Montag, 6. August 2012

Postmoderne Geschichtenerzähler und die Veränderung des Denkens

Postmoderne Geschichtenerzähler und die Veränderung des Denkens

Und paßt euch nicht diesem Weltlauf an, sondern laßt euch [in eurem Wesen] verwandeln durch die Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was der gute und wohlgefällige und vollkommene Wille Gottes ist. (Römer 12, 2)

Wir Menschen der Postmoderne lieben Geschichten. Wir lieben sie so sehr, dass viele Prediger inzwischen auf den Zug des Geschichtenerzählens aufgesprungen sind, sodass manche Predigten zu einer Art Geschichtenmarathon geworden sind. Ich möchte zuerst aufzeigen, warum wir Geschichten so sehr lieben, danach diese Gründe auf den Vers von Paulus aus dem Römerbrief beziehen und zum Schluss aufzeigen, wie in der Bibel Geschichte und Geschichten erzählt werden und was wir daraus lernen können für unser eigenes Leben.

1. Warum wir Geschichten lieben
Die Gründe hierfür kann man in bewusste und unbewusste, bzw. in vordergründige und hintergründige Arten von Gründen einteilen. Die bewussten und damit vordergründigen hören sich in der Regel sehr positiv an:
- Diese Geschichten kommen direkt aus dem Leben.
- Diese Geschichten bewirken etwas in mir.
- Diese Geschichten kann ich mir gut einprägen.
Nichtsdestotrotz muss man festhalten, dass durch diese Geschichten sehr wenig wirkliche, bleibende Veränderung (die Bibel nennt das „Frucht“) festzustellen ist. Deshalb müssen wir uns auch mit den unbewussten, hintergründigen und plötzlich nicht mehr so positiven Gründen unserer Kultur der Geschichten befassen:
- Die Geschichten wühlen unsere Gefühle auf und vernebeln damit das klare Denken. Wir haben uns in unserer Gesellschaft (auch als Christen) angewöhnt, die Gefühle als Maßstab für unsere Situation zu betrachten. Auch wenn wir das abstreiten oder uns nicht bewusst sind, es ist dennoch so. Wir werden von Kindesbeinen dazu erzogen, nach unseren Gefühlen zu urteilen und zu handeln. Weil uns keine absoluten Maßstäbe mehr beigebracht werden, müssen wir subjektive Maßstäbe suchen; und sobald wir mit dem Willen nicht festen Maßstäben folgen, setzen sich automatisch immer die Gefühle durch und bestimmen unser Handeln. Wir müssen hier aufpassen, dass wir die Gefühle nicht gänzlich beiseite schieben, denn auch sie sind uns von Gott gegeben und haben ihre bestimmte Funktion, aber innerhalb fester Grenzen des durch Gottes Wort veränderten Denkens. Zurück zu den Geschichten: Sie sind heutzutage immer so aufgebaut, dass sie einem Drama gleichen mit einem Höhe- (besser gesagt Tief-)punkt und dem darauf folgenden Happy-End. Dies lässt den Hörer innerlich mitgehen, er identifiziert sich für die Dauer der Geschichte mit der Hauptperson und das wirkt sich natürlich automatisch auf die Gefühle aus. Der Hörer „fühlt“ sich verändert, während lediglich seine Gefühle mitgegangen sind. Und dies vernebelt sein ganzes Denken, denn einerseits werden die Hormone in Wallung gebracht und andererseits bildet er sich gleich darauf ein, richtig verändert worden zu sein.
- Die Geschichten sind zu persönlich und zu detailreich. Während der Hörer sich bei der Erzählung dieser Geschichte mit der Hauptperson identifiziert, hört dies nach dem Ende der Geschichte plötzlich auf. Man realisiert: ich bin nicht die Person, sondern es ist die andere Person, die das subjektiv und persönlich so erlebt hat. Im Sinne von: Was Gott mit der anderen Person vorhat, wird bestimmt nicht bei mir der Fall sein. Wir werden noch sehen, wie Jesus in den Gleichnissen sehr weise mit diesem Problem umgegangen ist.
- Die Geschichten „müssen“ nicht beurteilt werden. Wir haben als Kinder unserer Zeit eine panische Angst davor, zu urteilen, sehr oft gepaart mit einer Faulheit, die das noch verstärkt. Jesus befahl uns, alles zu prüfen und wachsam zu sein. Bei Geschichten haben wir das Problem, dass sie subjektiv erlebt wurden und deshalb schon als solche „echte Erlebnisse“ gar nicht erst an der Bibel geprüft werden „dürfen“. Denn es ist ja das Erleben jener Person, also „muss“ es echt sein. Alles bewusst in Anführungszeichen, denn das Denken ist falsch. Auch das Erlebte (genauso wie alle unsere Gefühle) müssen an der Bibel ganz klar und bewusst geprüft werden. Mit Geschichten kann man das Problem „Lehre trennt, Liebe eint“ (so ein typisches falsches postmodernes Denken) elegant umgehen.

