenfassen und im selben Atemzug jeden Leser auffordern, seine eigene Position zu überdenken und sich klar zu werden, welche Argumente an ihn gehen und welche nicht. Aus zahlreichen dieser Diskussionen zum Thema ist mir immer wieder bewusst geworden, dass viele Menschen sich nicht so gerne festlegen. Dann werden Argumente immer sehr schwammig gebraucht. Es gibt so eine Art Argument-Hopping. Zu unserem Thema gibt es zahlreiche Argumente, welche sich aber gegenseitig in manchen Punkten widersprechen oder „beißen“. Deshalb sollte sich jeder, der in dieser Diskussion teilnehmen möchte, auf eine ganz bestimmte Position festnageln lassen. Erst dann wird es möglich, tatsächlich sinnvoll zu diskutieren. Alles übrige ist Schattenboxen. Nur mal ein Beispiel am Rande dazu: Es gibt die eine Sicht, welche besagt, dass die Prophetie ganz aufgehört hat. Dann gibt es die andere Sichtweise, dass die Prophetie nicht aufgehört hat, sondern transformiert wurde, und zwar entweder in die Predigt oder in eine Art Vorsehung, die aber keine Gabe ist. Hier muss sich jeder für eine Sichtweise entscheiden; entweder es hat etwas ganz aufgehört und ist nicht mehr existent, oder es wurde in etwas anderes verändert und existiert somit weiter. Allerdings ist es in einer sinnvollen Diskussion nicht legitim, zwischen diesen Sichtweisen hin- und herzuhüpfen, denn diese drei Sichtweisen widersprechen sich gegenseitig.

Nun genug der Vorrede; wir kommen zu den Quellen. Es gibt drei verschiedene Quellen, die auf verschiedenen Stufen stehen. Höchste Autorität hat für den Gläubigen die Bibel, weil sie ganz und gar Gottes Wort ist. Sie ist viel mehr als nur Gottes Wort zu den Leuten damals, die es aufgeschrieben haben; die Bibel ist Wort für Wort Gottes Wort an jeden Einzelnen von uns, der sich unter Gottes Autorität stellt, sprich: Für jeden einzelnen, der wahrhaftiger gläubiger Christ ist. Nun gibt es zwei andere Quellen, die nicht so autoritativ sind wie die Bibel, und das ist die Theologiegeschichte und unsere heutige Erfahrung. Beide stehen deutlich unter der Autorität der Bibel, wobei uns besonders auch die Theologiegeschichte als Korrektiv für unsere heutigen Erfahrungen dient. Leider gibt es immer wieder das Argument aus der Erfahrungstheologie, welches besagt, dass etwas, was heutzutage nicht mehr erlebt wird, deshalb nicht mehr existent oder nicht mehr von Gott gewollt ist. Das ist natürlich völliger Unsinn, denn damit wird unsere Erfahrung oder besser gesagt: Unser Mangel an Erfahrung über die Schrift gestellt. Wie gehen wir nun aber mit der Theologiegeschichte um?

Zunächst ist wichtig, dass wir uns bewusst sind, dass die Theologiegeschichte nicht unfehlbar ist. Dennoch ist sie sehr wichtig, denn viele der Fragen, die sich uns heute stellen, wurden auch früher schon gestellt. Menschen haben um Antworten gerungen und haben Dokumente verfasst, in welchen sie sich für bestimmte Positionen und gegen andere Positionen ausgesprochen haben. Das ist wertvoll. Dabei muss man jederzeit im Hinterkopf behalten, dass manchmal dieselbe Sache in verschiedenen Zeiten durchaus ganz unterschiedlich genannt werden konnte. Sehr oft werden jedoch Argumente aus der heutigen Erfahrung mit Bibelversen garniert, sodass ein Eindruck entsteht, es sei ein Argument aus der Bibel. Beispiel: „Man sieht heute keine Heilungen derselben Qualität wie zur Zeit Jesu, deshalb muss die Gabe der Heilung verschwunden sein.“ Diese Behauptung muss auf ziemlich vielen Ebenen geprüft werden: Wer ist „man“? Von welcher Qualität (und wer legt das fest?) waren die Heilungen Jesu und von welcher sind die heutigen? Wie lässt sich die Qualität einer Heilung empirisch quantifizieren? Wie wird diese Gabe definiert? Und so weiter. Es ergeben sich sehr viele offene Fragen, die dazu geklärt werden müssen. Die grundlegendste Frage wurde damit aber noch gar nicht angesprochen: Ist es überhaupt legitim, heutige Erfahrungen als Grundlage zu nehmen, um damit die Bibel zu kritisieren? Darauf werde ich in einem späteren Teil noch etwas ausführlicher eingehen. Worum es mir bisher geht, ist lediglich, zu zeigen, dass es immer sehr viele Fragen zu berücksichtigen gibt, und die Frage nach dem Umgang mit Quellen zu den grundlegenden Fragen gehört.

