Mittwoch, 15. März 2017

Das komponierte „Ich“

Kubsch, Ron, Das komponierte „Ich“, Geistliche Studien, 2017, 50S., Amazon-Link

Der Untertitel lautet „Identitätsfindung in der Postmoderne und das christliche Menschenbild“. Der Inhalt basiert auf zwei Vorträgen, die Ron Kubsch 2010 und 2011 gehalten hat. In der Einleitung geht es um die Frage nach dem Subjekt. Wer bin ich? Diese Frage ist in unserer Zeit sehr wichtig geworden. Lange Zeit war die Identität keine so große Frage. Sie wurde durch die Einbettung in die Familie, den Ort und die Kirche von außen vorgegeben. Durch die Industrialisierung und später die Globalisierung wurde das Leben in immer mehr Teile aufgespalten, und an jedem dieser Teile, wie Beruf, Gemeinde, Familie, Vereine, und so weiter, wurde (und wird) erwartet, dass jeder eine bestimmte Rolle spielt. So stellt sich halt schon immer mehr diese Frage: Wer bin ich? Die Persönlichkeit wird plötzlich als etwas „Flüssiges“ gesehen, was sich ständig verändern kann, und der Gestalter dieser Persönlichkeit ist das einzelne Subjekt.

Im zweiten Teil beschreibt Ron Kubsch „Postmoderne Identitätserfahrungen“. Hier schreibt er von einer „Bastel-Mentalität“, also dass Menschen anfangen, ihre Identität zu basteln und im Laufe der Jahre ständig überarbeiten. Er zitiert den Leiter des Berliner Jugendkultur-Archivs, welcher schreibt, dass junge Menschen immer wieder zwischen den verschiedenen Subkulturen wechseln. Zygmunt Bauman, einer der wichtigsten Soziologen der Postmoderne, spricht von einem „Nomadentum“, also dem ständigen Umherreisen zwischen verschiedenen Subkulturen und Identitäten. Es werde jegliche Festlegung bewusst vermieden, so Bauman.

Der dritte und letzte Teil behandelt Gottes Antwort auf diese Entbettung, die zugleich eine massive Unsicherheit mit sich bringt. Hier wird die Liebe des Autors zu den jungen Menschen ganz besonders deutlich sichtbar, zu welchen er spricht oder schreibt. Er bleibt nicht bei einer Beschreibung des Zustands, sondern zeigt auf, wie auch in der Bibel die Identität nicht nur eine fixe Sache ist, sondern formbar und viele Personen, die in der Bibel beschrieben werden, eine Identitätsentwicklung durchgemacht haben. „Gott gibt den Menschen Zeit. Und: Gott mutet Menschen Schwierigkeiten zu, um Identität zu entwickeln.“ (S. 36) Mit Psalm 139,14 – 16 entwickelt er Grundlinien einer Theologie der Identität: „Gegeben ist uns Identität durch unsere Herkunft. Jeder von uns ist ein wundervoller Gedanke Gottes. Zugleich sind wir auf Beziehung angelegt und entwickeln uns weiter. Das 'Ich' ist also keine ein für alle Mal versiegelte Größe, sondern bleibt beweglich.“ (S. 37) Den Abschluss macht ein Blick in das Leben und besonders das Buch „Bekenntnisse“ von Augustinus, welcher auch eine ganze Zeit lang auf der Suche nach der Identität war und diese Suche mit den Worten im Gebet zu Gott beenden konnte: „Unruhig ist mein Herz, bis es Ruhe findet in dir.“ (Zitiert auf S. 44)


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