2. Die Erneuerung eures Sinnes
Unsere Welt liebt Geschichten, weil sie ein schnelles Ergebnis bringen (Stichwort: Konsumgesellschaft), denn sie sorgen für schnelle, schöne Gefühle. Geschichten werden so zu einer Art Droge, was auch in unserer evangelikalen Welt zu einer Art Event-Christentum geführt hat. Um dies wirksam zu bekämpfen, werden nun diese Gefühls-Events durch das Geschichten-Predigen in die einzelnen Ortsgemeinden hineingetragen.
Und genau hier greift das Wort von Paulus: Passt euch nicht dem Weltlauf an. Besser übersetzt: Lasst euch nicht der Welt gleichförmig machen. Wir sollen als Christen nicht gleich sein wie die Welt, sondern uns verändern lassen. Die Schwierigkeit ist folgende: Veränderung hat ihren Preis. Der Welt gleichförmig wird man automatisch. Veränderung kostet Zeit, Kraft, die Bereitschaft, auch weniger beliebt zu sein in der Welt, und so weiter. Wenn wir bei Paulus weiter lesen, wird uns bewusst, was genau verändert werden muss: Nicht die Gefühle, sondern unser Denken. Gefühle sind wie der Wind, sie kommen und gehen wie immer sie gerade wollen. Sie können leicht beeinflusst werden, aber sind sehr unstet. Unser Denken besitzt eine gewisse Konstante, die sich durchaus verändern lässt, aber durch diese Konstante ist diese Veränderung des Denkens mit deutlich mehr Aufwand verbunden. Echte Veränderung des Denkens findet dort statt, wo der Mensch sich und sein bisheriges Denken von Gottes Wort beurteilen und verurteilen lässt und aus dieser Verurteilung dazu geführt wird, das falsche Denken durch richtiges Denken zu ersetzen. Aus dem richtigen Denken gespeist können dann auch erst die richtigen Worte und Handlungen kommen.
Und dann kommt Paulus zum eigentlichen Grund, weshalb wir unser Denken überhaupt verändern lassen sollen: Damit ihr prüfen könnt, was der gute und wohlgefällige und vollkommene Wille Gottes ist. Ohne das veränderte Denken sind wir also nicht imstande, Gottes Willen zu erkennen! Ich denke schon, dass der Großteil der Christen wissen möchte, was Gottes Wille für sein Leben ist. Wo wir also unsicher sind, was Gottes Wille ist, da liegt es sehr oft an unserer Unfähigkeit, zu prüfen, was der Wille Gottes ist. Es liegt daran, dass wir am Anfang des Christenlebens stehen bleiben, uns von Events und Geschichtchen hin- und hertreiben lassen, uns dabei zwar für kurze Zeit gut fühlen, aber nicht wirklich im Glauben voran gehen können. Wir stehen uns selbst im Weg. Und das ist eine Katastrophe, die uns tief, tief bestürzen und ins Gebet treiben sollte.

3. Trotzdem Geschichten erzählen?
Mit dem bisher Gesagten wurde über unsere heutige Art, Geschichten zu erzählen, ein vernichtendes Urteil ausgesprochen. Nun mag der Leser einwenden: Das mag ja alles stimmen, aber man hat doch zu allen Zeiten Geschichten erzählt und Jesus war auch ein großer Geschichtenerzähler. In der Tat stimmt dies. Deshalb möchte ich zum Abschluss einen kurzen Exkurs anfügen, wie dennoch Geschichten nach dem Vorbild der Gleichnisse Jesu erzählt werden können.
Wenn man die Gleichnisse Jesu aus der Vogelperspektive überfliegt, so fällt auf, dass sie alle Konstrukte sind, die der Verdeutlichung eines bestimmten Umstands dienen. Sie gleichen einem Strichmännchen beim „Sonntagsmaler“, das eine bestimmte Tätigkeit zeigen soll. Sie sind auf das Wesentliche gekürzt, es sind keine Wendungen darin enthalten, die Anlass geben, sich mit der Person auf emotionaler Ebene zu identifizieren. Es sind keine unnötigen Details enthalten, jedes Detail, jeder Nebensatz dient lediglich der Verdeutlichung der Hauptaussage des Gleichnisses. Abgesehen von Lazarus wird keine Person mit Namen genannt, und auch dort nur, um aufzuzeigen, dass im Himmel die Namen der Gläubigen bekannt sind und um dies in den Gegensatz zum „unbekannten“ reichen Mann zu setzen. Ansonsten geht es immer um einen Sämann, einen König, ein Ackerfeld, ein Knecht, und so weiter. Deshalb fällt die Anwendung auf die eigene Person auch viel leichter. Und genau das bezwecken diese Geschichten Jesu auch. Es geht um die Anwendung, also um die Veränderung des Denkens und dadurch des Handelns.
Wenn wir also Geschichten erzählen wollen, so ist es wichtig, dass danach der Zusammenhang auf jeden einzelnen Hörer ganz deutlich herausgearbeitet wird. Geschichten verändern nicht von sich aus, es ist die aus ihr gewonnene Lehre, die, auf den Hörer angewandt, zu einer Veränderung führt. Jesus gibt uns als ein wunderbares Beispiel die Deutung vom Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld. Er wendet es Schritt für Schritt auf seine Zuhörer an. Nach diesem Vorbild können auch wir vorgehen. Aber wir dürfen niemals bei der Geschichte stehen bleiben und den Rest dem Hörer überlassen. Die Hauptaufgabe bei jeder dieser Geschichten ist die Auslegung und Anwendung auf den einzelnen Hörer. Ebenso müssen wir lernen, sie so zu beschränken, dass jedes Detail dann tatsächlich auch angewandt werden kann. Und dies ist eine ganz große Herausforderung in einer Zeit, von der Paulus sagte, dass die Menschen „immerzu lernen und doch nie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen können“ (2. Tim. 3, 7) und den Fabeln hinterherjagen und dem, was in den Ohren kitzelt (also dem, was sich gut anfühlt).
Hier ist unsere große Verantwortung, zur Gleichförmigkeit mit der postmodernen Welt ein klares „Nein“ zu haben und uns gegen diese falsche Kultur des Geschichten Erzählens zur Wehr zu setzen. Sei gesegnet mit der Kraft Gottes dazu!

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