Ebenso muss man auch fragen, ob es einen Kanon im Kanon geben darf. Dazu führe ich als Beispiel den Umgang mit der Unterscheidung zwischen der Apostelgeschichte und den „Lehrbriefen“ des Neuen Testaments an. Häufig hört man so etwas wie: „Aus der Apostelgeschichte darf man keine Lehre ableiten, diese ist nur für die geschichtliche Information da. Lehren, die für uns gelten, müssen aus den Briefen des NT gezogen werden.“ Vertreter dieses Arguments versuchen aber zumeist, das Beispiel von Timotheus und seiner Berufung unter Handauflegung und Prophetie irgendwie so auszuhebeln, dass es auch wieder nichts für unsere Lehre zu sagen haben darf, obwohl das Wissen darum einzig aus den beiden Briefen an Timotheus (Pastoralbriefe, „Lehrbriefe“) stammen. So entsteht ein Kanon im Kanon, der vorgibt, was für die Lehre herangezogen werden darf und was nicht. So wird im Voraus eine Auswahl getroffen, was die Bibel uns heute zu sagen haben darf und was nicht. Das führt zur Eisegese (Hineinlesen von Informationen in die Bibel, die nicht da stehen) statt Exegese (Auslegung der Bibel).

Diese Vorüberlegungen möchte ich mit dem Appell zur Selbstprüfung abschließen: Jeder Leser möge sich selbst fragen, wo er („sie“ ist darin natürlich mit eingeschlossen) steht:
1) Glaube ich, dass bestimmte Geistesgaben bereits aufgehört haben sollen?
2) Wenn ja, welche sind das? Alle? Oder nur einzelne, bestimmte?
3) Wie definiere ich „Gnadengabe“? Lässt sich ihre Echtheit messen?
4) Gehe ich von einem vollständigen Aufhören oder von einem zeitlichen Ruhen oder einer Transformation dieser Gaben aus (zum Beispiel Prophetie wurde zur Predigt)?
5) Mache ich einen Unterschied zwischen „natürlichen“ und „übernatürlichen“ Gaben?
6) Glaube ich an heutiges übernatürliches Eingreifen Gottes, übernatürliche Gebetserhörungen oder ähnliches? Wenn ja, nenne ich das dann „Vorsehung“? Wie definiere ich „übernatürlich“? Sind Engel zum Beispiel natürliche oder übernatürliche Wesen?
7) Tendiere ich dazu, in der Bibel einen „Kanon im Kanon“ zu machen, indem ich nur bestimmte Aussagen für uns heute gültig sein lasse?
8) Woher stammt die Quelle meines Wissens? Wird sie a priori (rein aus der Bibel abgeleitet) oder a posteriori (durch die Erfahrung anderer oder die eigene Erfahrung) erhalten?

Dies sind die wichtigsten Fragen, die sich jeder im Voraus stellen sollte. Erst mit der ehrlichen Beantwortung dieser Fragen und auch mit der Möglichkeit, auf diese Antworten „festgenagelt“ werden zu können, ergibt sich eine fruchtbare Auseinandersetzung zum Thema. Die Fragen haben viel mit Definitionen zu tun, was gerade deshalb so wichtig ist, weil viele Missverständnisse auf schwammigen oder oftmals auch nichtvorhandenen Definitionen beruhen. Da sich der Leser nicht bei mir melden muss (aber natürlich darf), ist es notwendig, dass ich noch einmal betone, dass die weitere Selbstprüfung viel Disziplin notwendig macht. Jeder ist gefordert, sich selbst immer wieder zu prüfen, ob man mit den Argumenten ehrlich umgeht, oder nicht etwa doch versucht, zwischen den Definitionen zu hüpfen.


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